Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

dogmatischer und relativer Gebrauch der Ideen/Kategorien in der Praxis

Wenn wir z.B. für einen Sachverhalt eine Erklärung gefunden haben, in dem wir eine (mögliche) Ursache gefunden haben, sind wir im Weiteren leicht geneigt, diese Erklärung als die einzig richtige Erklärung anzusehen.

Es geschieht also leicht, dass wir bei dieser Sichtweise bzw. bei dieser Meinung bleiben, und nicht auch andere mögliche Ursachen bzw. andere mögliche Erklärungen in Erwägung ziehen bzw. gelten lassen wollen.

Dabei kann es jedoch sein, dass eine „Sache“ durch verschiedene Erklärungen bzw. Ursachen begründet werden kann.

Dies sollte bedacht und berücksichtigt werden.

Insbesondere dann, wenn im Moment die Erklärung nicht überprüft werden kann, ist es besonders problematisch, wenn man nur die momentan in Erwägung gezogene Erklärung, als die einzig richtige und die einzig mögliche Erklärung gelten lässt.

Der dogmatische Ansatz kann also durchaus problematisch sein und sollte man bei spekulativen Sachverhalten vielmehr „nach allen möglichen Prizipien“ der „Einheit“ den Sachverhalt bedenken. Man sollte den Sachverhalt unter den verschiedensten Aspekten betrachten und untersuchen (vergl. Kant Zitat 2, siehe dazu in somatisch medizinischer Hinsicht  Fallbeispiel A und Fallbeispiel B und in psychiatrischer Hinsicht diesen Beitrag).

Wenn wir uns der jeweiligen Beschränktheit unserer Erkenntnis bewusst sind, und alle möglichen Ursachen als Erklärung für den Sachverhalt in Betracht ziehen, und die Wahrscheinlichkeit der einzelnen Erklärungen gegeneinander abwägen, so nennt man dies nach Immanuel Kant den regulativen bzw. relativen Vernunftgebrauch. Erst damit können wir die verschiedenen Möglichkeiten und Konsequenzen richtig bedenken und abzuschätzen. Mit anderen Worten: erst durch den regulativen Vernunftgebrauch können wir die bestmögliche, sprich die vernünftigste Vorgehensweise finden. Man sollte also einen Sachverhalt bestmöglich verstehen damit sodann entsprechend dem Zweck die Handlungen daraus folgen können (vergl. mit Kant Zitat 2).

Im anderen Fall ist die Gefahr nicht gering, dass wir infolge einer nur vermeintlich „richtigen“ Erklärung, nachteilige Handlungen unternehmen.

Es ist nämlich so, dass die Wissenschaft zum konkreten Fall nur beschränkt Entscheidungsgrundlagen beisteuern kann. Vielmehr muß in jedem Fall das Spektrum aller Möglichkeiten und Konsequenzen in Erwägung gegezogen und bedacht werden, und kann man erst dann erkennen – so weit eine Sache überhaupt erkennbar und „wissbar“ ist (vergl. mit Kant Zitat 9 )   – was am besten zu tun ist.

Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ lautet der Wahlspruch von Immanuel Kant (siehe dazu Kant Zitat 11 ).

Sich nicht vorschnell entscheiden und eine Entscheidung „in der Schwebe“ halten bis man „nach allen möglichen Prinzipen der Einheit“ der Sache auf den Grund gegangen ist, ist nicht immer ganz leicht. Es lohnt sich jedoch und der Preis für vorschnelle nichtangemessene Entscheidungen ist oftmals hoch.

Es zeigt sich also, wie problematisch der dogmatische Vernunftgebrauch ist, und wie man sich der Erkenntnisgrenzen bewusst sein sollte (vergl. Kant Zitat 3) bzw. wie man das eigene Denkvermögen (die Vernunft) nützen sollte, um die bestmögliche Lösung zu finden. (vergl. Kant Zitat 2)

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(letztes update 27.5.2012, Vernunft)

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