Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Ideen in der Medizin und Psychiatrie, 2. Teil

Grundsätzlich gibt es Ideen, die auf „physischer“ Ebene überprüft werden können und solche, die nicht „physisch“ überprüft werden können.

In der Medizin gibt es viele Ideen, die auf „physischer“ Ebene überprüft werden können.

In der Psychiatrie gibt es keine Ideen, die „physisch“ überprüft werden können, sondern es kann lediglich manch eine psychiatrische Idee bzw. manch eine psychische Störung und damit manch eine psychiatrische Diagnose „physisch“ erklärt werden, wenn entsprechende „physische“ Merkmale gefunden werden. Dies ist bei den psychiatrischen Diagnosen der 3. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers der Fall.

In der Psychiatrie können die Diagnosen also nicht  „physisch“ überprüft werden und auf dieser Grundlage objektiviert werden, sondern es kann nur manch eine psychiatrische Diagnose durch eine körperliche Ursache bzw. durch biologische Befunde erklärt werden. In der Medizin können, gewisse medizinische Diagnosen und damit gewisse diagnostische Ideen ebenfalls nicht „physisch“ überprüft werden, nämlich die medizinischen Diagnosen, die sich auf Symptome und auf nicht-objektivierbare Phänomene gründen.

Immanuel Kant unterscheidet daher Erkenntnisse, die am Probierstein der Erfahrung geprüft werden können, von solchen die nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Ideen die nicht auf ein Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage überprüft werden können, nennt Immanuel Kant bloße Ideen. So ist zum Beispiel eine psychologische Idee eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 4), oder es ist eine psychiatrische Idee eine bloße Idee.

Wie man sich überzeugt sind folgende Ideen in der Medizin: „Verdacht auf Herzinfarkt“, „Verdacht auf Pneumonie“, „Verdacht auf Leucämie“ usf. Ideen, die „physisch“ überprüft werden können. Es sind dies also Ideen die auf ein Objekt zurückgeführt und damit objektiviert bzw. physisch validiert oder falsifiziert werden können. Dem entgegen können z.B. die medizinischen Diagnosen: „Spannungskopfschmerz“, Migräne, „Fibromyalgie“, „Vegetative Dystonie“ und andere, sowie die psychiatrischen Diagnosen: „Schizophrenie„, „Schizoaffektive Störung“, „Schizoide Persönlichkeitstörung“ und sämtliche anderen psychiatrischen Diagnosen der ICD-10 Klassifikation oder der DSM-V Klassifikation nicht „physisch“ überprüft werden.

Man bemerkt dabei, dass es sich bei diesen diagnostischen Ideen bzw. bei den Begriffen dieser diagnostischen Ideen um projektierte Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 5) und somit um Konzepte handelt, die nicht auf der Ebene der Objekte überprüft werden können. Es ist eine solche Einheit also eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant, die nicht auf ein Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmt werden kann.

Es sind also sämtliche psychiatrischen Konzepte – philosophisch betrachtet – projektierte Einheiten – durch die krankheitswertige psychische Auffälligkeiten unter den Begriffen dieser Ideen aufgefasst werden können. Daher hat Karl Jaspers richtig erkannt, dass die psychiatrischen Ideen methodische Hilfsmittel sind, die grenzenlos korrigierbar und verwandelbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat)

In der Medizin und in der Psychiatrie sind auch die prognostischen Ideen, also die Ideen, die wir formulieren um ein zukünftiges Ereignis vorherzusagen Ideen, die nicht am Probierstein der Erfahrung überprüft werden können. Eine prognostische Einschätzung ist also immer ein hypothetische Idee, die nicht unmittelbar überprüft werden kann, sondern es erweist sich erst in der Zukunft, ob die prognostische Einschätzung richtig war, oder, ob sie nicht richtig war bzw. in welchem Ausmaß sie richtig war, sie also relativ richtig war (vgl. mit Kant Zitat 5).

Ideen sind grundsätzlich nicht konstitutiv.

Man sollte daher eine Idee, solange ihr Zutreffen nicht bewiesen ist, nur regulativ bzw. nur relativistisch verwenden. (vgl. z.B. mit Kant Zitat 4)

Dies wird allerdings in der medizinischen und vor allem in der psychiatrischen Praxis vielfach nicht beachtet und nicht so gemacht.

Psychiatrische Erkenntnisse (psychiatrische Diagnosen) werden, wenn sie einmal von einer Fachperson festgestellt worden sind, vielfach so angesehen, als ob es sich dabei um gesicherte Erkenntnisse handelt, die absolut gültig sind. Dies ist allerdings falsch und es führt dies zu falschen Schlussfolgerungen und zur falschen Beurteilungen von Sachverhalten (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Ideen sind nämlich nicht konstitutiv sondern nur regulativ. Das heißt eine Idee gilt nur relativ. Das heißt die jeweils erlangte Idee ist mehr oder weniger gültig. Nur wenn es möglich ist die Idee „physisch“ zu überprüfen, nur dann kann es sein, dass diese Idee und damit diese Erkenntnis absolut gültig ist. Ansonsten ist eine Idee jedoch nur relativ gültig. Daher sollte man eine Idee primär immer nur relativistisch verwenden. Daher ist eine Erkenntnis, die mit Hilfe einer Idee gewonnen wird, die nicht physisch überprüfbar ist grundsätzlich nur relativ gültig. Auf diesen Sachverhalt hat Karl Jaspers bezügliche der Erkenntnisse in der Psychologie (Psychiatrie) hingewiesen. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Nur Erkenntnisse, die sich auf objektive Tatsachen gründen sind tatsächlich objektiv gültig. Das heißt solche Erkenntnisse können in der Anschauung demonstriert werden und sie sind daher allgemein gültig. Dies ist vielfach in der Naturwissenschaft möglich auf dieser Grundlage eine Erkenntnis zu sichern und damit das Zutreffen der Idee allgemein gültig zu beweisen. (Wenn man z.B. festgestellt hat, dass es sich bei einer Flüssigkeit um reines Wasser handelt, dann kann man kostitutiv daraus schließen, dass diese Flüssigkeit auf Meereshöhe bei Null Grad Celsius gefrieren wird und bei Einhundert Grad Celsius kochen wird usf.). Solche zwingenden Schlussfolgerungen sind aber in der Medizin in prognostischer Hinsicht nicht möglich und es sind solche Schlussfolgerungen auch in der Psychiatrie nicht möglich. Ja vielmehr ist in der Psychiatrie das Wissen noch wesentlich weniger gesichert als das Wissen in der Medizin, insofern es sich bei den psychiatrischen Erkenntnissen um bloße Ideen handelt.

Damit sei nicht in Frage gestellt, dass es auch in der Psychiatrie möglich ist von Regelmäßigkeiten auszugehen, wie sie empirisch auf der Grundlage der psychiatrischen Konzepte empirisch gewonnen worden sind.

Im Vergleich zum Wissen in der Medizin gibt es aber doch wesentliche Unterschiede, die auf die Tatsache zurückgehen, dass die psychiatrische Erkenntnisse sich auf bloßen Ideen gründen, was bei medizinischen Erkenntnissen, die auf der Ebene der Fakten validiert und verifiziert werden können, nicht der Fall ist.

Bezüglich der Auswirkungen auf die Diagnostik in der Psychiatrie und damit auf die psychiatrische Wissenschaft im Vergleich zur medizinischen Wissenschaft ist der Sachverhalt auf diesem Poster, der am EPA Kongress in München im März 2010 vorgestellt worden, näher beschrieben.

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(letzte Änderung 22.12.2013, abgelegt unter Medizinische Diagnostik)

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