Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Evidenz in der Medizin und Psychiatrie

Evidenz wird in der Medizin und auch in der Psychiatrie durch Anschauung erlangt.

Vergleicht man die Evidenz in der Medizin mit der Evidenz in der Psychiatrie so findet man jedoch einen Unterschied.

In der Medizin ist manches in Folge der optischen Sinneswahrnehmung unmittelbar (auenscheinlich) evident (z.B. ein offener Knochenbruch). Vieles wird in der Medizin jedoch nicht unmittelbar durch die Anschauung evident erkannt, sondern erst nach dem eine Idee (Vorstellung) auf den Sachverhalt projiziert worden ist, und im Weiteren das Zutreffen der Idee durch den Nachweis von körperlichen Zeichen physisch unter Beweis gestellt worden ist. Wenn z.B. die Verdachtsdiagnose Herzinfarkt durch charakteristische EKG Zeichen und spezifische Laborwerte unter Beweis gestellt wird, so wird die Evidenz erlangt, dass ein Herzinfarkt eingetreten ist.

In der Psychiatrie werden ebenfalls Ideen auf Sachverhalte projiziert. In der Psychiatrie kann man jedoch die gewonnenen Ideen nicht im zuvor genannten Sinn physisch überprüfen. Der tieferliegende Grund dafür findet sich in der Tatsache, dass psychiatrische Ideen, und überhaupt psychologische Ideen bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Dies ist der Grund warum es einen fundamentalen Unterschied in der Evidenz zwischen den objektivierbaren medizinischen Diagnosen und den psychiatrischen Diagnosen gibt.

In der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) erlangen wir Evidenz indem wir Ideen auf Sachverhalte projizieren ohne diese Erkenntnisse im Weiteren allgemein gültig überprüfen zu können – wir erlangen also nur subjektive Evidenz. Es ist hier keine Demonstration möglich sondern der Beweis beruht auf der Argumentation.

In der Medizin hingegen erlangen wir, in dem Fall, wenn eine Erkenntnis (Idee) physisch überprüfbar ist, und die Prüfung die vermutete Idee (Verdachtsdiagnose) bestätigt objektive Evidenz. Hier ist also die Demonstration durch Tatsachen bzw. durch Fakten möglich.

Man kann also sagen, dass wir in der Psychiatrie die Evidenz lediglich aus der Anschauung von Ideen erlangen bzw. Sachverhalte als zutreffend erkennen wenn wir gewisse Ideen darauf projizieren, hingegen im objektivierbaren Bereich der Medizin aus der Anschauung, der Projektion von Ideen und der physischen Überprüfung dieser projizierten Ideen.

Es gibt also einen großen Unterschied zwischen der „Evidenz basierten Psychiatrie“ und der „Evidenz basierten Medizin“ in dem Bereich, wo die medizinischen Erkenntnisse sich auf objektive Daten/ objektive Befunde gründen insofern hier  das Wissen auf objektiver Evidenz beruht.

In wenigen Worten kann man sagen, dass die Evidenz in der Psychiatrie aus der (geistigen) Anschauung (der eigenen Ideen) resultiert, die wir mit Hilfe von vorgefertigten Konzepten erlangen, wogegen die Evidenz in der Medizin, soweit sie sich auf objektive körperliche Zeichen gründet, aus der unmittelbaren Anschauung resultiert. (Weiteres dazu auf Poster 4 zum Thema: EMPIRICISM IN PSYCHIATRY VERSUS EMPIRICISM IN MEDICINE – IN THE LIGHT OF THE PHILOSOPHIES OF JOHN LOCKE, DAVID HUME AND IMMANUEL KANT)

Weitere Einzelheiten über die Evidenz im Beitrag Evidenz.

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Hinweis:

Weiteres zum Thema Evidenz

und zum Unterschied der

Evidenz in der Medizin sowie Evidenz in der Psychiatrie und Evidenz in der Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Psychosomatik

in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

siehe dort:

8 Evidenz in Psychiatrie und Medizin

8.1 Zum Begriff der Evidenz (Definition)

8.1.1 objektive Evidenz versus subjektive Evidenz

8.2 Evidenz in der Heilkunde

8.2.1 Evidenz für den Arzt

8.2.2 Evidenz für den Patienten

8.2.3 Evidenz in der Wissenschaft

8.3 Evidenz in der Psychiatrie

8.4 Evidenz in der Medizin

8.5 Evidenz in der Alternativmedizin, Komplementärmedizin und Psychosomatik

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(letzte Änderung 17.08.2020, abgelegt unter: Evidenz, Psychiatrie, Medizin)

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