Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Gedächtnis – Einleitung

Das Gedächtnis funktioniert auf der Grundlage der Einspeicherung, der Ausspeicherung und des Vergleichs von Informationen.

Ebenso kann man sagen: das Gedächtnis funktioniert auf der Grundlage der Assoziation von Inhalten.

Man kann also das Gedächtnis durch unterschiedliche Theorien erklären.

Neurophysiologisch gesehen hinterlassen Sinneseindrücke und auch sonstige Erlebnisinhalte Spuren im Gedächtnis, die später beim Erkennen bzw. Wiedererkennen mit früheren Gedächtnisspuren verglichen werden, und auf deren Grundlage man sodann entschiedet was zutreffend ist.

Es entstehen also im Nervensystem neuronale Muster, die wieder aktiviert werden können.

Wie man bei sich selbst sehen kann, ist die Gedächtnisspur mehr oder weniger deutlich bzw. undeutlich und vage – so dass man z.B. nicht immer sicher sagen kann, ob man eine gewisse Person schon einmal gesehen hat. Man kann also sagen, dass das Nervensystem unterschiedlich starke Einprägungen vornimmt.

Weiters kann man sagen, dass bei stärkerer Einprägung sofort eine sogenannte „Langzeitgedächtnisspeicherung“ entsteht, da wir jederzeit später uns an diesen Eindruck wieder erinnern können.

Diese Tatsache spricht dafür, dass auch die Langzeitgedächtnisinhalte primär auf neuronalen Mustern basieren. Ich behaupte also, dass auch die Langzeitgedächtnisinhalte primär durch neuronale Muster repräsentiert sind und nicht durch strukturelle Veränderungen auf Synaptischer Ebene, wie dies gemäß der derzeit anerkannten Gedächtnistherorie (-> WikiBeitrag) angenommen wird.

Langzeitgedächtnisinhalte unterscheiden sich von Kurzzeitgedächtnisinhalten offensichtlich lediglich darin, dass die Ersteren erinnert, also mehr oder weniger deutlich reproduziert werden können, was bei den Letzteren nicht der Fall ist.

Evidenterweise ist es natürlich so, dass das wiederholte sinnliche Wahrnehmen von Informationen und auch das wiederholte interne Wiederholen von Informationen (z.B. das wiederholte Darübernachdenken, das wiederholte Bewegen, Fühlen etc.) dazu führt, dass sich Gedächtnisinhalte tiefer einprägen und dann auch leichter assoziert werden können.

Das heißt, besser erinnerbare Informationen können besser assoziert werden.

Neurophysiologisch gesprochen bedeutet dies, dass ein neuronales Muster besser aufgebaut werden kann wenn es bessereingeprägt worden ist.

Evidenterweise ist es also so, dass die oftmalige Verwendung, das heißt die oftmalige Assoziation eines Gedächnisinhaltes dazu beiträgt, dass dieser Gedächtnisinhalt schneller und besser aufgerufen werden kann.

Beispielsweise die sogenannte Eloquenz beim Sprechen, das Verwenden von Worten und das Bilden von Sätzen hängt beispielsweise von dieser Fertigkeit ab und wird nur eine Person die viel spricht „flüssig“ sprechen können, wogegen – wie man es bei der Verwendung einer Fremdsprache (welche man nicht häufig spricht) bemerkt  – dass diese „Flüssigkeit“ nicht vorhanden ist.

Diese Sachverhalte sprechen dafür, dass unser Langzeitgedächtnis offenbar nicht primär von strukturellen Veränderungen im Gehirn abhängig ist.

Dafür spricht auch das Folgende:

Wenn jemand beispielsweise einmal in seinem Leben den „Eifelturm“ in einer Fernesehsendung über Paris gesehen hat und erst Jahre später wieder ein Bild des Eifelturmes sieht und sodann sagen kann, dass dieser Turm in Paris steht, so ist es offensichtlich so, dass nicht Strukturveränderungen auf Synaptischer Ebene zur dieser Langzeitgedächtnisleistung geführt haben. Vielmehr scheint es so zu sein, dass das Gehirn in der Lage war beim Wiedersehen eines Bildes des „Eifelturmes“ im Gehirn eine Assoziation zu erwecken, welche die bildliche Information dieses besonderen „Turmes“ mit der Information „Paris“ verknüpft hat, und sodann die verbale Assoziation „Eifelturm“ liefert.

Unser Gehirn scheint also so zu funktionieren, dass aus einem momentanen neuronalen Muster das nächste neuronale Muster hervorgeht.

Je nachdem aus einem neuronalen Muster ein weiteres gebildet werden kann ist die Erinnerungsfähigkeit gegeben.

Umgekehrt kann aus einem momentan bestehenden neuronalen Muster das intendierte neuronale Muster nicht bebildet werden – so ist die Erinnerbarkeit nicht gegeben.

Das heißt, die Langzeitgedächtnisfunktion ist gegeben wenn ein früheres neuronales Muster reaktiviert werden kann.

Wie man bei sich selbst feststellen kann, ist es dabei so, dass diese Reaktivierung von früheren Mustern nicht gleich konkret und „schraf“ ausgebildet ist, wie z.B. der ursprüngliche Sinneseindruck – sondern, dass sich das Gehirn mit einem „komprimierten Datensatz“ begnügt.

Der Datensatz kann also durchaus variant und unscharf sein die wesentlichen Konturen muss er allerdings beinhalten.

Spricht man zum Beispiel vom „Eifelturm“, so hat man ein vages, inneres Bild von diesem einzigartigen Turm vor sich, wobei das Bild keinesfalls sehr deutlich zu sein braucht. Das heißt man hat nur in etwa das Schema des Turmes vor dem inneren „geistigen Auge“ und keinesfalls die vielen Stahlträger in der einzelnen Ausführung wie der Turm tatsächlich aufgebaut ist.

Unser Gehirn arbeitet als weit überwiegend mit derart komprimierten Schemata und ist dabei im Wechsel der Schemata unwahrscheinlich flexibel. (Im Gegensatz dazu arbeiten Computer mit ganz konkreten Datensätzen und ganz konkreten eineindeutig bestimmten URL-Adressen in Bezug auf die Datenablage bzw. den Datenzugriff.)

Die prizipelle Unterscheidung zwischen einem Kurzzeitgedächtnis und einem Langzeitgedächtnis erscheint also nicht gerechtfertigt.

Vielmehr erscheint es gerechtfertigt, zu sagen, dass gewisse Informationen von Anbeginn so eindrücklich sind, dass sie später wieder aufgerufen (assoziert) und zugeordnet werden können, – was bei anderen Informationen nicht der Fall ist.

Kurzzeitgedächtnisinformationen können also später nicht mehr aufgerufen werden, die Langzeitgedächtnisinformationen jedoch schon.

Dabei sei natürlich nicht in Frage gestellt, dass das vielfache Durchlaufen von neuronalen Mustern bzw. die wiederholte Aktivität einer Nervenzelle sprich, der wiederholte Übergang von Impulsen von einer Nervenzelle auf eine andere in diesem Bereich der neuronalen Verbindung, zur Ausbildung von besseren synaptischen Verbindungen führt und sich dies auch histologisch nachweisen lässt. Damit ist aber keinesfalls erwiesen, dass die Information als solche auf der synaptischen Ebene „gespeichert“ ist – sondern behaupte ich, dass diese Theorie falsch ist.

Unter anderem sprechen folgende Gründe dafür, dass diese Theorie falsch ist:

* Der Umstand, dass wir sehr schnell „Langzeitgedächtnisinformationen“ aufbauen können spricht dagegen dass Langzeitgedächtnisinformationen auf strukturellen Veränderungen basieren.

* Der Umstand, dass ältere Menschen nicht mehr so gut Dinge assozieren können spricht dafür, dass das Problem beim älteren Menschen nicht so sehr auf der synaptischen Strukturebene gelegen ist als vielmehr auf der Ebene des Aufbaues von neuronlen Musteren bzw. Schemata.

(Das heißt die synaptische Struktur ist – abgesehen davon, dass natürlich einzelne Neurone schon verloren gegangen sind, noch mehr oder weniger vorhanden. Dies kann aus dem Umstand ableiten, dass alte Menschen durchaus noch detailliert Einzelheiten erinnern und wiedergeben können. Mit anderen Worten spricht dieser Sachverhalt dafür, dass ältere Menschen, wenn sie in einem bestimmten neuronalen Muster sind ausgehend von diesem neuronalen Muster druchaus noch „nachfolgende“ neuronale Muster gut assozieren können (insbesondere dann wenn sie diese Sequenz schon viele Male durchlaufen haben). Das heißt es fällt dem älteren Menschen leicht in ihm geläufigen Bahnen neuronal aktiv sein. Im höheren Alter wird es aber zunehmend schwer den „switch“ zwischen nicht naheliegenden neuronalen Mustern vorzunehmen.

* Der Umstand, dass Personen nach hirnlokaler Verletzung (nach Abklingen der akuten Symptome) durchaus wieder (dem Grad der Verletzung entsprechend) gute Erinnerungsfähigkeit zeigen, spricht ebenfalls dagegen, dass unser Langzeitgedächtnis primär an strukturelle neuronale Veränderungen auf Synapsenebene gebunden ist. (Bekannt ist, dass dabei allerdings gewisse Gehirnstrukturen erhalten sein müssen, weil sonst die Gedächtnisfunktion gänzlich ins Wanken gerät).

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