Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Ideologie

Eine Ideologie ist eine Ideenlehre.

(griechisch ἰδεολογία – Lehre von der Idee bzw. Vorstellung, von gr. ἰδέα (idea), Erscheinung, und λόγος (logos), Lehre)

Es ist eine Ideologie also eine Lehre, die sich auf Ideen gründet. Im Gegensatz dazu gibt es andere Lehren, die sich Objekte bzw. auf Fakten gründen, etwa eine praktische Lehre wie sie in einem handwerklichen Beruf vermittelt und gelernt wird ist eine Lehre, die sich auf Fakten bzw. auf Objekte gründet. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Im Gegensatz zum Wissen in einem handwerklichen Beruft ist z.B. das Wissen in der Psychologie auf Ideen begründet, weil die psychischen Phänomene auf der Grundlage von Ideen erkannt werden.

Daher ist auch das Wissen in der Psychiatrie – und auch in der Psychotherapie – auf Ideen begründet und damit ideologisch begründet, weil auch hier die psychischen Phänomene und die psychopathologischen Phänomene und deren Zusammenhänge auf der Grundlage von Ideen, somit auf der Grundlage einer Ideologie, erkannt werden.

Diesen Sachverhalt hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Man täuscht sich in der Psychiatrie – und hier inbesondere in der Biologischen Psychiatrie wenn man glaubt, dass die Psychiatrie eine biologisch begründbare Wissenschaft sein kann – weil man gewisse psychische Erscheinung durch biologische Theorien erklären kann. Dieser Irrtum geht auf den Psychiater Emil Kraepelin zurück der geglaubt hat, dass die Psychiatrie auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Verständnisses sich zu einem kräftigen Zweig der medizinischen Wissenschaft fortentwickelt. (vgl. mit Kraepelin Zitat 2 und den weiteren Kraepelin Zitaten)

Es ist zwar so, dass die psychischen Phänomene als Folge der neuronalen Funktion des Nervensystems entstehen, durch die Biologie kann man die psychischen Erscheinungen jedoch nur erklären – aber nicht diagnostisch bestimmen. Daher ist die psychiatrische Wissenschaft – so wie die psychologische Wissenschaft – eine Wissenschaft, die ihr Wissen auf der Grundlage von Ideen und zwar auf der Grundlage von bloßen Ideen (vgl. mit Kant Zitat 4) im Sinn von Immanuel Kant gewinnt.

Während also das Wissen in der psychiatrischen Praxis und in der psychiatrischen Wissenschaft auf der Grundlage einer Ideenlehre – somit philosophisch gesprochen auf der Grundlage eines Dogmatik – erlangt wird, können in der Medizin viele Erkenntnisse biologisch begründet bzw. körperlich begründet erkannt und diagnostisch bestimmt werden. Man kann also in der Medizin viele Befunde und damit auch viele medizinische Diagnosen auf der Grundlage von objektiven Befunden allgemein gültig bestimmen.

Gerade das ist jedoch in der Psychiatrie nicht möglich.

In der Psychiatrie kann man auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten, die auf der Grundlage von psychiatrischen Ideen entstanden sind, nur angenähertes Wissen erlangen – wie dies ebenfalls Karl Jaspers erkannt hat. (vgl. mit Jaspers Zitat).

Während also in der Medizin ein großer Teil des Wissens körperlich begründet bzw. biologisch begründet und damit „physisch“ begründet bestimmt werden kann, ist dies in der Psychiatrie grundsätzlich nicht möglich und kann man hier auf der Grundlage einer Ideologie nur angenähertes und damit nur beschränktes Wissen erlangen (vgl. mit Kant Zitat 3a). Dies gilt im Übrigen auch für den Bereich der Medizin in dem die gesundheitlichen Störungen – so wie in der Psychiatrie – nur auf der Grundlage von nicht-objektivierbaren Symptomenkomplexen erkannt werden. In diesem Sinn kann man etwa die diagnostischen Einheiten: Migräne, Spannungskopfschmerz, Fibromyalgie, Vegetative Dystonie u.a. ebenfalls nur auf der Grundlage einer Ideenlehre und damit nur ideologisch begründet erkennen. Demgemäß erlangt man bezüglich dieser medizinischen Diagnosen – so wie bei den psychiatrischen Diagnosen – nur subjektiv gültiges Wissen und damit nur beschränktes Wissen.

Es wird damit deutlich, dass ein Teil der Diagnostik in der Heilkunde körperlich begründet ist und ein anderer Teil ideologisch begründet ist.

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(letzte Änderung 12.8.2013, abgelegt unter philosophische Begriffe, Definition)

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