Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Japers Zitat 2 – relative Schemata in der Schwebe halten

„… Instinktiv wehren wir uns, irgendeines dieser Schemata zum alleinherrschenden System zu erheben; wir merken, daß wir damit alles vergewaltigen, daß wir uns selber und andere, die es etwa annehmen möchten, geistig totschlagen würden. Statt dessen suchen wir das eine Schema durch das andere zu paralysieren; wir suchen zwar Schemata auszubilden, aber durch deren Mehrzahl uns selbst in der Schwebe zu erhalten. Trotz allem systematischen Bemühen sind wir also nie fertig, sondern haben immer statt eines wirklichen Systems doch zuletzt  nur einen Katalog, statt eines dirigierenden Systems eine Reihe sich überlagernden, ja ausschließender, relativer Schemata. – Mit dem jeweiligen Gerüst von Ordnung, diesem Skelett, nehmen wir nun den weiteren Stoff auf, in biographischen, historischen Studien, lebendigen Betrachtungen des Gegenwärtigen. Der Strom dieses Stoffes ist unerschöpflich. Vieles lassen wir vorbeigehen, weil es uns nicht interessiert. Was uns irgendwie als wesentlich auffällt, das halten wir fest, fragen, wohin es gehört. So tritt eine Wechselwirkung zwischen unseren systematischen Gerüsten und den neuen Materialien ein: das Neue wird entweder in vorhandenen Formen aufgefaßt, identifiziert, es wirkt bereichernd, aber das Gerüst kann es aufnehmen; oder es wird mit Deutlichkeit und Klarheit als neu erkannt, es wird begriffen, daß dieses noch keinen Ort hat, das Gerüst erweitert sich, oder das ganze Gerüst wird umgebaut.“

Aus:

Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen, 6. Auflage, Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York, 1971, Seite 16, ISBN 3- 540-05539-8, ISBN 0-387-05539-8

(letzte Änderung 7.1.2017, abgelegt unter: Idee, medicial diagnostics / psychiatric diagnostics, Medizinische Diagnostik, Psyche, Psychiatrie, psychiatrische Idee, psychische Störung, Psychologie, psychologische Idee, Zitate)

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Anmerkung zum Zitat:

In diesem Sinn sollte man in der Psychologie und auch in der Psychiatrie das Wissen das man in Bezug auf die Psyche durch eine psychologische Idee oder durch eine psychiatrische Idee, jeweils durch die Anwendung des Schemas der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) gewonnen hat, in der Schwebe halten. Eben, weil das erlangte Wissen nur relativ gültig ist und zwar relativ gültig in Bezug auf die angewandte bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 4).

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