Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Neuroplastizität

Die Neuroplastizität ist das Vermögen des Nervensystems sich plastisch den Anforderungen anzupassen.

Es ist die Neuroplastizität im Hinblick auf die gegebenen Aufgaben/Anforderungen/Notwendigkeiten/Bedürfnisse also die Fähigkeit des Nervensystems sich durch die biologische und funktionelle Anpassung angemessen zu entwickeln um dadurch die Funktion bzw. die Funktionalität der neuronalen Leistungsfähigkeit und letztlich die des gesamten Organismus zu steigern.

Neuroplastizität aus neurobiologischer bzw. neurophysiologischer Sicht betrachtet: die Neuroplastizität ist aus der Sicht des Nervensystems als biologisches Organ, die Fähigkeit sich auf der Ebene der Nervenzellen durch die Vermehrung der Nervenzellen (soweit als möglich beim noch heranwachsenden Organismus) und beim bereits entwickelten Organismus durch das Wachstum der Nervenzelläste (Dentriten) und durch die Ausbildung von zusätzlichen Nerven-Verbindungsstellen (Synapsen), weiter zu entwickeln. Es ist dies also die Fähigkeit des Nervensystems sich weiter zu differenzieren um durch diese Entwicklung die neuronale Funktion zu steigern. Daher vermehrt die Neuroplastizität die Fähigkeit des Nervensystems – und letztlich die Funktion des Organismus – sich an neue oder veränderte Aufgaben anzupassen, um etwa im Rahmen der normalen Entwicklung im Laufe des Lebens oder nach einer massiven Störung oder nach einer Schädigung zum Beispiel des Gehirns (etwa nach Kopfverletzung oder nach Schlaganfall) die geforderte Funktion wieder besser leisten zu können.

Neuroplastische Entwicklung im Hinblick auf die Funktion: Im Hinblick auf die Funktion kann man sagen, dass durch die Neuroplastizität der Organismus seine Funktion erweitern/verbessern/anpassen kann und dass sich damit seine Leistungsfähigkeit steigert. Es wird dadurch also etwa das Lernen und generell das Funktionieren des Nervensystems und damit die Funktionalität des Organismus gesteigert. So kann etwa nach einer eingetretenen gravierenden Störung – so zum Beispiel nach einer Entwicklungsstörung nachfolgend an ein psychisches Trauma – nach einer Phase der Erholung die neuronale Funktion des Lebewesen sich in gewissen Teilbereichen oder im Ganzen erholen, sich also schrittweise adaptieren, um Schritt für Schritt wieder eine bessere Funktion zu erlangen. Es kommt infolge der Neuroplastizität also zum Beispiel zur Steigerung der psychischen Funktion und ebenso zur Steigerung der körperlichen Funktion. Auf diesem Weg kann zum Beispiel nach einem Schlaganfall infolge der Neuroplastizität im Rahmen der Rehabilitation die neurologische Funktion wesentlich gebessert werden. Die Neuroplastizität bewirkt hier also eine natürliche Funktionssteigerung falls durch bestimmte Übungen gewisse Funktionen angeregt werden, und dadurch bedingt die erwähnte Entwicklung auf biologischer Ebene in Gang kommt. Genauso kann auch im Rahmen der natürlichen Wachstums des Lebewesens durch die angemessene Stimulation die Entwicklung von Bereichen des Gehirns und anderer Bereiche des zentralen Nervensystems gefördert werden, wie dies etwa aus dem Sport, insbesondere dem Spitzensport bekannt ist (Beginn der sportlichen Aktivität ab dem frühen Kindesalter) und wie es aus der Neurologie in Bezug auf neurologische Störungen bekannt ist, und im Rahmen der Rehabilitation genützt wird.

Oder wie bereits oben stehend ausgeführt, können etwa nach einer Verletzung des Gehirns infolge der irreversiblen Nervenzellverluste (Beispiel: nach Schlaganfall) benachbarte Nervenzellen die Funktion der ausgefallenen Nervenzellen teilweise übernehmen, und es kann dadurch die Funktionalität wieder gesteigert werden. Man erkennt, wie hier im Rahmen der Genesung und Rehabilitation durch eine Überforderung einerseits Probleme auftreten können, und andererseits durch die Unterforderung die notwendige Stimulation und Entwicklung und damit die optimale Wirkung der Neuroplastizität ausbleibt. Es ist hier also, die dem Individuum  in seiner jeweiligen Situation angemessene Beanspruchung und Förderung anzustreben. Mit anderen Worten: Durch angemessene Aktivierung/Mobilisierung/Belastung/Aktivität im weitesten Sinn kann die neuronale Entwicklung positiv stimuliert und gefördert werden, sodass das bestmögliche Ergebnis erzielt wird. Es ist hier im Rahmen der Rehabilitation also das rechte Maß in jeglicher Hinsicht gefordert und es hat daher bei der therapeutischen Tätigkeit die ärztliche bzw. therapeutische Kunst und damit das subjektive Wissen bzw. die subjektive Einschätzung des Arztes/Therapeuten einen höheren Stellenwert als das Wissen das die Wissenschaft hervorbringen kann, weil  nur der Therapeut vor Ort die individuellen Gegebenheiten der betroffenen Person berücksichtigen kann.

Neuroplastische Entwicklung im Rahmen von gesundheitlicher Störung: So wie in positiver Hinsicht die natürliche neuroplastische Entwicklung stattfindet, so können als Folge von gesundheitlicher Störung neuroplastische Entwicklungen eintreten, die sich nicht unbedingt positiv auswirken. Es kann im Nervensystem unter ungünstigen Einflüssen also auch zu einer nachteiligen Entwicklung der neuronalen Strukturen kommen.  Etwa durch lang andauernde Störung kann eine nachteilige Entwicklung des Nervensystems in Gang kommen, die nachhaltig die Funktionalität des Organismus beeinträchtigt. So geben etwa die klinischen Erfahrungen Anlass davon auszugehen, dass etwa nach langer Überbelastung des Organismus durch Stress (mangelhafte Entspannung und Erholung nach Belastung) bleibende Änderungen im Nervensystem auftreten. Hier kommt es wahrscheinlich infolge des lange andauernden unvorteilhaften Verhaltes zu nachteiligen Prägungen im Sinn von unvorteilhafter Konditionierung. Dies wiederum bewirkt eine plastische Anpassung auf der Ebene des Nervensystems im Sinn der Neuroplastizität sodass selbst nach Verhaltensänderung in Richtung Normalität die abnorme Reaktion fortbesteht, weil die biologische Struktur, hier die des Nervensystems sich unvorteilhaft entwickelt hat. Derartige Änderungen auf der Ebene des Nervensystems finden wahrscheinlich auch bei einem Teil der schweren psychischen Störungen statt. Man kennt hier etwa den Begriff des Residualzustandes der den anhaltenden Zustand bzw. die bleibende Zustandsänderung im Wesen der Persönlichkeit beschreibt. Dieses Phänomen ist insbesondere zu beobachten falls in der Vorzeit eine Psychose – insbesondere vom Typ der Schizophrenie – aufgetreten ist. Auf diesem Weg kann es wahrscheinlich durch die neuroplastische Entwicklung zu nachteiligen Änderungen im Feinbereich des Nervensystems gekommen sein, und hat sich dadurch bedingt die Funktionalität grundlegend geändert. Man kennt in diesem Zusammenhang die psychopathologischen Begriffe, etwa den Begriff der „Versandung“ (man meint damit einen Verlust an seelischer Empfindsamkeit und Reaktion des Gemüts: der Affekt bzw. die Affizierbarkeit ist vermindert. Auch die Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Kognititon, das Vermögen zur Konzentration und damit die Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit der psychischen Funktion und auch der körperlichen Funktion können dadurch anhaltend reduziert sein. Es können durch derart nachteilige Entwicklungen also nachhaltig unvorteilhafte Änderungen in der Persönlichkeit und damit im Wesen eintreten.

Weiteres zur Neuroplastizität aus Sicht der Biologie: Zur Biologie des Nervensystems kann man sagen, dass durch die Neuroplastizität die Entwicklung der einzelnen Nervenzellen und die des ganzen Nervensystems in einem gewissen nicht näher bestimmbaren Umfang von statten geht. Es kommt auf der Ebene der Nervenzellen infolge der Neuroplastizität zur Entwicklung der Dentriten. Damit kommt es auf diesem Weg zur Entstehung von zusätzlichen synaptischen Verbindungen zu anderen Nervenzellen, sodass im positiven Fall die Funktionalität des Nervensystems zunimmt. Dabei wird diese Entwicklung durch den angemessenen Reiz bzw. Anreiz befördert. Es hat hier also die Aktivität und damit die wiederholte Übung/Praxis/Aktivierung, somit die Aktivität, die zur Routine wird einen hohen Stellenwert (Übung/Gewöhnung/Gewohnheit).

Man erkennt damit, dass die Gewöhnung, die zur Gewohnheit weitreichende Folgen hat (Beispiel: ein Person macht wiederholt eine unvorteilhafte Bewegung – es kommt zur Entwicklung eines Tic`s).

Oder in positiver Hinsicht ein Kind hört älteren Kindern oder Erwachsenen zu und lernt neue Worte und deren Verwendung – und entwickelt damit ihr Vermögen sich in der Muttersprache oder in einer anderen Sprache zu verständigen.

Es können auf dieser Basis also etwa neue Bewegungsmuster und damit „neue“ neuronale Muster, teils vorteilhafte, teils allerdings auch unvorteilhafte neuronale Muster entwickeln.

Deswegen positive Stimulation aber nicht zu viel – eben dem Leben und den persönlichen Möglichkeiten gemäß. Es gilt insbesondere für den älteren Menschen der Leitspruch: aktiv sein und aktiv bleiben – auch im Alltag, weil Inaktivität und Passivität zur gegenteiligen Entwicklung führen.

Die erweiterte Funktionalität infolge der Neuroplastizität geht also mit der Entwicklung der individuellen neuronalen Muster einher.

Man kann sagen, dass es infolge der Biologie und Aktivität es zur Entwicklung der hardware und der software des Nervensystems kommt und dieser Vorgang wird durch den Begriff bzw. durch das Konzept der Neuroplastizität beschrieben wird.

Die Neuroplastizität führt somit durch die organische Entwicklung zur Fortentwicklung und Ausformung der biologischen Struktur des Nervensystems und infolge davon zur Entwicklung der Funktion.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist die Neuroplastizität ein Konzept das die zuvor beschriebenen Vorgänge und Veränderungen im Organismus, und hier insbesondere im Nervensystem beschreibt. Dieses Konzept wurde infolge der klinischen Erfahrung entwickelt. Dabei gründet sich die Vorstellung und somit diese Theorie  auf die Empirie in der Neurologie und in der Psychiatrie bzw. überhaupt auf Erfahrungen in Bezug auf  gesundheitliche Störungen im Zusammenhang mit dem zentralen Nervensystem und seiner Funktion.

Philosophisch betrachtet ist die Neuroplastizität der Begriff der Idee der als systematische Einheit im Bewusstsein der Person erscheint, wenn diese infolge des oben beschriebenen und definierten Verständnisses eine solche Vorstellung entwickelt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es ist die Neuroplastizität also ein Konzept bzw. eine Theorie die die zuvor genannten Phänomene biologisch begründet erklärt und verständlich macht. Durch das Konzept der Neuroplastizität kann man also diese Zusammenhänge zwischen dem Nervensystem und der Funktion des auf der Ebene des Nervensystems und des Organismus insgesamt verstehen und erklären.

Durch das Konzept Neuroplastizität kann man die Vorgänge, wie sie in der Natur (etwa in der Zoologie) oder gemäß der klinischen Erfahrung in der Medizin, und hier insbesondere in der Neurologie (Neurorehabilitation) im Hinblick auf die neurologischen Störungen und deren Besserung eintreten durch dieses Konzept erklären und verständlich machen.

Auch in der Psychologie und Pädagogik kann man diverse Phänomene etwa im Hinblick auf das Lernen und dessen Förderung und in Bezug auf die geistige Entwicklung der Psyche dadurch biologisch begründet erklären und verstehen.

Ebenso kann man in der Psychiatrie etwa nach dem Auftreten einer schweren psychischen Störungen vom Grad einer Psychose die sodann zu beobachtende Besserung, sei diese vollständig oder teilweise durch das Konzept der Neuroplastizität erklären.

In anderer Richtung kann man das Auftreten eines Residalzustandes nach schwerer Störung der Psyche und damit die eingeschränkte psychische Funktion durch die organische Veränderung auf der Ebene des Nervensystems durch das Konzept der Neuroplastizität erklären, wenn zum Beispiel nach einer psychischen Störung vom Typ der Schizophrenie anhaltende Veränderungen in der Persönlichkeit sich manifestieren und persistieren.

So kann man auch gewisse anhaltende und nur langsam sich verändernde Störungen nach einem sogenannten Burnout Syndrom durch das Konzept der Neuroplastizität erklären und damit verstehen warum es nur langsam zu einer Rückbildung der Störung kommt. Dies trifft auch auf diverse Symptomenkomplexe zu die mit einer ausgeprägten vegetativen Störung einher gehen, die oftmals als vegetative Dystonie bezeichnet wird.

Dabei ist die Vorstellung Neuroplastizität auf der Grundlage der Erfahrung infolge der biologischen Veränderungen respektive der Funktionsänderung entstanden bzw. haben die Erfahrungen zu dieser biologischen Theorien geführt.

Es ist die  Neuroplastizität also eine Vorstellung mit deren Hilfe man verschiedene neurologische Phänomene und auch psychische Phänomene unter diesem Gesichtspunkt – somit durch diese Theorie – verstehen und erklären kann.

Man kann durch den Begriff der Neuroplastizität unter anderem verstehen  und erklären warum es nach einem Schlaganfall im Rahmen der Genesung bzw. der Rehabilitation zur Zunahme der neuronalen Funktion und damit zur Steigerung der psychischen Funktion und der neurologischen Funktion kommt. Man hat hier also guten Grund anzunehmen, dass infolge der Neuroplastizität es zur Abnahme der Funktionsstörung kommt und damit die psychische Funktion respektive die Leistung der Psyche und auch die sonstige neuronale Funktion in körperlicher Hinsicht wieder zunimmt.

Man erklärt sich dies so, dass die Nervenzellen, die im Randbereich des Infarkts überlebt haben und auch benachbarte Zellen des Infarkt-Areals die Funktion der im Kernbereich des Infarkt-Areals gelegenen und dort abgestorbenen Zellen im Laufe der Zeit teilweise kompensieren können. Es haben also beim Infarkt die Zellen in der Peripherie des Infarkt-Areals – gleichsam im Koma-Stadium den Infarkt überlebt – und es können diese Nervenzellen im Verbund mit anderen benachbarten Nervenzellen die frühere Aktivität und damit die frühere Funktionalität im Lauf der Erholung und Genese wieder mehr oder weniger aufnehmen, und damit die früheren Funktionen mehr oder weniger ersetzen. Dies ist die Folge der Entwicklungen auf der Ebene der Nervenzellen und der Nervenzellverbindungen. Es ist diese Funktionszunahme nach dem Koma-Stadium der Nervenzellen im Infarkt-Areal also möglich, weil gewisse Zellen durch die Sauerstoffzufuhr per Diffusion aus der benachbarten Region noch überlebt haben, und diese und andere Nervenzellen aus benachbarten Bereichen durch die Aussprossung der Nervenzellfortsätze, also durch die weitere Ausbildung der Dentriten und durch die Bildung von neuen Synapsen die neuronale Funktion steigern können, und damit partiell (mehr oder weniger) insgesamt die Funktion wieder – mehr oder weniger – bis weitgehend – leisten können, obwohl gewisse Nervenzellen im Zentrum des Infarkt-Areals irreversibel abgestorben sind.

In diesem Sinn kann man sich bei verschiedener Ätiologie der Störung und pathologischen Beeinträchtigung der neuronalen Funktion in der Neurologie und auch in der Psychiatrie – sei die Störung herdförmig oder mehr oder weniger diffus aufgetreten – vorstellen, dass durch derartige (partiell) regenerative Prozesse im Sinn der Neuroplastizität die neuronale Funktion wieder verbessert werden kann.

Neuroplastische Anpassungsfähigkeit im Laufe des Lebens

Grundsätzlich ist das Nervensystem während des ganzen Lebens in der Lage sich den Gegebenheiten anzupassen. Aus der allgemeinen Erfahrung weiß man allerdings, dass beim jungen Menschen die Anpassungsfähigkeit noch höher ist, letztlich jedoch auch noch im hohen Lebensalter Personen, vor allem in Teilbereichen noch erheblich neuroplastisch anpassungsfähig (z.B. nach Schlaganfall) und damit lernfähig sind, wohingegen grundsätzliche Eigenheiten in diesem Lebensalter in der Regel nicht mehr wesentlich im positiven Sinn geändert werden, hingegen in Folge der pathologischen Veränderungen unter Umständen gewisse Änderungen eintreten, die unter Umständen Anlass dazu geben von einer nachteiligen Änderung im Wesen zu sprechen.

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(letzte Änderung 28.11.2019, abgelegt unter: Biologie, Definition, Gutachten, Konzept, Nervensystem, Neurologie, Psyche, Psychiatrie, biologischer Begriff)

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