Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Missverständnis einer Idee

Immanuel Kant hat die Konsequenzen des Missverstehens einer Idee in allgemeiner Form aufgezeigt.

In diesem Beitrag wird das Missverständnis einer Idee in allgemeiner Form diskutiert.

In der Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie werden insbesondere die psychiatrischen Konzepte, die psychologischen Konzepte und die psychotherapeutischen Konzepte, zum Teil aber auch in der Medizin die medizinischen Konzepte missverstanden und diese Ideen falsch gebraucht.

Weiters werden in der Medizin auch die prognostischen Ideen vielfach falsch gebraucht und falsch gedeutet – auch dies wird in einzelnen Beiträgen diskutiert.

Am Ende der Seite finden Sie eine Link-Liste in der die bereits früher veröffentlichte und neuere Beiträge zur dieser Thematik aufgelistet sind.

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Immanuel Kant schreibt:

    “Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß regulativen Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise irre geführt, indem sie alsdenn den Boden der Erfahrung, der doch die Merkzeichen ihres Ganges enthalten muß, verläßt, und sich über denselben zu dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über dessen Höhe sie notwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem Standpunkte desselben von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch gänzlich abgeschnitten sieht.

Der erste Fehler, der daraus entspringt, dass man die Idee …… nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer Idee zu wider ist) konstitutiv gebraucht, ist die faule Vernunft (ignava ratio). Man kann jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, dass man seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr Geschäfte völlig ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische Idee, wenn sie als ein konstitutives Prinzip für die Erklärungen der Erscheinungen unserer Seele, und hernach gar, zur Erweiterung unserer Erkenntnis dieses Subjekts, noch über die Erfahrung hinaus (ihren Zustand nach dem Tode) gebraucht wird, es der Vernunft zwar sehr bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch derselben nach der Leitung der Erfahrungen ganz verdirbt und zu Grunde richtet. So erklärt der dogmatische Spiritualist die durch allen Wechsel der Zustände unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit der denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt …..     Noch deutlicher fällt diese nachteilige Folge bei dem Dogmatism unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und dem darauf fälschlich gegründeten theologischen System der Natur (Physikotheologie) in die Augen. Dennn da dienen alle sich in der Natur zeigende, oft nur von uns selbst dazu gemachte Zwecke dazu, es uns in der Erforschung der Ursachen recht bequem zu machen …… Dieser Felhler kann vermieden werden, wenn wir nicht bloß einige Naturstücke, …. betrachten, sondern diese systematische Einheit der Natur … ganz allgemein machen. Denn alsdenn legen wir eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde, von denen keine besondere Einrichtung angenommen, sondern nur mehr oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben ein regulatives Prinzip der systematischen Einheit einer teleologischen Verknüpfung, die wir aber nicht zum Voraus bestimmen, sondern nur in Erwartung derselben die …… Verknüpfung nach allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das Prinzip der zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der Erfahrung jederzeit erweitern, ohne ihm in irgend einem Fall Abbruch zu tun.

Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Prinzips der systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft (perversa ratio … ). Die Idee der systematischen Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives Prinzip sie in der Verbindung der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen zu suchen, und, so weit sich etwas davon auf dem empirischen Wege antreffen läßt, um so viel auch zu glauben, daß man sich der Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe,  ob man sie freilich niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man die Sache um, und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Prinzips der zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, ….  ”

(Ende des Kant Zitat 3a)

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Tatsächlich geschieht es sehr leicht, dass man eine Idee, nachdem man sie einmal gewonnen hat irrtümlicherweise falsch verwendet.

Man vergisst sehr leicht wie die Idee entstanden ist, dass sie als Hypothese entstanden ist, und man ist dann, wenn man sich der Entstehung der Idee nicht bewusst bleibt, geneigt die Idee als Gegebenheit, also als gesichertes Wissen bzw. als absolutes Wissen anzusehen. Damit unterläuft einem der Fehler den Immanuel Kant als den konstitutiven Gebrauch einer Idee nennt. (siehe Kant Zitat 3a)

Tatsächlich ist eine Idee nämlich nicht konstitutiv sondern nur regulativ. Es handelt sich also bei einer Idee nicht um absolutes Wissen, sondern um ein relatives Wissen, also um beschränktes  Wissen, um ein Wissen das man daher nur relativistisch verwenden sollte.

Mit anderen Worten: eine Idee ist nur relativ gültig. Eine Idee stellt relatives Wissen dar. Demgemäß sollte eine Idee nur relativistisch verwendet werden.

Wenn man eine Idee missversteht und das, was die Idee aussagt für „bare Münze“ nimmt, also das, was die Idee ausagt als die Wahrheit bzw. als Gewissheit (als gesichertes Wissen) ansieht dann hat man sich getäuscht und gerät man umgehend in Widersprüche, weil die Annahme nicht stimmt bzw. weil die Annahme falsch ist.

Solche falsche Annahmen werden allerdings oftmals nicht sogleich bemerkt und wiegt man sich trotz der falschen Annahme leicht „im Recht“ und glaubt man sich im Bereich des gesicherten Wissen zu befinden (vgl. mit Kant Zitat 10) – insbesondere dann, wenn dieses Wissen im Namen der Wissenschaft vorgetragen wird – die ja wissen muss – wie es um ihr Wissen steht – und die den Anschein mit sich führt nur gesichertes Wissen zu verbreiten – was tatsächlich öfters nicht der Fall ist.

Tatsächlich bemerkt aber auch die Wissenschaft ihre falschen Annahmen oftmals nicht sogleich, sondern gerät sie erst ins Stocken und Nachdenken wenn Probleme und Widersprüche in der Forschung auftreten.

Mit anderen Worten man bemerkt das Missverständnis einer Idee oftmals gar nicht oder oftmals wird man erst darauf aufmerksam wenn die besagten Schwierigkeiten und Probleme aufgetreten sind. (vgl. mit Kant Zitat 22)

Die psychiatrische Wissenschaft ist z.B. in solche Schwierigkeiten geraten und versucht seit Jahrzehnten vergeblich auf einer Ebene die Probleme zu lösen, auf der sie nicht lösbar sind, weil das grundsätzliche Problem eine Stufe tiefer liegt und daher empirisch wissenschaftlich nicht geklärt und gelöst werden kann. (vgl. mit diesem Beitrag)

Diese Probleme werden in der Psychiatrie erst gelöst werden, wenn es in der Psychiatrie usus wird die psychiatrischen Ideen richtig zu verwenden. Erst dann werden die Widersprüche nicht mehr auftreten. Erst dann kann nichts anderes als Vorteil  aus solchen psychologischen Ideen entspringen und werden die Widersprüche nicht mehr auftreten. (vgl. mit Kant Zitat 4)

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Link-Liste mit Beiträgen zur Thematik des richtigen und falschen Gebrauchs von Ideen

 neuere Beiträge:

Psychiatrisches Wissen ist relatives Wissen

falscher Gebrauch der Ideen in der Psychiatrie

Die Bedeutung der “Kritik der reinen Vernunft” für die Psychiatrie und Medizin

medizinische Diagnosen sind in Bezug auf die Prognose nicht konstitutiv

 

bereits früher veröffentlichte Beiträge:

falscher Gebrauch der Ideen in der Psychiatrie

Konsequenzen – falscher Gebrauch der Ideen – bei fehlendem Bewusstsein

Konsequenzen – falscher Gebrauch der Ideen – konstitutiver Gebrauch der Ideen

 

Konsequenzen – der konstitutive Gebrauch der Ideen wirkt sich antikommunikativ aus, 1. Teil

Konsequenzen – der konstitutive Gebrauch der Ideen wirkt sich antikommunikativ aus, 2. Teil

 

Konsequenzen- für die Psychiatrie – als Folge der Erkenntnisbasis, 1. Teil

Konsequenzen- für die Psychiatrie – als Folge der Erkenntnisbasis, 2. Teil

Konsequenzen- für die Psychiatrie – als Folge der Erkenntnisbasis, 3. Teil

Konsequenzen – für die Psychiatrie – als Folge der Erkenntnisbasis, 4. Teil

Konsequenzen – für die Psychiatrie, 5. Teil – Methodenbewusstheit

Konsequenzen – für die Psychiatrie, 6. Teil – das Wesen der Psychiatrie

Konsequenzen – für die Psychiatrie, 7. Teil – relatives Wissen

 

 Konsequenzen für die medizinische Praxis und Lehre

 

Konsequenzen – als Folge der Erkenntnisbasis – Entscheidungen in der Psychotherapie

 

 

(Beitrag in Arbeit, letztes update 2.1.2011)

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