Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

projektierte Einheit

Eine projektierte Einheit ist eine Einheit von der man denkt, dass es sie als abgegrenzte Einheit gibt (vgl. mit Kant Zitat 5).

So stellt sich ein Arzt in der Medizin etwa vor dass es eine Natureinheit gibt, die man als Migräne bezeichnet. Oder in der Psychiatrie stellt sich ein Psychiater vor, dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die man als Schizophrenie bezeichnet.

Wie man sich überzeugt handelt es sich bei den genannten Beispielen jeweils um eine Einheit, die durch eine Idee erkannt wird, die auf einen Sachverhalt projiziert wird. Es ist dies also jeweils die systematische Einheit der bloßen Idee (vgl. mit Kant Zitat 8).

Man findet, dass dies eine Vernunfteinheit im Sinne von Immanuel Kant ist.

So ist zum Beispiel der Begriff einer psychologischen Idee eine Vernunfteinheit und gleichzeitig auch eine projektierte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 4). Und es ist damit ein psychologisches Konzept, wie etwa das Konzept Intelligenz eine projektierte Einheit von der man unter Umständen denkt, dass es diese Einheit als wirkliche Einheit gibt.

In gleicher Weise ist auch der Begriff einer psychiatrischen Idee eine projektierte Einheit und es ist somit auch ein psychiatrisches Konzept eine projektierte Einheit und eine Vernunfteinheit.

Es hat nämlich der Psychiater Eugen Bleuler gedacht, dass die bis dahin in Verwendung befindliche diagnostische Einheit Dementia praecox selbst in den schwersten Fällen nicht ganz passend ist und er hat daher die anders definierte Einheit Schizophrenie, bzw. die Gruppe der Schizophrenien konzipiert (vgl. mit Bleuler Zitat 2)

Wie man sich überzeugt sind diese diagnostischen Einheiten sämtliche projektierte Einheiten.

Es ist dies also eine diagnostische Einheit von der Eugen Bleuler gedacht hat, dass es sie als natürliche, als abgegrenzte Einheit im Sinn einer natürlichen Krankheitseinheit gibt.

Eugen Bleuler gelangte nämlich auf der Grundlage seiner klinischen Beobachtungen und Überlegungen, wie sie bei ihm in Folge seiner klinischen Erfahrung entstanden sind, zur Annahme, dass es eine solche tatsächlich Einheit im Sinn einer faktischen Einheit gibt, die diesen Symptomenkomplex hervorruft. Eugen Bleuler gelangte also durch den hypothetischen Vernunftgebrauch (vgl. mit Kant Zitat 5 und mit Bleuler Zitat) zur Sichtweise, dass es eine solche abgegrenzte Einheit geben muss, die diesen typischen Symptomenkomplex hervorruft. Daher hat Eugen Bleuler in seinem Lehrbuch (vgl. mit Bleuler Zitat 2) die diagnostischen Kriterien der Schizophrenie bzw. die diagnostischen Kriterien der Gruppe der Schizophrenien beschrieben und damit definiert, wie er sie dann Eingang in die Psychiatrie und in die psychiatrische Klassifikation gefunden haben (vgl. mit Bleuler Zitat). Und es hat daher Eugen Bleuler geglaubt, dass es in Zukunft möglich sein wird den Begriff Schizophrenie aufzulösen (vgl. mit Bleuler Zitat 2).

In weiterer Folge projizierte Eugen Bleuler diese diagnostische Einheit bzw. die Kriterien dieser systematischen Einheit auch auf andere psychisch auffällige Personen und er fand in gewissen Fällen durch das klinische Erscheinungsbild die Kriterien hinreichend erfüllt, und er hat auf diesem Weg durch seine sinnliche Wahrnehmung und durch die vernünftige Überlegung  die psychiatrische Diagnose erkannt.

Man erkennt damit wie die diagnostische Einheit Schizophrenie durch den hypothetischen Vernunftgebrauch – völlig unabhängig von der Ätiologie dieser psychischen Störung entstanden ist und wie die jeweile Einheit auch völlig unabhängig von der Ätiologie diagnostiziert wird.

Auf diese Art und Weise wird auch heute noch in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft eine psychische Störung vom Typ einer Schizophrenie diagnostiziert.

In gleicher Weise werden auch alle anderen psychischen Störungen auf dieser Grundlage erkannt und diagnostisch bestimmt. Man sieht in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft zu, ob einem konkreten Fall die psychischen Auffälligkeiten – also das ein klinische Bild den Kriterien der jeweiligen psychiatrischen Kategorie genügt und es wird sodann die jeweilige psychiatrische Diagnose festgestellt.

Man sieht also, dass man in der Psychiatrie Konzepte bzw. projektierte Einheiten – die sämtliche systematische Einheiten im Sinn von Immanuel Kant sind – auf Sachverhalte anwendet bzw. projiziert.

Projektierte Einheiten bzw. systematische Einheiten sind gemäß ihrer Nützlichkeit definiert und weiter entwickelt worden

Wie man aus der Entwicklung der systematischen Einheiten in der Psychiatrie ersehen kann sind diese Einheiten gemäß der klinischen Erfahrung im Hinblick auf ihre Brauchbarkeit und Nützlichkeit zum Teil noch weiter modifiziert worden. Daher sind z.B. im Rahmen der Revisionen der psychiatrischen Klassifikationen die Grenzen bzw. die Abgrenzungen und die Definition der Einheiten gegenüber benachbarten Einheiten noch weiter entwickelt und modifiziert worden. Zum Teil schien es auch sinnvoll noch weitere Untereinheiten zu definieren, weil diesbezüglich zum Teil variante oder andere Therapien indiziert schienen. Man hat also in der Psychiatrie auf diesem Weg verschiedene zweckmäßige Einheiten definiert.

Karl Jaspers hat erkannt, dass in diesem Sinne die psychiatrischen Konzepte Ideen im Sinn von Immanuel Kant sind und hat er aufgezeigt, dass es sich dabei um methodische Hilfsmittel handelt die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

In diesem Sinn ist z.B. die diagnostische Einheit Schizophrenie von den Nachfolgern von Eugen Bleuler noch geringgradig modifiziert worden und sind auch noch weitere diagnostische Einheiten, wie die schizoaffektive Störung eingeführt worden. In jüngerer Vergangenheit wurde auch die Einheit ADHS in die Erwachsenenpsychiatrie eingeführt worden da manche Fachleute fanden, dass auch diese Form einer psychischen Störung in der Erwachsenenpsychiatrie als eigene Einheit erfasst werden soll.

Man hat also auf der Grundlage der noch weiteren Differenzierung der Klassifikation bzw. der Klassifikationen noch bessere Behandlungs- und Therapiemaßnahmen etwa bezüglich der medikamentösen Behandlung und sonstiger Therapiemaßnahmen gefunden.

All diese Entwicklungen sind unabhängig von den biologischen Grundlagen dieser psychischen Störungen erfolgt.

Man kann also sagen, dass diese Entwicklungen unabhängig, von etwa zu Grunde liegenden körperlichen Ursachen, allein auf der Grundlage des Studiums und der Beobachtung  der psychischen Phänomene vonstatten gegangen sind und hierbei biologische Marker keine relevante Bedeutung hatten, abgesehen davon, dass gewisse biologische Theorien in der Psychiatrie bei der Entwicklung der Konzepte von Bedeutung waren. Eine physische Prüfung des konkreten Falles, im Sinne einer physischen Überprüfung bzw. Verifizierung und Validierung einer psychiatrischen Diagnose ist dadurch jedoch nicht möglich geworden.

Man kann also sagen, dass diese Entwicklungen auf der Grundlage der klinischen Erfahrung bzw. durch (vernünftige) Überlegung geleitet – bzw. empirisch klinisch geleitet vor sich gegangen sind – ohne Möglichkeit empirisch die Ergebnisse „physisch“ am konkreten Fall prüfen zu können. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Lediglich auf der Basis der psychischen Phänomene und Symptome könnte man eine gewisse Prüfung in der Einzelfallbeobachtung und in der psychiatrischen Wissenschaft auf statistischem Wege vornehmen.

Ungeachtet dessen wird jede Person, die einigermaßen einen praktischen Einblick in die Materie der Psychiatrie hat zugestehen, dass große therapeutische Fortschritte im Laufe der Zeit – im Vergleich zu den Möglichkeiten die man früher hatte – auf diesem Wege erreicht werden konnten.

Somit kann man sagen, dass die positive Entwicklung in der Psychiatrie weitgehend auf der Grundlage dieser rein hypothetischen Konstrukte entstanden ist, die philosophisch gesprochen bloße Ideen (vgl. mit Kant Zitat 8) sind bzw. die systematische Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 8 und Kant Zitat 4) sind. Man kann also sagen, dass diese  projektierte Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 5) auf der Grundlage von transzendentalen Ideen erkannt worden sind (vgl. mit Kant Zitat 8a) und dass dies sehr nützliche und daher zweckmäßige Einheiten sind.

Die Existenzberechtigung für eine derartige Einheit ist also gegeben wenn sich in der Praxis erweist, dass damit eine gesundheitliche Störung vergleichsweise spezifischer und besser behandelt werden kann als dies mit einer anderen diagnostische Einheit der Fall war.

In diesem Sinne wird man zweifelsfrei sagen können, dass sich z.B. die projektierte systematische Einheit Schizophrenie gegenüber der früher in Verwendung befindlichen systematischen Einheit Dementia praecox oder gegenüber der noch früher in Verwendung befindlichen und noch weniger weit entwickelten Einheit: „psychische Exaltation„, wie so von Wilhelm Griesinger beschrieben worden ist (vgl. mit diesem Beitrag) sich als am vorteilhaftesten erwiesen bzw. am besten bewährt hat.

Es ist also so, dass der praktische Nutzen das entscheidende Kriterium ist. Die beste systematische Einheit wird diejenige sein, die in der praktischen Anwendung die besten Therapieerfolge mit sich bringt. (vgl. mit Kant Zitat 2)

Mit anderen Worten kann man sagen, dass die beste systematische Einheit bzw. die beste projektierte Einheit diejenige ist, die die besten therapeutischen Erfolge mit sich bringt.

In diesem Sinne kann man vorhersehen, dass die Entwicklung der psychiatrischen Klassifikation bzw. der psychiatrischen Klassifikationen teleologisch, iterativ gegen eine fiktive Grenze konvergiert – an dieser Grenze angekommen wird es dann nicht mehr möglich und sinnvoll sein noch weitere große Änderungen vorzunehmen, weil dadurch die Vielfalt der psychischen Erscheinungen im Sinne der psychischen Störungen bereits bestmöglich diagnostisch erfasst werden kann und die bestmöglichen Behandlungsmöglichkeiten aus diesem diagnostischen Instrumentarium resultieren.

Daher sollte die Fachleute sich gründlich überlegen, ob sie etwa bei einer Revsion einer psychiatrischen Klassifikation, etwa der der DSM Klassifikation oder der psychiatrischen ICD Klassifikation weitere diagnostische Einheiten aufnehmen.

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(letzte Änderung 04.01.2020, abgelegt unter Einheit, Definition, philosophische Begriffe, Diagnostik, Medizin, Psychiatrie)

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