Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Ist die Psychiatrie eine medizinische oder eine philosophische Disziplin?

Die Psychiatrie ist zweifelsohne, insofern sie mit den gesundheitlichen Störungen der Psyche befasst ist eine medizinische Disziplin, weil die normalen psychischen Phänomene und auch die krankheitswertigen psychopathologischen Phänomene als Folge der neuronalen Aktivität des Nervensystem bzw. als Folge der neuronalen Funktion des Gehirns entstehen.

Insofern eine psychische Störung in der psychiatrischen Diagnostik  durch die Anwendung einer psychiatrischen Klassifikation erkannt wird, handelt es sich bei der Diagnostik in diesem Bereich der Heilkunde um eine philosophische Disziplin bzw. um eine philosophische Methode, weil der Unterschied der psychischen Phänomene und auch der ganze psychische Symptomenkomplex der psychischen Störung durch den Unterschied der Ideen – nämlich durch das Ponderieren der Ideen (Immanuel Kant) –  also mit der philosophischen Methode der Dialektik erkannt wird.

In diesem Sinn wird jede psychische Störung, so etwa eine Depression, eine Schizophrenie, ein organisches Psychosyndrom (OPS) so zum Beispiel eine Demenz vom Typ einer Alzheimerkrankheit oder sonst eine psychische Störung: ein ADHS, ein Autismus, eine Persönlichkeitsstörung usf. immer durch die Psychopathologie infolge der Gewichtung der Ideen und damit dialektisch erkannt.

Man kann eine psychische Störung in der Psychiatrie – und ebenso den normalen Zustand der Psyche in der Psychologie – nur auf Grundlage des psychischen Erscheinungsbildes, also nur auf Grundlage der Phänomenologie erkennen.

Und demgemäß können die psychischen Erscheinungen wie sie in der Psychiatrie in Form der psychischen Störungen erfasst werden nur philosophisch begründet und nicht biologisch begründet erfasst und fachlich in der psychiatrischen Wissenschaft kommuniziert werden.

Mit anderen Worten: die krankheitswertigen Erscheinungen der Psyche kann man nur durch den psychischen Symptomenkomplex erkennen, nicht jedoch durch biologische Befunde.

Die biologische Psychiatrie konnte zu keiner Zeit biologische Marker finden, durch die eine psychische Störung biologisch fundiert in der Diagnostik bestimmt werden kann.

Nur im Nachhinein, falls der psychische Symptomenkomplex zuvor psychopathologisch – und damit durch die psychische Anomalie (vgl. mit Griesinger Zitat) begründet erfasst worden ist, kann die krankheitswertige psychische Auffälligkeit im Nachhinein in gewissen Fällen durch biologische Befunde erklärt und damit biologisch verursacht verstanden werden.

Diagnostizieren kann man die psychische Störung durch biologische Befunde jedoch nicht.

Es liefert die Biologie/die Bildgebung/die Biochemie in der Psychiatrie also lediglich Zusatzbefunde für die Erklärung und für das Verständnis von gewissen psychischen Störungen.

Jedoch hat in der Psychiatrie zu keiner Zeit die Biologie die Phänomenologie – und damit die philosophische Methode der Dialektik in der psychiatrischen Diagnostik abgelöst bzw. diese ersetzt.

In dieser Hinsicht haben Wilhelm Griesinger und später dann Emil Kraepelin die Möglichkeiten der Diagnostik in der Psychiatrie überschätzt – und es hat in Folge auch die biologische Psychiatrie die Möglichkeiten der biologischen Diagnostik in der Psychiatrie überschätzt.

Die Psychiatrie wird niemals sich zu einem kräftigen Zweige der medicinischen Wissenschaft fortentwickeln (vgl. mit Kraepelin Zitat 2), wie der Psychiater Emil Kraepelin dies geglaubt hat, und es wird eine psychische Störung niemals durch die zu Grunde liegenden anatomischen Veränderungen des Gehirns (vgl. mit Griesinger Zitat) erkannt werden können – wie Wilhelm Griesinger dies geglaubt hat.

Auch wird man in der Psychiatrie den Begriff Schizophrenie nicht auflösen können (vgl. mit Bleuler Zitat 2) – wie dies Eugen Bleuler geglaubt hat – weil eine psychische Störung, seit Beginn der Psychiatrie als Wissenschaft nur auf der Grundlage der Idee –  die hier eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant ist – diagnostiziert werden kann.

Vorhersehbar wird also der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers recht behalten, wenn er in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“ geschrieben hat:

Die Idee der Krankheitseinheit (Anm.: in der Psychiatrie) läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen (vgl. mit Jaspers Zitat 6) – eben, weil eine jede psychische Störung nur auf Grundlage einer Idee bzw. nur durch das Schema der Idee in Bezug auf den definierten Typus erkannt werden kann (vgl. mit Jaspers Zitat) – und die psychische Störung kann daher nur mit mit der philosophischen Methode der Dialektik bzw. nur durch diese philosophische Disziplin in der psychiatrischen Diagnostik erkannt und bestimmt werden.*

Daran wird sich vorhersehbar auch in ferner Zukunft nichts ändern.

Daher wird die Philosophie für die Psychiatrie immer von grundlegender Bedeutung sein.  Das Wissen der Philosophie wird für die Psychiatrie also immer wesentlich sein – auch wenn es gegenwärtig – im Zeitalter der funktionellen Bildgebung mit der Methode der funktionellen Magnetresonanztomographie und anderen Methoden der Systemischen Neurowissenschaften in der psychiatrischen Lehre und Wissenschaft keine große Beachtung findet.*

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Weiteres* zu dieser Thematik in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 25.02.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Diverses, Philosophie, Psychiatrie, Wissenschaft, psychiatrische Wissenschaft)

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