Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

transzendentes Erkenntnisobjekt

Ein transzendentes Erkenntnisobjekt ist ein Erkenntnisobjekt das sich auf eine transzendentalen Idee gründet.

Demgemäß wird das transzendentale Erkenntnisobjekt durch die systematische Einheit der bloßen Idee erkannt (vgl. mit Kant Zitat 8).

Man kann daher auch sagen, dass dieses Erkenntnisobjekt nicht physisch erkannt und nicht physisch auf der „Ebene der Objekte“ überprüft werden kann, weil es dafür keinen Probierstein der Erfahrung gibt (vgl. mit Kant Zitat 10).

Daher ist das transzendente Erkenntnisobjekt der Begriff der bloßen Idee der durch das Schema der transzendentalen Idee erkannt wird.

Man kann daher auch sagen: der Begriff einer transzendentalen Idee ist ein transzendentes Erkenntnisobjekt.

Es ist ein transzendentes Erkenntnisobjekt also eine transzendentale Einheit die auf Grundlage der transzendentalen Idee erkannt wird.

Ein solches Erkenntnisobjekt kann man nicht physisch und daher nicht objektiv respektive nicht allgemein gültig erkennen, sondern ich kann es nur subjektiv gültig erkennen und daher nur subjektiv gültig bestimmen, weil es keinen korrespondierenden Gegenstand gibt (vgl. mit Kant Zitat 8a).

Immanuel Kant schreibt, dass es dreierlei transzendentale Ideen gibt: psychologische, kosmologische und theologische. (vgl. mit Kant Zitat 8a)

Die Idee, dass jemand depressiv ist, oder dass jemand schizophren ist, oder dass jemand neurotisch ist, oder jemand glücklich ist, oder jemand unglücklich ist, ist Wissen das jeweils auf einer transzendentalen Idee beruht. Den Begriff einer solchen Idee können wir nicht “physisch” bestimmen, weil er die systematische Einheit der Idee ist, die durch das Schema einer bloßen Idee erkannt wird (vgl. mit Kant Zitat 8 und Kant Zitat 7). Wir können ein solches Schema höchstens explizit definieren – wenn wir dies wollen – wie dies beispielsweise bei den psychiatrischen Kategorien der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation der Fall ist, weil diese Kategorien durch die Merkmale der diagnostischen Ideen bestimmt sind bzw. diese Merkmale die Merkmale des (diagnostischen) Schemas der (diagnostischen) Idee aufzeigen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Desgleichen können wir die Vorstellung, dass das Universum durch den Urknall entstanden ist, oder die Vorstellung, dass die Welt und das Universum durch einen „Schöpfer“ entstanden ist nicht physisch überprüfen und beweisen. Das ist so, weil der Begriff “Urknall” und auch der Begriff “Schöpfer” bzw. der „Gottesbegriff“ durch das Schema der bloßen Idee erkannt wird bzw. ein solcher Begriff die systematische Einheit der transzendentalen Idee ist, die wir nicht am Probierstein der Erfahrung prüfen können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Alle diese Ideen sind bloße Ideen, die das Produkt der menschlichen Einbildungskraft sind (vgl. mit Kant Zitat 12c).  Wir können solche Ideen nicht „physisch“ beweisen – trotzdem sind solche Ideen wertvoll und nützlich falls sich angemessen verwendet werden.

In der Psychiatrie (Psychologie, Psychotherapie) können wir mit der Hilfe dieser (bloßen) Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) bzw. mit der Hilfe der Begriffe dieser Ideen, die sämtliche regulative Begriffe sind, die Vielfalt der psychischen Erscheinungen erfassen und sodann in der psychologischen Wissenschaft und in der psychiatrischen Wissenschaft systematisch studieren.

Man kann also mit diesen diagnostischen Einheiten, die sämtliche systematische Einheiten im Sinne von Immanuel Kant sind, die psychischen Sachverhalte nach einer gegliederten Ordnung (auf der „Ebene der Ideen“) – somit auf Grundlage eines definierten Systems (auf der Ebene der Vorstellungen – bestehend aus aufeinander abgestimmten systematischen Einheiten) – systematisch studieren. Das heißt, wir können mit der Hilfe dieser Schemata/Typen (Karl Jaspers) die Vielfalt der unterschiedlichen psychischen Erscheinungen durch diese transzendenten Einheiten/transzendentalen Einheiten – die nützliche und daher zweckmäßige Einheiten sind – die psychischen Sachverhalte systematisch in der Diagnostik erfassen und sodann systematisch in der jeweiligen Wissenschaft studieren.

In diesem Sinne hat z.B. Eugen Bleuler durch seine Einbildungskraft (vgl. mit Kant Zitat 12c) und auf der Grundlage seiner klinischen Erfahrung und durch vernünftige Überlegung das psychiatrische KonzeptSchizophrenie” bzw. den Begriff Schizophrenie geschaffen, der ihm passender schien als der Begriff bzw. das Konzept ”Dementia Praecox”, das vor ihm Emil Kraepelin in seine psychiatrische Klassifikation eingeführt hatte (vgl. mit Bleuler Zitat und dem Jaspers Zitat).

Weil die psychiatrische Kollegenschaft  den Begriff Schizophrenie – und damit die systematische Einheit der Idee von Eugen Bleuler – als treffender bzw. als passender befunden hat, als den Begriff Dementia praecox, wurde das Konzept Schizophrenie in die psychiatrische Nosologie übernommen und gleichzeitig die diagnostische Einheit Dementia praecox verlassen bzw. aufgegeben.

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Weiteres zu dieser Thematik insbesondere im Hinblick auf die Diagnostik in der Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 20.02.2020, abgelegt unter: Objekt, philosophische Begriffe, Psychiatrie, Psychologie, Diagnostik, Definition)

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