Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

über das menschliche Erkennen, das medizinische und psychiatrische Diagnostizieren

Alles Erkennen gründet sich auf den Vergleich von Informationen.

Sei es eine Biene, die zurück in den Bienenstock findet, ein Mensch, der einen anderen Menschen wiedererkennt, oder ein Arzt, der eine Krankheit erkennt – immer geht es dabei um den Vergleich von Informationen. 

Beim Diagnostizieren erkennt ein Arzt ein „Krankheitsbild“, wenn er schon zuvor einen gleichartigen Fall gesehen hat, oder wenn er das Krankheitsbild aus dem Lehrbuch kennt und den konkreten Fall der entsprechenden Krankheitseinheit richtig zuordnet.

Bei uns Menschen ist das abstrakte Denkvermögen entwickelt und findet man daher in allen menschlichen Sprachen konkrete und abstrakte Begriffe.

Immanuel Kant beschreibt in seinen gesammelten Werken, wie ein Wanderer in der Ferne ein Objekt sieht, welches eventuell ein Haus sein könnte und wie der Wanderer dieses Objekt beim Näherkommen mehr und mehr als Haus identifiziert, – das Kamin des Hauses als solches erkennt, – den aufsteigenden Rauch aus dem Kamin bemerkt, – die Fenster erkennt etc. bis er davon überzeugt ist, dass es sich beim Objekt in der Ferne um ein Haus handelt…..

Der Wanderer hat also schon vorweg, bevor er das Haus in der Ferne als solches erkennt, eine abstrakte Vorstellung wie ein Haus „aussieht“, – was charakteristisch für ein Haus ist usf.  Indem der Wanderer dem Objekt in der Ferne näher kommt und mehr und mehr die Merkmale eines Hauses erkennt, kann er, noch bevor beim Haus angelangt ist, erkennen ob es sich um ein Haus handelt.

Gleicherweise erkennt auch ein Arzt, wenn er mit einem Kranken befasst im Laufe der Untersuchung charakteristische Merkmale einer Krankheit (Störung) bzw. sucht er nach weiteren charakteristischen Merkmalen, wenn er bereits ein charakteristisches Merkmal einer Krankheitseinheit gefunden hat. Auf diese Art und Weise gelangt der untersuchende Arzt auf der Grundlage seiner theoretischen und praktischen Kenntnisse zu den charakteristischen Zeichen einer Krankheit (gesundheitlichen Störung) und damit in weiterer Folge zur Diagnose, wenn er die charakteristischen Merkmale dieser Krankheitseinheit gefunden hat.

Es gibt in Bezug auf die Krankheitsmerkmale allerdings Unterschiede insofern, dass gewisse Krankheitsmerkmale direkt körperlich sichtbar bzw. vorzeigbar oder indirekt vorzeigbar sind. Andere Krankheitsmerkmale, wie z.B. die Symptome und Phänomene sind nicht vorzeigbar, sondern gelangt die erkennende Person in ihrem Bewusstsein zum entsprechenden Begriff, – etwa dass sie im Unterschenkel Schmerzen verspürt oder dass ihr ein psychisches Phänomen auffällt. (vgl. mit Kant Zitat 7).

Im Falle des Erkennens einer körperlichen Krankheit sind es gewisse körperliche (somatische) Merkmale, die sinnlich wahrnehmbar sind, etwa eine Rötung, eine Schwellung etc. Oder es handelt sich um Merkmale, die nur indirekt vorzeigbar sind, etwa ein auffälliger Röntgenschatten infolge von Gewebsverdichtungen infolge einer Lungenentzündung, infolge eines Tumors etc. Oder es können abnorme Laborparameter quantifiziert ermittelt werden können etc. Solche Krankheitsmerkmale geben Anlaß zu einer somatischen Diagnose die objektiviert werden kann. Man kann daher auch sagen, dass man in diesen Fällen die initiale Verdachtsdiagnose bestätigen kann.

Da diese Merkmale von jeder fachkundigen Person – da sie real physisch existent sind – gleich erkannt werden, sind diese Merkmale allgemeingültig und sind sie damit objektive Mermale. Als Folge davon ist auch der logische Schluss von diesen Merkmalen auf die Krankheitseinheit gewiss und ist damit die gestellte Diagnose objektiv gewiss und gesichert. Mit anderen Worten alle fachkundigen Personen stimmen in einem solchen Fall in ihrer diagnostischen Einschätzung, im diagnostischen Urteil überein.

(Anmerkung: Wie hinlänglich bekannt ist, gibt es natürlich auch in der somatischen Medizin diagnostische Probleme bei der Bestimmung und Zuordnung von Grenzfällen, ob beispielsweise der vorliegende Krankheitszustand „noch dieser“ oder bereits „jener“, also einer anderen Krankheitseinheit zuzuordnen ist (z.B ob das Zellbild eines Blutausstrichs noch einer lymphatischen Leucämie zuzuordnen ist, oder bereits einer myeloischen Leucämie etc.).

Grundsätzlich kann jedoch festgehalten werden, dass gesicherte somatische Diagnosen sich auf vorzeigbare bzw. indirekt vorzeigbare Merkmale gründen, welche ihrerseits objektiv gewiss bestimmt werden können.

Im Gegensatz dazu, gründen sich psychiatrische Diagnosen nicht auf vorzeigbare bzw. indirekt vorzeigbare Merkmale, sondern handelt es sich hierbei um Merkmale, welche die erkennende Person nur in ihrer Vorstellung erlangt. Das heisst die erkennende Person erlangt, als Folge der Informationen (dem Bericht der Person, der Art und Weise, wie die Person berichtet, der Stimmlage, des Tonfalls, dem Auftreten, der Art und Weise wie sie sich äußert etc.) einen „Eindruck“ bzw. ein „Bild“ („klinisches Bild“ – philosophisch gesprochen eine „Idee“) vom Krankheitszustand des Patienten.

Dieses „klinische Bild“ gründet sich in der Psychiatrie auf verschiedene psychopathologische Phänomene (griechisch: phenomenon – ein sich Zeigendes, ein Erscheinendes), welche insgesamt das klinische Bild ausmachen. Einzelne Phänomene sind: z.B. die Art und Weise wie die Person ihre Gedanken entwickelt, ob sie diese flüssig vorträgt oder mit abrupten Sprüngen, Unterbrüchen, Denkhemmungen auftreten usf. Aus solchen Auffälligkeiten schliesst die untersuchende Person ob der Gedankengang der Person normal, noch normal oder krankhaft „sprunghaft“, „blockiert“, „gesperrt“, „gehemmt“  oder sonst irgend wie krankheitswertig auffällig ist. Dabei vergleicht die Untersuchende Person den aktuellen Befund mit Vorerfahrungen – also mit einer subjektiven Norm. Aus diesem Vergleich resultiert sodann die diagnostische Beurteilung der Phänomene und in weiterer Folge die daraus abgeleitete psychiatrische Diagnose.

All diese psychischen Merkmale sind nicht physischer Natur (materieller Natur), sondern „mentaler Natur“. Es handelt sich also um „mentale Merkmale“ zu denen die erkennende Person auf der Grundlage ihrer sinnlichen Wahrnehmungen und Überlegungen gelangt.

Wir wissen, dass die psychischen Funktionen als Folge der Gehirntätigkeit in Erscheinung treten. Konkret können wir jedoch nicht sagen welche Funktionen im Gehirn die Gedanken und Gefühle etc. hervorbringen. Mit anderen Worten wir können nicht auf der Grundlage von etwa festgestellten Hirnströmen, oder sonstigen physischen Parameteren  sagen bzw. feststellen was für Gedanken eine Person hat, welche Gefühle sie gegenwärtig bewegen usf.

(letztes update 21.8.2010)

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