Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Bleuler Zitat 3 – Dementia praecox – Schizophrenie

Eugen Bleuler schreibt in seinem Lehrbuch:

DEMENTIA PRAECOX oder DIE GRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN

(Buchnachweis siehe unten)

wie folgt:

„I. Abschnitt

Die Symptomatologie.

Einleitung.

Einzelne Symptome der Schizophrenie sind zu jeder Zeit und in jedem Falle vorhanden, wenn sie auch wie jedes andere Krankheitssymptom einen gewissen Grad erreicht haben müssen, um überhaupt mit Sicherheit erkannt zu werden. Natürlich reden wir hier nur von den großen Symptomenkomplexen als Ganzen. Immer vorhanden ist z. B. die eigenartige Assoziationsstörung, nicht aber jede Teilerscheinung derselben. Die Assoziationsanomalie wird bald mehr in Sperrungen, bald mehr in Zerklüftungen der Ideen, bald in irgend welchen anderen schizophrenen Erscheinungen  manifest.

Neben diesen spezifischen Dauersymptomen oder Grundsymptomen finden wir ein Heer von anderen mehr akzessorischen Erscheinungen, die wie die Wahnideen, Halluzinationen und die katatonen Symptome zeitweise oder sogar während des ganzen Verlaufes eines Krankheitsfalles fehlen können, während sie andere Male allein und anhaltend die Erscheinungsweise bestimmen.

Die Grundsymptome sind, soviel wir bis jetzt wissen, für die Schizophrenie charakteristisch, während die akzessorischen Symptome auch bei anderen Krankheiten vorkommen können. Doch findet man auch hier bei genauerem Zusehen oft Eigentümlichkeiten der Genese oder der Erscheinung eines Symptoms, die nur bei der Schizophrenie zu finden sind; und es ist zu erwarten, daß man nach und nach das charakteristische in einer großen Zahl dieser akzessorischen Symptome erkennen wird.

Die Beschreibung der Symptome können natürlich nur ausgesprochene Fälle zugrunde gelegt werden. Es ist aber sehr wichtig zu wissen, daß es alle Übergänge zum Normalen gibt, und daß die leichten Fälle, die latenten Schizophrenien mit wenig ausgesprochenen Symptomen, viel zahlreicher sind als die manifesten. Ferner darf man bei den großen Schwankungen im schizophrenen Krankheitsbilde nicht darauf rechnen, in jedem Moment jedes Symptom nachweisen zu können.“

aus:

Eugen Bleuler, DEMENTIA PRAECOX ODER GRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN, (1911), Seite 9, Nachdruck, mit neuen Einführungen von Manfred Bleuler und Gaetano Benedetti, Arts & Boeve Verlag, Nijmegen, Niederlande, 2001, ISBN 90 75341 26 1

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Anmerkungen zum Zitat:

Eugen Bleuler hat anstelle der Einheit Dementia praecox, die von Emil Kraepelin in seinem Lehrbuch näher definiert worden war, eine neue diagnostische Einheit der Fachwelt vorgestellt. Weil Eugen Bleuler gleich mehrere Formen dieser psychischen Störung bemerkte stellte er nicht nur eine neue Einheit Schizophrenie sondern die Gruppe der Schizophrenien in seinem Buch: DEMENTIA PRAECOX oder die GRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN vor.

Dabei hat Eugen Bleuler auf geniale Art und Weise die eigenartige Assoziationsstörung als Grundsymptom der Schizophrenie erkannt. Es handelt sich  bei diesem Grundsymptom um ein psychisches Phänomen bei dem vorrangig die Kognition gestört ist. Es steht also bei diesem Typus einer psychischen Störung die kognitive Störung im Vergleich zur affektiven Störung im Vordergrund. Als Folge dieser kognitiven Störung kommt es zu den verschiedensten Formen von Störungen im Denken und in der Gedankenentwicklung. Eugen Bleuler spricht daher unter anderem von „Sperrungen“ und von der „Zerklüftung der Ideen„. Als Folge dieser formalen Denkstörungen kommt es also einerseits zu Blockaden im Denken und andererseits auch zu falschen Assoziationen. Gleichsam als spontan auftretende gedankliche  psychische Phänomene können auch Halluzinationen auftreten. Diese psychischen Phänomene werden von Eugen Bleuler bei der Schizophrenie zu den akzessorischen psychischen Erscheinungen gezählt. Diese psychischen Erscheinungen und verschiedene Formen der assoziativen Störungen werden von der erkrankten Person als nicht zu ihrem Ich gehörig erlebt. Man spricht daher von einer zentralen Ich-Störung, oder von der Depersonalisation wenn solche Symptome auftreten. Bekanntlich kommt es in gewissen Fällen zur Entwicklung eines eigenen Gedankenkonstrukts das unter Umständen das Ausmaß eines Wahns bzw. die Form einer Paranoia mit unverrückbarer subjektiver Gewissheit erlangen kann, wie dies Karl Jaspers in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ beschrieben hat. Je nach dem Ausmaß der psychischen Störung kommt es zu gravierenden Störungen in der Realitätswahrnehmung und erlangt die psychischen Störung damit den Grad einer Psychose.

Dabei ist bemerkenswert wie Eugen Bleuler darauf hinweist, dass man den Übergang zur Normalität beachten soll, womit Eugen Bleuler das psychiatrische Konzept Schizophrenie relativistisch verwendet, obwohl ihm noch nicht – so wie Karl Jaspers – bewusst war, dass man die Einheit Schizophrenie nur auf der Grundlage einer psychiatrischen Idee erkennen kann, zumal Eugen Bleuler geglaubt hat, dass man in Zukunft den Begriff Schizophrenie wird auflösen können und man eine Ursache dieser psychischen Störung vergleichbar den verschiedenen Infektionen bei den Pneumonien finden wird.  (vgl. mit Bleuler Zitat 2). Eugen Bleuler hat also geglaubt dass es sich bei der Schizophrenie bzw. bei der Gruppe der Schizophrenien um natürliche Krankheitseinheiten handelt, die voraussichtlich in der Zukunft allgemein gültig diagnostisch bestimmt werden können.

Es wird damit deutlich, dass Eugen Bleuler einerseits durch diese Auslegung des Begriffs den Übergang zur Normalität beachtet hat, er aber andererseits glaubt hat, dass man diese psychische Störung in Zukunft auf eine körperliche Ursache wird zurückführen und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmen können. In dieser Hinsicht hat also Eugen Bleuler das Konzept und damit die Idee Schizophrenie konstitutiv verwendet und damit falsch verstanden (vgl. mit Kant Zitat 3a), weil er geglaubt hat, dass es sich um eine faktische Einheit handelt, die man zukünftig wird allgemein gültig bestimmen können.

Im Gegensatz zu Eugen Bleuler und auch zu Emil Kraepelin und auch zu Wilhelm Griesinger hat Karl Jaspers richtig erkannt, dass man die psychischen Erscheinungen nur auf der Grundlage einer Idee und zwar unter der Führung von Ideen durch das Schema der Idee angenähert in Bezug auf (definierte) Typen – (auf der Ebene der Ideen) – (subjektiv gültig) – erkennen kann (vgl. mit Jaspers Zitat). Und es hat Karl Jaspers daher auch richtig erkannt, dass in der Psychiatrie sich die Idee der Krankheitseinheit in einem einzelnen Fall niemals verwirklichen läßt (vgl. mit Jaspers Zitat 6). Daher kann man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) nur relativ gültige Erkenntnisse erlangen. Man sollte aus diesem Grund eine psychologische Idee und auch eine psychiatrische Idee nur relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Daher sollte man eine solche Erkenntnis , die man auf der Grundlage dieser Schemata erlangt – wie dies Karl Jaspers schreibt – in der Schebe halten (vgl. mit Jaspers Zitat 2).

Man sollte also als Fachperson in der Psychiatrie berücksichtigen, dass man ein psychisches Phänomen und damit auch eine psychische Störung nur auf der Grundlage der Phänomenologie bzw. auf der Grundlage der Psychopathologie erkennen und diagnostizieren kann. In diesem Sinn kann man auch die psychische Störung, die man als Schizophrenie bezeichnet nur auf der Grundlage der psychischen Anomalie – somit nur psychologisch bzw. nur psychopathologisch erkennen und diagnostisch bestimmen – wie dies im Prinzip bereits Wilhelm Griesinger richtig erkannt hat (vgl. Griesinger Zitat). Es spricht zwar vieles dafür, dass „physische“ Gründe bzw. „physische“ Faktoren vorrangig für das Auftreten einer psychischen Störung vom Typ einer Schizophrenie verantwortlich sind, aber diagnostizieren kann man eine solche psychische Störung – so wie alle anderen psychischen Störungen – nur phänomenologisch. Man kann also eine psychische Störung vom Typ einer Schizophrenie zwar biologisch erklären, aber erkennen und diagnostisch bestimmen kann man sie auf dieser Grundlage nicht.

Emil Kraepelin hat geglaubt, dass man in Zukunft gewisse psychische Krankheiten, insbesondere die Einheit Demenita praecox (vgl. mit Kraepelin Zitat 1) auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses wird allgemein gültig diagnostisch bestimmen können (vgl. mit Kraepelin Zitat 2). Wie die Ergebnisse der Forschungen in der psychiatrischen Wissenschaft jedoch aufzeigen konnte man bis zum heutigen Tag kein einziges psychisches Phänomen und damit auch keine einzige psychische Störung „physisch“ diagnostisch bestimmen. Mit anderen Worten: man konnte im Rahmen der empirischen Forschung keine „biologischen Marker“ bzw. keine „physischen“-  und damit keine physiologischen Kriterien finden um diese, oder eine andere psychische Störung auf der Grundlage von „physischen“ Befunden zu bestimmen.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass die diagnostische Einheit Schizophrenie – so wie alle anderen psychiatrischen Diagnosen und damit so wie alle anderen psychischen Störungen – auf der Grundlage einer Idee erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 7). Und zwar handelt es sich dabei um eine bloße Idee bzw. um eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit, die eine systematische Einheit ist (vgl. mit Kant Zitat 8 und mit Kant Zitat 7). Man denkt sich also, dass es eine solche Einheit als abgegrenzte Einheit auf der Ebene des Körpers bzw. auf der Ebene der körperlichen Funktion – etwa auf der Ebene der neuronalen Funktion – gibt, wenn gleich man bis dato auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene der körperlichen Funktion, somit auch auf der Ebene der neuronalen Funktion keine solche abgegrenzte Einheit finden konnte – eben weil diese diagnostische Einheit eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 8) bzw. eine nur projektierte Einheit ist (vgl. mit Kant Zitat 5).

Auf dieser Grundlage stellt man in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft die psychiatrische Diagnose Schizophrenie fest, wenn der psychische Symptomenkomplex ein krankheitswertiges Ausmaß erlangt hat und dieser die Kriterien der psychiatrischen Kategorie der Einheit Schizophrenie bzw. der Unterformen dieser diagnostischen Einheit in einer psychiatrischen Klassifikation hinreichend erfüllt.  Es handelt sich damit also bei dieser diagnostischen Einheit um eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant, mit deren Hilfe man die einzelnen psychischen Erscheinungen unter dem Begriff dieser Idee auffassen kann (vgl. mit Kant Zitat 7). Wenn also das klinische Erscheinungsbild dem Schema der Idee hinreichend genügt – wie dies Karl Jaspers aufgezeigt hat (vgl. mit Jaspers Zitat) – dann kann man von dieser psychischen Störung sprechen bzw. dann erkennt man damit die Einheit in Bezug auf den Typus, den man als Schizophrenie bezeichnet.

Man erkennt damit, dass man in der Psychiatrie zu einem gewissen Zeitpunkt, also im Querschnitt – je nach der angewandten psychiatrischen Klassifikation verschiedene Gesichtspunkte zur Anwendung bringen kann und damit verschiedene Zusammenhänge erkennen kann und demgemäß auch verschiedene Definitionen der Einheit Schizophrenie möglich sind., wie sich dies etwa in den unterschiedlich definierten psychiatrischen Kategorien der ICD-10 Klassifikation und der DSM-V Klassifikation zeigt.

Dies kommt daher weil auch die psychiatrische Diagnosen Schizophrenie – so wie alle anderen psychiatrischen Diagnosen – auf der Ebene der Idee – auf der Grundlage von nur problematisch zum Grund gelegten Einheiten (vgl. mit Kant Zitat 8) – somit auf der Grundlage von unterschiedlich definierten psychiatrischen Konzepten erkannt auch auch nur auf dieser Ebene durch das Schema der Idee angenähert (vgl. mit Jaspers Zitat) also durch die psychiatrische Kategorie erkannt werden kann, die das Schema der psychiatrisch-diagnostischen Idee ist (vgl. mit Kant Zitat 7).

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(letzte Änderung 21.1.2014, abgelegt unter Zitate, Psychiatrie, Schizophrenie)

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