Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Empirisches Wissen in der Psychiatrie und Medizin

Es gibt in der Medizin empirisches Wissen das objektives Wissen ist und andererseits empirisches Wissen das nur subjektives Wissen ist.

Auch in der Psychiatrie ist das erlangte Wissen empirisches Wissen, insofern es auf der Grundlage der Erfahrung und durch das Denken bzw. durch die denkende Anschauung (vgl. mit Jaspers Zitat) im Zusammenhang mit der Erfahrung gewonnen wird.

Das empirisch erlangte Wissen in der Psychiatrie ist jedoch grundsätzlich subjektives Wissen, weil es immer auf der Grundlage von Ideen und zwar auf der Grundlage von bloßen Ideen entsteht.

In der Medizin ist zum Beispiel die diagnostische Erkenntnis eines Metallsplitters auf der Hornhaut objektives Wissen,  weil es sich dabei um einen objektiven Befund handelt.

Wenn hingegen ein Patient Schmerzen in der Brust klagt und dieser Schmerz nicht auf ein real existentes Objekt zurückgeführt werden kann, dann ist dies eine medizinische Diagnose, die sich auf ein Symptom gründet. Es handelt sich in diesem Fall also um subjektives Wissen das sich auf einen subjektiven Befund gründet. In diesem Fall ist das empirische Wissen für die betroffene Person zwar subjektiv gewiss, aber es kann dieses Wissen nur durch subjektive Evidenz erkannt werden (vgl. mit Kant Zitat 9).

Desgleichen ist empirisches Wissen in der Psychiatrie, das bekanntlich auf der Grundlage von psychischen Symptomen und psychischen Phänomenen gewonnen wird, nur subjektives Wissen, weil die erlangte Erkenntnis vom jeweils erkennenden Subjekt abhängig ist.

Solches Wissen kann zwar auch von anderen Personen als zutreffend angesehen werden – wobei dies vor allem dann der Fall sein wird, wenn der Sachverhalt typisch ist.

In einem solchen Fall werden in der Regel andere, mit dem Fall befasste Fachpersonen in ihrer fachlichen Meinung und damit in ihrer persönlichen Sichtweise mit der Sichtweise von anderen Personen übereinstimmen – genau genommen handelt es sich in einem solchen Fall jedoch immer um subjektives Wissen und nicht um objektives Wissen.

Objektives Wissen hängt nämlich nur vom Objekt – nicht aber vom erkennenden Subjekt (vgl. mit Kant Zitat 9) ab.

Beim objektiven Wissen ist das entscheidende Kriterium im Objekt gelegen und hängt das Wissen daher nicht von der subjektiven Art und Weise der individuellen / persönlichen Auffassung ab (vgl. mit Kant Zitat 9).

Mit anderen Worten: objektives Wissen ist nicht von Voraussetzungen abhängig, die im Subjekt gelegen sind.

Objektives Wissen ist also Wissen das alleind durch das Objekt bestimmt ist und es ist daher dieses Wissen allgemein gültig bestimmbar (vgl. mit Kant Zitat 9).

In einem solchen Fall werden die Kriterien, die zur objektiven Erkenntnis führen allein durch das Objekt bzw. allein durch das Erkenntnisobjekt bestimmt und sie hängen nicht vom erkennenden Subjekt ab (vgl. mit Kant Zitat 9).

In der Medizin können daher Symptome und körperliche, nicht-objektivierbare Phänomene und ebenso in der Psychiatrie psychische Symptome und psychische Phänomene nicht allgemein gültig festgestellt werden, da sie nicht auf ein real existentes Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage unabhängig vom erkennenden Subjekt bestimmt werden können (vgl. mit Kant Zitat 7).

Symptome und nicht objektivierbare Phänomene entstehen zwar auf der Grundlage der Erfahrung und daher empirisch – sie haben jedoch in der Regel keinen eindeutigen Bezug zu einem real existenten Objekt. Daher können sie nicht physisch begründet bestimmt werden, sondern kann man sie allenfalls physisch begründet erklären.

Dabei sind Symptome und nicht-objektivierbare Phänomene Erkenntnisobjekte, die in der Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person  als systematische Einheit erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man kann auch sagen: in diesem Fall wird das Erkenntnisobjekt durch das Schema der Idee erkannt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Diesen Sachverhalt hat in der Psychiatrie (Psychologie) der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt (vgl. mit Jaspers Zitat).

Der Begriff der Idee, der im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheint ist uns daher – in der Terminologie von Immanuel Kant nur als Gegenstand in der Idee gegeben (vgl. mit Kant Zitat 7) – man kann auch sagen: der Begriff ist uns nur als mentales Erkenntnisobjekt gegeben.

In diesem Sinn wird beispielsweise der Begriff „depressiv“ oder der Begriff „schizophren“ oder der Begriff „glücklich“ oder „unglücklich“ im Bewusstsein der erkennenden Person erlangt, wenn diese die entsprechenden Merkmale der Idee erkennt und den Sachverhalt unter dem Begriff der Idee auffasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Immanuel Kantschreibt in der „Kritik der reinen Vernunft“, dass gewisse Erkenntnisse nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Wie man sich überzeugt können tatsächlich viele Erkenntnisse und damit viele Ideen nicht am Probierstein der Erfahrung „physisch“ überprüft werden. Diese Ideen können also nicht auf der Ebene der Objekte bzw. nicht auf der Ebene der Fakten überprüft werden.

Dies macht den großen Unterschied zwischen der Empirie in der Psychiatrie und der Empirie in der Medizin aus, wobei damit die objektiv bestimmbaren Erkenntnisse in der Medizin gemeint sind.

Das allermeiste Wissen in der Psychiatrie ist empirisches Wissen, das nur auf der Grundlage von subjektiv feststellbaren Zeichen, die als mentale Erkenntnisobjekte im Bewusstsein der erkennenden Person entstehen bzw. als die Begriffe dieser Ideen als systematische Einheiten erscheinen.

Immanuel Kant spricht daher von einem „Gegenstand in der Idee“ im Gegensatz zu einem „Gegenstand schlechthin„. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Körperliche Auffälligkeiten bzw. körperliche Befunde, die man im Zusammenhang mit psychischen Störungen findet stellen somit zusätzliche Informationen also Zusatzbefunde dar, durch die man fallweise die psychische Störung verstehen bzw. damit besser erklären kann.

Die psychische Störung kann man dadurch jedoch nicht diagnostisch allgemein gültig und damit nicht objektiv gültig bestimmen. Man kann eine psychische Störung also nicht durch körperliche Befunde validieren, weil es sich dabei – philosophisch gesprochen – um eine bloße Idee handelt, die man nicht auf der Ebene der Objekte überprüfen kann.

Eine psychiatrische Diagnose kann man daher nicht auf der Grundlage von körperlichen Zeichen bestimmen. Mit anderen Worten: man kann eine psychiatrische Diagnose nicht objektivieren, weil sie sich auf eine bloße Idee gründet. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Es ist also eine psychiatrische Idee – so wie eine psychologische Idee – eine bloße Idee. Und eine solche Idee kann man durch das Schema der Idee nur angenähert erkennen. (vgl. mit dem Jaspers Zitat).

Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem empirischen Wissen das man in der Psychiatrie erlangt und dem empirischen Wissen das in der Medizin erlangt wird, soweit sich dieses medizinische Wissen auf objektive Befunde gründet.

Das empirische Wissen in der Psychiatrie basiert auf mentalen Erkenntnisobjekten, die wir auf der Grundlage von Wahrnehmungsurteilen im Sinn von Immanuel Kant erkennen. Im Gegensatz gründet sich das objektiv bestimmbare empirische Wissen in der Medizin auf Erfahrungsurteile im Sinn von Immanuel Kant.

Weiteres dazu auf  Poster 4: EMPIRICISM IN PSYCHIATRY VERSUS EMPIRICISM IN MEDICINE – IN THE LIGHT OF THE PHILOSOPHIES OF JOHN LOCKE, DAVID HUME AND IMMANUEL KANT

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(letzte Änderung 19.06.2017, abgelegt: unter Wissen, Medizin, Psychiatrie)

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