Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Objektivierung von einem körperlichen Phänomen

In der Medizin ist die Objektivierung von einem körperlichen Phänomen möglich, wenn das Phänomen auf der Grundlage eines physischen, also eines körperlichen Parameters erfasst werden kann, der seinerseits objektiv bestimmbar ist.

Zum Beispiel können Herzrhythmusstörungen durch die Aufzeichnung der Herzstromkurve objektiv erfasst werden. Damit ist eine Objektivierung der Herzrhythmusstörungen möglich. In gleicher Weise kann eine epileptische Aktivität des Gehirn durch die Aufzeichnung der Hirnströme im EEG erfasst und dadurch objektiviert werden.

Wenn jedoch ein Phänomen nicht direkt auf ein körperliches Objekte bzw. nicht direkt auf einen körperlichen (physischen) Parameter zurückgeführt werden kann, dann ist eine Objektivierung dieses Phänomens nicht möglich.

Wenn zum Beispiel eine Lähmung demonstriert wird, so ist es nicht unbedingt erwiesen dass die Lähmung etwa durch ein im CCT sichtbares Meningeom hervorgerufen wird. Ein solcher Befund ist zwar für sich ein objektiver Befund, dieser Befund beweist jedoch nicht, dass das Phänomen der Lähmung durch das Meningeom hervorgerufen wird. Es kann sein, dass dieses Meningeom bzw. dieser Befund die Ursache der Lähmung ist, es kann aber auch sein, dass dieser Befund bzw. das Meningeom nicht die Ursache der Lähmung ist.

In gleicher Weise ist es noch nicht erwiesen bzw. bewiesen, dass eine periphere neurologische Symptomatik durch eine im Röntgen oder im CCT oder im MRI aufgezeigte  Engstelle aus dem Wirbelsäulenkanal verursacht wird. Hingegen kann man diese Symptomatik durch diesen Befund auf jeden Fall erklären ein positiver bzw. objektiver Beweis ist es jedoch nicht.

Es gibt also in der Medizin Phänomene die man unabhängig vom Subjekt objektivieren kann, und solche, die man zwar unter Umständen allgemein gültig anerkannt erklären kann, wenn der Sachverhalt eindeutig ist, die man jedoch genau genommen durch einen objektiven Befund den man ausfindig gemacht nicht objektiv beweisen kann, weil sich ein solcher Beweis auf ein Phänomen bezieht, also auf eine Vorstellung die im Bewusstsein einer Person erscheint. Es handelt sich also in einem solchen Fall um eine subjektive Erkenntnis und gründet sich diese Erkenntnis nicht direkt auf ein real existentes Objekt. (vgl. mit Kant Zitat 9)

Wenn man z.B. auf dem Röntgenbild eine Engstelle beim Austrittsort des Nervs aus dem Wirbelsäulenkanal sieht, so kann man noch nicht allein auf der Grundlage dieses Befundes Wissen, ob die Person ein periphere neurologische Symptomatik hat. Oder man kann auch aus dem Befund des sichtbaren Meningeoms nicht erkennen und wissen, ob die Person relevante neurologische Beschwerden oder psychische Beschwerden hat. Nur wenn die Person neurologische oder psychische Beschwerden hat, dann kann man sekundär diese Beschwerden dadurch erklären. Der umgekehrte Beweis ist jedoch nicht möglich. Somit wird zum Beispiel eine simulierte und daher bloß zum Schein demonstierte Lähmung noch nicht durch eine röntgenologisch aufgezeigte Engstelle allgemein gültig bewiesen. Hingegen kann es natürlich tatsächlich sein dass das Phänomen der Lähmung dadurch verursacht ist – und wird es so sein wenn der entsprechende Reflexstatus vorliegt. Auf diese Art und Weise kann indirekt das Phänomen der Lähmung bestätigt werden.

In diesem Sinne kann man z.B. in der Neurologie und auch sonst in der Medizin viele Diagnosen objektiv anerkannt erklären und begründen. Eine Objektivierung im Sinne eines objektiven Beweises ist jedoch in vielen Fällen nicht möglich.

Der tiefer liegende Grund für diese Tatsache findet sich darin, dass es zwischen einem Phänomen (gr. phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) das erlebt wird (z.B. Schmerz, Tinnitus u.a.) und einem körperlichen Objekt keine bestimmte bzw. definierte Relation gibt.

Dies wurde in Bezug auf psychische Phänomene auf Poster 6 aufgezeigt – gilt im Prinzip aber auch für körperliche Phänomene die erlebt werden.

(Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

 

(Beitrag in Arbeit, letztes update 25.7.2011)

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