Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Struktur

Die Struktur ist der innere Aufbau.

Demgemäß zeigt die Struktur den Zusammenhang der einzelnen Elemente in einer Einheit.

Dabei muss man unterscheiden ob sich die Struktur auf ein Objekt oder auf eine Idee bezieht, weil im erstgenannten Fall uns die Einheit als faktische Einheit hingegen im zweitgenannten Fall als systematische Einheit gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man muss bei der Struktur also unterscheiden, ob sie sich auf ein physisches (körperliches) Erkenntnisobjekt im Sinne eines real existenten Objekts bezieht, oder auf ein geistiges, also ein mentales Erkenntnisobjekt bzw. auf den Begriff der Idee der als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es macht nämlich gemäß Immanuel Kant einen großen Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein Gegenstand schlechthin oder nur als ein Gegenstand in der Idee gegeben wird (vgl. mit Kant Zitat 7).

In diesem Sinn erkennt man, dass die Struktur einer körperlichen Sache durch den körperlichen – also den physischen Aufbau bestimmt ist. Oder es ist die Struktur durch das Sinngefüge, also durch den sinnhaften (sinnvollen) Zusammenhang der Ideen bzw. der Begriffe der Ideen bestimmt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Demgemäß kann zum Beispiel eine bestimmte  Vorstellung das Sinngefüge von einem Zusammenhang aufzeigen und damit eine bestimmte Theorie oder ein Konzept oder sonst ein geistiges Gebilde bilden (etwa das Rechtssystem eines Staates).

Es ist in einem solchen Fall also die Struktur durch die geistige Ordnung – man kann auch sagen – durch die geistige Gliederung der geistigen Materie – der einzelnen (geistigen) Elemente (Einheiten) und deren Relation zueinander – die hier systematische Einheit sind – bestimmt.

In diesem Sinn bilden die mentalen Einheiten ein Ganzes – das etwa eine Theorie bildet. Es bilden hier also diese mentalen Einheiten den inneren Aufbau dieser Wissenschaft und damit deren Struktur.

Man erkennt damit, dass eine solche Struktur durch das Denken bzw. das sich Vorstellen eines Zusammenhangs entstehen kann (Beispiel: Strukturmodell der Psyche in der Psychologie). Oder es wird eine Struktur empirisch durch die erhobenen physischen Befunde in der Natur entdeckt (Beispiel: innerer Aufbau eines Gesteins, oder in der Biologie: Struktur der Leber als Organ) und es bilden demgemäß jeweils die Elemente des Ganzen die Struktur dieser empirischen Wissenschaft.

Damit ergibt sich, dass z. B. in der Diagnostik durch die einzelnen Elemente die Struktur gebildet wird, die den inneren Aufbau bestimmt. Oder man kann auch sagen, dass die Struktur durch die unterschiedlichen Kategorien gebildet wird, die die Einheiten in unterschiedliche Klassen in einer Klassifikation sind und so den inneren Aufbau des Systems und damit die Systematik dieser Wissenschaft bilden (Beispiel: die psychischen- und psychopathologischen Phänomene bestimmen als charakteristische Merkmale der psychischen Störungen durch ihren Zusammenhang die typischen psychischen Symptomenkomplexe (der psychischen Störungen) und sind somit die elementaren Elemente der Diagnostik, Klassifikation und Systematik in der Psychiatrie).

Man kann daher auch sagen, dass in diesem Fall die Struktur durch die einzelnen definierten ideologischen Einheiten, also durch die per Definition und damit die per Konvention in Bezug auf ihre Grenzen festgelegten systematischen Einheiten gebildet wird.

Und man findet ferner, dass in gewissen Bereichen des Wissens für die Struktur Prinzipien und zwar regulative Prinzipien grundlegend sind.

Auf der Ebene der Objekte, falls natürliche Gegebenheiten die Struktur bestimmen, wie diese in der Natur vorgefunden werden, dann wird der innere Aufbau durch faktische Einheiten gebildet. Wohingegen im Fall eines Ideen-Gebildes die Struktur durch die einzelnen Ideen bzw. durch die Begriffe dieser Ideen gebildet wird (vgl. mit Kant Zitat 7), und man erkennt damit, dass in diesem Fall die Struktur durch systematische Einheiten und deren Relation zueinander gebildet wird.

In diesem Sinn kennt man die Struktur der physischen Objekte, wie sie etwa als natürliches Material in Objekten bzw. in natürlichen Materialien vorkommen. So zum Beispiel die unterschiedliche Struktur und damit den unterschiedlichen inneren Aufbau der Gesteine. Oder  die unterschiedliche Struktur der verschiedenen Holzarten usf.

Neben diesen natürlichen Dingen haben die Menschen künstliche Gebilde geschaffen, die unter Umständen eine gewisse Struktur aufweisen. So zum Beispiel die Struktur eines Ornaments oder den Aufbau eines Hauses (Gebäudes) das eine gewisse Struktur aufweist und für einen gewissen Zweck gebaut worden ist. Oder es weist ein Kunststoff eine besondere Struktur auf (Baustoffe der verschiedenen Arten: Ziegelsteine, Betonstein usf. weisen eine Struktur auf. Auch sonstige Kunststoffe aller Art, etwa Gewebe mit eingelegten Fasern zur Festigung bzw. Armierung usf. weisen eine gewisse Struktur auf).

Und auf der anderen Seite gibt es neben diesen physischen Objekten mit einer gewissen körperlichen Struktur die geistigen Gebilde, wie etwa die Gesetze eines Landes oder die eines Staates oder die eines Staatenbundes (z. B. der Europäischen Union), die den inneren Aufbau und die inneren Verbindungen regeln, gliedern, ordnen, bestimmen und damit die gesellschaftliche Ordnung in diesem Staatenbund strukturieren.

Im zuvor genannten Sinn ist auch in der Heilkunde und hier insbesondere in der Medizin im Sinne der universitären Medizin (Schulmedizin) eine Struktur in dieser Wissenschaft entstanden, wie sie sich aus dem Aufbau der anatomischen Einheiten (Organe und deren Relation zueinander, histologischer Aufbau und Funktion der Gewebe, Blutgefässe, Arterien, Venen, Struktur des Nervensystems usf.) aus faktischen Einheiten ergeben hat. Und es gibt in der Medizin ferner auch eine Struktur, wie sie sich aus den unterschiedlichen charakteristischen Symptomenkomplexen von gewissen gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) ergibt. Es gründet sich eine solche Struktur also auf die unterschiedlichen klinischen  Erscheinungen, also auf die unterschiedlichen Symptome und die nicht-objektivierbaren  Phänomene, die charakteristische Symptomenkomplexe bilden und die hier unterschiedliche diagnostische Einheiten, nämlich phänomenologische Einheiten sind.

Man denke im zuvor genannten Sinn an die abgrenzbaren Einheiten des Körpers, wie sie in der Anatomie makroskopisch und in der Histologie mikroskopisch beschrieben worden sind und den inneren Aufbau des menschlichen Körpers bilden. Und man denke in anderer Hinsicht an die Struktur der körperlichen Funktionen, wie diese in der Physiologie auf der Grundlage der Anatomie und der Histologie erkannt worden sind und es handelt sich somit – man kann sagen – um eine funktionsbedingte Struktur im Organismus die die gesunde Aktion und damit die innere Harmonie im Zusammenspiel der Organe und Organsysteme leistet was für den Zustand der Gesundheit und damit für das Wohlergehen der Person bzw. des Lebewesens wesentlich ist.

Oder im Fall dass klinische Erscheinungen (Phänomene), die die Merkmale einer gesundheitlichen Störung bilden handelt es sich etwa im Fall eines entstehenden und wieder vergehenden primären Kopfschmerzes um eine dynamische Struktur, die sich je nach der Definition der Merkmale manifestiert und es wird eine solche Struktur durch ein regulatives Prinzip im Sinne von Immanuel Kant erfasst, durch das man den Zusammenhang der unterschiedlichen Erscheinungen und der Vorgänge etwa durch die vaskuläre Theorie verstehen und erklären kann.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist die Struktur eine Einheit, die man durch den Begriff der Idee erfasst. Es wird die Struktur also durch eine systematische Einheit beschrieben (vgl. mit Kant Zitat 7), die sich auf eine wirklich existente Einheit und damit auf eine faktische Einheit bezieht oder die Struktur bezieht sich auf eine Einheit die uns nur auf der Ebene der Ideen als der Begriff der Idee und damit nur als systematische Einheit gegeben ist. In einem solchen Fall wird die Struktur durch eine projektierte Einheit erfasst. Es ist dies also eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 8) bzw. eine zu Grunde liegend gedachte Einheit. Man kann in den Worten von Immanuel Kant auch sagen: es ist dies also die systematische Einheit einer bloßen Idee (vgl. mit Kant Zitat 8), die ich nur auf der Ebene der Ideen durch die Zergliederung des Begriffs der Idee erkennen, untersuchen und studieren kann.

Während also gewisse Strukturen auf der Ebene der Objekte untersucht und beschrieben werden können, ist dies bei anderen Strukturen nicht möglich, und es können diese nur durch die Relation der Ideen bzw. nur durch die Relation der Begriffe der Ideen beschrieben, untersucht und definiert werden. Man findet demgemäß, dass eine solche Struktur auf systematischen Einheiten und Prinzipien beruht, wie sie die Menschen einerseits infolge ihrer vernünftigen Überlegungen (oder andererseits durch sonstige Überlegung) erkannt und beschrieben haben. Man erkennt damit, dass diese Strukturen zum Teil durch den Gebrauch des Verstandes und den der (reinenVernunft (vgl. mit Kant Zitat 10) entstanden sind und auf einen Zweck bzw. Nutzen hin ausgerichtet sind, insofern die einzelnen Einheiten zweckmäßige Einheiten sind (vgl. mit Kant Zitat 3a).

Demgemäß kennt man, die von Menschen geschaffenen Strukturen, wie sie in den verschiedenen Kulturen und Gesellschaften und damit auch in den verschiedenen Wissenschaften entstanden sind. Und wie sie demgemäß in den verschiedenen Bereichen das Wissens (in der Philosophie, in der Mathematik, in der Psychologie, in der Soziologie, in der Wirtschaftswissenschaft, in der Literaturwissenschaft usf.) und in der Kunst entstanden und verwirklicht worden sind.

In physischer Hinsicht kennt man etwa die Struktur, wie sie in Ornamenten, in Mustern, im Gewebe eines Stoffs usf. oder in der Form eines geknüpften oder gewobenen Teppichs zur Darstellung kommt. Oder man kennt die Struktur und damit die Beschaffenheit der verschiedenen Bauwerke, wie sie in der Architektur untersucht, kategorisiert und geschaffen werden.

Und man kennt schließlich auch die geistigen Strukturen, wie sie in den verschiedenen Kulturen entstanden sind, so etwa die jeweils unterschiedliche Struktur einer Rechtsprechung in den verschiedenen Ländern, also die Struktur der jeweiligen, länderweise gültigen Gesetzbücher mit den einzelnen Gesetzen und deren Zusammenhängen. Oder die Struktur der sozialen Ordnung in einer Aristokratie oder in einer Demokratie und hier zum Beispiel die Struktur der Altersversorgung mit einem Pensionssystem in einem modernen Rechtsstaat. Oder die Struktur des Militärs für die Landesverteidigung usf.

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Das Wort Struktur stammt vom lateinischen Wort: struere – bauen.

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Strukturen in der Heilkunde:

Struktur der Medizin:

Man findet, dass die Struktur in der Medizin in einem Teilbereich auf körperlichen Fakten beruht, so wie man diese im Laufe der Zeit in der Medizin entdeckt und beschrieben hat. Es ist dies also die Struktur der medizinischen Wissenschaft, wie sie beispielsweise in der Schulmedizin in der Anatomie, in der Histologie, in der Pathologie, in der Histopathologie und in anderen Fachbereichen auf der Grundlage der faktischen Befunde des Körpers beschrieben worden ist. Andererseits kennt man in der Medizin im Sinn der Schulmedizin die Struktur bzw. den inneren Aufbau und die Gliederung in funktionelle Einheiten, wie sie auf der Grundlage der funktionellen Parameter in der Physiologie und auch in den einzelnen Fachbereichen, etwa in der Neurologie (Neurophysiologie) und in sonstigen Bereichen auf der Grundlage der Phänomene und Funktionsparameter beschrieben worden sind. So hat man etwa das Nervensystem in die Funktionseinheit des Vegetativen Nervensystems gegenüber dem sonstigen Nervensystem beschrieben. In der medizinischen Diagnostik findet man die Gliederung in die faktischen Einheiten und damit in die faktischen Diagnosen (Beispiel: Knochenbruch) gegenüber den phänomenologischen Einheiten bzw. den phänomenologischen Diagnosen (Beispiel: Migräne). Man erkennt damit, dass die unterschiedlichen Merkmale (vgl. mit Kant Zitat 7) der diagnostischen Einheiten die Struktur der Medizin und der medizinischen Wissenschaft, in den unterschiedlichen Teilbereichen, bestimmen.

Struktur der Psychiatrie: 

In der Psychiatrie findet man, dass die Struktur dieser Disziplin der Heilkunde als empirische Wissenschaft aus empirisch rational entwickelten psychiatrischen Ideen hervorgegangen ist. Diese psychiatrischen Ideen haben in der Psychiatrie tätige Ärzte in der psychiatrischen Klinik, also im Umgang und in der Behandlung (Therapie) mit den psychischen Kranken auf der Grundlage ihrer klinischen Erfahrung und ihrer vernünftigen Überlegung entwickelt.

Es hat sich in der Psychiatrie also infolge des systematischen Studiums der psychischen Störungen eine Struktur gebildet, wie diese heute durch die Form der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und der DSM-V Klassifikation der Psychiatrischen Diagnostik gebildet wird deren diagnostische Einheiten auf Basis der Psychopathologie infolge der vorliegenden psychischen Phänomene – somit auf Basis der Phänomenologie – in der Diagnostik erfasst werden. Dabei ist der innere Aufbau der unterschiedlichen psychischen Störungen und deren Relation zueinander ausgehend vom systematischen Studium des Wahnsinns entstanden, den der französische Arzt Philippe Pinel erkannt hat (vgl. mit Pinel Zitat 2).

Man kann auch sagen: es hat sich die Struktur der Psychiatrie als empirische Wissenschaft auf der Grundlage der Phänomenologie und der Psychopathologie durch den inneren Aufbau der  psychischen Erscheinungen und damit der psychiatrischen Ideen entwickelt, wie diese infolge der denkenden Anschauung (Karl Jaspers vgl. mit Jaspers Zitat) oder infolge des Beobachtungsgeistes und der aphoristischen Sprache und der Methode der Classifikation (Philippe Pinel vgl. mit Pinel Zitat 2) entstanden sind.

Diese Struktur hat zur Entwicklung der psychiatrischen Nosologie und der psychiatrischen Klassifikation der psychischen Störungen geführt.

Man erkennt damit, dass die Struktur der Psychiatrie durch den Aufbau der unterschiedlichen psychiatrischen Syndrome entstanden ist, die ihrerseits die Basis der psychiatrischen Systematik und damit die Grundlage der psychiatrischen Klassifikation und somit auch der psychiatrischen Wissenschaft bilden.

Damit wird deutlich, dass die Struktur der Psychiatrie als empirische Wissenschaft auf psychiatrischen Konzepten beruht, und diese auf der Grundlage der klinischen Erfahrung und der vernünftigen Überlegung der Ärzte entstanden sind, insofern, die in der Psychiatrie tätigen Ärzte nützliche diagnostische Einheiten und damit zweckmäßigen Einheiten im Sinn von Immanuel Kant erkannt haben, die sich in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft hinreichend bewährt (vgl. mit Kant Zitat 10) haben, wenngleich diese diagnostischen Einheiten nicht physisch bestimmt werden können.

Damit kann man – erkenntnistheoretisch betrachtet – sagen: es handelt sich in der Psychiatrie um eine Struktur, die auf regulativen Prinzipien im Sinne von Immanuel Kant beruht.

Diese Struktur ist auf der Grundlage der klinischen Erfahrung infolge des menschlichen Verstandes und der (reinen) Vernunft (vgl. mit Kant Zitat 10) mit Hilfe der philosophischen Methode der Dialektik durch die psychiatrischen Ideen entwickelt worden, aber sie kann nicht physisch überprüft werden, weil jede diagnostische Einheit in der Psychiatrie nur meta-physisch also nur jenseits der physis (= Natur), somit nur auf der Ebene der Ideen fundiert ist bzw. sie nur gemäß einem Typus beschrieben und bestimmt werden kann – wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man kann also sagen, dass es sich in der Psychiatrie bei den diagnostischen Einheiten um projektierte Einheiten handelt, die die Struktur der Psychiatrie als empirische Wissenschaft bilden. Und man findet, dass diese diagnostischen Einheiten in der Psychiatrie sämtliche systematische Einheiten – im Sinn von Immanuel Kant sind – die sich in der Praxis zwar hinreichend bewährt haben, die jedoch nicht biologisch und somit nicht physisch, also nicht am Probierstein der Erfahrung überprüft werden können (vgl. mit Kant Zitat 10).

Daher befindet sich die psychiatrische Wissenschaft als empirische Wissenschaft in einer ganz anderen Situation als die Medizin als empirische Wissenschaft, insofern in der Medizin in einem Teilbereich die gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) und damit diese medizinischen Diagnosen physisch bzw. biologisch (physiologisch) bestimmt und daher auch biologisch (physiologisch bzw. physisch) überprüft werden können, was in der Psychiatrie bei den psychischen Störungen grundsätzlich nicht möglich ist, weil diese auf der Grundlage von definierten psychiatrischen Ideen respektive auf der Grundlage von definierten psychiatrischen Konzepten erkannt werden, die ihrerseits auf bloßen Ideen beruhen.

Es hat also der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers die Grundlage des psychiatrischen Wissens und damit im Prinzip auch die Struktur der Psychiatrie erkannt, wenn er in seinem Buch „Allgemeine Psychopathologie“ schreibt:

Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch dasSchema” der Idee. Schemata sind entworfene Typen, falsch, wenn ich sie als Realitäten behandle oder als Theorien von einem Zugrundeliegenden, wahr als methodisches Hilfsmittel, das grenzenlos korrigierbar und verwandelbar ist. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Hingegen hat der Psychiater Emil Kraepelin die Möglichkeit in der Psychiatrischen Diagnostik und damit die Struktur und die Möglichkeiten in der Psychiatrie als Wissenschaft nicht richtig erkannt, wenn er geglaubt hat, dass gewisse psychische Krankheiten in der Psychiatrie auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses (vgl. mit Kraepelin Zitat 2) in Zukunft allgemein gültig bestimmt werden können (vgl. mit Kraepelin Zitat 1). Und es hat Emil Kraepelin die Situation auch verkannt, wenn er geglaubt hat, dass die Psychiatrie sich zu einem kräftigen Zweig der medicinischen Wissenschaft fortentwickelt (vgl. mit Kraepelin Zitat 2). Damit hat Emil Kraepelin die Struktur und somit den inneren Aufbau der Psychiatrie als Wissenschaft und daher die Möglichkeiten in der Psychiatrischen Diagnostik und in der psychiatrischen Wissenschaft verkannt.

Und weil viele Fachleute in der Psychiatrie auch heute noch die Struktur der Psychiatrie so sehen, wie Emil Kraepelin sie gesehen hat, und die Psychiatrie als Wissenschaft daher so angesehen wird, wie eine biologisch fundierte Wissenschaft, die ihre diagnostischen Einheiten physisch und daher durch physische Befunde bzw. durch biologische Befunde in Bezug auf gewisse psychische Störungen valide und reliabel bestimmen kann, ist die Psychiatrie in große Probleme und Schwierigkeiten geraten.

Falls das psychiatrische Wissen weiterhin, so wie faktisches Wissen angesehen wird, so kann die Psychiatrie die vielen Widersprüche mit denen sie derzeit konfrontiert ist nicht überwinden und sie bemüht sich daher zum Beispiel weiterhin vergeblich gewisse psychische Störungen durch biologische Befunde in der Biologischen Psychiatrie valide und reliabel zu bestimmen.

Wie man sich überzeugt ist es eine vergebliche Bemühung – also eine Sisyphusarbeit –  die Validität und die Reliabilität von gewissen psychiatrischen Diagnosen durch physische Befunde bzw. durch biologische Befunde zu erhöhen.

Diese Krise und damit auch die Gefahr der Auflösung der Psychiatrie als empirische Wissenschaft (vgl. mit Kant Zitat 10 vorletzter Absatz), wie sie als Folge des Nichterkennens und des Nichtbeachtens der Struktur der Psychiatrie als Wissenschaft durch diesen Indifferentismus entstanden ist, wird vorhersehbar erst überwunden werden, wenn die Psychiatrie als Wissenschaft sich (wieder) auf die Grundlage ihres Wissens besinnt.

Es sollte die Psychiatrie als Wissenschaft also die Grundlage ihres Wissens beachten und berücksichtigen um die aufgetretenen Schwierigkeiten zu überwinden. Die Psychiatrie als Wissenschaft kann es sich nicht leisten die Erkenntnisbasis ihres Wissens in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft zu ignorieren bzw. würde sie als praktische Disziplin der Heilkunde und als Wissenschaft als Folge davon weiteren Schaden erleiden. Unter anderem wird dieses Nichtbeachten der Grundlage Wissens in der Psychiatrie die weitere Zersplitterung vorantreiben und dem Ansehen als Wissenschaft schaden.

Um also nicht länger in der berechtigten Kritik des im Sinn der Aufklärung aufgeklärten Publikums zu stehen wird man sich in der Psychiatrie auf die Grundlage des fachlichen Wissens wieder besinnen müssen.

Erst wenn dies geschehen sein wird, können gewisse Probleme in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft vermieden werden.

Zusammenfassend kann man zur Struktur der Psychiatrie sagen, dass diese auf Ideen und zwar auf bloßen Ideen beruht. Dabei haben in der Psychiatrie tätige Ärzte diese psychiatrischen Ideen durch ihre klinische Erfahrung und vernünftige Überlegung erkannt und weiter entwickelt. Man sollte daher in der Psychiatrie beachten und berücksichtigen, dass das psychiatrische Wissen auf phänomenologischen Einheiten beruht, wohingegen das medizinische Wissen in weiten Bereichen auf faktischen Einheiten beruht. Daher kann in der Medizin in vielen Fällen in der Diagnostik eine gesundheitliche Störung in Bezug auf die Zugehörigkeit zu einer Gattung bestimmt werden, wohingegen in der Psychiatrie die Bestimmung einer diagnostischen Einheit nur in Bezug auf einen definierten Typus möglich ist, wie dies der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt hat (vgl. mit Jaspers Zitat). Wird dieser grundsätzliche und große Unterschied im psychiatrischen Wissen nicht beachtet und berücksichtigt, so kann die Psychiatrie die großen Schwierigkeiten, in die sie infolge der Nichtbeachtung ihrer Struktur im Lauf der letzten Jahrzehnte geraten ist, nicht überwinden und es wird diese Nichtbeachtung der Grundlage des Wissens weitere nachteilige Konsequenzen mit sich bringen (Weiteres dazu unter Konsequenzen).

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Hinweis:

Weiteres zur Struktur der Medizin und Psychiatrie in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

siehe dort Kapitel 23:

23.1 Einleitung zur Struktur (Definition)

23.2 Struktur der Heilkunde

23.2.1 Hat die Heilkunde eine einheitliche Struktur?

23.3 Struktur der Medizin

23.4 Struktur der Psychiatrie

23.4.1 Die Struktur der Psychiatrie entstand durch den Unterschied der Ideen

23.4.2 Die Struktur der Psychiatrie ist durch die rationale Überlegung entstanden

23.4.3 Die Struktur der Psychiatrie kann modifiziert werden

23.5 Hat sich die Struktur der Psychiatrie geändert?

23.6 Vergleich der Struktur der Psychiatrie mit der Struktur der Medizin

23.7 Die Struktur der Psychiatrie ermöglicht die Gliederung der psychischen Störungen in drei Schichten – Schichtenlehre nach Karl Jaspers

23.8 Zur Frage, ob es in der Alternativ- und Komplementärmedizin und Psychosomatik eine Struktur gibt

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25.34 Läuft die Psychiatrie als Wissenschaft Gefahr, ihre Struktur zu verlieren?

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(letzte Änderung 01.09.2019, abgelegt unter Diagnostik, Definition, Erkenntnis, Klassifikation, Medizin, Psychiatrie, Philosophie, Struktur, Wissen, Wissenschaft, psychiatrische Wissenschaft)

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