Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

geiststeswissenschaftliches Denken

Geisteswissenschaftliches Denken ist das Denken das auf der Grundlage von Ideen entsteht, die im menschlichen Geist entstanden sind.

Es unterscheidet sich das geisteswissenschaftliche Denken vom naturwissenschaftlichen Denken insofern dieses auf der Grundlage der Erscheinungen und Beobachtungen in der Natur entstanden ist.

Während also das naturwissenschaftliche Denken z.B. in weiten Bereichen der Medizin die Grundlage bildet, weil hier in der universitären Medizin die gesundheitlichen Störungen des Körpers systematisch erforscht, studiert und behandelt werden, bildet das geisteswissenschaftliche Denken die Grundlage der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie – und von anderen Wissenschaften etwa in der Rechtswissenschaft, Sprachwissenschaft etc.), weil hier die Erkenntnisse auf der Grundlage von Ideen gewonnen werden, die Menschen in ihrem Bewusstsein entwickelt haben.

Demgemäß bilden die psychischen Phänomene und damit die Phänomenologie und die Psychopathologie die Grundlage des psychiatrischen Erkennens und somit des psychiatrischen Denkens. Und es gründet sich demgemäß die psychiatrische Klassifikation der psychischen Störungen und auch die psychiatrische Systematik und die psychiatrische Diagnostik auf die psychischen Phänomene bzw. die psychopathologischen Phänomene. Im Gegensatz dazu bilden in der Medizin die Biologie, die Physiologie, die Anatomie, die Histologie, die Biochemie usf. die Grundlage für das medizinische Erkennen bzw. das medizinische Denken.

Entsprechend dem Unterschied zwischen der Medizin und der Psychiatrie gründen sich die einzelnen Disziplinen der Wissenschaft entweder mehr auf das naturwissenschaftliche Denken oder mehr auf das geisteswissenschaftliche Denken.

Dieser Unterschied im Erkennen ergibt sich nämlich aus dem Unterschied in den Erkenntnisobjekten, die  entweder auf der Ebene der physis oder jenseits der physis und damit meta-physisch erkannt werden (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man kann also sagen, dass im einen Fall die Erkenntnisse auf der Ebene der Fakten (Objekte) bzw. auf der Ebene der körperlichen Erscheinungen erkannt werden, die physisch gemessen und physisch demonstriert werden können. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Oder es werden im anderen Fall die Erkenntnisse auf der Grundlage von Vorstellungen bzw. auf der Grundlage von Ideen erlangt – die unter Umständen zwar empirisch – also auf der Grundlage der Erfahrung im Bewusstsein der Menschen entstanden sind, die jedoch nicht auf ein Objekt zurückgeführt und auf dieser Grundlage allgemein gültig bestimmt werden können. (vgl. mit Kant Zitat 7, Kant Zitat 9, und Kant Zitat 10) (Weiteres dazu auf Poster 4: EMPIRICISM IN PSYCHIATRY VERSUS EMPIRICISM IN MEDICINE – IN THE LIGHT OF THE PHILOSOPHIES OF JOHN LOCKE, DAVID HUME AND IMMANUEL KANT)

Man kann auch sagen, dass die meta-physischen und damit die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse vom Subjekt abhängen, wohingegen bei den physischen Erkenntnissen dies nicht der Fall ist, weil diese auf der Grundlage von Objekten bzw. auf der Grundlage von Fakten erkannt werden, wie diese in der Natur vorgefunden wurden. Die einen Erkenntnisse können demgemäß unabhängig vom Subjekt erkannt werden und erlangt man daher in diesen Wissenschaften den Grad der Objektivität bzw. den Grad der Gewissheit, wohingegen das geisteswissenschaftliche Denken die Subjektivität nicht überwinden kann und man hier nur Wissen vom Grad des Glaubens bzw. dem Grad einer Meinung erlangt. Dies ist z.B. für die Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie und andere Disziplinen) und daher auch für die psychiatrische Wissenschaft und auch die Wissenschaften der Psychologie und Psychotherapie und die anderer Disziplinen von Relevanz.

Es gibt also einen großen Unterschied zwischen der Geisteswissenschaft und der Naturwissenschaft und den einzelnen Wissenschaften, die diesen Bereichen zuzuordnen sind, weil jeweils die Erkenntnisgrundlage und damit die Erkenntnisbasis eine andere ist. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Ein ganz anderes Denken als das geisteswissenschaftliche Denken ist neben dem naturwissenschaftlichen Denken auch das technokratische Denken und das mechanistische Denken.

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(letzte Änderung 24.06.2018, abgelegt unter: Definition, denken, Geist, Psyche, Wissenschaft)

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