Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

operationalisierte Kategorie

Eine operationalisierte Kategorie ist eine Kategorie, die mit den benachbarten Kategorien abgestimmt worden ist, damit die diagnostische Einheit in der Wissenschaft besser unterschieden werden kann und damit sie in wissenschaftlicher Hinsicht besser „messbar“ ist.

In der psychiatrischen Diagnostik ist eine „operationalisierte Kategorie“ eine Kategorie die mit den benachbarten Kategorien innerhalb einer „operationalisierten“ psychiatrischen Klassifikation abgestimmt worden ist, damit die einzelnen diagnostischen Einheiten in der psychiatrischen Wissenschaft besser erfasst und in weiterer Folge besser systematisch studiert werden können.

Im Ergebnis konnten durch die Operationalisierung die Voraussetzungen für das wissenschaftliche Erkennen und in weiterer Folge für das wissenschaftliche Studium der diagnostischen Einheiten in der Psychiatrie verbessert werden.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass eine operationalisierte Kategorie die Einheit einer Idee ist (vgl. mit Kant Zitat 7) . Daher ist eine eine solche Einheit eine systematische Einheit und ist deren Begriff ein regulativer Begriff. Ein solcher Begriff ist also in seiner Definition mit den benachbarten Begriffen in der Systematik so abgestimmt worden, dass man dadurch diese Einheit wissenschaftlich besser erfassen und in weiterer Folge besser „messen“ kann. Dabei sollte man allerdings beachten und berücksichtigen, dass man eine solche Einheit nur auf der Ebene der Ideen erkennen und bestimmen kann. Man kann also eine psychiatrische Idee und damit auch eine psychiatrische Einheit nicht auf der Ebene der Objekte diagnostisch erfassen und bestimmen.

Man kann also in der Psychiatrie die verschiedenen diagnostischen Einheiten nur auf der Ebene der Ideen auf der Grundlage der verschiedenen Symptomenkomplexe erkennen und die psychischen Störungen nur auf der Grundlage dieser Unterschiede im klinischen Erscheinungsbild systematisch studieren. Man erkennt also in der Psychiatrie die verschiedenen psychischen Störungen ohne Kenntnis der Ursache der jeweiligen psychischen Störung auf der Grundlage der psychiatrischen Kategorien, die die Schemata der psychiatrisch- diagnostischen Ideen sind (vgl. mit Kant Zitat 7) .

Mit anderen Worten: auf diese Art und Weise kann man in der Psychiatrie innerhalb einer psychiatrischen Klassifikation durch die „operationalisierten“ psychiatrischen Kategorien die Vielfalt der krankheitswertigen psychischen Erscheinungen, also die Vielfalt der krankheitswertigen psychischen Symptomenkomplexe , die nach einem System gegliedert sind, besser erfassen und in weiterer Folge  auf der Grundlage dieser Systematik nach diesem System studieren, ohne dass man die Ursache der jeweiligen psychischen Störungen kennt und kennen muss.

Im Gegensatz zu einer psychiatrischen Klassifikation erfasst man in der Medizin die objektivierbaren medizinischen Einheiten auf der Grundlage von körperlichen Merkmalen, und studiert man sodann diese Einheiten auf der Grundlage dieser auf Fakten aufgebauten Systematik.

Man sollte also in der Psychiatrie nicht außer acht lassen, dass man die verschiedenen psychischen Störungen nur auf der Grundlage von Erscheinungen (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) erfassen kann, und man diese Einheiten nicht auf der Grundlage von Fakten diagnostisch erfassen und bestimmen kann.

Es ist in der Psychiatrie also so wie dies Karl Jaspers erkannt hat, dass man die psychiatrischen Einheiten nur auf der Ebene der Ideen in Bezug auf definierte Typen bestimmen kann, und man diese Einheiten nicht auf der Ebene der Objekte objektiv gültig bestimmen kann. Man kann also in der Psychiatrie nicht – so wie dies in der körperlichen Medizin in vielen Fällen möglich ist – die Einheiten auf der Grundlage von körperlichen Fakten einer  Gattung allgemein gültig zuordnen  und die diagnostischen Einheiten auf dieser Grundlage objektiv gültig und damit allgemein gültig bestimmen. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Weil man die psychiatrischen Einheiten nur auf der Ebene der (bloßen) Ideen bestimmen kann, ist es nicht möglich diese Einheiten zu objektivieren, sondern kann man sie nur subjektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man kann also durch die Operationalisierung in der psychiatrischen Diagnostik die Subjektivitität in der Psychiatrie nicht überwinden. Man kann damit keine objektiv gültigen psychiatrischen Diagnosen gewinnen, sondern nur eine größere Einheitlichkeit im psychiatrischen Denken und im Erkennen auf der Ebene der psychiatrischen Ideen erreichen.

Wie man sich sogleich überzeugt kann man die psychischen Erscheinungen durch die verschiedenst definierten operationalisierten Einheiten diagnostisch erfassen. Man kann z.B. die operationalisierten Kategorien anwenden, wie sie in der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation definiert worden sind, oder diejenigen, wie sie in der DSM-IV Klassifikation definiert worden sind, oder diejenigen, wie sie in naher Zukunft in der DSM-V Klassifikation definiert werden.

Damit wird deutlich, dass es sich bei diesen diagnostischen Einheiten um methodische Hilfsmittel handelt, die im Prinzip grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind – wie dies ebenfalls Karl Jaspers treffend bezüglich der psychiatrischen Einheiten erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat). Es handelt sich also bei diesen Einheiten nicht um wirklich existente Einheiten für die man auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der neuronalen Funktion, also auf der Ebene der Körperlichkeit korrespondierende köperlich abgegrenzte Einheiten finden und bestimmen kann, sondern handelt es sich dabei um mentale Konstrukte bzw. um definierte Konzepte, die als Folge des menschlichen Denkens entstanden sind.

Man sollte sich also nicht täuschen und glauben, dass man auf der Grundlage dieser mental definierten Einheiten wirkliche “Einheiten” im Sinn von “physisch” abgegrenzten Einheiten auf der Ebene der Körperlichkeit finden kann. Man täuscht sich wenn man glaubt, dass man auf der Grundlage dieser systematischen Einheiten etwa mit der Methode der Funktionellen Bildgebung (z.B. mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie) objektiv gültig und damit allgemein gültig  korrespondierende „physische“ Einheiten auf der Ebene der neuronalen Funktion bestimmen kann, sondern handelt es sich dabei eben nur um definierte mentale Konstrukte wie sie gemäß einer Konvention – philosophisch gesprochen gemäß einer Dogmatik – im Sinn einer definierten Ideenlehre – entstanden sind.

Damit wird deutlich dass man auf diesem Wege nur relatives Wissen erlangen kann. Man kann also damit nur beschränktes Wissen erlangen, wie dieses innerhalb dieser Systematik auf der Ebene der Ideen möglich ist. Man würde sich täuschen wenn man glauben würde, dass man dadurch Wissen im Sinn der Annäherung zur Gewissheit erlangen kann, sondern handelt es sich dabei eben nur um ein Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b). (Weiteres dazu auf Poster 3: PROBABILITY IN MEDICINE AND IN PSYCHIATRY – IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY, vorgestellt in München am EPA Kongress 2010)

Hiermit konnte aufgezeigt werden, dass man in der psychiatrischen Diagnostik durch die Operationalisierung zwar in gewisser Hinsicht eine großere Vereinheitlichung im Denken und im Erkennen der psychischen Störungen erzielen kann, man grundsätzlich die Situation in Bezug auf die Diagnostik dadurch jedoch nicht verändern kann.

Man sollte sich also dessen bewusst sein und bewusst bleiben, dass man in der Psychiatrie – und dies gilt grundsätzlich auch für die Psychologie und Psychotherapie – auf der Grundlage von Ideen – die sämtliche bloße Ideen sind – bzw. auf der Grundlage von Konzepten nur beschränktes Wissen erlangen kann.

An und für sich ist es naheliegend, dass man auf der Grundlage von „Erscheinungen“, nämlich auf der Grundlage von psychischen Phänomenen kein so gesichertes Wissen erlangen kann wie dies auf der Grundlage von körperlichen Fakten möglich ist. Die psychiatrische Wissenschaft wird sich also mit dieser Gegebenheit abfinden müssen, dass man in ihrem Erkenntnisbereich kein so gesichertes Wissen erlangen kann wie dies in der Medizin in dem Bereich möglich ist, wo man die Einheiten auf der Grundlage von Fakten allgemein gültig bestimmen kann bzw. eine Objektivierung einer Verdachtsdiagnose möglich ist.

Mit anderen Worten: eine Validierung im Sinn einer allgemein gültigen Überprüfung einer diagnostischen Einheit ist in der Psychiatrie auch mit einer operationalisierten Klassifikation nicht möglich. Man kann durch die Operationalisierung weder die Validität noch die Reliabilität grundsätzlich verbessern, sondern kann man damit lediglich eine Vereinheitlichung im Denken und Auffassen der diagnostischen Einheiten erzielen, die jedoch nur zu größerer subjektiver Überzeugung – im Sinn eines gefestigten Glaubens auf der Ebene der Ideen führt. Kritisch betrachtet erkennt man also, dass man – auch wenn man die anderen Scheinbarkeiten per Konvention weglässt – man die Erkenntnisse nach wie vor nur auf der Ebene der Ideen „sichern“ kann und damit  nur Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit erlangen kann. (vgl. mit Kant Zitat 9b).

Überhaupt kann man in der Psychiatrie Sachverhalte grundsätzlich unter den verschiedensten „Gesichtspunkten“ auffassen – wie dies schon Karl Jaspers erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat 11) – und lässt sich dabei die Idee der Krankheitseinheit niemals verwirklichen . Man kann also in der Psychiatrie eine Einheit niemals objektivieren – wie dies schon Karl Jaspers treffend erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Eine im Sinn der Aufklärung aufgeklärte psychiatrische Wissenschaft wird diese Gegebenheiten bzw. diese Möglichkeiten und Grenzen bei der Interpretation und Demonstration der Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Forschung berücksichtigen.

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(letztes update 4.7.2012, Operationalisierung, Kategorie, Diagnostik)

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