Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Bleuler Zitat 2 – zur Definition der Dementia praecox und Schizophrenie

„So fassen wir unter dem Namen der Dementia praecox oder Schizophrenie eine ganze Gruppe von Krankheiten zusammen, die sich scharf von allen anderen Formen des Kraepelinschen Systems unterscheiden lassen; sie haben viele gemeinsame Symptome und eine gemeinsame Richtungsprognose; ihre Zustandsbilder aber können äußerst verschieden sein. Wenn die Aufstellung dieses Begriffs auch eine vorläufige ist, insofern er später wird aufgelöst werden müssen (etwa in dem Sinn wie die Bakteriologie die Pneumonien in verschiedene Infektionen zerlegt hat), so halten wir doch den dadurch erreichten Fortschritt für noch größer als den der Entdeckung der Paralyse, die sich auch lange in anderen Krankheiten versteckt hatte; denn die Dementia praecox-Frage greift vielmehr in die Systematik aller Psychosen ein als seinerzeit die Paralyseaufstellung; und was an systematischer Unklarheit jetzt noch übrig bleibt, das bezieht sich nicht mehr auf die Hauptmasse der vorkommenden Fälle, sondern auf Ausnahmen und Krankheiten, die, wie die Fieberpsychosen, dem Psychiater bis jetzt zu wenig zugänglich waren. Wir haben zum ersten Male Grenzen, über die man sich verständigen kann, und wissen nun auch, wo mit den jetzigen Mitteln Grenzen nicht gezogen werden können.

Die Entwicklung des Begriffes der Dementia praecox ist ein guter Teil der Entwicklung der theoretischen Psychiatrie überhaupt. Das eine ohne das andere läßt sich nicht beschreiben. Es ist deshalb an dieser Stelle nicht möglich, eine zusammenhängende Darstellung der Genese des Dementia praecox-Begriffes zu geben. Es sei auf die Arbeiten E. Arndts und Voisins hingewiesen. Die Wiege des Begriffes ist die fünfte Auflage von Kraepelins Psychiatrie (1896).

Natürlich hatte man schon längst gewußt, daß ein Teil der akuten Psychosen heilt und ein anderer Teil chronisch wird. Man hat auch die einfacheren Verblödungen, die ohne auffallende akute Symptomenkomplexe verlaufen, von jeher beachtet. Schon Esquirol trennte die „erworbene oder akzidentelle Idiotie“ von der angeborenen. Er hat auch schon die Stereotypien beachtet. Man wußte ferner früh, daß namentlich junge Leute von solchen Verblödungsprozessen befallen wurden;  deshalb hat Morel den Namen Démence précoce geschaffen. Man fand aber in dem Chaos aller äußerlich so verschiedenen zur Verblödung führenden Symptombilder die Einheit nicht. … “

Zitat aus:

Eugen Bleuler: DEMENTIA PRAECOX ODER GRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN (1911), Seite 2, Mit neuen Einführungen von Manfred Bleuler und Gaetano Benedetti, Neuausgabe, Arts & Boeve Verlag, Nijmegen, Niederlande, ISBN 90 75341 26 1

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Anmerkung zum Zitat:

1. ) Aus dem Zitat ist ersichtlich dass Eugen Eugen Bleuler geglaubt hat, dass es eine natürliche Krankheitseinheit gibt, die er als Schizophrenie bzw. als Gruppe der Schizophrenien bezeichnet hat, weil er geglaubt hat, dass man in Zukunft den Begriff wird auflösen können (etwa in dem Sinn wie die Bakteriologie die Pneumonien in verschiedene Infektionen zerlegt hat).

2.) Des weiteren ist aus dem Zitat ist ersichtlich, dass Eugen Bleuler sich dessen bewusst war, dass man bei den psychiatrischen Einheiten das eine nicht ohne das andere beschreiben konnte – und, dass die Wiege des Begriffs der Einheit Dementia praecox die fünfte Auflage des Lehrbuchs von Emil Kraepelin war, weil Emil Kraepelin die Einheit Dementia praecox in diesem Buch in der Relation zu den benachbarten Einheiten beschrieben und definiert hat. Auf dieser Grundlage konnte sodann Eugen Bleuler, die von ihm anders definierte Einheit Schizophrenie bzw. die ganze Gruppe der Schizophrenien nach seinem Verständnis bzw. nach seiner Sichtweise beschreiben bzw. definieren. (vgl. mit Bleuler Zitat)

3.) Ist aus dem Zitat ersichtlich, dass Eugen Bleuler noch nicht so wie Karl Jaspers realisiert hatte, dass es sich bei den psychiatrischen Einheiten um diagnostische Einheiten handelt, die nur durch das Schema der Idee erkannt werden können und dass diese Einheiten nur in Bezug auf (definierte) Typen – (auf der Ebene der Ideen) – erkennbar sind. (vgl. mit Jaspers Zitat).

4.) Es ist aus dem Zitat ersichtlich, dass Eugen Bleuler also noch nicht realisiert hatte, dass in der Psychiatrie die diagnostischen Einheiten auf der Grundlage von psychiatrischen Ideen und damit auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten erkannt werden, sondern es Eugen Bleuler noch so wie Emil Kraepelin gedacht, dass man in der Psychiatrie in Zukunft natürliche Krankheitseinheiten im Sinn von scharf abgegrenzten faktischen Einheiten finden wird, die auf der Ebene der Objekte bzw. auf der Ebene des Körpers und somit auf der Ebene der physis bzw. auf der Ebene der „Natur“ und damit auf der Ebene des Nervensystems entdeckt und damit allgemein gültig bestimmt werden können. Im Gegensatz dazu hat hingegen Karl Jaspers richtig erkannt, dass dies nicht möglich ist, wenn er schreibt: Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – eben, weil in der Psychiatrie die diagnostischen Einheiten und damit die psychiatrischen Diagnosen nur in Bezug auf (definierte) Typen – (auf der Ebene der Ideen) – somit nur meta-physisch (und nicht physisch) – erkannt und diagnostisch (subjektiv gültig) bestimmt werden können.

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(letztes update 21.1.2014, abgelegt unter Zitate)

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