Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wissenschaftsglaube

Der Wissenschaftsglaube ist der Glaube an die Wissenschaft.

Es kann der Wissenschaftsglaube ein gerechtfertigter Glaube an die Wissenschaft sein, oder es kann dies ein nicht gerechtfertigter Glaube, also ein übertriebener Glaube an die Wissenschaft sein.

Man kann daher von einem kritischen Glauben an die Wissenschaft sprechen, der die Grenzen des wissenschaftlich Möglichen und Machbaren bedenkt und berücksichtigt. Und andererseits kann man von einem übermäßigen bzw. von einem übertriebenen Wissenschaftsglauben sprechen, wenn damit Hoffnungen verbunden werden, die nicht der Realität bzw. die nicht den realen Möglichkeiten der Wissenschaft entsprechen. In diesem Fall kann man beim Wissenschaftsglauben von einem unkritischen Glauben an die Wissenschaft sprechen, den man auch als den blinden Glauben an die Wissenschaft bezeichnen kann, weil er alles für möglich hält was propagiert wird und sich nicht an der Wirklichkeit orientiert.

Dieser blinde Glaube an die Wissenschaft ist in unserer sogenannten zivilisierten westlichen Welt – und zunehmend auch in der zivilisierten und modernen östlichen Welt – mehr und mehr verbreitet.

Viele Leute glauben in unserer Gesellschaft in unserer Zeit – also in der Zeit nach der Aufklärung – nicht mehr an transzendentale jenseitige Kräfte, sondern an das menschlich Machbare, wie dies zum Teil die Technik hervorbringt und wie es zum Teil von der Wissenschaft und den dahinter stehenden Menschen erhofft und erwartet wird, damit in der Industrie die Sache Geld bringend umgesetzt wird.

Es leben in dem Sinn viele Leute in der Vorstellung, dass die Technik und die Wissenschaft gewisse Fragen alsbald beantwortet und gewisse Probleme gelöst haben wird.

In diesem Sinn werden unsinnige Erwartungen und Hoffnungen in die Technik und in die Wissenschaft bzw. in den Wissenschaftsbetrieb und damit in die Forscher und Wissenschaftler projiziert; und es finden und erleben sich diese daher nicht selten in einem Status wie die Priester und Verkünder des Heils.

Wie man leicht einsehen kann geraten Ärzte, teils bewusst und teils unbewusst in diesen Status, weil insbesondere in Bezug auf die Medizin solche Hoffnungen und Erwartungen gehegt werden und diese auf die Heilkunde und ihre Disziplinen (Chirurgie, Neurochirurgie, Orthopädie, Innere Medizin, Gynäkologie, Neurologie, Psychiatrie usf.) projiziert werden.

Es sind also viele Leute in unserer Gesellschaft  von der Wissenschaft und ihrem Fortschritt übermäßig fasziniert und es entsteht auf dieser Grundlage ein übertriebener Machbarkeitsglaube.

Dabei handelt es sich aber um einen Glauben und ein Meinen von geringer Fundierung, weil eine wirklich aufgeklärte Person sehr wohl kritisch ist und erst nach reiflicher Überlegung und erst nach fundierter Prüfung an derartige Dinge glaubt. Es wird daher eine besonnene Person sich erst nach vernünftiger Überlegung und Prüfung einer gewissen Sichtweise anschließen und eventuell einer propagierten Empfehlung folgen.

Mit anderen Worten: eine Person die sich des Verstandes und der Vernunft bedient wird nicht vorschnell eine Sichtweise übernehmen und eine Empfehlung annehmen, die einer gründlichen Prüfung nicht standhält.

Es wird also eine kritische Person sich des guten alten Hausverstandes bedienen bevor sie sich zu einer Sache entschließt, die mit weitreichenden Konsequenzen verbunden ist.

In diesem Sinn wird etwa eine Person die wegen einer gesundheitliche Störung (Krankheit) mit einer gewissen Fragestellung konfrontiert ist sich gründlich beraten lassen und selbst Überlegungen anstellen bevor sie sich etwa für eine fragwürdige Indikation entschließt.

In diesem Sinn sollte man nicht nur in der Medizin, in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie), sondern auch in anderen Bereichen die Dinge und Sachverhalte gründlich bedenken, überlegen und prüfen was mit welchen Möglichkeiten und mit welchen Risiken, also mit welchen Konsequenzen verbunden ist und soll man nicht blind einem Wissenschaftsglauben bzw. blind einem Machbarkeitsglauben anhängen, weil dies unkritisch oder gar als Dummheit zu bezeichnen ist.

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(letzte Änderung 10.6.2015,  abgelegt unter Wissenschaft, Glaube, Medizin, Psychiatrie, Definition)

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