Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

psychiatrisches Gutachten

Ein psychiatrisches Gutachten ist ein Gutachten über einen psychischen Sachverhalt bei dem eine psychische Störung aufgetreten ist.

Somit ist das psychiatrische Gutachten eine fachliche Expertise über den psychischen Sachverhalt, bei dem es infolge einer Störung der Psyche zum Auftreten von psychischen und sonstigen Auffälligkeiten gekommen ist.

Dabei werden die psychischen Auffälligkeiten vom theoretisch und klinisch in  Psychiatrie ausgebildeten Arzt, also von einem Psychiater (Psychiaterin) gemäß den Richtlinien der psychiatrischen Diagnostik erfasst und nach den Richtlinien des  Gutachterwesens beurteilt und bewertet.

Demgemäß werden in der Forensischen Psychiatrie die psychischen Auffälligkeiten vom Sachverständigen durch das psychopathologische Denken als mögliche Folge einer relevanten psychischen Störung in der Diagnostik beurteilt und bewertet.

Somit erstattet der psychiatrische Gutachter, der eine Facharztausbildung in der Psychiatrie absolviert und die fachliche Qualifikation als Sachverständiger für das Fach Psychiatrie erlangt hat, in seinem psychiatrischen Gutachten seine fachärztliche Stellungnahme, nachdem er den gutachterlichen Befund erhoben und den Sachverhalt gemäß den fachlichen Richtlinien gutachterlich beurteilt und bewertet hat, und er beantwortet infolge, die an ihn, etwa vom Gericht oder von einem anderen Auftraggeber, gestellten Fragen.

So beurteilt etwa der psychiatrische Sachverständige zum Beispiel in einem Gerichtsverfahren den Sachverhalt gemäß der Fragestellung und er gibt in seiner fachlichen Expertise durch sein gutachterliches Urteil seine fachliche Bewertung ab – etwa, ob eine krankheitswertige Störung der Psyche von relevantem Ausmaß mit daraus resultierenden rechtlichen Konsequenzen, etwa im Hinblick auf die erfolgte Handlung / Tat vorliegend ist. Es stellt somit der Gutachter fest, ob etwa Schuldfähigkeit zur fraglichen Zeit gegeben war, oder ob zum fraglichen Zeitpunkt die Geschäftsfähigkeit oder die Testierfähigkeit der betroffenen Person vorhanden war.

Früher haben in der Psychiatrie sachverständige Nervenfachärzte ein nervenfachärztliches Gutachten erstattet. Heutzutage wird zwischen Psychiater und Neurologe unterschieden.

Heutzutage erstellt ein Psychiater ein psychiatrisches Gutachten hingegen ein Neurologe ein neurologisches Gutachten.*

Ungeachtet dessen muss ein Psychiater jedoch auch über neurologische Kenntnisse verfügen, weil psychische Störungen häufig in Folge und / oder im Zusammenhang mit einer neurologischen Störung auftreten – und umgekehrt muss ein Neurologe auch über psychiatrische Kenntnisse verfügen, weil bei vielen neurologischen Störungen psychische Störungen vorkommen.

Überhaupt können psychische Störungen auch im Zusammenhang mit sonstigen körperlichen Störungen auftreten, wie diese in den verschiedenen Fachbereichen der Medizin diagnostiziert, untersucht und therapiert werden.

Nicht selten ist eine körperliche Ursache, etwa eine neurologische Ursache, die Ursache einer psychischen Störung und umgekehrt kann auch eine psychische Störung sich auf eine neurologische Störung, oder auf eine sonstige gesundheitliche Störung auswirken.

Ein psychiatrisches Gutachten gründet sich auf die Krankengeschichte, die Anamnese und den psychischen Befund bzw. den psychiatrischen Befund und auf weitere Zusatzbefunde, wie sie in der Psychiatrie erhoben werden. Daraus ergibt sich die psychiatrische Diagnose.

Auf der Grundlage der psychiatrischen Diagnose und auf der Grundlage der sonst erhobenen Befunde wird das psychiatrische Gutachten aufgebaut und erstattet. Und es werden schließlich im psychiatrischen Gutachten – so wie in jedem Gutachten – die gestellten Fragen beantwortet.

Die gestellten Fragen sollten im Gutachten durch den Gutachter ausreichend beantwortet und durch die Befunde und Argumente ausreichend begründet werden, weil das psychiatrische Gutachten in vielen Fällen als psychiatrischer Sachverständigenbeweis dient und dessen Richtigkeit, etwa vom Gericht anerkannt wird falls die Argumentation plausibel ist.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet gründet sich ein psychiatrisches Gutachten auf eine psychiatrische Idee. Dabei ist die psychiatrische Idee die gutachterliche Idee, die der Sachverständige im Rahmen der Erhebung seines gutachterlichen Befundes entwickelt hat. Aus dieser Idee leitet der Sachverständige seine Schlussfolgerungen ab, und er beantwortet auf dieser Grundlage, die an ihn gestellten Fragen. Man kann daher auch sagen, dass der Sachverständige durch die Erhebung des gutachterlichen Befundes zu einer diagnostischen Einheit im Sinn eines Ganzen gelangt, aus dem er das Weitere und damit die einzelnen Antworten auf die gestellten Fragen ableitet. Wie man sich überzeugt ist in der Forensischen Psychiatrie diese diagnostische Einheit eine systematische Einheit. Es ist diese Einheit also die Einheit einer Idee, die im Bewusstsein der Fachperson in der Form des Begriffs der Idee als systematische Einheit erscheint, wenn die Fachperson, nämlich der Sachverständige die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7 und mit Jaspers Zitat). Wie man sich überzeugt gründet sich dieses Ganze – im Sinne von Karl Jaspers (vgl. mit Jaspers Zitat) – bei einem psychiatrischen Gutachten auf ein Wahrnehmungsurteil im Sinne von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 6).*

Es handelt sich beim gutachterlichen Urteil in der Psychiatrie also um subjektives Wissen das gleichzeitig auch beschränktes Wissen ist. Man kann auch sagen: es handelt sich im konkreten Fall in der Psychiatrie und damit auch in der Forensischen Psychiatrie um relatives Wissen das in Bezug auf eine Idee relativ gültig ist und daher mehr oder weniger gültig ist und durch ein Wahrnehmungsurteil von der Fachperson erkannt wird.

Deswegen wird ein kritischer Sachverständiger in seinen gutachterlichen Aussagen und Feststellungen, die relative Gültigkeit der psychiatrischen Feststellungen beachten, und er wird daher die Feststellungen angemessen auslegen und im konkreten Fall relativieren.

Es wird also ein, im Sinn der Aufklärung aufgeklärter psychiatrischer Gutachter die Grenzen seines subjektiven Wissens beachten um nicht in ewige Widersprüche (vgl. mit Kant Zitat 2a) und in Probleme zu geraten. Das heißt: ein im Sinn der Aufklärung aufgeklärter Gutachter wird nicht anmassend auftreten (vgl. mit Kant Zitat 10), sondern er wird die Grenzen seines subjektiven Wissens beachten und berücksichtigen. Das heißt: er wird die Feststellungen einerseits mit der angemessenen Bestimmtheit vertreten, wenn der Sachverhalt typisch ist und daher die psychiatrische Diagnose in ausgeprägter Form einem Typus entspricht, nicht aber Dinge behaupten, die letztlich der Kritik nicht standhalten. Dies bedeutet: ein kritischer Gutachter wird die erlangte Idee relativistisch verwenden. Unter anderem wird ein, in diesem Sinn kritischer Sachverständiger beachten, dass ein psychischer Testbefund, wie er aus einer psychischen Testung (psychologischer Test) resultiert, bei der Erstattung eines psychiatrischen Gutachtens nur ein mehr oder wenig brauchbarer Zusatzbefund ist. Dies gilt im Übrigen auch für Befunde wie sie in der kognitiven Neurologie erhoben werden (Weiteres dazu hier)

Diese relativistische Verwendung der gutachterlichen Idee ist in der psychiatrischen Forensik, insbesondere bei einem Grenzfall in der psychiatrischen Diagnostik wesentlich (Weiteres dazu hier).

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Hinweis:

Weiteres* über psychiatrische Gutachten und generell zur Diagnostik in der Psychiatrie und in der Forensischen Psychiatrie (sowie über neurologische Gutachten in der Neurologie) in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im Verlag tredition, April 2019

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(letzte Änderung 06.03.2020, abgelegt unter: Definition, Forensik, Forensische Psychiatrie, Gutachten, Medizin, Neurologie, Psychiatrie, Rechtsprechung)

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