Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Neurose

Eine Neurose ist eine psychische Störung, die als Folge von Unstimmigkeiten in der Psyche in Erscheinung tritt.

Man kann auch sagen: eine Neurose ist ein psychische Störung, die infolge von inneren Widersprüchen entsteht.

Man kann sich vorstellen, dass eine solche psychische Störung, wie sie als Folge von inneren Widersprüchen entsteht sich wie „Sand im Getriebe“in der psychischen Funktion und damit auch generell störend in der neuronalen Funktion auswirkt.

Es kann durch die Neurose also zu diversen Symptomen und Phänomenen auf der Ebene des Körpers und der Psyche kommen.

Insbesondere können psychische Symptome und krankheitswertige psychische Phänomene somit psychopathologische Phänomene auftreten, insofern die Störung der Psyche in Bezug auf ihre Funktion sich in mannigfaltiger Hinsicht nachteilig auswirkt.

Dabei können die bestehenden Widersprüche der betroffenen Person bewusst sein, oder es kann sein, dass diese ihr nicht bewusst sind und dass diese aber aus den tieferen Schichten und damit aus dem Unbewussten wirken und die psychischen Funktionen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigen und stören.

Man kann daher auch sagen, dass eine Neurose eine psychische Störung ist, die in Folge von Unstimmigkeiten auf der bewussten und unbewussten Ebene der Psyche auftritt.

Es kann eine solche psychische Störung ein leichtes Ausmaß haben, dann spricht man noch nicht von einer Neurose im psychiatrischen Sinn, oder es kann die psychische Störung ein beträchtliches Ausmaß erlangen und damit ein krankheitswertiges Ausmaß erlangen, somit das Ausmaß einer psychischen Störung im Sinn der Psychiatrie eingetreten ist und unter Umständen kann eine Neurose annähernd Ausmaß einer Psychose bzw. einer psychosewertigen Störung erlangen. Per Definition geht man jedoch davon aus, dass bei einer Neurose die Diskretionsfähigkeit und die Dispostionsfähigkeit in letzter Konsequenz nicht aufgehoben ist, was bei gewissen psychischen Störungen, die als Psychose bezeichnet werden der Fall ist.

Es kann sich also bei dieser psychischen Störung um eine Störung handeln bei der die Unstimmigkeiten auf der Ebene des Erlebens der betroffenen Person mehr oder weniger bewusst sind, von ihr also mehr oder weniger bewusst erlebt werden, oder es kann sich dabei um Widersprüche und Unstimmigkeiten handeln, die der betroffenen Person nicht wirklich bewusst sind, und von ihr daher auch nicht bewusst erlebt werden, weil sie diese entweder noch gar nicht bemerkt hat, oder weil sie diese verdrängt hat.

Man kann daher berechtigt sagen: eine Neurose ist eine psychische Störung, die als Folge von inneren Widersprüchen auf der Ebene der bewussten und unbewussten Vorstellungen und Bedürfnisse auftritt. (vgl. mit Nisargadatta Maharaj Zitat 2)

Daher kann man sagen, dass diese inneren Unstimmigkeiten bzw. diese inneren Widersprüche die Ursache der Neurose sind.

Weil man eine Neurose auf der Grundlage des normalen Erlebens verstehen kann ist es möglich diese gesundheitliche Störung durch den Zusammenhang der psychischen Phänomene zu erklären. Im Gegensatz dazu kann man eine psychische Störung von der Art einer Psychose nicht durch den Zusammenhang der psychischen Phänomene verstehen und erklären, sondern kann man eine solche psychische Störung nur durch eine andere Theorie erklären.

Da eine geringgradige psychische Störung vom Typ einer Neurose noch kein krankheitswertiges Ausmaß erlangt hat – kann man eine solche psychische Auffälligkeit auch als psychologische Störung bzw. als ein psychologisches Phänomen ansehen wie es häufig in der Normalpsychologie vorkommt. Wenn der Leidensdruck erheblich ist und die betroffene Person unter den psychischen Symptomen stark leidet, dann hat die psychische Störung das Ausmaß einer krankheitswertigen psychischen Störung erlangt und bezeichnet der Begriff „Neurose“ in diesem Fall eine psychiatrische Diagnose.

Der Begriff Neurose wird also sowohl in der Psychologie, wie auch in der Psychiatrie – und natürlich auch in der Psychotherapie verwendet.

Erkenntnistheoretisch betrachtet bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei der diagnostischen Einheit Neurose um projektierte Einheit, somit um die Einheit einer Idee, die eine systematische Einheit ist (vgl. mit Kant Zitat 7). Es handelt es sich also beim Begriff Neurose um einen regulativen Begriff. Weil ein solcher Begriff sich auf eine nicht überprüfbare Idee bezieht. Die Einheit Neurose wird also auf der Grundlage einer bloße Idee erkannt, die man auf den Sachverhalt projiziert hat (vgl. mit Kant Zitat 8). Weil man die Einheit Neurose nur auf der Ebene der Ideen erkennen und diagnostisch bestimmen kann, wird die Einheit Neurose dialektisch erkannt und es ist diese Einheit das Pendant zu einer Psychose. Es handelt sich also bei der Einheit Neurose um eine zweckmäßige Einheit, weil die Verwendung des Begriffs „Neurose“ in vielerlei Hinsicht nützlich und zweckmäßig ist.

In der jüngeren Vergangenheit hat man die Einheit Neurose in der psychiatrischen Klassifikation allerdings weitgehend verlassen, weil man keine Grenze zur Normalität angeben kann und sich der Begriff „Neurose“ in der Umgangssprache weit verbreitet hat. Man sagt daher zu Recht, dass jede Person mehr oder weniger neurotisch ist – was tatsächlich auch zutreffend ist – denn wer könnte von sich behaupten, dass er gänzlich ohne Unstimmigkeiten – ohne innere Konflikte und ohne innere und äußere Widersprüche lebt.

Weil der Begriff Neurose sich auf eine Idee bezieht, die man nicht „physisch“ überprüfen und „physisch“  bestimmen kann – sondern man diese Idee nur auf der Ebene der Vorstellungen erfassen kann – sollte man eine solche psychologische Idee bzw. eine solche psychiatrische Idee nur relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Wenn man den Begriff nicht relativistisch verwendet und damit falsch versteht und daher glaubt mit dieser Einheit eine „abgrenzte“ Einheit erkannt zu haben, dann hat man sich getäuscht, dann hat man die psychologische Idee bzw. die psychiatrische Idee missverstanden. Wenn jemand sagt, dass eine Person ein „Neurotiker“ ist, oder wenn man sagt, dass eine Person eine Neurose „hat“ und damit die Vorstellung verbindet, dass eine solche Person damit tatsächlich so etwas „hat„, so wie man etwa braune oder blonde Haare „hat“, dann hat man den Begriff Neurose missverstanden. Dann hat man den Begriff Neurose nicht richtig verstanden und auch nicht richtig verwendet. Dann hat man die Idee konstitutiv und nicht regulativ bzw. nicht relativistisch gebraucht. (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Wenn man eine Idee missversteht und daher eine psychologische Idee oder eine psychiatrische Idee irrtümlich als absolute und nicht als relative Erkenntnis ansieht, dann gerät man in Widersprüche (Antinomien), wie dies Karl Jaspers erkannt und aufgezeigt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann also eine psychische Störung von der Art einer Neurose nur in Bezug auf einen Typus – also nur in Bezug auf ein definiertes Ideal erkennen und subjektiv gültig bestimmen. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man kann eine neurotische Störung oder eine Neurose nicht so wie ein „physisches“ Objekt körperlich erkennenund objektiv gültig bestimmen. Das Erkennen einer Neurose bzw. das Erkennen einer neurotischen Störung spielt sich nur auf der Ebene der Vorstellungen ab. Man kann also das Vorhandensein einer neurotischen Störung – so wie das jeder anderen psychischen Störung – nur auf der Ebene der Ideen erkennen. Auf der Ebene der körperlichen Objekte gibt es nichts auf dessen Grundlage man eine Neurose bestimmen kann. Daher ist es nicht möglich die psychiatrische Diagnose „Neurose“ „physisch“ zu überprüfen. Man kann nur auf der Ebene der Vorstellungen subjektiv gültig „prüfen“ und subjektiv gültig entscheiden, ob man eine krankheitswertige psychische Störung vom Typ einer Neurose findet. Es handelt sich dabei also nicht um objektives Wissen, sondern nur um subjektives Wissen das eine Person auf der Ebene ihrer Vorstellungen erlangt.

Über die Entstehung einer psychischen Störung von der Art einer Neurose gibt es die verschiedensten Theorien. Allgemein bekannt geworden sind die Theorien von Sigmund Freud und die Theorien seiner Zeitgenossen Alfred Adler, C.G. Jung u.a.

In diesen Theorien denkt man sich einen zu Grunde liegenden psychischen Komplex als die eigentliche Ursache der Neurose. In diesem Zusammenhang sind die Begriffe: Unbewusstes, unbewusst, Unterbewusstsein, Verdrängung, Trieb, Kompensation, Archetypus, Komplex, Aufdeckung des Unbewussten, Psychoanalyse usf. entstanden. (Weiteres zum Begriff Neurose siehe im Internet veröffentlichten Beitrag von Prof. Dr. med. Volker Faust)

Philosophisch betrachtet handelt es sich also bei all diesen psychologischen bzw. psychiatrischen Begriffen um  regulative Begriffe im Sinn von Immanuel Kant, durch die man die verschiedenen psychischen Erscheinungen unter diesen systematischen Einheiten auffassen kann und damit Gedanken und Überlegungen dazu anstellen kann. In Bezug auf die Diagnostik dieser psychischen Störungen kann man sagen, dass man mit Hilfe dieser Begriffe die diagnostischen Einheiten systematisch studieren und intellektuell kommunizieren kann.

Bei den Theorien, die auf verschiedene Art und Weise die Entstehung dieser psychischen Störungen erklären handelt es sich um regulative Prinzipien im Sinn von Immanuel Kant. Durch diese Theorien können komplexere Inhalte, wie sie sich aus diesen psychologischen und psychiatrischen Ideen ergeben unter einer noch komplexeren Idee aufgefasst, verstanden und erklärt werden und kann man damit diese Inhalte durch die Verwendung des Begriffs Neurose intellektuell kommunizieren.

Nachdem man keinen einzigen dieser Begriffe „physisch“ überprüfen kann, handelt es sich bei all diesen Einheiten bzw. bei diesen Theorien um bloße Ideen im Sinn von Immanuel Kant. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Weil diese Ideen verschiedene psychische Phänomene auf der Ebene der Ideen in jeweils verschiedenem Zusammenhang erfassen, kann man erklären warum praktisch ohne Grenze und ohne Ende weiterhin neue Einheiten und neue Theorien über diese Einheiten entstehen.

Auf dieser Grundlage hat man also die verschiedenen Krankheitskonzepte und Krankheitstheorien entwickelt und sind auf dieser Grundlage in weiterer Folge auch verschiedene Therapien entwickelt worden um derartige psychische Störungen gezielt zu behandeln wie diese heutzutage in der Psychotherapie zur Anwendung kommen.

Man kann also den Zusammenhang der psychischen Phänomene auf die verschiedensten Arten und Weisen verstehen und erklären und ist es in Folge der Erkenntnisbasis unmöglich die Ursache einer solchen Störung allgemein gültig zu beweisen.

Es ist also unmöglich im konkreten Fall objektiv gültig zu beweisen, dass diese oder jene Theorie die einzig richtige Theorie und damit die einzig richtige Erklärung für das Auftreten einer solchen psychischen Störung ist, sondern kann man auf der Ebene der Vorstellungen nur subjektiv gültig erkennen – welche Erklärung man als die (subjektiv) richtige Erklärung ansieht.

Mit anderen Worten: man kann niemals das Zutreffen einer solchen Theorie allgemein gültig beweisen – man kann nicht beweisen, dass eine solche Theorie „richtig“ oder „falsch“ ist. Daher sollte man eine solche Theorie auch nur relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Tatsächlich kann man derartiges Wissen niemals allgemein gültig beweisen – weil all derartiges Wissen nur auf der Ebene der Vorstellungen einen relativen Erkenntniswert hat – und ist daher eine jede Theorie dieser Art immer nur relativ gültig und nicht absolut gültig.  Man kann auch sagen, dass im konkreten Fall jede Theorie dieser Art mehr oder weniger gültig ist – wie sie eben dem erkennenden Subjekt subjektiv gültig als zutreffend erscheint.

Bei all derartigem Wissen handelt es sich um subjektives Wissen bzw. um relatives Wissen das eine Person auf der Grundlage ihrer bloßen Idee erlangt hat. Man erkennt damit, dass es sich bei solchem Wissen um beschränktes Wissen handelt und auch um Wissen das aus der Erfahrung abgeleitet worden ist.

Darum macht es keinen Sinn sich darüber zu streiten, ob jemand eine Neurose „hat“, oder sonst eine psychische Störung „hat“ – oder nicht „hat“ – weil es sich um ein Wissen handelt, das nur auf der Ebene der bloßen Ideen erlangt worden ist. Vielmehr sollte man sich bemühen solches Wissen bzw. einen solchen Begriff richtig zu verwenden, das heißt man sollte ihn relativistisch verwenden. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Man erkennt damit die Grenze der Wissenschaft bzw. die Grenze der wissenschaftlichen Erforschbarkeit der psychischen Störungen. Bei psychischen Störungen, die auf der Grundlage der Normalpsychologie verstehbar und erklärbar sind, ist es noch weniger möglich eine einheitliche Sichtweise zu entwickeln, als dies bei den anderen psychischen Störungen der Fall ist. (Weiteres dazu in der Schichtenregel von Karl Jaspers)

Daher ist bei diesen psychischen Störungen ein einheitliches Diagnostizieren kaum möglich bzw. kann man oftmals zwanglos eine solche psychische Störung unter der einen Einheit oder unter der anderen systematischen Einheit diagnostisch erfassen. Man kann nämlich einen psychischen Sachverhalt unter den verschiedensten Gesichtspunkten erfassen – wie dies Karl Jaspers erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Man kann einen psychischen Sachverhalt durch den Bezug auf die eine Idee auffassen, oder durch den Bezug auf die andere Idee auffassen und sodann subjektiv gültig entscheiden welche Idee man als diagnostische Bezeichnung für den Sachverhalt verwendet bzw. verwenden soll. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Es ist wie Karl Jaspers gesagt hat: man kann einen Sachverhalt unter den verschiedenen Gesichtspunkten bertrachten und auffassen. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Dieser Sachverhalt hat dazu geführt, dass eine unübersehbare Fülle von Theorien und von Konzepten zu derartigen psychischen Störungen entstanden ist. (vgl. mit dem Beitrag von Prof. Dr. med. Volker Faust)

Aus diesem Sachverhalt ergibt sich die beschränkte wissenschaftliche Erforschbarkeit dieser psychischen Störungen bzw. haben die Ergebnisse der entsprechenden wissenschaftlichen Studien nur einen geringen Erkenntniswert.

Man sollte also in der psychiatrischen Wissenschaft sich nicht vergeblich bemühen allgemein gültiges Wissen zu erlangen, wo man aus einem prinzipiellen Grund kein allgemein gültiges Wissen erlangen kann. Vielmehr sollte man in der Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie sich bemühen die Ideen richtig – nämlich relativistisch zu verwenden (vgl. mit Kant Zitat 4). Man sollte – so wie es Karl Jaspers formuliert hat – solches Wissen in der Schwebe halten. (vgl. mit Jaspers Zitat 2)

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(letzte Änderung 21.07.2017, abgelegt unter: Definition, Neuroses, psychische Störung, Psychotherapie, psychiatrische Diagnose, psychiatrischer Begriff, psychologischer Begriff)

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