Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Lernen – Neuroplastizität

Das Nervensystem ist lernfähig, und zwar in jede Richtung. Das heißt, wir lernen nicht nur das, was für uns nützlich ist, sondern auch das, was für uns schädlich ist.

Wir sind geneigt das zu tun, was uns Lust bereitet und geneigt das zu unterlassen, was uns keine (unmittelbare) Lust, sondern Mühe, Anstrengung, Lustverzicht oder gar Unlust bereitet.

„Wir leben von der Hand in den Mund“ und die bessere Erkenntnis, die Weisheit, oder das was wir eigentlich schon wissen bleibt oftmals auf der Strecke.

Wir leben in der Gefahr das zu tun, was uns kurzfristig Lust bereitet  – auch wenn es uns langfristig zum Nachteil gereicht.

Dabei soll das nicht heißen, dass man auf alles verzichten soll was Lust bereitet. Wir sollen uns aber klar sein was für uns verträglich und förderlich ist und was uns schadet bzw. was des Guten zuviel ist. Zweifelsohne bieten sich heute Möglichkeiten die die Menschen in früheren Zeiten gar nicht gehabt haben – zum Guten wie zum Schlechten.

Neurophysiologisch gesehen ist das Nervensystem in jede Richtung entwickelbar und es ist daher bis zu einem gewissen Grad „formbar“ also „neuroplastisch“.

Man kann auch sagen: das Nervensystem ist lernfähig und diese Lernfähigkeit beruht auf der Neuroplastizität.

Das heißt das Nervensystem adaptiert sich an die Gegebenheiten. Man kann dabei das absichtliche Lernen vom unabsichtlichen Lernen unterscheiden. Das unabsichtliche Lernen bezeichnet man als Konditionierung. Man kann einsehen, dass sehr leicht eine Konditionierung in eine ungünstige Richtung in Gang kommt und sich entsprechende neuronale Muster etablieren und „eingravieren“. Allein schon die Unachtsamkeit genügt für eine ungünstige Konditionierung, geschweige denn, wenn auch noch die aktive Unterdrückung von Warnsignalen hinzukommt. Wir sind also sehr schnell bereit die „innere Stimme“ zu übergehen – was uns allerdings zum Nachteil gereicht und nichts anderes ist als Selbstbetrug.

Gemeint ist hier also die Tendenz zur Bagatellisierung bis hin zur Realitätsverleugnung, wie sie als Folge in der Störung der Realitätswahrnehmung vorkommt.

Nachteilige neuroplastische Veränderungen finden offenbar bei der Sucht bzw. bei der Suchtentwicklung statt aber natürlich auch bei sonstigen gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) wie diese in der Medizin untersucht und therapiert werden und insbesondere auch bei den psychischen Störungen wie diese in der Psychiatrie (Psychologie) diagnostiziert und therapiert werden und schließlich auch bei den Psychosomatischen Störungen wie diese insbesondere in der Psychosomatik behandelt werden.

Bei den Süchten unterscheidet man bekanntlich eine substanzgebunde Suchtwie den Alkoholismus, die Drogensucht im engeren Sinn, oder eine abnorme suchtartige Entwicklung, die man als ungünstige Entwicklung bezeichnen kann bei der die neuronale Funktion sich ändert. Es kommt hier also zum Beispiel wenn sich jemand durch das Essen belohnt nachdem er Frust erleben musste zu einer Konditionierung und es entwickelt sich schnell der „Kummerspeck“ (Esssucht). Oder wenn jemand aus reiner Lust am Essen mehr und mehr isst, ohne die natürlichen Signale zu beachten oder schon gar keine Sättigkeitsgefühle mehr wahrnimmt wird er vorhersehbar übergewichtig (normale Eßsucht als Steigerung des natürlichen Essens). Oder wenn jemand aus Lustgewinn am Nicht-mehr-Essen oder aus übertriebener Angst vor dem dick-werden auf das Essen verzichtet, so kann dies zur Anorexie führen. In all diesen Fällen ist es offensichtlich auf dem Wege von neuroplastischen Veränderungen – oder man kann auch sagen auf dem Wege von absichtlichen und unabsichtlichen Lernvorgängen zu Konditionierungen gekommen, die den Organismus in enen neuen Funktionsstatus und aus der Gleichgewichtslage gebracht haben.

Man kann einsehen dass, wenn derartige Veränderungen eingetreten sind als Gegenmaßnahme „ho-ruck-Aktionen“ keine Normalisierung und Genesung bewirken können, sondern dass entsprechende Veränderungen in die „richtige Richtung“ nur durch (mühsame) „Kleinarbeit“, durch wiederholtes achtsames Tun sprich durch Achtsamkeit in Verbindung mit anderen Maßnahmen erreicht werden.

Einsicht, Achtsamkeit und stetige Bemühung – darauf kommt es an.

Nur ständige Bemühung in die richtige Richtung und die angemessene Handlung (positive Bemühung – Gewöhnung – Gewohnheit in die richtige Richtung) können eine Dekonditionierung bewirken. In diesem Fall kann man vom positiven Lernen sprechen.

Natürlich sind auch sonstige Randbedingungen wichtig. Ohne Einsicht und ohne Achtsamkeit und ohne Bemühung wird man jedoch nichts erreichen.

Durch das achtsame Tun wird sich die Selbstwahrnehmung wieder verbessern und damit findet man den Weg zum richtigen Handeln.

Auch ist damit unmittelbar einsichtig, dass für positive Entwicklungen die „Abstinenz“ (die Enthaltsamkeit vom nachteiligen Tun) erfordert ist und es ist weiters einsichtig, dass das „positive“ Tun erst im Laufe der Zeit seine Früchte bringen wird.

Infolge der der eingetretenen neuroplastischen Veränderungen wird es verständlich, warum es bei einer Sucht bei Aufgabe der Abstinenz sehr schnell zum dominanten Wiederauftreten der alten schädlichen Verhaltensmuster kommt. Da diese Muster in der Vorzeit tief eingraviert und eintrainiert worden sind können sie sehr schnell  wieder aktiviert werden und kommt es dann leicht wieder zum reflexhaften Verhalten also zum sogenannten Rückfall. Das nachteilige selbstschädigende Verhalten wird also schnell wieder die Oberhand über das „positive, gesunde“ Verhalten gewinnen wenn die Abstinenz aufgegeben wird (bei Eßstörungen ist natürlich eine gänzliche Abstinenz nicht möglich, sondern geht es hier um die Vermeidung oder den streng reglementierten Konsum von z.B. gewissen Nahrungsmitteln).

Neurophysiologisch gesehen ist es also so, dass sich die „nachteiligen“ neuronalen Muster schleichend und unbemerkt sich etablieren, wohingegen die „positiven, gesunden“ Muster eine vorausschauende Erkenntnis und daraus resultierende Bemühung erfordern. Dies macht die Sache so schwer.

Andererseits gilt auch der Spruch „steter Tropfen höhlt den Stein“ und es ist so gesehen die Bemühung nicht vergeblich wenn man stetig dran bleibt und es ist auch ein kurzer Rückfall kein größeres Problem wenn man den positiven Weg wieder aufnimmt. Es lohnt dort weiter zu machen – wo man vor dem Rückfall schon angekommen ist – denn einiges hatte man ja schon erreicht – und sollte man nach dem Rückfall nicht zurück, sondern vorwärts schauen.

Es wird damit deutlich mit welchen Gefahren wir Menschen heute konfrontiert sind, wenn man die Menge an Lust steigernden Genußmitteln sieht wie sie allerorten angeboten und beworben werden.  Nicht zu vergessen sind auch die Unlust-dämpfenden und betäubenden (berauschenden) Mittel, sowie jene, die uns kurzzeitig eine überdurchschnittliche Leistungssteigerung ermöglichen bzw. in Kombination mit den vorgenannten Mitteln, kurzzeitig lustvolle Effekte bewirken.

Wir sollten nicht vergessen, dass wir in fast jeder Hinsicht „endlich“ und „beschränkt“ sind – und in Folge dieser „Endlichkeit“ den eigenen Bogen nicht überspannen sollten.

Damit sieht man, wie dringend eine Kultur der Achtsamkeit und des kritischen Umgangs mit den Möglichkeiten gefordert ist und jede Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Verantwortung sich darum bemühen sollte.

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(letzte Änderung 4.1.2017, abgelegt unter Lernen)

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