Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrische Diagnose – ein methodisches Hilfsmittel

Karl Jaspers hat aufgezeigt, dass eine psychiatrische Idee bzw. das Schema dieser Idee ein methodisches Hilfsmittel ist. (vgl. mit Jaspers Zitat).

Tatsächlich handelt es sich beim Schema der psychiatrischen Idee durch die eine psychiatrische Diagnose bestimmt wird um das Schema einer bloßen Idee im Sinn von Immanuel Kant.

Aus diesem Schema der diagnostischen Idee ergibt sich die psychiatrische Kategorie.

Eine psychiatrische Diagnose kann nämlich nicht physisch beschrieben und physisch bestimmt werden (vgl. mit Kant Zitat 7), sondern es kann eine solche Idee bzw. eine solche Diagnose nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie beschrieben und definiert werden, wie  dies im Prinzip bereits Wilhelm Griesinger erkannt hat. (vgl. mit Griesinger Zitat).

Man kann eine psychiatrische Diagnose nur auf der Grundlage der psychischen Erscheinungen, nämlich auf der Grundlage der psychischen Phänomene und psychischen Symptome beschreiben und definieren. Dies ist der Grund warum eine psychiatrische Idee eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant ist, weil man eine solche Idee nicht physisch überprüfen kann. Man kann eine solche Idee nicht auf der Grundlage von biologischen Parametern (biologischen Marker) objektiv bestimmen (vgl. mit Kant Zitat 4 und Kant Zitat 8). Mit anderen Worten: man kann eine psychiatrische Diagnose nicht objektivieren. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Im Grunde genommen ist der Begriff einer psychologische Idee und damit auch der Begriff einer psychiatrisch-diagnostische Idee eine projektierte Einheit.

Man kann auch sagen: eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee ist eine transzendentale Idee. Es gibt zwar ein physisches Korrelat auf dessen Grundlage das psychische Phänomen entsteht, man kann aber kein „physisches Objekt“ bzw. kein physisches Korrelat objektiv bestimmen, das dieser Idee entspricht, weil es keine definierte und keine bestimmte Relation zwischen einem psychischen Phänomen und dem körperlichen Substrat gibt, auf dessen Grundlage das Phänomen entsteht. (Weiteres dazu auf Poster 6)

Vielmehr ist eine psychologische Idee und damit auch eine psychiatrische Idee, eine Idee, die durch das menschliche Denken entsteht (vgl. mit Kant Zitat 8). Wir fassen nämlich die psychischen Erscheinungen (psychischen Phänomene), die wir unter dem Begriff dieser Idee uns vorstellen und damit denken durch den Bezug auf diese Idee auf. (vgl. mit Kant Zitat 7),

Damit können wir den psychischen Symptomenkomplex unter diesem Begriff denken.

Daher hat Karl Jaspers völlig richtig erkannt, dass das Schema der Idee – und damit der Begriff – das mentale Objekt ist, unter dem wir das Ganze als Idee in angenäherter Form denken (auffassen). (vgl. mit Jaspers Zitat)

Weil man eine psychologische Idee verschieden definieren kann, ist das Schema der Idee, oder der Begriff der Idee, oder die Kategorie der Idee grenzenlos korrigierbar und verwandelbar. (vgl. mit Jaspers Zitat)

In dieser Hinsicht wissen wir, dass die psychiatrischen Kategorien im Laufe der Zeit verändert und modifiziert worden sind, dass neue Kategorien in die psychiatrische Klassifikation eingeführt und mit den anderen Kategorien in ihrer Definition abgestimmt worden sind.

Aus der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und der in Zukunft erscheinenden Psychiatrischen ICD-11 Klassifikation kann man ersehen, dass diese Korrektur und Verwandlung der Schemata weiter im Gang ist. (vgl. mit Jaspers Zitat). Ebenso ist dies aus der Entwicklung der DSM Klassifikation ersichtlich.

Allein schon aus dieser Tatsache kann man erahnen, dass es nie möglich sein wird ein physisches Korrelat in der „Natur“ zu finden das biologisch objektiv bestimmt werden kann. Wie könnte es sein, dass man physische Grenzen auf der Ebene der natürlichen, physischen Objekte vorfindet, die diesen konzipierten und grenzenlos verwandelbaren mentalen Objekten entsprechen? (vgl. mit Jaspers Zitat)

Es ist wie Karl Jaspers gesagt hat: die Krankheitseinheit (in der Psychiatrie) bleibt eine Idee (im Sinne von Immanuel Kant): „Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen.“ (siehe Jaspers Zitat 6)

Im Gegensatz dazu kann man in der körperlichen Medizin sehr viele diagnostische Einheiten physisch bestimmen – eben, weil sie sich auf ein real existentes physisches Objekt beziehen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

In diesem Sinn können wir einen „Herzinfarkt“ objektiv bestimmen, oder entscheiden ob eine Tuberkulose vorliegt oder nicht vorliegt usf. Weil ein „Herzinfarkt“ auf einen infarzierten Teil des Herzmuskels zurückgeführt werden kann, kann das Zutreffen dieser diagnostischen Einheit allgemein gültig und damit objektiv gültig bestimmt werden. Ebenso kann das Zutreffen der Einheit Tuberkulose in einem konkreten Fall durch den direkten oder indirekten Nachweis des Tuberkelbazillus objektiv bestimmt werden.

Dies ist der Grund warum es einen fundamentalen Unterschied zwischen den objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen und den nur subjektiv gültig bestimmbaren psychiatrischen Diagnosen gibt.

Die Erkenntnis der ersteren gründet sich auf real existente physische Objekte, die Immanuel Kant als Gegenstand schlechthin bezeichnet, wogegen die zweit genannten sich auf mentale Objekte, auf Gegenstände in der Idee gründen, die als bloße Ideen in unserem Bewusstsein erscheinen. (vgl. mit Kant Zitat 4)

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(letzte Änderung 8.4.2016, abgelegt unter psychiatrische Diagnose, Diagnostik, Psychiatrie, Medizin)

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