Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Medizinische Systematik

Die medizinische Systematik ist die Systematik nach der in der universitären Medizin (Schulmedizin) die gesundheitlichen Störungen und Krankheiten des Körpers in der medizinischen Diagnostik nach einem System geordnet erfasst und in der medizinischen Klassifikation systematisch klassifiziert werden.

Demgemäß können in der universitären Medizin die gesundheitlichen Störungen und Krankheiten in der medizinischen Wissenschaft systematisch erforscht und studiert werden.

Und es sind wegen dieser systematischen Vorgehensweise die unterschiedlichen klinischen Fachbereiche der Medizin: Chirurgie, Innere Medizin, Pathologie, Orthopädie, Gynäkologie, Urologie, Augenheilkunde, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kinderheilkunde usf. entstanden und ebenso die Grundlagenfächer und die Spezialdisziplinen.*

Dabei werden in diesen Fachbereichen der universitären Medizin die unterschiedlichen Merkmale des Körpers und der gesundheitlichen Störungen und Krankheiten durch die unterschiedlichen Parameter/Befunde/Entitäten durch die verschiedenen medizinischen Diagnosen und durch sonstige Einheiten erfasst bzw. durch die jeweiligen medizinischen Kategorien klassifiziert und sodann in der medizinischen Wissenschaft – nach einem System geordnet – somit systematisch – studiert.

Wegen der systematischen Vorgehensweise* kam es nicht nur im klinischen Bereich der Medizin zur Entstehung von eigenen Forschungs- und Wissenschaftsbereichen, sondern auch im vorklinischen Bereich und es entstanden deswegen  die Anatomie, Histologie, Embryologie, Physiologie usf. als eigene Wissenschaften.

Daher kann man sagen, dass die medizinische Systematik gemeinsam mit der medizinischen Diagnostik und der medizinischen Klassifikation entstanden und weiter entwickelt worden ist.

Dabei findet man in der Medizin einerseits Einheiten, die objektiv gültig bestimmt werden können, und andererseits Einheiten, die nur subjektiv gültig bestimmt werden können.

Diesbezüglich fällt auf, dass die nur subjektiv gültig bestimmbaren Einheiten auf Grundlage der klinischen Erscheinung bzw. auf Basis des klinischen Erscheinungsbildes erkannt werden, hingegen die objektiv bestimmbaren auf Grundlage von Objekten bzw. auf Grundlage von körperlichen Fakten.

Bezüglich den histopathologischen Bildern in der Histopathologie und den zytopathologischen Bildern in der Zytopathologie kann man sagen, dass diese eine Zwischenstellung einnehmen, insofern beide auf Grund von sinnlich wahrnehmbaren Merkmalen in der Diagnostik erfasst, letztlich jedoch aufgrund des visuell vom Betrachter wahrgenommenen Bildes in der Diagnostik bestimmt werden (Beispiel aus der Histopathologie: handelt es sich beim Schilddrüsentumor um ein papilläres Schilddrüsenkarzinom oder um ein follikuläres Schilddrüsenkarzinom?; Beispiel aus der Zytopathologie: erfüllt der vorliegende Abstrich die Kriterien von PAP III oder PAP IV ?)   (Weiteres dazu in meinem Buch).

An dieser Stelle kann man noch festhalten, dass auch  sonstige Größen, wie sie in der Medizin von Relevanz sind, etwa die Blutwerte (Laborwerte: Enzyme, Elektrolyte und sonstige Parameter) wegen dem Aufbau des Organismus als biologisches System in gegenseitiger Abhängigkeit bestehen und demgemäß in der Biologie/Biochemie/Physiologie/Pathophysiologie und in den klinischen Fachbereichen auf Grundlage des natürlichen Systems – und daher systematisch – untersucht werden können (Beispiel: wie verhält es sich mit den spezifischen Enzymen des Herzmuskels, die ins Blut gelangen, einerseits im Zustand der Gesundheit und andererseits im Zustand der gesundheitlichen Störung, falls etwa infolge von Arteriosklerose und Thrombenbildung eine Ischämie oder gar ein Infarkt im Herzmuskel auftritt?).

Oder man findet bezüglich anderer Einheiten Zusammenhänge auf Grundlage des Organismus als System. So hat man etwa auf Basis der klinischen Erfahrungen und diverser Befunde das endokrine System (Hormonsystem) entdeckt das diverse Funktionen im Organismus steuert und regelt. Oder es können zum Beispiel die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Funktionseinheiten (Hormonsystem und Stoffwechsel; oder: vegetatives Nervensystem und Verdauungstrakt etc.) rational begründet systematisch untersucht und erforscht werden. Oder man studiert die Auswirkungen einzelner Hormone auf einzelne Organe und Organsysteme. In ähnlicher Weise kann man auch die Funktion des Immunsystems im Zustand der Gesundheit und in dem der Störung systematisch untersuchen und erforschen.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet findet man, dass die nur subjektiv bestimmbaren Einheiten durch systematische Einheiten – bzw. durch die Schemata der Ideen – in Bezug auf (definierte) Typen erfasst/erkannt/bestimmt werden, hingegen die objektiv bestimmbaren durch faktische Einheiten in Bezug auf Gattungen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Zum Beispiel gliedert sich die medizinische Systematik in die der objektiv bestimmbaren entzündlichen Krankheiten, wie sie etwa durch gewisse pathogene Bakterien/Viren/Pilze hervorgerufen werden, oder in die der gutartigen und bösartigen (benignen und malignen) Tumore, wie sie in der Pathologie, Chirurgie, Inneren Medizin, Orthopädie, Neurologie, Dermatologie, Augenheilkunde und in anderen Fachbereichen der Medizin gemäß den unterschiedlichen Gattungen und Fakten in der Diagnostik erfasst werden.

Oder es werden die gesundheitlichen Störungen gemäß den unterschiedlichen Symptomenkomplexen nach definierten Typen erkannt und in der Diagnostik bestimmt. So kennt man etwa in der Neurologie die unterschiedlichen primären Kopfschmerzen (Migräne, Spannungskopfschmerz, Clusterkopfschmerz u.a.) die systematisch aufgrund der unterschiedlichen klinischen Erscheinungsbilder erfasst werden. Oder in der Orthopädie, Rheumatologie, Inneren Medizin, Pädiatrie und Psychosomatik werden typische Schmerzsyndrome auf Grundlage der klinischen Erscheinung in Bezug auf definierte Typen erfasst, etwa eine Fibromyalgie, eine somatoforme Schmerzstörung usf. Oder es werden gesundheitliche Störungen auf Basis der klinischen Erscheinungsbilder und der Funktionsstörungen auf Grundlage von Typen diagnostiziert, etwa eine vegetative Dystonie.

Der Unterschied in der medizinischen Systematik ergibt sich also aus der Tatsache, dass gewisse Einheiten/Diagnosen auf Grundlage von objektiv bestimmbaren Krankheitszeichen allgemein gültig bestimmt werden können, wohingegen andere nicht auf Basis von derartigen Merkmalen erfasst werden können, sondern diese etwa nur auf Grundlage von Symptomen, auf Grundlage von nicht objektivierbaren körperlichen Phänomenen bzw. auf Basis der Symptomenkomplexe erfasst werden, oder in der Histologie/Histopathologie/Zytopathologie durch typische histologische bzw. typische histopathologische/zytopathologische Bilder.

Man findet also, dass all die diagnostischen Einheiten in der Medizin, die aufgrund der klinischen Erscheinung bzw. auf Grundlage der klinischen Erscheinungsbilder erfasst werden, nur durch Ideen bzw. nur durch die Schemata der Ideen in Bezug auf definierte Typen erkennbar und in der Diagnostik und Klassifikation bestimmbar sind. Bezüglich diesen Einheiten kann man sagen, dass diese durch medizinische Konzepte erfasst werden.

Hingegen kann eine objektivierbare Einheit, etwa eine  Verdachtsdiagnose, die auf Fakten zurückgeführt werden kann (Beispiel:„Verdacht auf Herzinfarkt“ oder „Verdacht auf Tuberkulose“) im zutreffenden Fall tatsächlich durch den Nachweis von spezifischen Befunden objektiv gültig und damit allgemein diagnostiziert, klassifiziert und überprüft werden bzw. kann hier ein allgemein gültiger Beweis für das Zutreffen der Diagnose geliefert werden.

Dies ist hingegen bei einer gesundheitlichen Störung, die nur aufgrund der klinischen Erscheinung erkannt wird, etwa bei einer Fibromyalgie, oder bei einer vegetativen Dystonie oder bei einem Fatigue Syndrom, oder auch bei einem Kopfschmerz vom Typ der Migräne, oder bei einem Spannungskopfschmerz nicht möglich.

Man findet also, dass all diese (diagnostischen) Einheiten durch  diagnostische Schemata – oder man kann auch sagen: durch Konzepte erkannt werden, falls der Arzt die Merkmale der (diagnostischen) Idee durch das (diagnostische) Schema der (diagnostischen) Idee auffasst und dadurch den passenden Typ erkennt bzw. bestimmt.

Abschließend kann man festhalten:

Es gibt in der universitären Medizin zweierlei Wissen. Einerseits Wissen das sich auf Fakten gründet und andererseits Wissen das sich auf Ideen gründet (Anmerkung und es gibt auch Bereiche mit Wissen aus beiden Bereichen (Beispiel: Multiple Sklerose – die durch den Symptomenkomplex erkannt und durch physische Befunde gesichert bzw. näher bestimmt werden kann – dazu mehr in meinem Buch)).

Der grundlegende Unterschied im Wissen resultiert also aus der Erkenntnisbasis bzw. aus dem großen Unterschied im Wissen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Demgemäß gliedert sich die medizinische Systematik in die Einheiten die durch faktische Einheiten bestimmbar sind und andererseits in die, die nur durch systematische Einheiten bzw. nur mit der Hilfe des (diagnostischen) Schemas (der Idee) bestimmbar sind.

Dieser Sachverhalt bringt weitreichende Auswirkungen mit sich, sowohl für die Diagnostik in der ärztlichen Praxis wie auch für die medizinische Wissenschaft mit sich – und es hat dieser Sachverhalt auch wesentliche Auswirkungen auf die Aussagekraft der medizinischen Leitlinien.*

Die unterschiedliche Basis im Wissen ist also für die Praxis wie auch für die medizinische Wissenschaft von Relevanz, weil nur in Bezug auf objektiv bestimmbaren Einheiten/Diagnosen durch statistische Studien Wissen im Sinne der mathematischen Wahrscheinlichkeit erlangt werden kann, hingegen in Bezug auf die nur subjektiv bestimmbaren Einheiten nur Wissen im Sinne der philosophischen Wahrscheinlichkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b).*

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Zur Wahrscheinlichkeit in der Heilkunde  siehe auch mein

Poster 3: PROBABILITY IN MEDICINE AND IN PSYCHIATRY – IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY.

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Weiteres* zur Systematik in der Heilkunde – untersucht und dargestellt auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant – in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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Siehe dort insbesondere Kapitel 21:

21 Systematik in der Medizin

(das Kapitel 21 ist im Buch in nachfolgende Abschnitte gegliedert:)

21.1 Einleitung zur Systematik in der Medizin

21.2 In der Medizin entstand einerseits eine Systematik aufgrund der körperlichen Fakten und andererseits eine Systematik der körperlichen Erscheinungen

21.3 In der Medizin ist die Systematik zum einen durch die Naturgegebenheiten bestimmt und zum anderen durch den Zweck

21.4 Gibt es eine Systematik in der Alternativ-/Komplementärmedizin und Psychosomatik?

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(letzte Änderung 20.05.2020, abgelegt unter Definition, Diagnostik, Gesundheit, Heilkunde, Klassifikation, Medizin, Systematik, Wissenschaft)

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