Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Introspektion

Die Introspektion ist die Innenschau.

Die Introspektion kann man auch als Selbstreflexion oder als Selbstbeobachtung bezeichnen, wenn sie auf das eigene Ich gerichtet ist. Es handelt sich dabei um ein Vermögen des Menschen in das Innere des Erlebens zu „schauen“ bzw. das Erlebte auf der Ebene des Bewusstseins zu reflektieren.

Man macht dabei die Erfahrung, dass die Art der Reflexion bzw. die Art der Innenschau der Menschen verschieden ist. Praktisch alle Menschen können, das was ihnen selbst widerfährt mehr oder weniger gut wahrnehmen bzw. in der Innenschau mehr oder weniger gut empfinden und innerlich spiegeln. Hingegen können nicht wenige Menschen, das was anderen Menschen oder anderen Lebewesen widerfährt bzw. das was in diesen durch ein Erlebnis bzw. durch eine Reaktion ausgelöst wird nicht nicht besonders gut in ihrem eigenen Inneren geistig sehen und mitempfinden. Das heißt sie haben kaum eine Empfindung für das was anderen widerfährt. Man kann auch sagen, dass diese Menschen nur schlecht verstehen können wie die andere Person bzw. das andere Lebewesen dies erlebt.

Dies führt dazu, dass diese Menschen zwar in Bezug auf das was ihnen selbst Widerfahrene, das selbst Erlebte durchaus empfindsam sind, sie jedoch in Bezug auf das, was anderen widerfährt wenig bis gar keine Empfindung haben. Daher sagt man, dass eine solche Person unter Umständen „kalt“ bzw. „kaltherzig“ reagiert. Eine solche Person hat also wenig Mitempfinden, sie hat wenig Gefühl für das was eine andere Person erlebt bzw. sie wenig Mitgefühl für das was ganz allgemein ein anderes Lebewesen erfährt und erleidet. Es gibt also in gewisser Hinsicht keine Resonanz, kein Mitschwingen, kein- oder nur ganz wenig Mitfühlen mit dem anderen Lebewesen in gewisser Hinsicht.

Diese Art und Weise  des Seins, diese Form eines Wesens bedarf einer Erklärung. Man kann sich dies nur so erklären, dass in einem Lebewesen das normal mitfühlend und mitempfindend ist auf eine andere Art mitschwingt. Es entsteht also in dieser Person ein neuronales Muster das unmittelbar abbildet was die andere Person erlebt bzw. das abbildet was ein anderes Lebewesen empfindet. Im Gegensatz dazu scheint eine Person, die nicht in diesem Sinn mitschwingt, die nicht in diesem Sinn mitempfindet über dieses Vermögen bzw. über diese Fähigkeit des Mitschwingens nicht zu verfügen oder nicht in diesem Ausmaß zu verfügen. Eine solche Person empfindet nichts derartiges und erlebt daher auf der Ebene ihres Bewusstseins nichts derartiges. Daher wird eine solche Person als „kalt“ bzw. als gefühllos in dieser Hinsicht empfunden.

In Bezug auf die Fähigkeit zur eigenen Innenschau in Bezug auf das Mitempfinden und Mitfühlen mit anderen Lebewesen gibt es also große Unterschiede.

Man hat Anlass davon auszugehen, dass dieser Unterschied durch die Anlage teils natürlich bedingt ist,  man kann also sagen, dass dieser Unterschied zwischen den Lebewesen teils genetisch bedingt ist. Zum anderen  Teil spielt bei den Menschen allerdings auch die Erziehung, das Vorbild, die Kultur, die Herkunft und damit die Sichtweise eine große Rolle.

Je älter man wird und man sich selbst und die Mitmenschen beobachten und studieren kann, umso mehr gelangt man zur Überzeugung, dass die durch die Anlage bedingte Komponente in Bezug auf diese Wesensart in vielen Fällen – jedenfalls innerhalb einer Kulturgruppe – der entscheidende bzw. der überwiegende Faktor ist. Von Bedeutung scheint dabei auch der Umstand zu sein, dass eine Person, die von sich aus in dieser Hinsicht wenig empfindsam ist es auch verabsäumt diesen ihren Mangel durch eigene Bemühung zu kompensieren. Eine solche Person neigt dazu dieses Nicht-Empfinden und nicht geistig sehen bzw. das daraus resultierende Versäumnis und die daraus resultierenden Folgen bzw. Konsequenzen von vorneherein anders zu interpretieren bzw. anders zu erklären und projiziert sie die nachteiligen Konsequenzen umgehend auf ihr Umfeld bzw. auf andere Personen.

Auf dieser Grundlage entstehen die verschiedensten Konflikte in den Beziehungen zwischen den Menschen und projiziert jeder den Mangel auf den anderen, ohne sich zu bemühen den Andern wirklich zu verstehen. Es fehlt also einerseits am Willen und andererseits auch am Vermögen den anderen zu verstehen.

Umgekehrt kann man sagen, dass Rücksichtnahme, Harmonie und Frieden nur möglich sind, wenn die gegenseitige Rücksichtnahme und der gegenseitige Respekt vorhanden sind – weil nur auf dieser Grundlage ein gedeihliches Zusammenleben möglich ist. Im anderen Fall ist lediglich die Unterwerfung bzw. das sich Unterwerfen lassen die mögliche Form einer Beziehung und findet man daher in vielen Beziehungen die Bestrebungen von der einen oder anderen Seite in dieser Hinsicht die andere Person zu dominieren.

Man erkennt damit von welch großer Bedeutung die Introspektion bzw. die Innenschau und die persönliche Sichtweise ist und welche weitreichenden Konsequenzen daraus resultieren.

Die Introspektion bzw. die Innenschau ist sowohl für die psychischen Phänomene im Rahmen der normalen Psychologie und auch für die psychopathologischen Phänomene in der Psychiatrie von großer Bedeutung.

Aus der Normalpsychologie seien genannt die Gefühle bzw. Empfindungen: Sympathie, Liebe, Hass, Eifersucht, Neid, Zuneigung, Dankbarkeit, Wertschätzung usf.

Auch in der Psychiatrie ist die Innenschau bei praktisch allen psychischen Störungen von großer Bedeutung. Ausdrücklich genannt seien die Depression, die Manie und auch die sonstigen affektiven Störungen bei denen die Störung der Introspektion in vielen Fällen ein wesentlicher Faktor ist. Schließlich spielen die Störungen der Introspektion auch bei den sonstigen schweren psychischen Störungen, insbesondere bei den Psychosen vom Typ der Schizophrenie aber auch bei den Persönlichkeitsstörungen, die früher zum Teil als Psychopathie bezeichnet worden sind, eine große Rolle, insofern die verminderte Introspektion zu den verschiedensten Problemen im sozialen Umgang führt.

Auch bei den psychischen Störungen die man früher als Neurosen beschrieben hat spielen diese Eigenheiten eine große Rolle.

Man erkennt damit, dass die Variationen im Vermögen der Introspektion und auch die krankheitsbedingten Störungen bei diesen psychischen Phänomenen, sowohl in der Normalpsychologie wie auch in der Psychiatrie von außerordentlich großer Bedeutung sind.

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(letztes update 12.2.2013, abgel. unter psycholog. Begriff)

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