Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Tinnitus

Ein Tinnitus ist ein andauerndes Ohrgeräusch bei dem keine äußere Gehörquelle vorhanden ist.

Der Tinnitus ist also ein Ohrgeräusch das ohne erkennbare Ursache entsteht.

Man kann aus neurologischer Sicht sagen, dass es sich hierbei um eine neuronale Funktionsstörung handelt die wahrscheinlich infolge eines neuronalen Schwingkreises sich etabliert hat.

Meiner Einschätzung nach handelt es sich beim Tinnitus wahrscheinlich um ein neuronales Resonanzphänomen das als Folge einer komplexen Ursache im Nervensystem im konkreten Fall entstanden ist und kurzzeitig, mittelfristig oder auch über einen längeren Zeitraum hinweg besteht. Es kommt in diesem Fall also auch zu einem unerwünschten Lernprozess der mit einer gewissen neuronalen Prägung einhergeht.

Offenbar kommt es infolge der Überlastung von gewissen Strukturen, vor allem im Bereich des Gehirns und zwar hier im Bereich der Hörrinde und im Limbischen System – also in einem Teil des zentralen Nervensystem – im Zusammenhang der nervlichen Belastung bzw. im Rahmen der nervlichen Überlastung zur nervlichen Erschöpfung und in Folge zum fortlaufend schwingenden, neuronalen Aktivitätszustand – also zum Aufbau eines Schwingkreises – der subjektiv als Ohrgeräusch/Tinnitus erlebt wird.

Dabei ist die eigentliche Ursache dieses Phänomens, das durch den Begriff Tinnitus bezeichnet wird nicht näher bekannt – bzw. können je nach Person und Sachverhalt unterschiedliche Faktoren für die Entstehung dieser gesundheitlichen Störung kausal sein (Lärmbelastung, Schalltrauma, Dauer der Belastung des Hörorgans, psychische Faktoren, übermäßige Belastund der Psyche, Stress, körperliche Faktoren, endogene psychische Spannung bzw. psychische Anspannung, sonstige Faktoren.)

Man weiß allerdings aus der klinischen Erfahrung, dass häufig verschiedene sich aufaddierende Faktoren zum Auftreten dieser Funktionsstörung führen. Dabei spielt wahrscheinlich auch eine individuelle Störanfälligkeit als Faktor eine Rolle.

Häufig zu beobachten ist im Vorfeld der Entstehung des Tinnitus dass die betroffene Person über eine besondere Belastung des Hörorgans berichtet. Es findet sich in der Anamnese also oftmals eine besondere Belastung des gesamten Hörorgans, des Innenohrs durch laute Geräusche / Lärm. Und ebenso häufig besteht im Vorfeld auch schon eine Überlastung bzw. Erschöpfung insbesondere der Psyche bzw. überhaupt des zentralen Nervensystems. Demgemäß tritt ein Tinnitus nicht selten im Rahmen von gewissen psychischen Störungen auf.

Ein Tinnitus ist aus der Sicht des Patienten ein medizinisches Symptom und aus der Sicht des Arztes ein medizinisches Phänomen.

Im Rahmen der Hals-Nasen-Ohrenärztlichen Abklärung schließt man aus, dass es eine körperliche Ursache gibt, die das Auftreten dieses Ohrgeräusches bewirkt.

In der Regel kann man keine spezifische körperliche Ursache finden, die das Auftreten des Tinnitus erklärt. Relativ häufig kann man jedoch unspezifische Beleitumstände finden in deren Zusammenhang das Phänomen Tinnitus aufgetreten ist. In gewissen Fällen bestand eine starke Lärmbelastung, oder sonstige stark belastende Umstände, die zu einer psychischen Anspannung und psychischen Dauerbelastung geführt haben, oder sonstige Umstände, die das Nervensystem und das Hörorgan massiv gereizt haben. Das Phänomen Tinnitus scheint also bevorzugt aufzutreten wenn ein individueller Schwellenwert überschritten wurde und es dadurch bedingt zum Auftreten des Symptoms bzw. Phänomens und somit der gesundheitlichen Störung gekommen ist, die die Person als typisches Ohrgeräusch wahrnimmt.

Wenn das Phänomen Tinnitus einmal aufgetreten ist dann macht man die Erfahrung, dass es oftmals noch längere oder gar lange Zeit fortbesteht auch wenn die Belastung nicht mehr gegeben ist. Dieser Umstand spricht dafür, dass es zur Etablierung einer neuronalen Aktivität im Sinn einer weitgehend autonomen neuronalen Funktion im Gehirn gekommen ist, die auch ohne Stimulus weiterhin persistiert.

Physiologisch betrachtet ist es beim Tinnitus zu somit zu einer Art autonomen Aktivität der Nervenzellen in einem gewissen Bereich des Gehirns gekommen, die den Fortbestand des Phänomens  bewirkt auch wenn die eigentliche Ursache nicht mehr in dem Maß vorhanden ist. Oder man kann biologisch formuliert auch sagen: dass sich gewisse neuronale Muster etabliert haben, die zum Fortbestand des Phänomens führen auch wenn die auslösenden Faktoren dieser komplexen Ursache nicht mehr in dem Ausmaß vorhanden sind.

Medizinische Betrachtungsweise

Aus Sicht der Medizin erfolgt weil es sich primär um eine Hörstörung handelt die Abklärung zuerst im Fachgebiet der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Manchmal erfolgt auch eine Abklärung im Fachbereich Neurologie und nicht selten kommen die Patienten nach erfolgter körperlich Abklärung mit der Psychiatrie in Kontakt bzw. wird in die Therapie auch ein Psychiater/Psychiatrie involviert da die Psyche und die diesbezügliche Therapie wesentlich ist. Aus Sicht der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO) fachärztlichen Sicht betrachtet geht es primär also darum körperliche Ursachen auszuschließen, die eine Störung des Gehörorgans bewirken und einen Tinnitus verursachen können. In zweiter Linie geht es sodann um die Behandlung bzw. um Maßnahmen der Vorbeugung (Weiteres dazu in diesem -> WikiBeitrag) und schließlich kommen – wie erwähnt sind auch mit der Psyche befasste Disziplinen involviert (Psychotherapie).

Psychologisch-psychiatrische Betrachtungsweise

Aus der psychologisch-psychiatrischen Sichtweise bemerkt man häufig bei Patienten, die in der Regel vorweg schon HNO-ärztlich abgeklärt worden sind – bevor sie unter Umständen beim Psychiater oder beim Neurologen vorstellig werden – dass bei diesen Patienten ein nervlicher Erschöpfungszustand besteht. Es kann sich dabei also um eine psychische Störung vom Typ einer Depression handeln, die oftmals auch als Burnout bzw. Burnout-Syndrom bezeichnet wird. Es handelt sich dabei also um eine psychische Störung, die oftmals im Rahmen einer vorwiegend psychischen Langzeitbelastung aufgetreten ist, und bei der es in Folge der Langzeitbelastung neben anderen Symptomen zum Auftreten des Ohrgeräusches gekommen ist.

Neuro-physiologisch betrachtet kann man sagen, dass es sich beim Tinnitus um das Auftreten eines neuronalen Musters im Bereich des Gehirns handelt, der für das Hören zuständig ist.  Es ist also in diesem Bereich des Gehirns zu einer Aktivität von Nervenzellen gekommen, die autonom  persistiert, ohne dass von außen durch einen Sinnesreiz eine Stimulation erfolgt.  Es handelt sich also um eine neuronalen Funktion, die in Gang gekommen ist und weiter – mehr oder weniger lang – persistiert, ohne dass irgend eine äußere Reizquelle vorhanden ist. In gewisser Hinsicht ist dieses Phänomen also mit einem halluzinativen Phänomen vergleichbar, wie ein solches bei gewissen psychischen Störungen vorkommen kann. Bei einem Tinnitus handelt sich offensichtlich um eine neurophysiologische Störung, die durch irgend welche Ursachen bzw. Faktoren ausgelöst worden ist, und die sodann spontan mehr oder weniger lang persistiert, auch wenn die auslösenden Faktoren nicht mehr, oder nicht mehr in diesem Ausmaß vorhanden sind.

Neuo-psychologisch bzw. psychiatrisch betrachtet tritt ein Tinnitus wie gesagt häufig im Rahmen einer psychischen Belastungs- bzw. Überlastungssituation auf. Man findet also im Zusammenhang dieses Phänomens häufig auch sonstige psychische Symptome und psychische Phänomene wie sie im Rahmen einer psychischen Stress bzw. Belastungssituation auftreten. Es sind dies: erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsstörung, Schlaftstörungen, generell vegetative Symptome wie sie bei einer Vegetativen Dystonie vorkommen, und häufig auch die psychischen „Losigkeitssymptome“: Lustlosigkeit, Konzentrationsschwäche, Antriebslosigkeit usf. also Symptome, wie sie typischerweise bei einer Depression vorkommen. Weil im Nervensystem bei neuronalen Mustern auch Lernprozesse eine Rolle spielen kann man auch von einer Art Konditionierung sprechen. Oder man kann auch sagen dass gewisse Reize bevorzugt das früher bestehende Phänomen des Tinnitus unter Umständen wieder reaktivieren.

In therapeutischer Hinsicht bewähren sich in der Medizin einerseits die Behandlungsmaßnahmen, wie sie in der HNO-Heilkunde auf der Grundlage der Erfahrung entdeckt und weiter entwickelt worden sind und klinisch durchgeführt werden, und andererseits kommen oftmals auch Behandlungsmaßnahmen zur Anwendung, wie sie im Rahmen der Nervenheilkunde bzw. der Verhaltenspsychologie und der Psychiatrie zur Anwendung kommen. Es können oftmals Antidepressiva, dann auch Maßnahmen zur allgemeinen Entspannung und zum besseren Umgang mit dem Symptom hilfreich sein.

Insgesamt kann durch die therapeutischen Maßnahmen oftmals eine Zustandsbesserung bewirkt werden, die wiederum dazu führt, dass sich der Organismus insgesamt soweit erholt, dass es wieder zur Linderung der Beschwerden und im günstigen Fall zum Verschwinden des Phänomens kommt.

Zur Ursache des Phänomens Tinnitus

Zur Ursache des Phänomens Tinnitus kann man also sagen, dass viele unspezifische Faktoren in Summe bewirken, dass eine kritische Schwelle bei der Person erreicht bzw. dass ein Schwellenwert überschritten worden ist und es daher zum Auftreten des Phänomens gekommen ist. Es handelt sich also bei der Ursache des Phänomens Tinnitus um eine komplexe Ursache bei der man zwar gewisse Faktoren oftmals erkennen kann, bei der man aber nicht unbedingt angeben kann welcher Faktor der entscheidende Faktor ist und ob überhaupt ein Faktor der entscheidende Faktor ist.

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(letzte Änderung 10.09.2020, abgelegt unter: Diagnostik, Medizin, Phänomen, medizinisches Phänomen, Symptom)

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