Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Grenzen der Wissenschaft bei der Bestimmung der Kausalität

Man ist geneigt die Möglichkeiten der Wissenschaft bei der Bestimmung der Kausalität zu überschätzen.

Man stellt sich vor, dass die Wissenschaft mit Hilfe ihrer Methoden die Frage nach den Ursachen von vielen Dingen auf der Grundlage von empirischen Studien klären kann, und damit die Ursache einer Erscheinung allgemein gültig bestimmen kann. Tatsächlich kann die Wissenschaft durch die empirische Forschung jedoch nur in denjenigen Fällen die Kausaltät allgemein gültig klären, und allgemein gültig bestimmen, bei denen eine gesetzmäßige Abfolge von natürlichen Erscheinungen aufgezeigt werden kann. Das heißt es ist nur möglich die Ursache allgemein gültig aufzuzeigen, wenn ein naturgesetzmäßiger Zusammenhang zwischen einer Wirkung und ihrer Ursache aufgefunden und demonstriert werden kann, wie dies bei den Erscheinungen der Fall ist, die gemäß einem Naturgesetz auftreten.

Sobald ein Vorgang nicht gesetzmäßig sondern nur mehr oder weniger regelmäßig – also nur nach einer mehr oder weniger gültigen Regel erfolgt, bzw. nach einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Regelmäßigkeit erfolgt, kann die Wissenschaft keine verbindliche Aussage über den Zusammenhang einer Wirkung mit ihrer Ursache machen, sondern es ist einem solchen Fall nur eine Aussage im Sinne einer Wahrscheinlichkeit möglich.

Dabei muss man unterscheiden, ob es sich um eine Aussage im Sinne der mathematischen Wahrscheinlichkeit oder um eine Aussage im Sinne der philosophischen Wahrscheinlichkeit handelt (vlg. mit Kant Zitat 9b), weil die wissenschaftliche Studie von Fakten bzw. objektiven Befunden oder von Ideen bzw. den Begriffen der Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) und damit von subjektiven Befunden ausgeht.

Bestimmung der Kausalität durch die Wissenschaft bei objektiv bestimmbaren Erscheinungen bzw. Einheiten

In den Fällen in denen die Erkenntnis von objektiven Daten, also  in der empirischen Forschung von körperlichen Fakten ausgeht, kann auf der Grundlage von empirischen Studien eine Aussage im Sinne der mathematischen Wahrscheinlichkeit gemacht werden. Dies ist etwa in der Naturwissenschaft (z.B. Physik, Chemie) der Fall, wo man die Ursachen von „physischen“ Erscheinungen sucht. Und es ist dies auch im dem Bereich der Medizin der Fall, wo man die Ursachen von körperlichen Krankheiten sucht, die auf der Grundlage von objektiven Befunden bestimmt werden können. In diesen Fällen kann man die Ursache dieser Einheiten allgemein  gültig bestimmen und kann man sodann Studien im Sinne der mathematischen Wahrscheinlichkeit durchführen, die zu Wissen im Sinn der Annäherung zur Gewissheit führen (vlg. mit Kant Zitat 9b).

Bestimmung der Kausalität durch die Wissenschaft bei nur subjektiv gültig bestimmbaren Erscheinungen bzw. Einheiten

Wenn eine Erscheinung bzw. eine Einheit nur auf der Ebene der Ideen auf der Grundlage einer Idee (Vorstellung) bzw. des damit erlangten Begriffs der Idee – oder man kann hier auch sagen auf der Grundlage eines Konzepts erkannt werden kann, wenn also die Einheit nur auf der Grundlage einer nur problematisch zum Grunde gelegten Einheit erkannt werden kann (vgl. mit Kant Zitat 8), dann kann man die Ursache einer solchen Einheit (Entität) nicht allgemein gültig bestimmen, weil es sich bei einer solchen Einheit um die systematische Einheit der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) handelt. Dies trifft auf die syndromalen Diagnosen – oder man kann auch sagen phänomenologischen Diagnosen – in der Medizin und ebenso auf die psychiatrischen Diagnosen zu. Diese Einheiten können nur auf der Grundlage einer Idee bzw. nur auf der Grundlage einer projektierten Einheit diagnostisch subjektiv gültig bestimmt werden.

In einem solchen Fall kann man also die Ursache nicht allgemein gültig bestimmen, weil es sich bei der Ursache bzw. der Frage nach der Kausalität um eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee handelt, die als bloße Idee im Bewusstsein erscheint (vgl. mit Kant Zitat 24a). Eine solche Idee kann man daher im konkreten Fall niemals allgemein gültig auf der Grundlage eines Objekts bestimmen, sondern kann man eine solche Idee nur subjektiv gültig auf der Ebene der Ideen bestimmen.

In den Fällen in denen man die Einheit nur subjektiv gültig bestimmen kann, wie dies etwa beim Auftreten eines psychischen Phänomens in der Psychologie, oder beim Auftreten eines psychopathologischen Phänomens in der Psychiatrie, oder beim Auftreten eines ganzen Symptomenkomplexes im Sinne einer psychiatrischen Diagnose der Fall ist, kann man die Einheit als solche und auch die Ursache der Einheit nicht allgemein gültig bestimmen. Dies hat zur Folge, dass man in der Wissenschaft ausgehend von subjektiv festgestellten Einheiten bzw. subjektiv festgestellten „Erscheinungen“ nur Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich einer anderen Scheinbarkeit erlangen kann. (vlg. mit Kant Zitat 9b)

Dies ist so, weil ein solches Phänomen bzw. eine solche „Erscheinung“ – die dem Grad nach subjektives Wissen ist – also Wissen entweder vom Grad des (persönlichen) Glaubens oder vom Grad einer Meinung – nur mit der Hilfe eines Konzepts erkannt werden kann, also diese „Erscheinung“ nicht objektiv gültig bestimmt werden kann. Mit anderen Worten kann man auch sagen: ein solches Phänomen kann nur auf der Grundlage einer bloßen Idee erkannt werden – und kann daher in Bezug auf die Ursache eines solchen Phänomens durch die wissenschaftliche Forschung erst recht keine verbindliche Ursache angegeben werden.

Wie sollte man für eine Einheit, die man nicht einmal selbst allgemein gültig bestimmen kann, verlässlich, also reliabel die Ursache angeben können, die diese „Erscheinung“ hervorruft, wo doch die Erklärung, also die Kausalität, die den Zusammenhang der Wirkung mit der Ursache aufzeigt, seinerseits auch nur eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee ist?

Man erkennt damit, dass man für psychische Störungen, sei dies etwa eine psychische Störung vom Typ einer Schizophrenie, oder einer Demenz, oder einer pyschischen Störung vom Typ eines ADHS, oder einer psychischen Störung vom Typ einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, oder sonst eine psychischen Störung man niemals die Ursache wird allgemein gültig bestimmen können.

Vielmehr kann man das Auftreten von solchen „Erscheinungen“ durch mögliche Ursachen erklären bzw. durch Faktoren erklären, die man als relevante Faktoren einer systematischen Einheit bzw. einer Ursache einer solchen systematischen Einheit als komplexe Ursache erkannt hat. Man kann also „mögliche Ursachen“ angeben, die das Auftreten von solchen „Erscheinungen“ erklären, ohne dass man jedoch im konkreten Fall allgemein gültig feststellen kann was die „tatsächliche Ursache“ ist. Man kann also in einem solchen konkreten Fall niemals, weder im Hier und Jetzt, noch auf dem Weg von statistischen Studien generell für solche Fälle herausfinden und verbindlich angeben und allgemein gültig bestimmen was die faktische Ursache einer solchen „Erscheinung“ ist.

Daher kann man sich der Natur der Erscheinungen nur nach den verschiedensten Prinzipien nähern:

Man kann der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes“ nachgehen, gleichzeitig soll man aber „niemals aber die Grenzen überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als leerer Raum ist.” (vlg. mit Kant Zitat 2)

Analoges wie für die Psychiatrie gilt auch für die Psychologie und Psychotherapie, und auch für andere Wissenschaften bei denen man die Erscheinungen nur auf der Grundlage von bloßen Ideen erkennen kann.

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Hinweis:

Weiteres zu den Begriffen der Kausalität, Wahrscheinlichkeit und Wissenschaft auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

siehe dort die Kapitel:

10 Kausalität und Ursache in Psychiatrie und Medizin

14 Zum Begriff der Wahrscheinlichkeit in Medizin und Psychiatrie

16 Zum Begriff Wissenschaft in Psychiatrie und Medizin

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(letzte Änderung 11.06.2019, abgelegt unter: Kausalität, Wissenschaft)

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