Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Lösung der Spannung durch Achtsamkeit

In diesem Beitrag wird aus psychiatrischer Sicht erklärt wie es durch die Achtsamkeit zur Lösung von Spannungen kommt.

In körperlicher Hinsicht und auch psychischer Hinsicht bauen sich in unserem Leben ständig Spannungen auf.

Bis zu einem gewissen Grad sind Spannungen natürlich und gehören sie zu unserem Leben dazu.

Zu viel körperliche Spannung und zu viel psychische Spannung, die wir auch als „Stress“ bezeichnen, ist jedoch ungesund und es führt dies zu gesundheitlichen Problemen.

Daher haben wir einen großen Bedarf an Spannungsabbau bzw. an Entspannung.

Ein Teil dieses Spannungsabbaus geschieht immer wieder spontan am Tag und insbesondere in der Nacht während des Schlafes.

Weil sich jedoch vielfach mehr Spannung aufbaut als sich spontan löst bzw. wir mit erhöhter Anspannung unterwegs sind, haben wir über die spontane Lösung hinaus einen Spannungs-Lösungsbedarf.

Wir sollten das Loslassen befördern.

Es stellt sich also die Frage: Wie ist es möglich die Spannungs-Lösung zu fördern.

Die Erfahrung lehrt dass durch Bewusstheit (= Achtsamkeit) Spannung löst.

Bevor die Frage: wie durch Bewusstheit (Achtsamkeit) Spannung gelöst wird – beantwortet wird – hier ein paar Vorbemerkungen:

Bekanntlich wirken sich Reize nicht nur auf die Psyche sondern – vorallem via Psyche – auch auf den Körper aus. Es kommt zu psychosomatischen Reaktionen und als Folge davon können Funktionsstörungen auftreten. Insbesondere die chronische Anspannung führt zu einer chronischen Stressreaktion mit entsprechenden nachteiligen Folgen.

Die chronische Anspannung führt zu einer gewohnheitsmäßigen angespannten Haltung, welch sich auf der körperlicher Ebene durch entsprechende Reaktionen spiegelt. Diese körperlichen Reaktionen entsprechen auf der Ebene des Nervensystems gewissen neuronalen Mustern.

Das heißt: auf der Ebene unseres Gedächtnisses ist es zur Ausbildung von gewissen neuronalen Mustern und damit einhergehenden Funktionsabläufen gekommen. Die früheren Erfahrungen haben also zur Ausbildung von gewissen psychischen und körperlichen Reaktionsweisen geführt, welche sich in unserer Psyche – in unserem Erleben und auch in unseren körperlichen Reaktionen widerspiegeln.

Wenn es auf diesem Wege zur Ausbildung von Reaktionsweisen gekommen ist die mit gesundheitlichen Störungen einhergehen, wenn also Befindlichkeitsstörungen (Symptome auf psychischer Ebene und auf körperlicher Ebene) auftreten, so stellt sich die Frage: wie diese neuronalen Muster wieder zur Rückbildung – sprich zur Heilung – geführt werden können?

Mit anderen Worten, wie können die gelernten Muster wieder verlernt – das heißt die Programme „gelöscht“ bzw. in Richtung Normalität modifiziert werden?

Die Medizin kann zur Lösung derartiger Probleme im Wesentlichen keine Lösung von „außen“ anbieten.

Sondern es können durch Therapiemaßnahmen lediglich symptomatisch eine Linderung der Symptome bewirkt werden. So gibt es z.B. Medikamente die durch ihre Wirkung – also symptomatisch – die Muskelspannung vermindern und damit durch die Spannung verursachte Schmerzen lindern usf. Eine kausale Therapie kann die Medizin also meist bei derartigen Störungen nicht anbieten.

Es nützt auch wenig oder nichts „zu wollen“ dass z.B. die verspannten Muskeln sich lockern oder, sich zu wünschen dass der Magen nicht überschießend viel Magensäure produzieren soll – auch wenn eine kurzzeitige „Lösung“ durch bewusste Einstellung sprich – willentlich gelingen mag.  Langzeitmäßig werden die abnormen Muster und die damit verbundenen Reaktionsweisen fortbestehen und bewirken daher passive Anwendungen, wie etwa Massage, Fango und dgl. nur eine vorübergehende Linderung der Beschwerden, weil die eigentliche Störung auf der Ebene der gelernten „Programme“ fortbesteht.

Hier ist nun der Ansatzpunkt der Achtsamkeit bzw. kann die Bewusstheit (=Achtsamkeit) zur Lösung des Problems führen.

Wenn ich achtsam bin und gleichzeitig ohne Absicht bin – also ohne willentliche Strebung bin – einfach innerlich aufmerksam bin ohne etwas zu wollen – einfach nur wahrnehme was ist, dann wird sich notwendigerweise die Spannung lösen – und zwar aus folgendem Grund:

Indem nämlich die Achtsamkeit auf etwas gerichtet wird – kommt dieser „Wahrnehmungsbereich“ auf die Ebene des Bewussteins –  auf den inneren „Bildschirms“ – und kann auf der Ebene des Bewusstseins – auf der Ebene des inneren Bildschirms – sich das Programm modifizieren.

So wie die Verbindung von zwei Batteriepolen zum Spannungsausgleich und zur Entladung der Batterie bzw. der Batteriespannung führt – so kommt es auch auf der psychisch mentalen Ebene bzw. auf der physiologische neuronalen Ebene zum Spannungsabbau wenn dieser potentiell möglich ist – was eben auf der Ebene des Bewusstseins der Fall ist – wenn nichts mehr die Spannungsdifferenz aufrechterhält.

(Anmerkung: wahrscheinlich werden während des Nachtschlafs und auch während des Tages – nicht nur beim gesunden Mittagsschlaft – sondern auch sonst zwischendurch in den sogenannten Tagtraumphasen – immer wieder auf diese Art und Weise Spannungen abgebaut. Darüber hinaus kann wie gesagt durch meditative Praktiken im weitesten Sinne – seien sie nun bewusst praktiziert oder intuitiv – zusätzlich Spannungen durch entsprechendes „Tun durch nicht tun“ abgebaut.)

Wenn man erlebnismäßig darauf achtet was ist  (innerlich beobachtet was ist = achtsam ist) und sich nicht weiter „einmischt“ in dem Sinne – dass man sich nicht weiter mit irgendwelchen Assoziationen identifiziert, etwa irgendwelchen Einfällen nachgeht, nicht weiter überlegt etc. warum z.B. die Muskelspannung besteht usf. – sondern einfach die Sache sich selbst überlässt – so geschieht es ganz natürlich, dass es zur Lösung der Spannungen kommt.

(Anmerkung: unser Problem ist nur dass wir durch unsere Denkgewohnheiten und Reaktionsgewohnheiten diese natürlich Lösung weitgehend behindern – uns also selbst im Wege stehen.)

Damit Spannung aufrecht erhalten bleibt bedarf es nämlich einer gewissen „Haltung“ – auf einer Ebene die uns gar nicht mehr bewusst ist – die eben gewährleistet, dass die Spannungsdifferenz erhalten bleibt. Wenn daher  diese Haltung im Zustand des „neutralen Bewusstseins“ im Zustand des inneren Gewahrseins (ohne Identifikation mit irgendetwas) aufgegeben wird – dann kommt es ganz natürlich (von innen heraus – also spontan) zur Lösung der Spannung.

Wir sind uns also solcher „gestörten“ Haltungen in der Regel gar nicht bewusst bzw. spielen sich diese Haltungen auf einer Ebene ab, auf der wir das Problem einerseits nicht lokalisieren und identifizieren können und daher auch willentlich nicht nachhaltig beeinflussen können. Die Störung ist irgendwann entstanden und besteht auf irgendeiner Funktionsebene des Nervensystems auf die wir willentlichen keinen nachhaltigen Einfluss nehmen können.

Man kann also solche Probleme nicht von außen lösen – man kann sie nicht durch Behandlung im wahrsten Sinne von außen zur Heilung bringen sondern kann man von außen nur indirekt Anstöße bzw. Anleitungen geben die im günstigen Fall bewirken dass die Heilung von innen in Gang kommt. (vergleiche mit dem Beitrag oder dem Beitrag oder anderen Beiträgen auf dem blog oder auf der Seite zur Thematik: Medizin-Psychotherapie-Yoga-Meditation.

Auf diesem Wege bewirkt also die Achtsamkeit die Lösung von Spannungen und damit – im wahrsten Sinne des Wortes – die Heilung – das heil werden. Man kann auch sagen, dass erst durch die Achtsamkeit die Normalisierung bzw. die Dekonditionierung – oder man kann auch sagen die Entprogrammierung oder unbewusste Umprogrammierung in Gang kommt.

Man muss also gar nicht wissen wie und auf welche Art die Heilung geschieht – man muss diese Geheimnisse der Natur gar nicht kennen – es genügt wenn man das Notwendige auf die richtige Art und Weise dazutut.

Die Spannung wird sich also dann zu lösen beginnen wenn sie nicht mehr durch (das früher gelernte) die alten Muster aufrecht erhalten wird bzw. das früher gelernte Muster sich zu verändern beginnt.

Interessanterweise geschieht dies nur auf der Ebene der Bewusstheit – wie dies beispielsweise auch aus der Psychoanalyse oder der Therapie in Trance bekannt ist. Tatsächlich scheint hier unser Gehirn ähnlich zu funktionieren wie ein Computer bei dem die Programmkorrekturen auch nur auf der Ebene des Bildschirms durchgeführt werden können – in dem Sinn, dass das Programm oder die Datei von der Festplatte auf den Bildschirm geladen wird – auf dieser Ebene modifiziert wird – und dann wieder auf der Festplatte abgespeichert wird. Auf der Ebene der Festplatte ist eine Programmänderung nicht möglich. (Dies ist wahrscheinlich auch der Grund warum gewisse Störungen allein durch den Nachtschlaf nicht „kuriert“ werden.)

Durch die Bewusstheit tritt also eine Situation ein, in der das zuvor unbewusst wirkende Muster sich nicht mehr halten kann bzw. dieses sich allmählich zu transformieren beginnt – wenn keine Identifikation mit Assoziationen stattfindet welche zur Aufrechterhaltung der Spannung beitragen. (vgl. mit den Vorgängen wie sie in den Yoga Sutren des Patanjali beschrieben sind.)

Wer aus eigener Erfahrung derartiges erlebt hat, wird mir zustimmen, dass derartige Spannungslösungen und Veränderungen allerdings – in der Regel – nicht nach einer einmaligen Achtsamkeitsübung (Praxis) stattfinden, sondern, dass erst im Laufe der Zeit, bei wiederholter Achtsamkeitspraxis nachhaltige Veränderungen eintreten. Eine kurzzeitige Spannungslösung kann sofort eintreten bzw. im vorgenannten Sinne erfahren werden, ein solcher Effekt hält in der Regel jedoch nur kurzzeitig an  bzw. manifestiert sich dann das alte Muster in (leicht modifizierter Form) wieder. Gemäß dem Sprichwort „steter Tropfen höhlt den Stein“ bleibt der Effekt jedoch nicht aus wenn die Sache richtig angegangen wird und mit Geduld, Gelassenheit und Ausdauer praktiziert wird.

(Anmerkung: dass dem so ist, ist nicht weiter überraschend – denn warum sollte das, was früher über lange Zeiträume hinweg unabsichtlich geübt, gelernt und konditioniert worden ist – also zu konditionierten Mustern geführt hat – und lange Zeit manifest war – sogleich durch andere Muster ersetzt werden.)

Mit anderen Worten – ohne persönlichen Einsatz und Bemühung – ohne Ausdauer – geht es nicht. Daher wird bei meditativen Praktiken betont, wie wichtig die Praxis ist und, dass das richtige Verständnis zwar eine notwendige Voraussetzung ist – jedoch nur das praktische Tun zum Ziel führt.

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(letzte Änderung 30.04.2017, abgelegt unter: Alternativmedizin, Befindlichkeitsstörung, Medizin diverses, Medizin – Psychotherapie – Yoga – Meditation, Psyche, Psychiatrie, psychische Störung, Psychohygiene, Psychologie, Psychosomatik, Psychotherapie)

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