Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Klassifikation in der Psychiatrie – ihre Entstehung

Die Klassifikation in der Psychiatrie basiert auf psychischen Phänomenen und psychischen Symptomen.

Gemeinsam auftretende psychische Phänomene und psychische Symptome bilden einen Symptomenkomplex, der auch als psychisches Syndrom bezeichnet wird. Je nach dem welche Phänomene / Symptome und sonstigen Kriterien man zu einem Syndrom zusammenfasst entstehen unterschiedliche Syndrome.

Dies hat dazu geführt, dass in der Psychiatrie unterschiedliche Klassifikationen entstanden sind.

Im Laufe der Zeit sind an verschiedenen Orten verschiedene psychiatrische Klassifikationen entstanden. (Zur Geschichte der psychiatrischen Klassifikation siehe diesen Beitrag)

Eine psychiatrische Klassifikation ist also nichts Fixes, nichts was in der „Natur“ unabhängig existiert, sondern etwas, das von der „Natur“ und von der Auffassungsweise der psychischen Erscheinungen, also von der Sichtweise abhängig ist. Karl Jaspers spricht hier von der denkenden Anschauung durch die Sachverhalte aufgefasst werden (vgl. mit Jaspers Zitat).

Eine psychiatrische Klassifikation hängt also von der geistigen Sichtweise und damit von den psychiatrischen Ideen ab, die zu den einzelnen diagnostischen Einheiten in der Psychiatrie und damit zur psychiatrischen Klassifikation respektive den definierten Grenzen der psychiatrischen Kategorien führen.

Je nach dem wir psychische Auffälligkeiten feststellen und geistig auffassen kommen wir zu unterschiedlichen Ergebnissen (vgl. mit dem Jaspers Zitat). Es hängt die Erkenntnis in der Psychiatrie somit von den definierten Typen ab.

Die Tatsache, dass man psychische Syndrome verschieden definieren und daher verschieden klassifizieren kann, spiegelt sich unter anderem darin, dass gegenwärtig in vielen Ländern die Psychiatrische ICD-10 Klassifikation in Verwendung ist, während in anderen Ländern hauptsächlich die DSM-V Klassifikation in Verwendung ist.

Auch die Tatsache, dass psychiatrische Klassifikationen ständig fortentwickelt werden, spricht dafür, dass eine psychiatrische Klassifikation nichts ist, was unmittelbar von Naturgegebenheiten abhängt und auf der Grundlage von Naturerscheinungen entdeckt und beschrieben wird, sondern hängt eine psychiatrische Klassifikation von den Ideen ab, die auf die psychischen Auffälligkeiten projiziert werden.  (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Gegenwärtig ist die Psychiatrische ICD-10 Klassifikation in vielen Ländern in Verwendung, bald wird jedoch die ICD-11 Klassifikation in diesen Ländern in Verwendung sein usf. Ebenso wird bald die nächste DSM-Klassifikation in Verwendung sein – ohne, dass dabei objektiv – das heißt auf der Grundlage von objektiven Kriterien – entschieden werden kann welche Klassifikation die „richtige“ ist.

Philosophisch gesprochen erklärt sich dies dadurch, dass psychiatrische Konzepte bzw. psychologische Ideen und damit auch psychiatrische Ideen bloße Ideen Sinn von Immanuel Kant sind. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Durch psychiatrische Konzepte bzw. psychologische Ideen und psychiatrische Ideen werden psychische Erscheinungen (psychische Phänomene) erfasst, die im Bewusstsein der erkennenden Person als bloße Ideen erscheinen. (Anmerkung: griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende)

Man kann daher psychische Sachverhalte unter verschiedenen Gesichtspunkten sehen und geistig auffassen. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Karl Jaspers hat erkannt, dass die Idee einer Krankheitseinheit in der Psychiatrie eine Idee im Sinn von Immanuel Kant ist. (vgl.  Jaspers Zitat 6).

Weil psychiatrische Konzepte bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind und deswegen verschieden definiert werden können, hat Karl Jaspers gesagt, dass die „Schemata“  dieser Ideen  methodische Hilfsmittel sind, die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind (vgl. mit Jaspers Zitat).

Eine psychiatrische Kategorie ist also das Schema einer psychiatrisch-diagnostischen Idee, bzw. das Schema einer psychiatrischen Diagnose. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Ferner hat Karl Jaspers völlig richtig erkannt, dass das Ganze als Idee durch das Schema der Idee nur angenähert erreicht werden kann. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann also in der Psychiatrie das Erkenntisobjekt, die psychische Störung durch das Schema der Idee nur angenähert erreichen und diagnostisch bestimmen. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann also in der Psychiatrie nur in der Vorstellung, also nur auf der Ebene der Ideen „prüfen“, ob ein klinisches Erscheinungsbild einer psychiatrischen Kategorie (Diagnose) hinreichend entspricht bzw. entscheiden, ob das klinische Erscheinungsbild diesem Schema mehr oder weniger entspricht.

Mit anderen Worten: Wir gelangen in der Psychiatrie nie zu einer absoluten Erkenntnis, wie dies zum Teil bei medizinischen Erkenntnissen (Diagnosen), nämlich bei dem Teil der medizinischen Diagnosen der Fall ist, die objektivierbar sind (z.B. bei einem Knochenbruch). Das heißt in der Psychiatrie gelangen wir immer nur zu relativen Erkenntnissen – zu Erkenntnissen, die relativ in Bezug auf eine psychiatrische Idee gewonnen werden und die daher relativ in Bezug auf die angewandte Idee gültig sind.

Daher handelt sich bei psychiatrischem Wissen um relatives Wissen das gleichzeitig auch beschränktes Wissen ist.

Eine psychiatrische Diagnose stellt also eine relative Erkenntnis in Bezug auf eine, per Konvention definierte psychiatrische Idee dar.

Anmerkung: damit ist natürlich nicht gesagt, dass diese Ideen beliebig oder willkürlich definiert worden sind, sondern ist vielmehr eine solche Idee und die Gesamtheit der psychiatrischen Ideen auf der Grundlage der klinischen Erfahrung und (vernünftigen) Überlegung, somit auf der Grundlage der Vernunft entstanden und auf dieser Grundlage auch weiter entwickelt worden. Eben weil die klinische Erfahrung im Laufe der Zeit zugenommen hat, haben die Fachleute von Zeit zu Zeit das Raster der Ideen modifiziert, um die einzelnen Einheiten, die systematische Einheiten im Sinn von Immanuel Kant sind, noch besser auf einander abzustimmen zu können. Bei gewissen Revisionen der psychiatrischen Klassifikationen sind auch neue Einheiten eingeführt und andere verlassen worden (z.B. die Einheit Dementia praecox wurde verlassen und die Einheit Schizophrenie eingeführt, vgl. mit Bleuler Zitat).

Philosophisch gesprochen handelt es sich also bei einer psychiatrischen Diagnose (Kategorie), also bei einer psychiatrisch-diagnostischen Einheit um eine dogmatisch definierte diagnostische Einheit (altgr. δόγμα, dógma, „Meinung, Denkart, Lehrsatz“), die auf der Ebene der Vorstellungen per Konvention von einer Expertenkommission festgelegt worden ist. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei einer diagnostischen Einheit in der körperlichen Medizin, soweit die medizinische Diagnose allgemein gültig festgestellt werden kann um eine diagnostische Einheit, die durch die „Natur“ bestimmt ist. So ist zum Beispiel die diagnostische Einheit „Herzinfarkt“ eine  Einheit bzw. eine Idee, die durch die „Natur“ bestimmt ist. Daher kann im konkreten Fall die Verdachtsdiagnose (Idee) „Herzinfarkt“ an der „Natur“ überprüft werden. Das heißt eine solche Diagnose kann verifiziert werden, wenn tatsächlich ein Herzinfarkt aufgetreten ist, bzw. falsifiziert werden wenn kein Herzinfarkt aufgetreten ist.

Im Gegensatz zu einer diagnostischen Einheit, die durch die „Natur“ bestimmt ist, handelt es sich also bei einer psychiatrisch-diagnostischen Einheit um eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 8). Eine solche Einheit ist durch die denkende Anschauung einer Person auf der Grundlage ihrer fachlichen Kenntnisse und Erfahrungen entstanden bzw. gewonnen worden. (vgl. mit dem Jaspers Zitat)

Zum Beispiel hat Eugen Bleuler auf der Grundlage seiner klinischen Erfahrung und in Folge seiner Beobachtungen und Überlegungen die systematische Einheit Schizophrenie bzw. die Gruppe der Schizophrenien durch denkende Anschauung erlangt und definiert. (vgl. mit dem Bleuler Zitat 2 und mit dem Jaspers Zitat).

In gleicher Weise ist die systematische Einheit „Dementia praecox“ vom Psychiater Benedict Augustin Morel auf der Grundlage seiner klinischen Erfahrung und denkenden Anschauung erkannt worden und von Emil Kraepelin in seine psychiatrische Klassifikation aufgenommen und gegenüber den anderen psychiatrischen Diagnosen näher präzisiert worden.

Eine solche systematische Einheit ist also eine geistige Form, somit eine Form der „denkenden Anschauung“ bzw. der denkenden Auffassung durch die man psychische Auffälligkeiten auffassen kann. In Bezug auf eine solche Erkenntnis kann man jedoch nur auf der Ebene der Vorstellungen durch vernünftige Überlegung „prüfen“, ob die Idee zutrifft oder nicht zutrifft. Daher handelt es sich eben um eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant.

Man kann also in Bezug auf eine solche Erkenntnis lediglich subjektive Evidenz und keine objektive Evidenz erlangen.

Daher stellt eine psychiatrische Diagnose eine relative Erkenntnis in Bezug auf eine bloße Idee dar. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Im Gegensatz zu den medizinischen Diagnosen, die durch körperliche Zeichen (Merkmale) „physisch“ objektiv gültig bestimmt werden können, ist eine Objektivierung bei den psychiatrischen Diagnosen nicht möglich, und können daher die psychiatrischen Diagnosen nur jenseits der „physis“, also „meta-physisch“ – das heißt auf der Grundlage von (bloßen) Ideen bestimmt werden. Daher spricht Karl Jaspers in seiner „Allgemeinen Psychopathologie“ von der Forschung unter der Führung von Ideen. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Es gibt also einen fundamentalen Unterschied zwischen einer nützlichen bzw. möglichen Klassifikation in der Psychiatrie und der allgemein gültigen Klassifikation in der Medizin, soweit damit die Klassifikation der objektiv bestimmbaren körperlichen Krankheiten gemeint ist.

In der Psychiatrie kann man die Erkenntnisse nur in Bezug auf verschiedene bloße Ideen definieren und diagnostisch bestimmen. Man kann z.B. psychische Sachverhalte gemäß den Kriterien erfassen, wie sie in der DSM-IV Klassifikation definiert worden sind, oder gemäß den Kriterien wie sie in der ICD-10 Klassifikation definiert worden sind, oder gemäß sonstigen Kriterien, etwa solchen, wie sie in vormaligen Klassifikationen verwendet worden sind, oder wie sie zukünftig in den Klassifikationen ICD xx und DSM yy in Verwendung sein werden.

Immer handelt es sich in der Psychiatrie um Erkenntnisse in Bezug auf bloße Ideen.

In der Medizin gibt es bei den objektiv bestimmbaren Diagnosen im Prinzip nur eine Klassifikation. In der Psychiatrie kann man im Prinzip beliebig viele voneinander differente Klassifikationen bilden. Während man also in der Medizin gewisse Ideen empirisch physisch überprüfen bzw. validieren oder falsifizieren kann, ist dies aus den vorgenannten prinzipiellen Gründen in der Psychiatrie nicht möglich – eben weil die Ideen in der Psychiatrie bloße Ideen im Kant`schen Sinne sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Mit anderen Worten kann man sagen, dass man in der Medizin viele Ideen allgemein gültig validieren kann und damit das, was durch die jeweilige Idee erfasst worden ist in vielen Fällen objektiv bestimmen kann. In der Psychiatrie ist eine solche Objektivierung nicht möglich, sondern kann man eine Idee (Erkenntnis) in der Psychiatrie nur durch das Schema der Idee – nämlich durch die Kategorie bzw. den Begriff der Idee – angenähert erreichen und auf mentaler Ebene geistig ermessen, ob die Kategrie passend ist oder nicht, – in welchem Ausmaß sie passend ist oder nicht. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Wir arbeiten also mit psychiatrischen Konzepten mit deren Hilfe wir die Vielfalt der (krankheitwertigen) psychischen Erscheinungen durch systematische Einheiten im Kant`schen Sinne erfassen. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Karl Jaspers schreibt daher, dass wir in der Psychiatrie nur Erkenntnisse in Bezug auf einen Typus erlangen können (vgl. mit Jaspers Zitat). In der Medizin hingegen können wir im Teilbereich der objektivierbaren Diagnosen Erkenntnisse gemäß einer Gattung erkennen und allgemein gültig bestimmen. Die Zugehörigkeit zu einem Typus kann nur subjektiv gewiss erkannt und diagostisch bestimmt werden. Hingegen kann die Zugehörigkeit zu einer Gattung objektiv gewiss erkannt und diagnostisch bestimmt werden.  (vgl. mit Jaspers Zitat) (vgl. auch mit Kant Zitat 9 bzw. mit Kant Zitat 7)

Es wird damit deutlich, dass in der Psychiatrie nur relative Erkenntnisse bzw. nur relatives Wissen erlangt werden kann.

In der Psychiatrie kann man kein absolutes Wissen erlangen, was in der Medizin zum Teil möglich ist.

Dieser Relativität sollte man sich in der Psychiatrie bewusst sein, und die psychiatrischen Ideen bzw. die psychiatrischen Konzepte daher nur relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Missversteht man psychiatrische Konzepte und glaubt man damit absolute Erkenntnisse zu gewinnen bzw. gewonnen zu haben, so führt dies zu ewigen Widersprüchen und Streitigkeiten. (vgl. mit Kant Zitat 3)

Man sollte sich also der Beschränktheit der Erkenntnisse in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) bewusst sein, und daher bei der Argumentation die (subjektiven) Erkenntnisse mit der angemessenen Bescheidenheit vertreten, insbesondere dann wenn das klinische Erscheinungsbild nicht typisch ist.

Mit anderen Worten, man sollte die Grenzen der Erkenntnis, die uns beim psychiatrischen (psychologischen und psychotherapeutischen) Erkennen auferlegt sind beachten und in der psychiatrischen Praxis und auch in der psychiatrischen Wissenschaft berücksichtigen.  (vgl. mit Kant Zitat 2)

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Eine Zusammenfassung zur Thematik finden Sie auf dem ersten Poster:

Die Anwendung der “Kritik der reinen Vernunft” von Immanuel Kant auf das psychiatrische Diagnostizieren Auswirkungen auf die psychiatrische Praxis und Wissenschaft

der am DGPPN-Kongress im November 2009 in Berlin vorgestellt worden ist.

Eine detaillierte Zusammenfassung zur Klassifikation in der Psychiatrie finden Sie auf Poster 5 :

CLASSIFICATION IN PSYCHIATRY – APPROPRIATE USE OF THE DSM-IV AND ICD-10 CATEGORIES – TO AVOID CONFLICTS AND CONTRADICTIONS IN PRACTICE AND SCIENCE – AN INVESTIGATION IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY

der am International Congress of the Royal College of  Psychiatrists im Juni 2010 in Edinburgh, UK vorgestellt worden ist.

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(Beitrag in Arbeit, letztes Änderung 1.1.2015,  abgelegt unter Klassifikation, Psychiatrie)

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