Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Denkvermögen

Das Denkvermögen ist das Vermögen zu denken.

Dabei beruht das Denkvermögen auf der Kognition.

Man kann auch sagen: das Denkvermögen beruht auf dem Erkennen und auf der vernünftigen Überlegung falls es nach der best möglichen Lösung strebt.

Ebenso kann man sagen, dass das Denkvermögen um die sinnhafte Überlegung bemüht ist falls es danach strebt den Sinn zu erkennen bzw. den Zusammenhang zu erkennen.

In positiver Hinsicht ist das Denkvermögen die Fähigkeit richtig bzw. angemessen zu denken und zu urteilen.

Daher kann man sagen, dass das Denkvermögen die Fähigkeit ist durch die richtige Überlegung das richtige bzw. angemessene Urteil zu bilden.

Es beruht das Denkvermögen also wesentlich auf dem Urteilsvermögen und anderen Voraussetzungen.

Und es gründet sich das Denkvermögen der Person daher auf ihre Urteilskraft oder man kann auch sagen auf ihr Kritikvermögen bzw. auf ihre Kritikfähigkeit.

In Bezug auf die Psyche bzw. den Geist der Person ist das Denkvermögen die Fähigkeit durch Überlegung geleitet die Ideen – oder man kann auch sagen die Vorstellungen – richtig bzw. angemessen zu vergleichen und letztlich durch die zutreffende Assoziation richtig bzw. angemessen zu entscheiden, was zutreffend ist.

Es ist das Denkvermögen also das Vermögen angemessen bzw. richtig zu denken, was bei der geistigen Behinderung und bei manch einer psychischen Störung, wie sie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, eingeschränkt ist oder unter Umständen gar nicht mehr vorhanden ist.

In der Regel versteht man also unter dem Denkvermögen das richtige bzw. das den Umständen entsprechend angemessene Denken.

Dabei ist das angemessene Denken die Folge der intuitiv passenden Assoziation – wobei man auch von der spontanen Assoziation sprechen kann.

Demgemäß bezeichnet das Denkvermögen die Fähigkeit den persönlichen Geist angemessen einzusetzen. Es ist die geistige Analyse und Synthese also eine Voraussetzung des persönlichen Denkvermögens.

Damit ist das Denkvermögen die bei einer Person natürlich vorhandene bzw. die natürlich sich entwickelnde Fähigkeit richtig zu denken, falls sie gesund geboren worden ist und sich in einem, den Anforderungen entsprechenden Umfeld normal entwickelt.

Umgekehrt ist die Einschränkung und letztlich der Verlust des Denkvermögens ein psychisches Symptom bzw. ein kranheitswertiges  psychisches Phänomen somit ein psychopathologisches Phänomen das als Folge einer gesundheitlichen Störung der Psyche in Erscheinung tritt.

Dabei kann diese gesundheitliche Störung der Psyche die Folge einer psychischen Störung sein, die sich im Lauf des Lebens entwickelt hat, oder es kann diese Störung im Denken die Folge einer geistigen Behinderung sein, die sich schon ab der Kindheit manifestiert hat.

Es gibt also unterschiedliche Ursachen, die eine Störung im Denkvermögen bewirken.

Demgemäß kann ein mehr weniger eingeschränktes Denkvermögen bei einer Person seit der frühen Kindheit bestehen, oder es ist diese Einschränkung im Laufe des Lebens durch den partiellen bis hin zum gänzlichen Verlust des Denkvermögens in Folge irgend einer anderen Ursache aufgetreten.

In der Psychologie wird das Denkvermögen durch eine psychologische Testung etwa durch einen psychologischen Test erfasst in dem die Intelligenz untersucht wird. Es kann dabei mehr die theoretische Intelligenz oder mehr die praktische Intelligenz untersucht und in der Diagnostik erfasst werden.

In der Psychiatrie wird bei der Erhebung des psychischen Befundes das Denkvermögen in der klinischen Untersuchung diagnostisch auf der Grundlage der Phänomenologie bzw. auf der Grundlage der Psychopathologie erfasst.

Die Erfahrung lehrt, dass vor allem körperliche Störungen zur Beeinträchtigung und schließlich zum gänzlichen Verlust des Denkvermögens führen. Die häufigste Form einer psychischen Störung, die zu diesem Phänomen führt ist der organische Abbau des Gehirns, wie er beim Menschen im Alter früher oder später auftritt. Dabei kann sich dieser Abbau je nach erblicher, also genetischer Anlage und in Folge von sonstigen Faktoren – somit als Folge einer komplexen Ursache von Person zu Person verschieden manifestieren und zur Abnahme des Denkvermögens führen. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang der historische Fall der Patientin Auguste Deter den der Nervenarzt Alois Alzheimer beschrieben hat und in dessen Folge später der Begriff Alzheimerdemenz bzw. Alzheimerkrankheit geprägt worden ist.

Weiters ist in der Psychiatrie historisch auch die diagnostische Einheit Dementia praecox bekannt, die Emil Kraepelin von Bénédict Augustin Morel übernommen hat und in seine psychiatrische Klassifikation eingeführt hat, und es hat E. Kraepelin dabei diese diagnostische Einheit insbesondere gegenüber dem Depressiven Irresein (heute -> Depression) und anderen Krankheitseinheiten beschrieben und damit definiert. Bekanntlich hat später Eugen Bleuler aus der Einheit Dementia praecox die diagnostische Einheit Schizophrenie bzw. die ganze Gruppe der Schizophrenien entwickelt und damit diese diagnostischen Einheiten definiert. (vgl. mit Bleuler Zitat 2)

Die klinische Erfahrung lehrt, dass die Abnahme des Denkvermögens in Folge von verschiedenen gesundheitlichen Störungen in Erscheinung treten kann. Häufig sind die psychischen Störungen, die als Alzheimer Krankheit bzw. als Alzheimer Demenz diagnostiziert werden. Von einem ähnlichen Typus ist die psychische Krankheit bzw. die psychische Störung, die als Levy body Demenz bezeichnet wird. Oder es sind pathologische Veränderungen an den Gehirn versorgenden Arterien die Ursache der Demenz und man spricht in einem solchen Fall von einer Vaskulären Demenz wenn die psychische Störung in Folge der hirnlokalen Ausfälle ein Organisches Psychosyndrom (OPS) vom Schweregrad einer Demenz bedingt. In diesem Sinn kennt man die verschiedensten Formen und Typen einer Demenz, die alle durch einen mehr oder weniger weit gehenden Verlust des Denkvermögens charakterisiert sind, wobei sich dabei das Phänomen der Demenz je nach der Ursache durch einen unterschiedlichen psychischen Symptomenkomplex und je nach dem auch einen unterschiedlichen Verlauf manifestiert.

Es ist also die Beeinträchtigung bzw. der Verlust des Denkvermögens in diesen Fällen eine organische bzw. eine körperliche Ursache, von der man denkt, dass diese als Krankheitseinheit im Sinn einer natürlichen Krankheitseinheit ist, die die Einschränkung im Denkvermögen hervorruft. Man denkt sich also, dass es eine solche natürliche Krankheitseinheit gibt, die das jeweilige charakteristische klinische Erscheinungsbild bewirkt. Damit wird deutlich, dass die jeweilige psychiatrische Diagnose durch ein psychiatrisches Konzept erkannt wird unter dem man den jeweiligen charakteristischen psychischen Symptomenkomplex geistig auffasst.

Neben diesen organischen Ursachen kennt man in der Psychiatrie auch nicht-organische Ursachen, die in mehr oder weniger starker Ausprägung zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten und mehr oder weniger lang andauernden Störung im Denkvermögen führen.

Dazu zählt etwa eine schwerere Depressionbei der es in Folge der beeinträchtigten neuronalen Funktion zu Assoziationsstörungen und als Folge davon zu Konzentrationsstörungen und damit zur erschwerten Besinnlichkeit und somit auf dieser Grundlage zur passageren Störung im Denkvermögen kommt, solange diese neuronale Funktionsstörung infolge des Transmittermangels und anderer Faktoren auf der Ebene des Nervensystems andauert.

Weiters kennt man auch die Störungen im Denkvermögen, wie sie als Folge einer sonstigen psychischen Störung auftreten und unter Umständen ebenfalls den Schweregrad einer Psychose erlangen können.

Dies kann zum Beispiel als Folge einer Kopfverletzung bzw. Verletzung des Gehirns der Fall sein und spricht man dann von einem Organischen Psychosyndrom (OPS).

Oder es kann dies zum Beispiel in Folge einer akuten Intoxikation und damit auch im Rahmen von Drogenkonsum der Fall sein. In diesem Zusammenhang bekannt sind die Begriffe: Delir, durch Drogen induzierte PsychoseDurchgangsyndrom und sonstige psychische Störungen. Auch der normale Rausch, wie er nach Alkoholkonsum auftritt wird in der Regel das Denkvermögen nachteilig beeinflussen.

Schließlich kann das Denkvermögen aus natürlichen Gründen etwa durch die Ermüdung bzw. durch die Übermüdung und in gleicher Weise auch durch die Erschöpfung auftreten. In einem solchen Fall ist das Denkvermögen beeinträchtigt, weil das Gehirn in einem solchen Zustand nicht mehr so gut in der Lage ist die Denkleistung zu erbringen. Schließlich können auch noch andere Gründe genannt werden, die zu einer psychologisch verstehbaren Form der Störung im Denkvermögens führen. So denkt man sich etwa, dass in gewissen Fällen ein psychischer Komplex die Ursache einer gewissen Art von Denkstörung ist und man spricht daher in einem solchen Fall unter Umständen von einer Neurose.

Somit kann festgehalten werden, dass das Denkvermögen in gewissen Fällen als Folge eines natürlichen Vorgangs in Erscheinung tritt, oder es kann dies die Folge einer psychologisch verstehbaren psychischen Störung sein und schließlich ist die Störung im Denkvermögen häufig die Folge einer körperlichen bzw. einer physischen Ursache, die diese Beeinträchtigung in mehr oder weniger starker Ausprägung zur Folge hat.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich beim Begriff ”Denkvermögen” um den Begriff einer Idee und es ist somit diese Einheit eine systematische Einheit im Sinn von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 7). Es ist diese systematische Einheit also der Begriff der Idee der im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese Person gewisse psychische Auffälligkeiten bzw. den ganzen psychischen Symptomenkomplex durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Weil eine psychologische Idee eine bloße Idee im Sinn von Immanuel Kant ist (vgl. mit Kant Zitat 4) ist der Begriff “Denkvermögen“ eine physisch nicht überprüfbare Einheit. Und es ist daher der psychologische Begriff „Denkvermögen“ bzw. der psychiatrische Begriff „Denkvermögen“ und damit der Begriff der psychiatrischen Idee “Denkvermögen” ein regulativer Begriff.

Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers hat erkannt, dass es sich bei den Ideen in der Psychologie und Psychiatrie um (bloße) Ideen im Sinn von Immanuel Kant handelt (vgl. mit Jaspers Zitat). Und es schreibt daher Karl Jaspers: Wenn ich das Ganze als Idee auch nicht geradezu erkennen kann, so nähere ich mich ihm – mit Kants Worten – durch das “Schema” der Idee (vgl. mit Jaspers Zitat).

Weitere Anmerkungen zu Störungen des Denkvermögens

Anmerkungen zu den Störungen im Denkvermögen bei der Schizophrenie

Bei der psychischen Störung die Eugen Bleuler als Schizophrenie bezeichnet hat kommt es zu eigenartigen Störungen in der Assoziation (vgl. mit Bleuler Zitat 3).

Es ist hier also das Denkvermögen insofern beeinträchtigt als krankheitsbedingte Störungen im Assoziationsvermögen auftreten. Es kann hier unter Umständen zum Auftreten von Halluzinationen kommen als deren Folge die Wahrnehmung der Realität beeinträchtigt ist. Oder es können sonstige Störungen in der Realitätswahrnehmung zu psychischen Störungen führen, die unter Umständen sich als Wahn bzw. als Paranoia manifestieren. Es kommt hier also als Folge der formalen Denkstörungen und in weiterer Folge wegen den inhaltlichen Denkstörungen zu Störungen in der Realitätswahrnehmung und damit zu Störungen im Realitätsbezug.

Anmerkungen zu Störungen des Denkvermögens bei einem Organischen Psychosyndrom finden sie hier.

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(letzte Änderung 24.05.2018, abgelegt unter: Begriff, Definition, Demenz, denken, Erkennen, Gedächtnis, Gedächtnistheorie, Geist, Konzept, Neurologie, Philosophie, Psyche, Psychiatrie, Vernunft, Verstehen, Wissenschaft)

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