Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

klinische Erfahrung

 

Die klinische Erfahrung ist die Erfahrung, die eine Fachperson durch ihr theoretisches Wissen und durch ihre praktische Tätigkeit in der Klinik erwirbt.

Man kann auch sagen: die klinische Erfahrung ist die Erfahrung die eine Fachperson in der Klinik im Kollegenkreis auf Grundlage ihres theoretischen und praktisches Wissen im Umgang mit den Kranken erwirbt.

Es ist die klinische Erfahrung also die Erfahrung, die ein Arzt/Ärztin, eine Krankenpflegekraft (ein Krankenpfleger, eine Krankenschwester), oder ein in der Klinik tätiger Psychologe (= klinischer Psychologe) oder sonst eine in der Klinik tätige Fachperson aufgrund ihrer praktischen Erfahrung und Überlegung, im Rahmen der praktischen Tätigkeit, erwirbt.

Dabei macht es einen großen Unterschied auf welcher Grundlage von Vorwissen, die jeweilige Person ihr Wissen in der Klinik, also im Spital oder im sonstigen praktischen Betrieb erwirbt. Demgemäß macht es einen großen Unterschied, ob die Person zuerst  Medizin studiert hat oder ob sie Psychologie studiert hat, oder ob sie in der Krankenpflege ausgebildet worden ist und wie sie im jeweiligen Bereich ausgebildet worden ist.

Es baut das Wissen der Person in der Klinik also auf dem jeweiligen Vorwissen auf das diese in ihrer Ausbildung erworben hat. Demgemäß ist z. B. die Sichtweise eines Arztes wenn er eine gesundheitliche Störung untersucht und studiert eine andere als die eines Psychologen.

Es ist die klinische Erfahrung bei einem Arzt also das praktische Wissen das der Arzt auf der Grundlage seines theoretischen Wissens infolge seiner praktischen Tätigkeit in der Klinik erwirbt.

(„Klinik“: fachsprachliche Neubildung im 19. Jahrhundert zu lateinisch clinice = „Heilkunst für bettlägerige Kranke“; aus gleichbedeutend altgriechisch: κλινική (kliniké); zu κλίνη = Lager, Bett gebildet; zum Verb (κλίνεινklínein = neigen, lehnen, beugen gebildet-> Wikitionary)

Man erkennt damit, dass die klinische Erfahrung im Laufe der ärztlichen Praxis sich fort entwickelt, weil der Arzt in Folge seiner Tätigkeit immer mehr Erfahrung erwirbt. Dabei hängt die klinische Erfahrung von seinem Tätigkeitsfeld ab, und er wird demgemäß je nach dem in den verschiedenen Bereichen seines Faches mehr oder weniger klinische Erfahrung haben.

So wie die klinische Erfahrung für die einzelne Fachperson von Relevanz ist, ist sie auch für das jeweilige Fach von Relevanz, wenn die klinischen Erfahrungen in Bezug auf die einzelnen Fälle in Studien in der jeweiligen Wissenschaft ihren Niederschlag finden.

Bezüglich der klinischen Erfahrung gibt es Wissen das objektives Wissen ist und andererseits Wissen das subjektives Wissen ist. Darüber hinaus hängt das klinische Wissen und damit die klinische Erfahrung auch von sonstigen Umständen ab, etwa ob viele Fälle einer Art einer gesundheitlichen Störung im Bereich seiner Tätigkeit zur Beobachtung gelangen. Es hängt die klinische Erfahrung also vom Bereich der Medizin davon ab in welchem Gebiet der Arzt tätig ist und tätig war (Allgemein Medizin, Innere Medizin, Chirurgie, Orthopädie, Urologie, Gynäkologie, Augenheilkunde, Hals – Nasen – Ohrenheilkunde, Pädiatrie, Radiologie, Psychiatrie usf.) ab. Und in gleicher Weise hängt die klinische Erfahrung auch davon ab, ob der Arzt in einem Spezialgebiet seines Faches tätig ist und war. So kann etwa ein Internist auf die Kardiologie spezialisiert sein oder auf die Nephrologie oder auf die Rheumatologie, Onkologie usf.  In der Psychiatrie kann ein Psychiater ein allround ausbildeter Facharzt sein oder es kann sein, dass sein Tätigkeitsschwerpunkt mehr in der in der Biologischen Psychiatrie gelegen ist und weniger in der Psychotherapie. Oder es kann ein Facharzt in der Psychiatrie im Bereich der Suchttherapie oder im Bereich der psychischen Störungen gelegen sein, die wesentlich durch die Psychotherapie therapiert werden usf. In diesem Sinn kennt man auch die Ärzte die viel klinische Erfahrung im Bereich der Psychosomatik haben.

Dem entsprechend wird auch ein Sachverständiger wenn er ein medizinisches Gutachten oder ein psychiatrisches Gutachten erstellt dieses auf der Grundlage von mehr oder weniger klinischer Erfahrung erstatten können.

Im zuvor genannten Sinn hängt die klinische Erfahrung von vielen Dingen ab. Sie hängt vom Ort der praktischen Tätigkeit bzw. den verschiedenen Orten ab, an denen der Arzt / die Ärztin tätig war. Die klinische Erfahrung hängt auch von den Möglichkeiten der praktischen Tätigkeit ab. Und wie gesagt hängt die klinische Erfahrung wesentlich von der Dauer, also der Zeit und damit der Dauer der ärztlichen Tätigkeit in einem Fachbereich ab, in der er diese Erfahrung erwerben konnte.

Es liegt auf der Hand, dass jeder Arzt im Laufe der Zeit mehr und mehr klinische Erfahrung erwirbt und dieses Wissen nur beschränkt an jüngere Kollegen weiter vermittelt werden kann bzw. jeder Arzt / Ärztin im Laufe der Ausbildung und beruflichen Tätigkeit sein eigenes Wissen im Sinn der eigenen klinischen Erfahrung in Abhängigkeit von den praktischen Erfahrungen vom Zeitgeist, in Abhängigkeit von den gängigen und ihm bekannten Theorien und Sichtweisen entwickelt.

Und wie erwähnt gibt es neben der klinischen Erfahrung der einzelnen Fachperson auch die klinische Erfahrung wie sie in der jeweiligen Wissenschaft so zum Beispiel in einem Fachbereich einer medizinischen Wissenschaft oder in der psychiatrischen Wissenschaft ihren Niederschlag findet.

Zur klinischen Erfahrung wie sie in der Wissenschaft erlangt wird

Grundsätzlich muss man in der Wissenschaft unterscheiden um was für eine gesundheitliche Störung (Krankheit) es sich handelt. Man muss also unterscheiden, ob die klinische Erfahrung sich auf eine gesundheitliche Störung (Krankheit) bezieht, die auf der Ebene des Körpers durch körperliche Befunde in der medizinischen Wissenschaft erfasst und sodann nach den Methoden der Statistik untersucht worden ist. Oder ob die wissenschaftlichen Studien sich auf klinische Erscheinungsbilder gründen durch die gewisse gesundheitliche Störungen systematisch studiert worden sind.

Im Fall einer gesundheitlichen Störung, die in der Diagnostik allgemein gültig und damit objektiv gültig erfasst und in der zugehörigen Wissenschaft systematisch nach den Methoden der Wissenschaft studiert werden kann, wird auf diesem Weg Wissen im Sinn der Annäherung zur Gewissheit erlangt (vgl. mit Kant Zitat 9b). Dies ist für die Leitlinien, die aus diesen Studien abgeleitet werden für die Praxis von Relevanz.

Im Fall einer gesundheitlichen Störung, die in der Diagnostik nur subjektiv gültig erfasst werden kann, weil die gesundheitliche Störung durch einen Symptomenkomplex bzw. durch die Symptome und durch die nicht-objektivierbaren Phänomene erfasst wird, kann durch statistische Studien nicht Wissen im Sinn der Annäherung zur Gewissheit erlangt werden, sondern nur Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b). Dies ergibt sich aus der Grundlage des Wissens bzw. aus den Merkmalen in deren Folge die gesundheitliche Störung diagnostiziert worden ist. Man kann hier also nur Wissen im Sinn der philosophischen Wahrscheinlichkeit durch die statistischen Studien erlangen, wohingegen bei den zuvor genannten gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) Wissen im Sinn der mathematischen Wahrscheinlichkeit erlangt wird.

Dieser Unterschied, wie er aus der Erkenntnisbasis resultiert, sollte in der Praxis und in der Wissenschaft berücksichtigt werden.

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(letzte Änderung 28.09.2020, abgelegt unter Erfahrung, Medizin, Psychiatrie, Psychologie, Psychosomatik, Psychotherapie, Wissen, Wissenschaft, Definition, Wahrscheinlichkeit)

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