Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

abnorm (abnormal)

abnorm (abnormal) ist was außerhalb der Norm gelegen ist.

Es ist also abnorm was außerhalb der Normalität gelegen ist und was daher als abnormal bzw. als nicht normal bezeichnet wird.

Man muss unterscheiden, ob ein Erkenntnisobjekt als abnorm bezeichnet wird das auf der Ebene der Objekte erfasst und objektiv gültig bestimmt werden kann, oder ob ein Erkenntnisobjekt als abnorm bezeichnet wird, das nur auf der Ebene der Ideen bzw. nur auf der Ebene der Vorstellungen als abnormal erkannt wird und das daher nur subjektiv gültig bestimmt werden kann.

Im zuerst genannten Fall kann ich das Erkenntnisobjekt in Bezug auf seine Norm – zum Beispiel seine Größe — also sein Maß – allgemein gültig bestimmen – bzw. allgemein gültig messen – weil hier das Erkenntnisobjekt von  jeder Person in gleicher Weise durch dasselbe Maß erkannt und gemessen werden kann, wenn sie in der Sache kundig ist (vgl. mit Kant Zitat 9 und Kant Zitat 7). Es ist hier also eine allgemein gültige Messung möglich.

Im zweit genannten Fall kann ich das Erkenntnisobjekt nur auf der Ebene der Ideen erfassen und in Bezug auf einen Typus „messen“ bzw. geistig abschätzen, und es kann daher eine solche Abnormität nicht allgemein gültig bzw. nicht objektiv gültig, sondern nur subjektiv gültig erkannt und bestimmt werden (vgl. mit Kant Zitat 9 und Kant Zitat 7). Mit anderen Worten: eine allgemein gültige Messung ist hier nicht möglich.

In diesem Fall gibt es nur einen geistigen Maßstab nach dem ich das Erkenntnisobjekt subjektiv gültig messen bzw. subjektiv gültig (geistig) abschätzen kann, wohingegen im zuerst genannten Fall ein allgemein gültiger Maßstab bekannt ist und ein allgemein gültiger Beweis für das Vorhandensein des Parameters in diesem Ausmaß möglich ist.

In der Natur können viele Erkenntnisobjekte auf der Ebene der Fakten bzw. auf der Ebene der Objekte gefunden und in Bezug auf eine Norm, die nach den Methoden der Statistik bestimmt worden ist, gemessen und bezüglich der Normalität untersucht und beurteilt werden.

Auch auf der Ebene der Ideen können gewisse Erkenntnisobjekte gemäß einer statistisch festgestellten Größe abgeschätzt bzw. beurteilt werden. Hierbei kann jedoch in keinem Fall objektiv bzw. allgemein gültig festgestellt werden, ob etwas noch als normal bzw. bereits als abnormal zu beurteilen ist, eben weil nur ein Vergleich der Ideen durch das Gewichten (Ponderieren) der Ideen durch die Methode der Dialektik möglich ist.

In diesem Sinn gibt es in den verschiedensten Bereichen Maße und Maßstäbe nach denen etwas im Hinblick auf die Normalität bzw. die Abnormität als normal bzw. als abnormal beurteilt wird.

So können etwa in der Technik und damit in den verschiedenen technischen Wissenschaften gemäß den festgestellten Normen etwas allgemein gültig und damit objektiv gültig entschieden werden kann ob etwas normal (breit, fest, haltbar etc.) oder abnorm ist.

Es kann also in diesem Sinn z. B. in einem Bereich der Technik, oder in der Naturwissenschaft und auch in gewissen Bereichen der Medizin, oder in der Biologie allgemein gültig gemessen und damit allgemein gültig entschieden werden, ob ein Parameter normal oder abnormal ist. In anderen Bereichen des Wissens ist dies nicht in diesem Sinn möglich, eben weil hier das Erkenntnisobjekt nur auf der Ebene der Ideen erfasst und abgeschätzt werden kann.

So kann etwa in der Rechtsprechung das Zutreffen einer Rechtsnorm auf einen Sachverhalt und somit das Zutreffen eines Gesetzes nur auf der Ebene der Ideen von einem Richter abgeschätzt werden. Und es kann in diesem Sinn etwa bei der gerichtlichen Beurteilung der Arbeitsfähigkeit oder der Berufsfähigkeit nur auf der Ebene der Ideen durch den Vergleich von Ideen – also nur mit der philosophischen Methode der Dialektik – abgeschätzt werden in welchem Umfang Arbeitsfähigkeit im konkreten Fall gegeben oder nicht gegeben ist. Wobei in diesem Fall die richterliche Entscheidung in der Regel sich auf ein medizinisches Gutachten und / oder auf ein psychiatrisches Gutachten gründet.

Im zuvor genannten Sinn können also in der Medizin gewisse Parameter auf der Ebene der Objekte erfasst und in Bezug auf die Normalität oder Abnormität beurteilt werden (etwa gewisse Laborparameter), wohingegen andere Parameter in der Medizin etwa Symptome und nicht-objektivierbare Phänomene und praktisch sämtliche Parameter in der Psychiatrie nur auf der Ebene der Ideen in Bezug auf die Normalität respektive die Abnormität beurteilt werden können, weil sich hier die Erkenntnisse auf psychische Phänomene bzw. auf psychische Symptome, also auf psychische Erscheinungen gründen.

In der Psychologie können – so wie in der Psychiatrie – die Parameter nur auf der Ebene der Ideen beurteilt werden. Es kann z.B bei der Bestimmung der Intelligenz einer Person zwar der Intelligenzquotient in der Form eines Zahlenwerts bestimmt werden, kritisch betrachtet erkennt man jedoch, dass auch dieser Parameter aus psychischen Erscheinungen abgeleitet worden ist, die durch gewisse Leistungsparameter erfasst worden sind, die ihrerseits nur auf der Ebene der Ideen erfasst werden konnten.

Damit wird deutlich, dass hier immer subjektive Voraussetzungen und anderseits auch durch eine Konvention festgelegte Voraussetzungen in die Bestimmung der Norm und damit auch in die Bestimmung der Abnormität mit eingeflossen sind.

Dieser Sachverhalt ist nicht nur für die Psychologie von Relevanz, sondern es ist dieser Sachverhalt auch für die Psychiatrie bei der Bestimmung der krankheitswertigen psychischen Störungen und damit bei der Bestimmung der psychiatrischen Diagnosen und den daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen von Relevanz.

Und es ist dieser Sachverhalt auch in der Rechtsprechung und in der psychiatrischen Forensik von Relevanz, wie dies am Beispiel der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit zuvor aufgezeigt worden ist.

In der Psychiatrie ist der Begriff der Abnormität insbesondere bei der Beurteilung der Persönlichkeitsstörungen von Relevanz, weil hier festgelegt wird was noch als normal und was nicht mehr als normal und damit als abnorm im Sinn einer besonderen Veranlagung angesehen wird. Davon sind die Abnormitäten zu unterscheiden, wie sie als Folge einer psychischen Krankheit im Sinn einer krankheitswertigen psychischen Störung entstehen. Die Einzelheiten dazu sind in der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und in der DSM-V Klassifikation per Konvention festgelegt worden.

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(letzte Änderung 12.3.2017, abgelegt unter Norm, Normalität, normal, Definition, Diagnostik; Medizin, Psychiatrie)

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