Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

natürliche Krankheitseinheit

Eine natürliche Krankheitseinheit ist eine Krankheitseinheit, wie sie entweder in der Natur als faktisch bestimmbare Krankheitseinheit vorkommt oder es ist eine natürliche Krankheitseinheit eine Einheit, von der man als Arzt sich vorstellt und damit denkt, dass es sie als natürlich abgegrenzte Einheit bzw. als natürliche Entität tatsächlich gibt (Beispiel aus der Neurologie: primärer Kopfschmerz vom Typ der Migräne).*

Es ist eine natürliche Krankheitseinheit also eine Einheit/Entität, wie es sie in der Natur als abgegrenzte Einheit – somit als biologische Einheit bzw. als faktische Einheit – tatsächlich gibt. Oder es ist eine natürliche Krankheitseinheit eine Einheit, von der man denkt, dass es eine solche natürliche, abgegrenzte Krankheitseinheit gibt, die ein gewisses klinisches Erscheinungsbild z. B. einen gewissen Symptomenkomplex in der Neurologie oder z. B. ein gewisses histopathologisches Bild bzw. Schnittbild bei einem histopathologischen Präparat in der Histopathologie hervorruft oder einen typischen psychischen Symptomenkomplex bei einer psychischen Störung, wie er in der Psychiatrie durch die psychiatrische Diagnose bestimmt wird.

So hat etwa der Psychiater Eugen Bleuler geglaubt, dass es in der Psychiatrie die natürliche Krankheitseinheit gibt, die er als Schizophrenie bezeichnet hat wobei er diesen Begriff er aus der psychiatrischen Einheit Dementia praecox abgeleitet hat, insofern Eugen Bleuler geglaubt hat, dass der Begriff dieser Natureinheit (vgl. mit Kant Zitat 3b) in Zukunft wird aufgelöst werden können (vgl. mit Bleuler Zitat 2). (Weiteres dazu auf dem Vortrag gehalten am DGPPN Kongress 2014 in Berlin als Power Point Präsentation und in meinem Buch)

In der Medizin ist eine natürliche Krankheitseinheit entweder eine Krankheitseinheit, die auf der Ebene des Körpers entdeckt worden ist, oder es ist dies eine Krankheitseinheit von der man denkt, dass es eine solche natürliche  Krankheitseinheit gibt, die etwa einen gewissen Symptomenkomplex hervorruft oder in der Histopathologie ein gewisses histologisches Bild oder zytologisches Bild bewirkt (vgl. mit Kant Zitat 3b)

In diesem Sinne denkt man sich etwa bei der diagnostischen Einheit Migräne, dass dies eine natürliche Krankheitseinheit ist. Man denkt sich also in diesem Fall, dass es eine natürliche Einheit und somit eine natürliche Ursache gibt, die zumindest regelmäßig wenn nicht gesetzmäßig diesen typischen Symptomenkomplex hervorruft. Wie man sich überzeugt handelt es sich bei einer solchen natürlichen Krankheitseinheit jedoch um eine Krankheitseinheit, die durch eine projektierte Einheit bzw. durch ein regulatives Prinzip im Sinne von Immanuel Kant erkannt wird. Es ist dies also eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 8) von der man denkt, dass es sie als wirkliche Einheit gibt. Wie man sich überzeugt ist eine solche Einheit die systematische Einheit der Idee, die als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese Person die charakteristischen Merkmale dieser Idee geistig durch das Schema der Idee geistig auffasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

In diesem Sinn denkt man sich auch bei der diagnostischen Einheit Vegetative Dystonie in der Medizin, dass es eine solche abgegrenzte, wirkliche Einheit gibt, die einen gewissen Symptomenkomplex bzw. ein gewisses klinisches Erscheinungsbild hervorruft.

In der Inneren Medizin und in der Orthopädie denkt man sich, dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die man als Fibromyalgie bezeichnet, oder dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die man als Somatoforme Schmerzstörung bezeichnet.

In der Psychosomatik denkt man sich, dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die man als Anorexie bezeichnet, oder die man als Bulimie bezeichnet usf. Neuerdings denken sich die Laienpersonen und die Ärzte, dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die sie als Burnout bzw. als Burnoutsyndrom bezeichnen.

In der Psychiatrie ist eine natürliche Krankheitseinheit ebenfalls eine Krankheitseinheit von der man denkt, dass es sie als wirkliche Krankheitseinheit gibt, die einen gewissen psychischen Symptomenkomplex hervorruft. So hat etwa Emil Kraepelin gedacht, dass es eine natürliche Krankheitseinheit Dementia praecox gibt, die er von Augustin Benedikt Morel übernommen und in seine psychiatrische Klassifikation eingeführt hat und von der er geglaubt hat, dass diese diagnostische Einheit in Zukunft allgemein gültig bestimmt werden kann (vgl. mit Kraepelin Zitat 1). Oder es hat Eugen Bleuler geglaubt, dass die Einheit Schizophrenie bzw. die Gruppe der Schizophrenien – die er aus der Einheit Dementia praecox entwickelt hat – in Zukunft – so wie eine körperliche Krankheit – allgemein gültig bestimmt werden kann und dass der Begriff Schizophrenie sodann aufgelöst werden kann (vgl. mit Bleuler Zitat 2).

In diesem Sinn denkt man sich also auch in der Psychiatrie bei den verschiedenen psychischen Störungen, so etwa bei einer Depression, bei einer Demenz z.B. vom Typ einer Alzheimer Krankheit, bei einer vaskulären Demenz, bei einem Organischen Psychosyndrom (OPS), bei einer psychischen Störung, die man als ADHS bezeichnet usf., dass es eine zu Grunde liegende natürliche Krankheitseinheit gibt, die jeweils das entsprechende klinische Erscheinungsbild hervorruft.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass der Begriffnatürliche Krankheitseinheit in der Psychiatrie ein psychiatrisches Konzept ist. Es handelt sich dabei also um eine problematisch zum Grund gelegte Einheit, die eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant ist (vgl. mit Kant Zitat 8). Es ist eine solche systematische Einheit also der Begriff der Idee durch den man den charakteristischen psychischen Symptomenkomplex geistig auffassen kann (vgl. mit Kant Zitat 7), von dem man denkt, dass dieser durch eine bestimmte körperliche Ursache und damit durch eine gewisse natürliche Krankheitseinheit hervorgerufen wird.  Die Erfahrung in der Psychiatrie lehrt, dass diese Ursache eine komplexe Ursache ist. Man denkt sich also, dass es eine gewisse natürliche Krankheitseinheit gibt, die ein gewisses klinisches Erscheinungbild bzw. einen gewissen Symptomenkomplex hervorruft. Damit erkennt man, dass die zu Grunde liegend gedachte natürliche Krankheitseinheit das Konzept ist, durch das die gesundheitliche Störung (Krankheit) erkannt wird bzw. dass der Begriff der jeweiligen Einheit mit dem Konzept ident ist durch das die klinischen Erscheinungen geistig aufgefasst werden.

Anmerkung: Analoges gilt für die diagnostischen Einheiten in der Medizin, die auf der Grundlage einer Idee durch eine phänomenologische Einheit bzw. durch eine phänomenologische Diagnose erkannt und subjektiv gültig bestimmt werden (etwa für die Einheiten Migräne, Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie, Somato-forme Schmerzstörung, Vegetative Dystonie usf.).

Auf diese Art und Weise werden in der Medizin die gesundheitlichen Störungen und damit die medizinischen Diagnosen erkannt, die nur auf der Grundlage eines Symptomenkomplexes erkennbar sind. Und es werden auf diese Art und Weise in der Psychiatrie alle psychischen Störungen und damit alle psychiatrische Diagnosen auf diese Art und Weise erkannt, weil jede psychische Störung nur auf der Grundlage des psychischen Symptomenkomplexes erkennbar ist.

Man erkennt also alle phänomenologischen Diagnosen in der Heilkunde, somit die phenomenologischen Diagnosen in der Medizin, die psychiatrischen Diagnosen in der Psychiatrie und auch die Diagnosen in der Psychosomatik und ferner auch die Diagnosen in der Alternativmedizin (Homöopathie, Neuraltherapie, Osteopathie usf.) auf diese Art und Weise, weil alle diese Diagnosen nur auf der Grundlage eines nicht-objektivierbaren Symptomenkomplexes erkennbar sind.

Auf diese Art und Weise wird also in der Medizin eine nicht-objektivierbare medizinische Diagnose durch den Begriff der jeweiligen Idee subjektiv gültig erkannt, oder es wird in der Psychiatrie eine psychiatrische Diagnose durch den Begriff der jeweiligen Idee subjektiv gültig erkannt, wenn die aufgefundenen Kriterien dem Schema der Idee bzw. der Kategorie der Idee hinreichend entsprechen.

Es handelt sich dabei also entweder um medizinische Konzepte in den verschiedenen Bereichen bzw. um psychiatrische Konzepte durch die man die jeweiligen Symptomenkomplexe geistig auffassen, damit benennen und definieren kann, um sodann diese diagnostische Einheiten auf der Ebene der Ideen subjektiv gültig zu bestimmen.

Wie man sich überzeugt erfolgt in diesen Fällen die Diagnostik der jeweiligen gesundheitlichen Störung – ohne Kenntnis der Ätiologie – auf der Grundlage einer definierten Ideenlehre.

In weiterer Folge können sodann diese diagnostischen Einheiten in der jeweiligen Wissenschaft systematisch studiert werden.

Es handelt sich damit bei diesen systematischen Einheiten also um zweckmäßige Einheiten im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 3a) mit deren Hilfe die verschiedenen Erscheinungen des Körpers oder der Psyche nach allen möglichen Prinzipien der Einheit systematisch festgestellt und in weiterer Folge systematisch studiert werden können (vgl. mit Kant Zitat 2a). Nur sollte man bei der Diagnostik dieser Einheiten, die sämtliche systematischen Einheiten sind, die Grundlage und die Beschränkheit des Wissens beachten und berücksichtigen damit man nicht in ewige Widersprüche und in Streitigkeiten gerät (vgl. mit Kant Zitat 2a).

Zusammenfassend kann man also sagen: es gibt natürliche Krankheitsheiten, die als tatsächlich existente und damit als wirklich existente Einheiten sind und die als solche in der Natur von Ärzten entdeckt worden sind und kann man daher diese diagnostischen Einheiten und damit diese medizinischen Diagnosen objektiv gültig und damit allgemein gültig bestimmen, weil diese auf der Grundlage von objektiven Befunden erkennbar und allgemein gültig bestimmbar sind. Und andererseits gibt es Krankheitserscheinungen von denen man denkt, dass diese die Folge von natürlichen Krankheitseinheiten sind, weil man auf der Ebene der Erscheinungen – also auf der Ebene der körperlichen Phänomene und auch auf der Ebene der psychischen Phänomene wiederholt ähnliche bzw. gleichartige Erscheinungen und damit gleichartige Symptomenkomplexe beobachtet hat, von denen man denkt, dass sie durch eine solche natürliche Krankheitseinheit hervorgerufen werden.

In diesen Fällen handelt es sich aber wie gesagt um Konzepte, die man nicht auf eine faktische Einheit bzw. auf eine faktische Ursache zurückführen und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmen kann, sondern handelt es sich dabei eben um nur problematisch zum Grund gelegte Einheiten, eben um systematische Einheiten, die auf der Ebene der Ideen bzw. auf der Ebene der Vorstellungen als abgegrenzte Einheiten in der Form der Begriffe der Ideen erscheinen (griechisch phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende). Daher kann man diese diagnostischen Einheiten nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. auf der Ebene der Ideen in Bezug auf (definierte) Typen erkennen und kann man daher diese diagnostischen Einheiten nur subjektiv gültig erkennen.

Diesen Sachverhalt hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt.

Und es schreibt daher Karl Jaspers in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“: Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee. (vgl. mit Jaspers Zitat).

Diese phänomenologischen Einheiten haben sich als solche in der Praxis und in der Wissenschaft hinreichend bewährt (vgl. mit Kant Zitat 10). Aber eben, wegen der Grundlage der Erkenntnis bzw. wegen der Erkenntnisbasis kann man sie nicht auf der Ebene der Objekte überprüfen. Das heißt man kann sie nicht objektivieren, weil es eben projektierte Einheiten sind, die die Ärzte auf der Grundlage ihrer klinischen Erfahrung und auf der Grundlage ihrer Überlegung auf der Ebene ihrer Vorstellungen bzw. auf der Ebene ihrer Ideen erkannt, beschrieben und in Bezug auf ihre Grenzen definiert haben. Und gerade deswegen kann man eine solche diagnostische Einheiten nicht am Probierstein der Erfahrung überprüfen (vgl. mit Kant Zitat 10), weil sie auf der Grundlage einer bloßen Idee erkannt und bestimmt wird.

Zur Geschichte des Begriffs der natürlichen Krankheitseinheit in der Psychiatrie

Karl Jasper hat in seiner 1. Ausgabe des Buches „Allgemeine Psychopathologie“ aufgezeigt, dass es bezüglich der Existenz von natürlichen Krankheitseinheit in der Psychiatrie unter den Ärzten schon vor seiner Zeit bis in die Gegenwart verschiedene Sichtweisen gab.  Während die einen Ärzte geglaubt haben, dass es eine Einheitspsychose gibt aus der die anderen psychischen Krankheiten hervorgehen, waren die anderen davon überzeugt, dass es in der Psychiatrie natürliche Krankheitseinheiten gibt. (vgl. mit Jaspers Zitat 6a). Ab der 4. Auflage bis zur 9. unveränderten Auflage der „Allgemeinen Psychopathologie“ schreibt Karl Jaspers jedoch: dass in der Psychiatrie sich die Idee der Krankheitseinheit in irgend einem einzelnen Fall niemals verwirklichen läßt (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – und es geht daraus hervor, dass Karl Jaspers damit die Beschränktheit des Wissens in der Psychiatrie auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant inzwischen erkannt hatte, wenn er an anderer Stelle auch schreibt: Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee. (vgl. mit Jaspers Zitat).

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Hinweis:

Weiteres* zum Begriff natürliche Krankheitseinheit – insbesondere auch im Hinblick auf die histopathologische Diagostik in der Histopathologie – untersucht und dargestellt auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant – in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

veröffentlicht im Verlag tredition, April 2019

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(letzte Änderung 25.12.2019, abgelegt unter Diagnostik, Einheit, Medizin, Psychiatrie, Definition)

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