Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Die Dynamik im psychiatrischen Denken resultiert aus dem richtigen Gebrauch der Ideen

Die Dynamik im psychiatrischen Denken resultiert aus dem richtigen Gebrauch der Ideen.

Wenn man die psychiatrischen Ideen (psychologischen und psychotherapeutischen Ideen) richtig gebraucht, dann entsteht dadurch die natürliche Dynamik im Denken.

Aus einer Idee ergibt sich durch die Assoziation die nächste Idee und so fort – so kommt es zur natürlichen Entwicklung im Denken auf Grundlage der Dialektik der Gegensätze bzw. der Unterschiede der Ideen.

Werden die Ideen jedoch missverstanden und gleich angesehen wie Erkenntnisobjekte in der körperlichen Welt bzw. wie physische medizinische Erkenntnisobjekte – dann gerät das Denken dadurch ins Stocken, weil kein Gegensatz zwischen diesen Erkenntnisobjekten und damit zwischen diesen Ideen mehr gegeben ist. In diesem Fall sieht man einen psychischen Befund so an, wie einen faktischen Befund also wie einen objektiven Befund in der körperlichen Medizin. Damit gerät das Denken in der Psychiatrie zum Stillstand, weil sich daraus keine Assoziation ergibt. Ein objektiver körperlicher Befund ist nämlich ein faktischer Befund und somit ein ganz anderer Befund als ein psychischer Befund bzw. als ein psychiatrischer Befund.

Ein medizinischer Befund der sich auf ein körperliches Faktum gründet ist eine Sache, die unabhängig von einer anderen Sache bzw. unabhängig einem anderen Faktum erkannt werden kann. Im Gegensatz dazu kann ein psychisches Phänomen nur auf der Grundlage des Gegensatzes zu einem anderen psychischen Phänomen auf der Ebene der Ideen erkannt werden.

Man kann also die psychologischen Ideen und auch die psychiatrischen Ideen nur auf der Grundlage des Gegensatzes der Idee erkennen, wenn man die verschiedenen Ideen auf der Ebene der Ideen miteinander vergleicht.

So erkennt man etwa, ob eine Person fröhlich ist, oder ob sie traurig ist, ob sie depressiv oder manisch ist auf der Ebene der Ideen in dem man die verschiedenen Ideen, die man erlangt hat miteinander mit den Gedächtnisinhalten, also mit den abgespeicherten Inhalten des Gedächtnisses das man auf der Grundlage der Erfahrung erlangt hat, vergleicht.

Das Missverstehen einer psychologische Idee bzw. das Missverstehen einer psychiatrischen Idee und das Ansehen eines solchen Erkenntnisobjekts wie das Ansehen eines körperlichen Faktums führt also dazu, dass das psychologische Denken bzw. das psychiatrische Denken zum Stillstand kommt. Die Leute die diesen Unterschied in den Erkenntnisobjekten nicht beachten haben keine Einfälle mehr, sie bemerken nichts mehr wenn sie z.B. nur noch an die Rezeptoren und Transmitter des Nervensystems denken, die angeblich die psychischen Phänomene gemäß den biologischen Theorien der Biologischen Psychiatrie verursachen.

Damit wird die Psychiatrie mechanistisch, obwohl sie eigentlich primär nicht mechanistisch, sondern dialektisch ist.

Die Ursache für die Verarmung an Ideen und die Verarmung der Sichtweisen in der Psychiatrie resultiert also aus dem falschen Verstehen der Ideen und in weiterer Folge aus dem falschen Gebrauch der Ideen. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Eine psychologische und damit auch eine psychiatrische Idee ist immer nur relativ gültig und nicht absolut gültig, wie ein objektiv bestimmbares körperliches Faktum – und es resultiert aus dieser Relativität bzw. aus dem relativistischen Gebrauch der Ideen die natürliche Bewegung im Denken in Folge der Dialektik also in Folge der Gegensätze bzw. der Unterschiede der Ideen.

Wird eine psychologische Idee, oder eine psychiatrische Idee missverstanden und so angesehen wie eine Idee, die sich auf ein körperliches Objekt bezieht, und diese dadurch fix bestimmt ist – so unterbleibt diese dialektische Bewegung im Denken. Man gelangt dann zu einem Ergebnis und glaubt vielleicht (subjektiv) dass es so „ist“ – dass der Patient dieses oder jenes „hat“ so wie er ein körperliches Objekt tatsächlich hat – damit kommt aber das psychiatrische Denken zum Stillstand. Denn was gibt es noch zu Überlegen und alternativ in Erwägung zu ziehen wenn jemand etwas definitiv „hat“?

Wenn man eine psychologische oder eine psychiatrische Idee auf diese Art und Weise „konstitutiv“ und damit falsch verwendet – dann ist einem der Fehler unterlaufen den Immanuel Kant den konstitutiven Gebrauch einer Idee nennt (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Tatsächlich ist „konstitutive“ und damit falsche Gebrauch der psychiatrischen Ideen – also der „konstitutive“ Gebrauch der psychiatrischen (psychologischen und psychotherapeutischen) Ideen heutzutage in Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) gängige Praxis.

So haben unlängst Fachleute in der Psychiatrie im Rahmen der letzten Revision der DSM-Klassifikation (der DSM-V Klassifikation) neue diagnostische Einheiten definiert, ohne dass diese dialektisch gegenüber anderen psychiatrischen Diagnosen erkannt und bestimmt werden können.

Man definiert in der psychiatrischen Diagnostik neue Symptomenkomplexe und benennt diese mit neuen Begriffen, etwa den Begriffen ADHS, Autismus, Borderline-Persönlichkeitstörung und es glauben manche Fachleute damit absolut gültige Einheiten erkannt zu haben, die so, wie körperliche Fakten, etwa eine Tuberkulose oder ein Herzinfarkt eine diagnostische Einheit bilden, die dann allgemein gültig bestimmt werden kann.

Fachleute und auch Laien gelangen also zu einer psychologischen oder psychiatrischen Idee und sagen der Patient „hat“ diese oder er jene psychische Störung z.B. der Patient hat ein ADHS und sie glauben damit, dass der Patient tatsächlich (objektiv) gewiss eine solche Störung „hat.“

Man spricht z.B. davon, dass ein Patient ein ADHS oder eine Schizophrenie „hat“ – und es glauben selbst viele Fachleute – dass man damit eine Erkenntnis erlangt hat, die allgemein gültig ist. Man ist also in der Psychiatrie geneigt die Erkenntnis bzw. die Idee, die man erlangt hat in dem Sinn zu verstehen, dass es sich dabei tatsächlich um eine diagnostische Einheit handelt – die man im Moment zwar noch nicht objektiv bzw. noch nicht allgemein gültig feststellen kann – die man aber bald schon mittels einer Methode – etwa mittels der funktionellen Bildgebung z.B. mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), oder auf der Grundlage der Befunde der Genetik, oder auf der Grundlage von sonstigen biologischen Befunden (Markern), wie sie in der Biologischen Psychiatrie festgestellt werden in Zukunft wird objektiv gültig bestimmen können – so wie man viele körperliche Diagnosen in der Medizin objektiv gültig bestimmen kann.

Tatsächlich übersieht man dabei – wenn man so denkt – dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen einem mentalen Objekt und einem physischen Objekt gibt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Vorhersehbar wird auch in ferner Zukunft für die Psychiatrie weiterhin gelten was bereits Karl Jaspers erkannt und geschrieben hat: „Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall  niemals verwirklichen“ (vgl. mit Jaspers Zitat 6), weil es sich bei den psychiatrischen Ideen um (bloße) Ideen im Sinn von Immanuel Kant handelt. (vgl. mit Jaspers Zitat)

In dieser Hinsicht hat sich also Emil Kraepelin getäuscht, als er geglaubt hat, dass man in der Psychiatrie schon bald wird gewisse psychiatrische Diagnosen objektiv und damit allgemein gültig bestimmen können, wie dies bei vielen medizinischen Diagnosen möglich ist (vgl. mit Kraepelin Zitat 1).

Es handelt sich also bei einer psychiatrischen Idee – etwa bei der Idee ADHS, oder bei der Idee Schizophrenie um ein eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant.

Tatsächlich ist eine solche Idee bzw. der Begriff der Idee als projektierte Einheit entstanden von dem man denkt, dass es diese Einheit als tatsächliche Einheit gibt. Wie man sich überzeugt handelt es sich dabei jedoch um eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 8) – also um ein psychiatrisches Konzept.

Vorhersehbar wird man in naher und auch in ferner Zukunft ein solches Konzept nicht objektivieren können – eben weil es sich auf eine projektierte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 5) bzw. auf eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit und damit auf eine bloße Idee gründet (vgl. mit Kant Zitat 8).

Ungeachtet dessen, dass man eine solche (bloße) Idee nicht auf ein Objekt zurückführen kann – ist sie sehr nützlich – allerdings sollte man dabei nicht außer Acht lassen auf welcher Erkenntnisbasis die Idee entstanden ist und weiterhin steht.

Das bedeutet man sollte eine solche Idee nur relativistisch verwenden (vgl. mit Kant Zitat 4), weil sie nur relativ und nicht absolut gültig ist.

Daher sollte man eine solche Idee in der Schwebe halten – wie dies Karl Jaspers formuliert hat (vgl. mit Jaspers Zitat 2).

Wird diese Restriktion nicht beachtet (vgl. mit Kant Zitat 3a) – und werden irrtümlich die psychologischen Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) und somit auch die psychiatrischen Ideen so angesehen wie die Ideen auf deren Grundlage man körperlichen Fakten bestimmt – dann kommt das Denken dadurch bedingt  zum Stillstand.

Denn was gibt es über ein Faktum zu diskutieren und debattieren?

Ein Faktum ist eine fixe Sache – man „hat“ so etwas, oder man „hat“ es nicht.

Gerade das trifft aber für die psychischen und psychiatrischen Befunde bzw. die psychiatrischen und  die psychologischen und auch die psychotherapeutischen Erkenntnisse nicht zu – sondern sollte man eine solche Idee bzw. eine solche Erkenntnis immer nur als nur relativ gültige Erkenntnis ansehen und sie daher in der Schwebe halten (vgl. mit Jaspers Zitat 2).

Gesteht man sich diese Restriktion nicht ein und glaubt man objektives Wissen erlangt zu haben oder erlangen zu können – so büßt man dadurch bedingt die Dynamik im Denken ein.

Man kann also das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen – wie es Karl Jaspers formuliert hat (vgl. mit Jaspers Zitat) – dafür bleibt man aber im Denken flexibel und dynamisch – philosophisch gesprochen – dialektisch.

Im anderen Fall – wenn man die Ideen missversteht dann beraubt man sich gleichsam als Konsequenz des falschen Verstehens der Dynamik im Denken. Man missversteht dann die Erkenntnisse als faktische Erkenntnisse, obwohl es sich dabei nicht um faktische Erkenntnisse handelt.

Gerade in dieser Hinsicht hat die Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten einen großen Schaden als Folge  des falschen Gebrauchs der Ideen und als Folge des falschen Verstehens ihrer Ideen erlitten.

Man sieht also welche weitreichenden Konsequenzen  (Weiteres dazu hier) der falsche Gebrauch der Ideen in der Psychiatrie (Psychologie) zur Folge hat – und zweifelsohne sind verschiedene nachteilige Entwicklungen in der Psychiatrie auf den falschen Gebrauch der Ideen zurückzuführen – die aus dem falschen Verständnis der Erkenntnisbasis resultieren.

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Weiteres, insbesondere über die Konsequenzen, finden Sie im blog: Konsequenzen.

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(letzte Änderung am 26.9.2014, abgelegt unter Idee, Psychiatrie, psychiatrische Idee, Konsequenzen)

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