Kraepelin Zitat 9 : Zergliederung der Psyche

„Wir müssen es daher als unsere Aufgabe betrachten, auch jene Gesetze kennen zu lernen, welchen den Ablauf der psychischen Vorgänge beherrschen, namentlich aber auf das sorgfältigste den Abhängigkeitsverhältnissen nachzugehen, die zwischen körperlichen und seelischen Zuständen bestehen. Glücklicher Weise hat sich aus dem Schoosse der Physiologie heraus, namentlich in den letzten Jahrzehnten, auch die Psychologie zu einer Erfahrungswissenschaft entwickelt, die auf dem Wege der Naturforschung ihren Gegenstand erfolgreich zu bearbeiten begonnen hat. Es ist, wie schon die bisherige Arbeit gezeigt hat, nicht unmöglich, mit Hülfe jener jungen Wissenschaft zu einer Physiologie der Seele zu gelangen, die auch der Psychiatrie eine brauchbare Grundlage zu liefern vermag. Sie wird uns einerseits dazu dienen können, verwickelte Erscheinungen in ihre einfacheren Bestandtheile zu zerlegen. Wir werden aus der Zergliederung des gesunden Seelenlebens die Anhaltspunkte für die Beurtheilung und Erklärung krankhafter Störungen gewinnen, und wir werden auch  in der Lage sein, in geeigneten Fällen das Hülfsmittel des psychologischen Versuches unmittelbar zur genaueren Erforschung von Krankheitszuständen heranzuziehen.” (Ende des Zitats)

aus:

Emil Kraepelin, Psychiatrie, Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Sechste Auflage (1899), I. Band. Allgemeine Psychiatrie, Mit einer Einführung von Paul Hoff, Seite 7,  Nachdruck, Arts & Boeve Verlang, Niederlande, ISBN 90 75341 16 4

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Anmerkung zum Zitat:

Es ist zwar richtig, dass man die psychischen Erscheinungen gemäß den unterschiedlichen psychischen Phänomenen mit die Methode der Dialektik zergliedern kann. Dabei sollte man sich aber dessen bewusst sein “was” man zergliedert. Man sollte sich dessen bewusst sein, dass man in der Psychiatrie Ideen zergliedert und keine körperlichen Objekte (vgl. mit Kant Zitat 7). Wenn man bei der Zergliederung der Psyche die Erkenntnisobjekte missversteht und eine psychologische Idee oder eine psychiatrische Idee so ansieht wie ein körperliches Objekt, das in der Realität der physischen Objekte tatsächlich in unabhängige Elemente zergliedert werden kann, dann hat man das Wesen einer Idee grundlegend missverstanden (vgl. mit Kant Zitat 7). Dann hat man die Psyche grundlegend missverstanden.

– – Als Folge der Gleichsetzung der „Psyche“ mit dem „Körper“ ergaben sich wahrscheinlich die schwerwiegendsten nachteiligen Folgen für die Psychiatrie  – –

Wenn man im Irrtum befangen denkt, dass ein psychisches Phänomen, so wie ein körperliches Objekt etwas Unabhängiges, etwas Selbstständiges ist, das man durch die Zergliederung in einfachere Bestandtheile zerlegen und allgemein gültig „bestimmen“ kann, so wie man ein körperliches Objekt in einfachere Bestandteile bzw. Merkmale zergliedern und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmen kann (vgl. mit Kant Zitat 7) – dann hat man sich grundlegend getäuscht. In dieser Hinsicht hat offensichtlich Emil Kraepelin die psychiatrischen Ideen und auch die psychologischen Ideen falsch verstanden.

Wenn man als Folge dieser falschen Sichtweise im Irrtum befangen denkt, dass eine psychiatrische Diagnose eine eigenständige, unabhängige diagnostische Einheit ist, so wie eine körperliche, objektiv bestimmbare diagnostische Einheit in der Medizin eine unabhängige Einheit ist – dann hat man die psychiatrischen Ideen und damit die psychiatrischen Einheiten in der Psychiatrie, die sämtliche systematische Einheiten sind (vgl. mit Kant Zitat 7) grundlegend missverstanden.

Daher war die Annahme von Emil Kraepelin, dass man psychische Erscheinungen auf dem Wege der Naturforschung gemäß einer Physiologie der Seele studieren kann falsch (vgl. mit Kraepelin Zitat 8) und es führte diese falsche Sichtweise zu weitreichenden nachteiligen Konsequenzen und damit in gewisser Hinsicht zu einer nachteiligen Entwicklung der Psychiatrie. (-> Weiteres dazu hier)

Tatsächlich kann man psychische Erscheinungen in der Psychologie nur psychologisch und daher krankheitswertige psychische Erscheinungen in der Psychiatrie nur psychopathologisch auf der Grundlage von psychologischen und psychiatrischen Ideen diagnostisch erfassen und nur auf dieser Grundlage in der psychiatrischen Wissenschaft systematisch studieren.

Man kann zwar manch eine psychische Störung in der Psychiatrie, die man bereits phänomenologisch auf der Grundlage der Psychopathologie diagnostisch erfasst und klassifiziert hat – und die man auf der Grundlage der normalen Psychologie nicht verstehen kann – „physisch“ bzw. körperlich erklären – aber diagnostisch bestimmen kann man sie auf dieser Grundlage nicht.

Eine psychiatrische Systematik gründet sich daher immer auf psychische Phänomene bzw. auf psychiatrische Ideen und nicht auf körperliche Merkmale: wie Nervenzellen, Rezeptoren, Synapsen, Transmitter, neuronale Netzwerke usf.

Man kann also sagen, dass die psychiatrische Wissenschaft auf der Phänomenologie respektive auf der Psychopathologie beruht und die Biologie (und somit die Physiologie des Nervensystems) nur gewisse Erklärungen liefert – nicht jedoch die Grundlage der psychiatrischen Diagnostik.

Emil Kraepelin hat also die Möglichkeiten in der psychiatrischen Diagnostik überschätzt und sich im Hinblick auf die Grundlage der Erkenntnis und die Erkenntnisbasis in der Psychiatrie getäuscht.

Dieses Missverständnis der psychiatrischen Ideen und damit der psychiatrischen Einheiten hat in Folge der weltweiten Verbreitung der Sichtweise von Emil Kraepelin durch sein Lehrbuch zu weitreichenden nachteiligen Konsequenzen für die Psychiatrie geführt.

Die Tatsache, dass die psychiatrische Wissenschaft in ihren empirischen Forschungen – soweit sie nach der Objektivierung von gewissen psychischen Störungen strebt – seit Jahrzehnten keine Fortschritte verzeichnen kann, weist darauf hin, dass dem ein grundsätzliches Missverständnis zu Grunde liegen muss.

Im Gegensatz zu Emil Kraepelin hat Karl Jaspers richtig erkannt, dass die psychischen Erscheinungen nur auf der Grundlage von Ideen unter der Führung von Ideen erkannt werden können. (vgl. mit Jaspers Zitat und mit Kant Zitat 7)

Es hat also Karl Jaspers richtig erkannt, dass die psychischen Erscheinungen auf der Grundlage von ganz anderen Erkenntnisobjekten erkannt werden als die objektiven Befunde in der Medizin, und es schreibt daher Karl Jaspers in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“, dass psychische Erscheinungen und damit psychische Störungen und in weiterer Folge psychiatrische Diagnosen nur in Bezug auf Typen erkannt werden können, wohingegen in der Medizin viele körperliche Befunde und damit auch viele körperliche Krankheiten und somit diese medizinischen Diagnosen in Bezug auf objektiv bestimmbare Gattungen erkannt und bestimmt werden können (vgl. mit Jaspers Zitat).

Psychische Erscheinungen und damit die Merkmale der Psyche kann man nur auf der Ebene der Ideen in Bezug auf definierte Typen erkennen. Im Gegensatz dazu kann man in der Medizin viele körperliche Krankheiten durch körperliche Befunde auf der Ebene der Objekte erkennen und diese diagnostischen Einheiten auf dieser Ebene in Folge der Zugehörigkeit zu Gattungen allgemein gültig bestimmen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Karl Jaspers schreibt daher treffend: Das Seelenleben und seine Inhalte sind zerspalten in Gegensätze. Durch Gegensätze aber hängt alles wieder zusammen (vgl. mit Jaspers Zitat 12).

So kann man zum Beispiel die Psychosen – zwar nicht im Rahmen der normalen Psychologie verstehen – trotzdem handelt es sich dabei jedoch nicht um physisch separierte und eigenständige abgegrenzte Einheiten, die wie objektiv bestimmbare körperliche Einheiten unabhängig von einander existieren.

Wenn man glaubt, dass psychiatrischen Einheiten wirklich abgegrenzte faktische Einheiten sind, dann missversteht man die psychiatrische Systematik und man missversteht in diesem Fall auch eine psychiatrische Klassifikation der psychischen Störungen so z.B. die DSM- V Klassifikation oder die Psychiatrische ICD-10 Klassifikation.

Eine psychiatrische Einheit ist eine phänomenologische Einheit und es ist daher eine psychiatrische Diagnose eine phänomenologische Diagnose.

Es gilt also, dass man die einzelnen Einheiten in der Psychologie und damit auch die einzelnen Einheiten in der Psychiatrie nur im Ganzen verstehen kann, indem man die Zusammenhänge und die Abhängigkeiten dieser einzelnen Einheiten berücksichtigt – eben – weil diese Einheiten sämtliche systematische Einheiten sind. Es bilden also diese systematischen Einheiten unter sich auf der Ebene der Ideen ein definiertes System in dem sie sich gegenseitig auf dieser Ebene dialektisch durch ihre unterschiedlichen Inhalte definieren.

Man sollte als Psychiater sich daher der Zusammenhänge der einzelnen psychischen Phänomene bewusst sein, so wie auch der Zusammenhänge der benachbarten psychiatrisch-diagnostischen Einheiten, also der benachbarten psychiatrischen Kategorien und der zugehörigen psychiatrischen Diagnosen in einer psychiatrischen Klassifikation  (vgl. mit Kant Zitat 7).

Wenn man im Irrtum befangen glaubt, dass man die Psyche in unabhängige einfache Bestandtheile zerlegen und zergliedern kann, und wenn man glaubt, dass man diese Bestandtheile auf der Grundlage von naturwissenschaftlichen Methoden studieren kann – weil man glaubt, dass die Psychiatrie sich zu einem kräftigen Zweige der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Kraepelin Zitat 2) – dann hat man das Wesen der Psychiatrie missverstanden.

Man kann die psychischen Phänomene zwar auf der Ebene der Vorstellungen in „einfachere“ psychische Phänomene, nämlich in psychopathologische Phänomene dialektisch zergliedern, aber um tatsächlich „einfache“ Bestandteile handelt es sich dabei nicht – sondern es handelt sich dabei immer um die systematischen Einheiten von psychologischen- bzw. von psychiatrischen Ideen, die als bloße Ideen im Bewusstsein der erkennenden Person in der Form der Begriffe der jeweiligen Ideen erscheinen – und eine solche Einheit bzw. eine solche Idee ist  niemals eine einfache Einheit bzw. es ist eine solche Idee niemals eine einfache Idee, die man auf der Grundlage von „physischen“ Befunden auf der Ebene der Objekte bestimmen kann.

Vielmehr handelt es sich bei einer psychiatrischen Idee – so wie bei einer psychologischen Idee – um eine „komplexe Idee“ – im Sinn von David Hume (vgl. mit David Hume Zitat) – die empirisch in Abhängigkeit von den mentalen Prozessen entstanden ist (vgl. mit John Locke Zitate).  Und eine solche „komplexe Idee“ kann man niemals in einfache Bestandtheile zerlegen und auf der Grundlage der Physiologie der Seele bestimmen – wie Emil Kraepelin geglaubt hat, dass dies möglich ist (vgl. mit Kraepelin Zitat 9 und den anderen Kraepelin Zitaten).

Wie man sich überzeugt ist eine solche „komplexe Idee“ eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 4) und es ist der Begriff einer solchen Idee ein regulativer Begriff im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 4).

Weil es sich in der Psychiatrie – so wie in der Psychologie – um diagnostische Einheiten handelt, die sich auf der Ebene der Ideen gegenseitig definieren, sollte dieser Sachverhalt in der Praxis und in der Wissenschaft berücksichtigt werden.

Man täuscht sich also wenn man in der psychiatrischen Praxis glaubt etwa durch das AMDP- System verlässlich und damit reliabel und valide psychopathologische Phänomene und in in weiterer Folge reliabel und valide psychiatrische Diagnosen bestimmen zu können. Es handelt sich hier also nur um den Anschein einer Verlässlichkeit und damit nur um den Anschein der Reliabilität und der Validität aber eine wirkliche Sicherung der psychiatrischen Diagnose ist dadurch in keinem einzigen Fall möglich. Dieser Sachverhalt wird besonders deutlich wenn es sich um einen Grenzfall in der psychiatrischen Diagnostik handelt.

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(letzte Änderung 23.5.2015, abgelegt unter Zitate, Psychiatrie, Diagnostik, Psychopathologie)

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