C. G. Jung Zitat – Kausalität in der Psychiatrie

„Wenn ich mich heute über das Problem der Psychogenese bei Geisteskrankheiten zu äußern wage, so bin ich mir darüber klar, daß ich damit eine Frage berühre, die nicht gerade populär ist. Die großen Fortschritte, die auf dem Gebiet der Hirnanatomie und der pathologischen Physiologie gemacht worden sind, und die heutige allgemeine Voreingenommenheit für die Naturwissenschaft haben uns gelehrt, immer und überall nach materiellen Ursachen zu suchen und zufrieden zu sein, wenn wir sie gefunden haben. Die frühere metaphysische Erklärung der Natur wurde auf Grund ihrer vielfachen Irrtümer diskreditiert, und zwar so sehr, daß der Wert ihres psychologischen Gesichtspunkts verloren ging. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts lief in der Psychiatrie die metaphysische Erklärung der Natur auf moralisch-ätiologische Theorien hinaus, welche die Geisteskrankheit als Folge moralischer Verfehlungen darstellten. Erst zur Zeit ESQUIROLS wurde die Psychiatrie eine Naturwissenschaft. Die Entwicklung der Naturwissenschaft brachte eine generelle Weltanschauung mit sich – die des wissenschaftlichen Materialismus, der, vom psychologischen Standpunkt aus gesehen, auf einer erheblichen Überbewertung der physikalischen Kausalität beruht. Der wissenschaftliche Materialismus weigert sich grundsätzlich, irgendeinen anderen Kausalzusammenhang als den physikalischen anzuerkennen. Das materialistische Dogma, wie es in der Psychiatrie formuliert wird, lautet: „Geisteskrankheiten sind Hirnkrankheiten„. Dieses Dogma ist noch heute gültig, obgleich der Materialismus in der Philosophie bereits im Schwinden ist. Die nahezu unbestrittene Geltung des materialistischen Dogmas in der Psychiatrie liegt liegt hauptsächlich darin, daß Medizin eine Naturwissenschaft und der Psychiater als Arzt Naturwissenschaftler ist. Der Medizinstudent, der mit Spezialstudien überlastet ist, kann es sich nicht leisten, in das Gebiet der Philosophie abzuschweifen und unterliegt ausschließlich dem Einfluß materialistischer Axiome. Infolge dessen befassen sich psychiatrische Untersuchungen hauptsächlich mit anatomischen Problemen, sofern sie nicht mit der Fragen der Diagnose und Klassifizierung beschäftigt sind. Der Psychiater betrachtet also normalerweise die physikalische Ätiologie als erstrangig, während er die psychologische Ätiologie als sekundär und untergeordnet ansieht; und wegen dieser Einstellung behält er nur kausale Zusammenhänge physischer Art im Auge und übersieht ihre psychische Bestimmung. Mit dieser Haltung kann man die Bedeutsamkeit psychologisch entscheidender Faktoren nicht würdigen. Ärzte haben mir oft versichert, bei ihren Patienten sei keine Spur psychischer Konflikte oder psychogener Symptome festzustellen; aber ebenso oft entdeckte ich, daß sie zwar sorgfältig alle Vorkommnisse körperlicher Art untersucht, von denjenigen psychischer Natur aber keine Notiz genommen hatten, nicht aus Nachlässigkeit, sondern wegen der typischen Unterbewertung der Tragweite des psychologischen Faktors. ….“ (Ende des Zitats)

aus dem Kapitel: Über das Problem der Psychogenese bei Geisteskrankheiten, C. G. Jung Gesammelte Werke, Dritter BandSeite 235, Rascher Verlag, Zürich und Stuttgart, MCMLXVIII,

Anmerkung zum Zitat: 

Bekanntlich war C. G. Jung als junger Psychiater am Burghölzli bei August Forel und Eugen Bleuler in Zürich tätig und sah er dort in seiner Funktion viele Patienten, die in jener Zeit noch unter der psychiatrischen Diagnose Dementia praecox erfasst worden sind, bevor Eugen Bleuler dann der Begriff Schizophrenie bzw. die Gruppe der Schizophrenien geprägt hatte.

Daher war auch C. G. Jung mit der Frage der Ätiologie der psychischen Krankheiten (psychischen Störungen) und insbesondere mit der Ätiologie dieser psychischen Krankheit befasst, bei der Ärzte schon früh in Bezug auf die Ursache an eine körperliche Ursache gedacht hatten (vgl. mit Bleuler Zitat 2). Allerdings hatte C. G. Jung, so wie andere praktisch tätige Psychiater, in vielen Fällen bemerkt, dass auch psychische Faktoren und damit psychische Umstände zum Auftreten einer solchen gesundheitlichen Störung der Psyche führen konnten. Es zeigte sich damit also, dass auch diese psychische Störung, die der 2. Schicht nach der Schichtenregel von Karl Jaspers zu geordnet werden kann, nicht nur körperlich verursacht, sondern auch psychisch mit-verursacht in vielen Fällen in Erscheinung tritt, und es weist dieser Sachverhalt darauf hin, dass es sich bei der Ursache der Schizophrenie – so wie bei der Ursache von praktisch allen anderen psychischen Störungen – um eine komplexe Ursache handelt.

Es zeigt sich also am Beispiel der psychischen Störung Schizophrenie, dass die Kausalität und damit das Auftreten der psychischen Störung durch körperliche Umstände bzw. durch biologische Faktoren verstanden  und erklärt werden kann, und andererseits dass man auch diese psychische Störung auf der körperlichen Grundlage jedoch nicht bestimmen kann. Ein kritischer und damit im Sinn der Aufklärung aufgeklärter Arzt (Psychiater) wird in Folge dessen im konkreten Fall der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit nachgehen (vgl. mit Kant Zitat 2a) um die hier wesentlichen Faktoren der Ätiologie zu erkennen.

Gleichzeitig wird sich dieser kritische Arzt dessen bewusst sein, dass das Wissen in der Psychiatrie in Bezug auf die Ätiologie der psychischen Störung immer beschränktes Wissens ist, weil es auf der Grundlage von Konzepten erlangt worden ist, insofern ja eine psychische Störung nur auf der Grundlage der Psychopathologie bzw. auf der Grundlage der psychischen Phänomenologie, nämlich auf der Grundlage der psychopathologischen Phänomene in der Psychiatrischen Diagnostik erkannt werden kann und durch körperliche Befunde (biologische Befunde) die psychische Störung unter Umständen zwar erklärt und damit besser verstanden, niemals aber in der Diagnostik bestimmt werden kann, eben, weil das Wissen in der Psychiatrie auf psychiatrischen Konzepten beruht.

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(letzte Änderung am 12.9.2016 , abgelegt unter Zitate, Psychiatrie, Kausalität, Ursache)

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