Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Psychiatrische Systematik

Die psychiatrische Systematik ist die Systematik, die in der Psychiatrie auf Grundlage der unterschiedlichen psychischen Störungen entwickelt worden ist.

Dabei beruht die psychiatrische Systematik auf den psychopathologischen Phänomenen, die die charakteristischen Merkmale der psychischen Störungen sind und die typischen psychischen Symptomenkomplexe bilden.

Demgemäß beruht die psychiatrische Systematik auf den  krankheitswertigen Erscheinungen der Psyche, die sich in den unterschiedlichen Formen der psychischen Störungen manifestieren und durch das psychopathologische Denken erfasst werden.

Man kann daher berechtigt sagen, dass das System der psychiatrischen Diagnostik  – und damit auch das der psychiatrischen Klassifikation – auf der Psychopathologie bzw. auf der Phänomenologie der psychischen Störungen beruht.

Und es können nachfolgend an die Diagnostik die unterschiedlichen psychischen Störungen gemäß diesem psychopathologisch- bzw. phänomenologisch begründeten System in der psychiatrischen Wissenschaft systematisch studiert werden.

Man kann daher auch sagen, dass die psychopathologisch- bzw. phänomenologisch begründete psychiatrische Diagnostik und ebenso die psychiatrische Klassifikation den Kernbereich und damit das Zentrum der psychiatrischen Systematik bilden.

Dabei ist die psychiatrische Systematik von, in der Psychiatrie praktisch tätigen Ärzten, auf Grundlage der unterschiedlichen klinischen Erscheinungen – und damit auf Basis der unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbilder  der psychischen Störungen infolge ihrer klinischen Erfahrung und vernünftigen Überlegung – entwickelt worden.

Die Basis der psychiatrischen Systematik wird also durch die psychopathologischen Begriffe gebildet, durch die die psychischen Symptome, die krankheitswertigen psychischen Phänomene und die psychischen Symptomenkomplexe der psychischen Störungen in der psychiatrischen Diagnostik erfasst werden.

Dabei werden die psychopathologischen Phänomene – so wie die normalen psychischen Phänomene – durch die Begriffe der Ideen bzw. (vermittelt) durch die Schemata der Ideen erkannt (vgl. mit Kant Zitat 7 und mit Jaspers Zitat).

Diesen Sachverhalt hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant realisiert und in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“ (ab der 4. Auflage) beschrieben (vgl. Jaspers Zitat und Jaspers Zitat 14).

Das fachliche Wissen entsteht in der Psychiatrie – (und ebenso in der Psychologie und Psychotherapie) –  durch die Gegensätze der Ideen, die durch die denkende Anschauung (vgl. mit Jaspers Zitat) auf die psychischen Erscheinungen angewandt werden. Demgemäß wird das fachliche Wissen in diesem Bereich der Heilkunde mit der philosophischen Methode der Dialektik erkannt.

Es werden also die unterschiedlichen psychischen Phänomene in der Psychiatrie, in der Psychologie und auch in der Psychotherapie – auf Grundlage der Gegensätze der Ideen – somit dialektisch – erkannt.

Auf dieser Basis werden im konkreten Fall die krankheitswertigen psychischen Erscheinungen in der psychiatrischen Diagnostik und psychiatrischen Klassifikation nach einem System geordnet, durch die systematischen Einheiten der (diagnostischen) Ideen vermittelt durch die (diagnostischen) Schemata der Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) erfasst –  und sie können daher von der Fachperson – gemäß diesem System erkannt, und subjektiv gültig nach dieser begrifflichen Ordnung (systematisch) in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt werden.

Damit können die unterschiedlichen psychischen Störungen psychopathologisch – oder man kann auch sagen: phänomenologisch begründet – definiert nach dieser (vernünftigen) Ordnung und in der psychiatrischen Diagnostik durch die Vernunft begründet bestimmt werden.

Mit anderen Worten: es können dadurch  die psychiatrischen Diagnosen, innerhalb der definierten psychiatrischen Klassifikation, nach diesem rational begründeten System geordnet, in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt werden.

Es können damit also die unterschiedlichen psychischen Störungen, nach einer auf der Vernunft basierenden Ordnung gegliedert, auf der Grundlage von definierten Ideen in Bezug auf definierte Typen durch diese Schemata (vgl. mit Jaspers Zitat) (der Ideen) subjektiv gültig erkannt und subjektiv gültig in der Diagnostik bestimmt werden.

Daher bilden die Psychopathologie bzw. die Phänomenologie die Grundlage der rationalen psychiatrischen Diagnostik, der psychiatrischen Klassifikation und der psychiatrischen Systematik.

Man kann also die unterschiedlichen psychischen Störungen und damit die verschiedenen psychiatrischen Diagnosen nur auf der Ebene der Vorstellungen in Bezug auf verschieden definierte Ideale erkennen.

Daher können die unterschiedlichen psychischen Störungen unter Führung von Ideen auf der Ebene der Ideen in Bezug auf verschieden definierte  Typen erkannt und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt werden – wie dies Karl Jaspers erkannt und und in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ aufgezeigt hat (vgl. Jaspers Zitat).

Man kann also die psychischen Störungen unter verschiedenen Gesichtspunkten (vgl. mit Jaspers Zitat 3) betrachten und je nach dem geistig auffassen – und daher die psychiatrische Klassifikation verschieden definieren – etwa so, wie sie in der psychiatrischen ICD-10 Klassifikation definiert ist, oder in der DSM-V Klassifikation.

Im Gegensatz zur psychiatrischen Systematik gründet sich die medizinische Systematik, in einem Teilbereich, wobei hier der objektivierbare Bereich der Medizin gemeint ist, auf körperliche Befunde, somit auf körperliche Objekte bzw. auf körperliche objektive Befunde und damit auf Fakten.

Es werden also in der Medizin die objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnosen auf Grundlage von objektiv bestimmbaren körperlichen Merkmalen nach einem gewissen System geordnet – auf der Ebene der Objekte – erkannt, wohingegen in der Psychiatrie die unterschiedlichen psychischen Störungen auf Grundlage von verschieden definierten Ideen – auf der Ebene der Ideen – nach unterschiedlichen Typen gegliedert, erfasst werden.

Es können in diesem Sinn in der psychiatrischen Diagnostik die unterschiedlichen diagnostischen Einheiten also gemäß dem System der unterschiedlich definierten psychiatrischen Ideen erfasst und infolge in der psychiatrischen Wissenschaft sodann systematisch studiert werden.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man in der Psychiatrie die verschiedenen psychischen Störungen auf der Grundlage der unterschiedlichen psychopathologischen Phänomene bzw. auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Symptomenkomplexe. Wohingegen in der Medizin die objektiv bestimmbaren diagnostischen Einheiten auf der Ebene der Körperlichkeit respektive auf der Ebene der Objekte bzw. der Ebene der Fakten gemäß diesen Merkmalen erkannt und objektiv gültig bestimmt werden können. Dies ist in der Psychiatrie grundsätzlich nicht möglich. In der Psychiatrie können die diagnostischen Einheiten nicht „physisch„, sondern nur jenseits der physis (= Natur), also nur „meta-physisch„, somit nur auf der Grundlage der unterschiedlichen psychischen Erscheinungen (psychischen Phänomene) und somit nur auf der Grundlage von unterschiedlich definierten psychiatrischen Ideen und daher nur subjektiv gültig durch die Begriffe der Ideen mit der philosophischen Methode der Dialektik erkannt werden.

Analoges gilt auch für den Teil der gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) in der Medizin, nämlich für die die man auf der Grundlage von körperlichen Symptomen und auf der Grundlage von körperlichen nicht-objektivierbaren Phänomenen diagnostiziert. Es sind dies die phänomenologischen Diagnosen in der Medizin, die man auch als syndromale Diagnosen im engeren Sinne bezeichnen kann und die biologisch betrachtet, teils auch als funktionelle Diagnosen bezeichnet werden. Deshalb kann man diese medizinischen Diagnosen und auch die psychiatrischen Diagnosen nur subjektiv gültig in der Diagnostik erkennen und bestimmen.

Daraus ergibt sich, dass die medizinische Systematik teils durch objektiv erkennbare Merkmale bestimmt ist und zum anderen Teil durch subjektiv erkennbare Merkmale, wohingegen die psychiatrische Systematik zur Gänze durch nur subjektiv bestimmbare Merkmale bestimmt ist.

Während also ein Teil der Systematik in der Heilkunde im Sinne der universitären Medizin sich aus den Befunden ergibt, wie man diese in der Natur entdeckt hat, gründet sich ein anderer Teil der Systematik in der Heilkunde auf Ideen, die Ärzte aus den Phänomenen (Erscheinungen) abgeleitet haben und damit haben diese Fachleute durch ihre denkende Anschauung (vgl. mit Jaspers Zitat) die jeweils charakteristischen klinischen Erscheinungen erkannt. Man erkennt, dass dieser Teil der Systematik in der Heilkunde insbesondere dort wo er sich auf Symptomenkomplexe gründet auf den Zweck hin – somit auf einen Nutzen hin – ausgerichtet ist und auf dieser Grundlage die diagnostischen Einheiten durch die (reine) Vernunft (vgl. mit Kant Zitat 10) erkannt werden (vgl. auch mit Kant Zitat 2).

In diesem Sinn bestimmt in einem Teil der Medizin und in der Psychiatrie zur Gänze der Zweck, somit die bestmögliche Form der klinischen Erscheinung bzw. ein System bestehend aus definierten Typen die bestmögliche Systematik (vgl. mit Kant Zitat 2). Man kann daher auch sagen, dass es sich bei diesen medizinisch-diagnostischen Einheiten und bei den psychiatrisch-diagnostischen Einheiten um zweckmäßige Einheiten im Sinne von Immanuel Kant handelt.

Daher schreibt Karl Jaspers treffend, dass man die psychischen Störungen nur auf der Grundlage von Typen, also nur auf der Grundlage von definierten Idealen und damit nur auf Grundlage von definierten Ideen diagnostisch erkennen und bestimmen kann, wohingegen man in der Medizin die objektivierbaren Einheiten auf Grundlage der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Gattungen objektiv gültig erkennt und diagnostisch bestimmt (vgl. mit Jaspers Zitat). Und es spricht Karl Jaspers daher (in der Psychiatrie) von fruchtbarsten Orientierungspunkten (vgl. mit Jaspers Zitat 6) auf deren Grundlage man die verschiedenen psychischen Erscheinungen systematisch erkennen und systematisch studieren kann. Man kann also in der Psychiatrie die verschiedenen diagnostischen Einheiten auf Grundlage von verschieden definierten Gesichtspunkten erkennen und infolge systematisch studieren um den Zweck, die bestmögliche Therapie zu erreichen (vgl. mit Kant Zitat 2). Nur soll man dabei die Grenzen nicht übersehen (vgl. mit Kant Zitat 3), die einem dabei in Folge der Grundlage des fachlichen Wissens auferlegt sind, eben, weil man die diagnostischen Einheiten nur auf der Grundlage von Ideen erkennen und systematisch studieren kann. (vgl. mit Kant Zitat 3a)

Zur Geschichte der Psychiatrischen Systematik

Die psychischen Krankheiten (Störungen) sind in Europa in der Zeit der Aufklärung, zuerst  in Frankreich von Philipp Pinel, dann auch in Deuschland durch Wilhelm Griesinger, und sodann auch an anderen Orten durch Ärzte auf Grundlage von psychischen Phänomenen beschrieben und je nach angewandter Systematik und Klassifikation unterschiedlich definiert und daher unterschiedlich klassifiziert worden.

Wilhelm Griesinger entwickelte auf Grundlage der psychischen Anomalie eine erste umfassende Nosologie (vgl. mit Griesinger Zitat) und damit im deutschen Sprachraum eine erste phänomenologisch begründete psychiatrische Systematik. (Weiteres dazu in diesem Beitrag, in dem die Nosologie von Wílhelm Griesinger kurz dargestellt wird.)

Schritt für Schritt sind im Laufe der Zeit weitere krankheitswertige psychische Phänomene und psychische Symptome und auf diesen aufbauend weitere psychische Symptomenkomplexe und damit weitere psychiatrisch-diagnostische Einheiten bzw. weitere psychiatrische Diagnosen beschrieben und definiert worden.

Karl Jaspers hat ausgehend vom Wissen seiner Zeit in seinem Werk: „Allgemeine Psychopathologie“ eine psychopathologisch fundierte psychiatrische Systematik dargestellt. Karl Jaspers hat nicht nur eine Systematik dargestellt – er hat die verschiedenen Methoden und Herangehensweisen – die verschiedenen systematischen Gesichtspunkte dargestellt, unter denen die psychiatrische Materie untersucht und mit verschiedenen Methoden studiert werden kann.

Im Vorwort zur ersten Auflage der „Allgemeinen Psychopathologie“ schreibt Karl Jaspers folgendes:

„Vorwort zur ersten Auflage:

Dieses Buch will einen Überblick über das Gesamtgebiet der allgemeinen Psychopathologie, über die Tatsachen und Gesichtspunkte dieser Wissenschaft, geben; und es will dem Interessierten weiterhin einen Zugang zur Literatur eröffnen.

Statt dogmatisch behauptete Resultate darzustellen, möchte es vorwiegend in die Probleme, Fragestellungen, Methoden einführen; statt ein System auf Grund einer Theorie möchte es eine Ordnung auf Grund methodologischer Besinnung bringen.

In der Psychopathologie gibt es eine Reihe von Betrachtungsweisen, eine Reihe von Wegen nebeneinander, die in sich berechtigt sind, sich ergänzen, aber sich gegenseitig nicht stören. Auf Sonderung dieser Wege, auf reinliche Scheidung, ebenso wie auf die Darstellung der Vielseitigkeit unserer Wissenschaft waren meine Bemühungen gerichtet.

Es wurde der Versuch gemacht, allen empirisch fundierten Richtungen, allen psychopathologischen Interessensgebieten ihren Platz anzuweisen, um dem Leser – soweit irgend möglich – einen wirklichen Überblick über die gesamte Psychopathologie, nicht über eine bloß persönliche Meinung, eine Schul- oder Modeströmung zu verschaffen.

In vielen Teilen waren einfach registierende Aufzählungen bisher konstatierter, noch zusammenhangloser Tatsachen und einzelner bisher nur tastender Versuche nicht zu umgehen. Es ist jedoch gefährlich, in der Psychopathologie einfach nur den Stoff zu lernen: man muß nicht Psychopathologie, sondern psychopathologisch analysieren, psychopathologisch denken lernen. Ich möchte dem Studierenden helfen, sich ein geordnetes Wissen anzueignen, das bei neu beobachteten Phänomenen den Anknüpfungspunkt bietet, und das ihm ermöglicht, neu zu erwerbendes Wissen an seinen gehörigen „Ort“ zu stellen.

Heidelberg, April 1913                                    Karl Jaspers.“

(Ende des Zitats, den Literaturnachweis finden Sie hier.)

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Wie Karl Jaspers schreibt, kann man psychische Störungen unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten, auffassen und studieren.

Dies ist möglich weil man in der Psychiatrie mit psychischen Erscheinungen befasst ist, die man auf der Grundlage von verschiedenen Ideen erlangt. (vgl. mit Jaspers Zitat). Man kann auf der Ebene der Vorstellungen die psychiatrischen Ideen verschieden definieren, und demgemäß die psychischen Erscheinungen unter verschiedenen Gesichtspunkten auffassen.

Es handelt sich bei den Ideen in der Psychiatrie also um Vorstellungen, die in Form der Begriffe dieser Ideen  im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen wenn sie die charakteristischen Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Oder man kann auch sagen: in der Psychiatrie erscheint das jeweilige psychische Phänomen (gr. phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende) in Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person, wenn sie gewisse psychische Phänomene durch die systematische Einheit der Idee geistig auffasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Es handelt sich beim Erkennen in der Psychiatrie also um das denkende Erfassen von psychischen Erscheinungen, die wir durch die denkende Anschauung unter Führung von Ideen erkennen und bestimmen. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Je nach der Art und Weise der geistigen „Anschauung“, je nach der Art und Weise wie der Sachverhalt geistig gesehen und aufgefasst wird – oder man kann auch sagen –  je nach dem was für eine Idee auf den Sachverhalt projiziert wird – wird Unterschiedliches erkannt bzw. Unterschiedliches geistig „gesehen“.

Durch solche Ideen geleitet (vgl. mit Jaspers Zitat) kann also die Vielfalt der psychischen Erscheinungen unter den verschiedenen Gesichtspunkten (Theorien, Methoden und Modellen) betrachtet, verstanden, aufgefasst und systematisch studiert werden.

Man kann also mit solchen projektierten Einheiten die psychischen Störungen gemäß den verschiedenen Gesichtspunkten geistig auffassen, verstehen und systematisch studieren, ohne, dass die Sichtweisen sich gegenseitig stören. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Aus den so gewonnenen Erkenntnissen können sodann weitere Schlussfolgerungen abgeleitet werden.

Immer handelt es sich dabei jedoch um psychologische Ideen bzw. um psychiatrische Ideen, die bloße Ideen im Sinne von Immanuel Kant sind.

Dies macht den großen Unterschied zu den „physisch“ fundierten bzw. zu den „physisch“ bestimmbaren und damit „physisch“ überprüfbaren Ideen in der körperlichen Medizin aus. Dies macht also den großen Unterschied zu den Ideen in der körperlichen Medizin aus, die man objektiv gültig bestimmen kann. Man kann auch sagen: es macht dies den großen Unterschied zu den natürlichen Krankheitseinheiten in der Medizin aus, die man auf Grundlage von Gattungen allgemein gültig erfassen kann, so wie sie in der Natur vorgefunden wurden.

Im Gegensatz dazu kann man in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) die verschiedenen Einheiten nur gemäß Typen (vgl. mit Jaspers Zitat) erfassen, weil diese Einheiten nur auf der Ebene der Ideen als bloße Ideen definiert sind, und sie auch nur auf dieser Ebene subjektiv gültig erkannt werden können. Man kann also psychiatrische Einheiten nur mental, und damit nur subjektiv gültig bestimmen.

Man erkennt damit den großen Unterschied der Systematik in der körperlichen Medizin – wobei damit hier die Diagnostik und Klassifikation der objektiv bestimmbaren Einheiten gemeint ist – von der andersartigen Systematik bzw. der andersartigen Diagnostik und Klassifikation in der Psychiatrie.

In der körperlichen Medizin, basiert eine Erkenntnis, soweit sie objektiv bestimmbar ist auf körperlichen Zeichen (Merkmalen), die, da sie sich auf körperliche Objekte, also auf physische Objekte beziehen objektiv bestimmbar sind. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Im Gegensatz dazu können die psychischen Erscheinungen, sprich die psychischen Phänomene, und als Folge davon auch die psychischen Störungen, nicht auf Grundlage von körperlichen Zeichen, sondern nur auf der Grundlage von mentalen Objekten erfasst werden. Daraus folgt die Konsequenz, dass es sich beim psychiatrischen Wissen um subjektives Wissen handelt und es ist daher psychiatrisches Wissen auch relatives Wissen (Weiteres dazu hier).

Es besteht also ein fundamentaler Unterschied in der Erkenntnisbasis. Die Psychiatrie und damit auch die psychiatrische Wissenschaft ist auf mentalen Objekten bzw. auf mentalen Erkenntnisobjekten aufgebaut, wohingegen der objektivierbare Bereich in der körperlichen Medizin, und der zugehörige Bereich in der medizinischen Wissenschaft auf physischen Objekten aufgebaut ist.

Aus der unterschiedlichen Basis im Wissen bzw. aus der unterschiedlichen Erkenntnisbasis resultiert die unterschiedliche Systematik bzw. die unterschiedliche Diagnostik und Klassifikation der Psychiatrie im Vergleich zu einem großen Bereich der Medizin.

Psychiatrische Systematik – Klassifikation in der Psychiatrie

Die psychiatrische Klassifikation und die psychiatrische Systematik basieren auf mentalen Objekten im Gegensatz dazu basiert die medizinische Klassifikation und somit auch die medizinische Systematik in einem Teilbereich auf objektiv bestimmbaren physischen Objekten, womit hier die objektivierbaren Diagnosen in der Medizin gemeint sind.

Wir unterscheiden in der Psychiatrie zwar auch verschiedene Gruppen von psychischen Störungen, wie diese etwa gemäß der Schichtenregel nach Karl Jaspers gegliedert werden können.

Jedoch wird bei näherer Betrachtung klar, dass alle psychischen Störungen und damit alle psychiatrischen Diagnosen auf der Grundlage von mentalen Objekten erkannt werden. Alle psychiatrischen Diagnosen werden auf der Grundlage der psychischen Anomalie erkannt und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmt – an diesem Sachverhalt hat sich seit Philippe Pinel und Wilhelm Griesinger nichts geändert! (vgl. mit Griesinger Zitat)

Es gründet sich also jede psychiatrische Erkenntnis und damit das fachliche Wissen in der Psychiatrie auf psychische Phänomene, die auf Grundlage der Begriffe von psychologischen Ideen bzw. auf der Grundlage der Begriffe von psychiatrischen Ideen erkannt werden.

Man kann auch sagen: psychiatrische Erkenntnisse gründen sich auf systematische Einheiten im Sinne von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 8)

Weil eine solche (systematische) Einheit eine projektierte Einheit ist, kann man damit niemals objektives Wissen, sondern nur subjektives Wissen erlangen. (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

In dieser Hinsicht hat Emil Kraepelin die Möglichkeit der Diagnostik in der Psychiatrie überschätzt, als er geglaubt hat, dass man gewisse psychiatrische Einheiten, etwa die Einheit Dementia praecox alsbald wird nach den Methoden des naturwissenschaftlichen Verständnisses diagnostizieren können, wie dies bei vielen körperlichen Krankheiten schon zu seiner Zeit möglich war. (vgl. mit Kraepelin Zitat 1 und Kraepelin Zitat 2)

Unabhängig von der Methode der Diagnostik und Klassifikation kann man also in der Psychiatrie immer nur subjektives Wissen erlangen bzw. beruht die Systematik in der Psychiatrie auf den psychischen Erscheinungen der psychischen Störungen.

Man kann auch sagen, dass die Systematik in der Psychiatrie sich auf die Phänomenologie der psychischen Störungen und damit auf Psychopathologie gründet. Psychiatrische Diagnosen sind also phänomenologische Diagnosen.

Es  gilt was Karl Jaspers geschrieben hat: ich kann das Ganze als Idee nicht geradezu erkennen, sondern ich kann mich diesem Ganzen als Idee durch das Schema der Idee nur nähern (vgl. Jaspers Zitat).

(Weiteres dazu auf Poster 6, Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Allgemeine Systematik der Psychiatrie

Karl Jaspers (1883-1969) hat in seinem Werk: „Allgemeine Psychopathologie“ die im Prinzip die „allgemeine“ Systematik der Psychiatrie aufgezeigt. Auf der Grundlage der phänomenologischen Basis entwickelte sich die Psychiatrie bis zum heutigen Tag als praktische Disziplin der Heilkunde. Die sogenannte biologische Psychiatrie hat zwar heutzutage in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft einen hohen Stellenwert, wenn man den Sachverhalt jedoch im Hinblick auf das Erkennen und damit im Hinblick auf die Diagnostik der psychischen Störungen kritisch betrachtet, so findet man, dass die Phänomenologie bzw. die Psychopathologie weiterhin die alleinige Erkenntnisgrundlage der Psychiatrie darstellen. In dieser Hinsicht hat sich durch Forschungen in der biologischen Psychiatrie nichts geändert, sondern man kann heutzutage mit Hilfe von biologischen Befunden gewisse psychische Störungen besser biologisch begründet erklären und biologisch begründet verstehen, aber in der Diagnostik bestimmen kann man sie dadurch nicht.

Systematik der Forensischen Psychiatrie

Kurt Schneider (1887-1967) hat in seinen Schriften, ausgehend von der Phänomenologie von Karl Jaspers den Grundstock für die Forensische Psychiatrie und ihre Systematik geliefert. In seinem Buch „Klinische Psychopathologie“ werden auf der Grundlage von psychischen Phänomenen psychotische Störungen (psychosewertige psychische Störungen) von nicht-psychotischen Störungen (nicht-psychosewertigen Störungen) unterschieden. Es werden also auf dieser Grundlage die Psychosen bzw. die psychose-wertigen psychischen Störungen von den anderen psychischen Störungen unterschieden, die nicht diesen Schweregrad erreichen.

Aus dieser Unterscheidung leitet sich ab, ob es sich bei einer psychischen Störung um eine Geistesstörung im Sinne des Gesetzes handelt, bei der grundsätzlich Diskretionsfähigkeit und Dispositionsfähig anzunehmen ist, oder nicht anzunehmen ist. Selbstverständlich ist der konkrete Sachverhalt im Einzelnen auf der Grundlage der Phänomenologie vom befassten Sachverständigen zu untersuchen und in seinem psychiatrischen Gutachten zu begründen, ob das eine oder andere zutrifft.

Entwicklung der psychiatrischen Systematik in der Zukunft

Vorhersehbar wird die psychiatrische Systematik in ferner Zukunft sich immer noch auf psychiatrische Ideen gründen. Weil psychische Störungen auf der Grundlage von Ideen erkannt werden und nicht auf der Grundlage von körperlichen Fakten wird es sein, dass die diagnostischen Einheiten im Rahmen der Revisionen weiter entwickelt werden. Damit wird sich auch die psychiatrische Klassifikation, etwa die DSM-V Klassifikation und die Psychiatrische ICD -10 Klassifikation weiter entwickelt werden.

Es kann dabei die Entwicklung der psychiatrischen Systematik und der psychiatrischen Klassifikation mehr oder weniger von der Vernunft gleitet sein. Es kann also die Entwicklung der psychiatrischen Klassifikation mehr oder weniger vernünftig vorangetrieben werden, je nach dem die Auswirkungen der Entwicklung durch vernünftige Überlegung schon im Vorhinein von den Fachleuten bedacht werden die die Revision vornehmen.

Am Grundsätzlichen wird sich nichts ändern und es wird die Erwartung von Emil Kraepelin – dass die Psychiatrie sich zu „einem kräftigen Zweige der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt“ – nicht erfüllen (vgl. mit Kraepelin Zitat 2).

Vorhersehbar wird die psychiatrische Wissenschaft, weil sie ihr Wissen durch bloße Ideen bzw. durch psychiatrische Konzepte erlangt auch in Zukunft nicht physisch überprüfen können. Weil die Psychiatrie ihr Wissen auf der Grundlage von psychiatrischen Ideen erlangt, die bloße Ideen sind, sollte man dies in der Lehre und in der Praxis berücksichtigen. Das heißt man sollte die psychiatrischen Ideen angemessen und damit richtig verwenden (Weiteres dazu hier und unter Konsequenzen) – und nicht nach Erkenntnissen streben, die man niemals erlangt werden können (vgl. mit Jaspers Zitat 6).

Schlusswort

Bei der psychiatrischen Systematik handelt es sich um eine ganz andere Systematik als bei der medizinischen Systematik, soweit damit in der Medizin gesundheitliche Störungen auf der Grundlage von objektiven Befunden diagnostisch erfasst werden. In der Psychiatrie gibt es keine derart „physisch“ fundierte Systematik. In der Psychiatrie kann man lediglich mit Hilfe von projektierten Einheiten – oder man kann auch sagen mit der Hilfe von systematischen Einheiten, die zweckmäßige Einheiten sind. Oder man kann auch sagen mit der Hilfe von nützlichen psychiatrischen Konzepten geistige Orientierungspunkte schaffen, um damit die Vielfalt der psychischen Erscheinungen mit Hilfe dieser psychiatrischen Ideen –  nach verschiedenen Typen – durch die jeweiligen psychiatrischen Kategorien gegliedert – systematisch zu erfassen. Mit anderen Worten: man kann in der Psychiatrie lediglich mit Hilfe der Schemata dieser Ideen – die methodische Hilfsmittel sind – wie dies Karl Jaspers erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat) – die Vielfalt der psychischen Erscheinungen systematisch erfassen und in weiterer Folge systematisch studieren.

Wenn man den Unterschied in der Erkenntnisbasis erkannt hat und die daraus resultierenden Konsequenzen berücksichtigt, dann wird man sich in der Psychiatrie nicht mehr vergeblich bemühen objektives Wissen zu erlangen, wo man niemals objektives bzw. niemals wirklich reliables Wissen erlangen kann. Vielmehr wird man sich dann dessen bewusst sein, dass man in der Psychiatrie nur beschränktes Wissen erlangen kann – beschränktes Wissen das angenähertes Wissen ist (vgl. mit Jaspers Zitat). Das heißt man wird sich dann lediglich bemühen durch kritische Anwendung der psychiatrischen Ideen, die  fruchtbare Orientierungspunkte sind, das bestmögliche Wissen zu erlangen. (vgl. mit Jaspers Zitat 6 sowie mit Kant Zitat 10Kant Zitat 2, Kant Zitat 3 und Kant Zitat 22)

Wenn als Folge dieser Einsicht bzw. als Folge dieser Sichtweise die relativistische Sicht der Dinge in der Psychiatrie zur allgemein anerkannten Sichtweise wird – dann wird man berechtigt sagen können, dass die Psychiatrie ab dieser Zeit eine im Sinn der Aufklärung aufgeklärte Wissenschaft sein wird – vorher wird man dies nicht berechtigt sagen können. Bis dahin wird die psychiatrische Wissenschaft sich weiterhin vergeblich bemühen objektives Wissen zu erlangen, wo sie niemals objektives Wissen erlangen kann. Und es wird die Psychiatrie in der Praxis und in der Wissenschaft weiterhin mit den nachteiligen Konsequenzen der falschen Verwendung der psychiatrischen Ideen konfrontiert sein. (Weiteres dazu im Beitrag: Konsequenzen und im blog Konsequenzen)

Nebenbemerkung:

Aus der Systematik wie sie Karl Jaspers in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ ab der 4. Auflage beschrieben hat ist die Schichtenregel nach Karl Jaspers hervorgegangen und es ist in der Forensischen Psychiatrie daraus das Triadische System entwickelt worden, das die rationale Brücke der Psychiatrie zum Rechtswesen bildet.

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Weiteres zur Systematik der Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

In diesem Buch wird die Grundlage der psychiatrischen Systematik auf Basis der Philosophie von Immanuel Kant und der „Allgemeinen Psychopathologie“ von Karl Jaspers im 22. Kapitel im Detail aufgezeigt und es werden die daraus resultierenden Konsequenzen für die Praxis und die Wissenschaft, im 2. Teil des Buches ausführlich diskutiert.

Das Kapitel:

22 Systematik in der Psychiatrie

ist in nachfolgenden Abschnitte gegliedert:

21.1 Einleitung zur Systematik in der Psychiatrie

22.2 Zur Entstehung der Systematik in der Psychiatrie

22.3 Die Systematik in der Psychiatrie beruht auf bloßen Ideen im Sinne von Immanuel Kant

22.4 Die psychiatrische Systematik ist durch den Zweck bestimmt

22.4.1 Die psychiatrische Systematik ist durch die klinische Erscheinung und die vernünftige Überlegung entstanden

22.4.2 Aus dem Zweck (Nutzen) ergab sich die Fortentwicklung der psychiatrischen Systematik

22.4.2.1 Zur Fortentwicklung der psychiatrischen Systematik

22.4.3 Die psychiatrische Systematik ist rational begründet entstanden und sollte als solche fortbestehen

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(letzte Änderung 01.01.2021, abgelegt unter: Systematik, Psychiatrie, Definition, Diagnostik)

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weiter zum Beitrag: psychiatrische Klassifikation

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