Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Verdrängung

Die Verdrängung ist ein psychisches Phänomen.

Unter der Verdrängung versteht man in der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie die Neigung unangenehme Gedanken und Gefühle aus dem Bewusstsein auszublenden und damit zu verdrängen, eben weil sie nicht angenehm sind.

Das heißt man ist unter Umständen geneigt unangenehme Gedanken und Gefühle abzuwehren und sie im eigenen Erleben zu ignorieren oder aktiv nicht zuzulassen.

Dies kommt daher, weil man Angenehmes gerne hat, hingegen Unangenehmes vermeiden möchte.

Es hat die Verdrängung also mit der Befindlichkeit und den Wünschen und Vorlieben der Person zu tun und im Hinblick auf die persönlichen Wertvorstellungen und Wunschvorstellungen auch mit den persönlichen Idealen und in diesem Zusammenhang auch mit dem sogenannten Gewissen der Person.

Dabei kann der psychische Vorgang der zur Verdrängung führt der betroffenen Person bewusst oder kaum bis nicht bewusst sein.

In der Regel bemerkt man was angenehm ist, und andererseits was unangenehm ist, und was man daher geneigt ist zu verdrängen.

Das Phänomen der Verdrängung ist praktisch also jeder Person aus dem eigenen Erleben mehr oder weniger bekannt und daher auch mehr oder weniger bewusst.

Dabei gibt es Personen, die mehr geneigt als andere ihre unangenehmen Erlebnisinhalte zu verdrängen – in dem Sinn dass manche eine Person nicht realisiert, dass sie die Realität ausblendet.

Es geht bei der Verdrängung also um die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit – um das zulassen und annehmen was ist – im Vergleich zu dem was man sich wünscht – was sein soll – aber tatsächlich nicht ist.

In vielen Fällen ist die Person, die einen Erlebnisinhalt verdrängt sich des Sachverhalts also nicht bewusst.

Wenn die betroffene Person jedoch auf die eigenen Erlebnisinhalte achtet und sie daher auch auf ihre eigenen Reaktionen und Verhaltensweisen achtet, und diese bewusst in der Selbstreflexion beobachtet, dann wird sie in der Regel früher oder später bemerken, dass sie gewisse Erlebnisse bevorzugt abwehrt bzw. sie geneigt ist diese zu verdrängen.

In weiterer Folge ist es allerdings so dass das Verdrängte früher oder später aus der Tiefe der Psyche wieder an die Oberfläche drängt.

Man kann auch sagen das Verdrängte hat die Tendenz aus dem Unbewussten wieder an die Oberfläche des Bewusstseins zu kommen – auch wenn man dies nicht zulassen möchte. Dies hat man in der Psychotherapie, insbesondere in der Psychoanalyse erkannt. Dabei gibt es allerdings so etwas wie eine innere Stimme, die es unter Umständen verhindern möchte, dass gewisse Inhalte ins Bewusstsein hochkommen und die Inhalte der Person bewusst werden – eben, weil diese Inhalte unangenehm sind und unter Umständen mit dem Gefühl der Angst, der Scham, der Schuld oder sonst unangenehmen Gefühlen verbunden sind.

Betrachtet man das Ausmaß der Verdrängung dann findet man Reaktionsweisen wo Erlebnisinhalte aus Selbstschutzgründen vorerst weitgehend bis vollständig verdrängt worden sind.

Dies kommt z.B. vor, wenn eine Person mit Gewaltanwendung konfrontiert ist. Sei dies körperliche Gewalt, seelische Gewalt, sexueller Missbrauch etc.

Man kennt auch die Fälle, bei denen es zur partiellen Verdrängung bzw. zu einer teilweisen Abwehr des Erlebten kommt.

Man kennt etwa den Fall, wo eine Mutter erlebt wie ihr Kind schwer verletzt worden ist und sie reflexhaft fast in eine Affektstarre gerät und dadurch handlungsfähig bleibt und damit nicht von ihren eigenen Gefühlen überflutet und dadurch handlungsunfähig wird, und daher die Mutter z.B. das schwerverletzte Kind noch selbst ins Spital bringen kann. Bekanntlich löst sich dann erst später die Affektstarre auf, und kommt es erst dann zur emotionalen Reaktion und im Hinblick auf die Kognition mehr und mehr zur realistischen Einsicht bzw. Erkenntnis.

Häufig ist ein solches psychisches Phänomen auch nach plötzlichen Todesfällen bei nahe stehenden Personen zu beobachten, wo diese erst nach einiger Zeit den Verlust der geliebten Person akzeptieren und realisieren und sie erst dann in eine normale Trauerreaktion geraten. Dieser psychologische Schutzmechanismus mit einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Verdrängung ist so gesehen eine verstehbare natürliche Reaktion. Das Individuum benötigt also eine gewisse Zeit zur Anpassung an die Realität.

Neben dieser – man könnte sagen – natürlichen Verdrängung bzw. Abwehr – die man normal-psychologisch als verstehbare Verdrängung bezeichnen kann – gibt es eine Form der Verdrängung, die je nach dem Ausmaß nicht mehr als normal, sondern als pathologisch anzusehen ist. Eine solche Reaktion liegt vor, wenn eine Person z.B. aus Gewissensgründen, etwa aus Scham, oder aus Angst, oder auf der Grundlage eines sonstigen Gewisssenskonfliktes einen Erlebnisinhalt verdrängt. Das Ausmaß der Verdrängung bestimmt hierbei also den Grad des Pathologischen.

Zu dieser Art von Verdrängung zählen die Fälle, wie sie aus den Schulen der Psychotherapie, insbesondere der Psychoanalyse bekannt sind. Zu diesen Fällen zählen auch die Formen der Verdrängung wie sie bei Personen vorkommen, die z.B. an einer Sucht und somit an einem Suchtproblem leiden. Die betroffene Person gesteht sich nicht ein, dass sie ein Suchtproblem hat und wehrt daher etwaige Vorhaltungen in dieser Hinsicht ab. Oftmals glaubt die betroffene Person selbst gar kein solches Problem zu haben, obwohl sie von verschiedenen Seiten entsprechende Hinweise bekommt. Man erkennt damit den persönlichen psychologischen Mechanismus der Verdrängung, der verstehbar die Entwicklung einer Sucht und damit auch die Suchtentwicklung begünstigt.

Man weiß von sich selbst am besten welche Dinge man geneigt ist abzuwehren, aufzuschieben oder zu verdrängen. Man sieht also, dass es sich bei der Verdrängung um ein sehr häufig vorkommendes  psychisches Phänomen handelt. Warum es zur Verdrängung kommt kann die verschiedensten Gründe und Ursachen haben in den meisten Fällen kann man von einer komplexen Ursache sprechen.

Da es verstehbare Gründe für die Verdrängung gibt, kann man auch verstehen, dass es nicht wenig Überwindung und manchmal auch Mut erfordert um sich mit verdrängten Inhalten auseinander zu setzen bzw. es  Mut erfordert, dass die Selbsterkenntnis die Oberhand gewinnt. Eine Therapie im Sinn einer Psychotherapie kann hierbei hilfreich sein, wenn man der betroffenen Person offen und ohne Vorurteile begegnet um sie bei dieser Selbsterhellung zu unterstützen. Da praktisch niemand frei von derartigen Reaktionsweisen ist, sollte man sich nicht scheuen zu den realen Sachverhalten zu stehen, und sich den Tatsachen und den Aufgaben bzw. den Herausforderungen stellen und der Wirklichkeit ins Angesicht blicken um das Bestmögliche zu tun.

Es geht also um die Anpassung an die Realität, die zur Verbesserung der Situation führt.

In dieser Hinsicht hat man praktisch nie ausgelernt. Die Selbsterhellung und die Annahme von angemessener Kritik sind also die Mittel um der Verdrängung zu begegnen. Die verständnisvolle Haltung einer Person, der man sich anvertraut hat und generell das Vertrauen in eine andere Person unterstützen diesen Entwicklung.

In der Psychotherapie sind klassische Fälle der Verdrängung beschrieben worden, bei denen die Lösung von gewissen Symptomen und Symptomenkomplexen erst nach der Analyse im Sinn der Psychoanalyse eingetreten sind, weil die betroffene Person gewisse Inhalte weitgehend oder gänzlich verdrängt hatte. Es gibt derartige Fälle von vollständiger Verdrängung, bei der die Person keine Ahnung mehr hat, in welchem Zusammenhang das Symptom bzw. die Beschwerde erstmals aufgetreten ist.

Viel häufiger als diese Maximalform einer Verdrängung ist jedoch eine weniger ausgeprägte Form der Verdrängung, wie sie die allermeisten Personen aus dem eigenen Leben kennen. Damit kann man also berechtigt sagen, dass es sich bei der Verdrängung um ein natürliches und sehr menschliches Phänomen handelt das häufig vorkommt.

Physiologisch betrachtet kann man sich vorstellen, dass es bei der Verdrängung auf der Ebene des Nervensystems zu einer aktiven Blockade von gewissen neuronalen Mustern kommt, die verhindern dass gewisse Erlebnisinhalte ins Bewusstsein kommen. Es wird die neuronale Funktion und damit die neuronale Reaktion also von der Art sein, dass gewisse Gehirnbereiche durch ihre Aktivität verhindern, dass andere Gehirnbereiche erfolgreich den verdrängten Erlebnisinhalt auf die Ebene des Bewusstseins bringen. Psychologisch betrachtet kann man sich vorstellen, dass derartige Komplexe in gewisser Hinsicht sich auf die neuronale Funktion hemmend und damit lähmend auswirken und viel Energie absorbieren wenn sich eine solche psychische Spannung aufbaut.

Betrachtet man das Leben eines Menschen im Lauf seiner Entwicklung, dann kann man sich leicht vorstellen, dass es in Folge der verschiedenen Erfahrungen und damit in Folge der damit verbundenen Prägungen und Konditionierungen zur Ansammlung einer großen Menge von „Sand im Getriebe“ kommt, und man kann sich daher weiters leicht vorstellen, dass solche Störungen im Nervensystem irgend wann das Ausmaß einer krankheitswertigen psychischen Störung erlangen. In manchen Fällen handelt es sich dann um eine psychischen Störung, die die Bezeichnung einer Neurose  verdient. In anderen Fällen wird man nicht eine explizite Neurose finden, die als solche erklärt, analysiert und erhellt werden kann, sondern handelt es sich vielmehr um eine neurotische Haltung, also um eine verdrängende, oder man kann auch sagen die Realität verweigernde Haltung, die sich im Sinn der mangelhaften Realitätsanpassung nachteilig auswirkt und die Person letztlich unglücklich werden lässt. Man erkennt damit, dass es sich also um zutiefst menschliche Reaktionsweisen handelt und dass man daher auch in dieser Hinsicht sagen kann, dass niemand gänzlich frei ist von derartigen Reaktionsweisen. Daher kann man berechtigt sagen, dass jede Person mehr oder weniger neurotisch ist und bewegt sich diese Eigenheit auf einem Kontinuum zwischen den Polen der sehr neurotischen Persönlichkeit und der gänzlich offenen, realitätsangepassten und nicht neurotischen Persönlichkeit.

Anpassung an die Realität – Abbau des Verdrängten

Die Erfahrung lehrt, dass das Nervensystem während den Ruhephasen, insbesondere während des Schlafes und in den Entspannungsphasen während des Tages durch die Katharsis aufgestaute Energien abgebaut. Damit werden psychische Spannungen neutralisiert. Man kennt die Hilfe des Gesprächs, die Hilfe des Zuhörens, des Verstandenwerdens wie dies ganz allgemein hilfreich ist und in der Psychotherapie gezielt zum Einsatz kommt. Neben diesem Abbau  der psychischen Spannung kennt man auch die Auswirkung des Abbaus der körperlichen Spannung wie sie etwa durch die körperliche Aktivität, ganz allgemein durch die Bewegung zustande kommt.

Es gibt also in dieser Hinsicht die verschiedene Wege zur Lösung von aufgestauten Energien und man kann im Rahmen der Therapie und durch gezielte Maßnahmen die Spannungslösung auf diese Art und Weise unterstützen. (Weiteres dazu hier)

Wer Erfahrung mit der Meditation oder mit dem Yoga hat, der weiß, dass es auch durch diese Praxis zu einem Spannungsabbau kommt, der stufenweise stattfindet wenn die auftretenden Hürden erfolgreich überwunden werden.

Psychologisch bzw. psychiatrisch betrachtet kann man leicht einsehen, dass derart blockierte psychische Energien, die man unter Umständen auch als verdrängte Komplexe bezeichnen kann sich auch auf das normale Erleben störend auswirken und zu den verschiedensten Symptomen und Phänomenen führen, sowohl auf der psychischen wie auch auf der körperlichen Ebene. Es kommt also auf dieser Grundlage nicht selten zu relevanten psychischen Störungen und vorallem  zu psychosomatischen Störungen, die letztlich sogar zu einer vordergründig rein körperlichen Störung führen können, bei der man gar nicht mehr an eine erlebnisbedingte Ursache denkt. Sei dies eine vorerst unspezifische Magen-Darm-Störung, die letztlich zum Auftreten einer Ulkus Krankheit führt. Oder eine nervöse Reaktion, die sich auf den Blutdruck auswirkt und zum Hochdruck, oder zu einer sonstigen körperlichen Störung mit einer klassischen medizinischen Diagnose führt. Bei der komplexen Ursache einer solchen Störung spielen also psychische Faktoren oftmals eine wesentliche Rolle.

Neben der Verdrängung im einzelnen Individuum kennt man auch die kollektive Verdrängung, wie sie in einzelnen Gruppen, oder auch in einer ganzen Volksgemeinschaft vorkommt. Man kennt diesbezüglich die Ungleichbehandlung von Minderheiten und die Rationalisierung, durch die derartige Verhaltensweisen gerechtfertigt werden. Was hier für ganze Bevölkerungen gilt, gilt im Einzelfall auch für das Individuum, das auch seinerseits zur Verdrängung oder Abwehr geneigt ist und auch geneigt ist die Verhaltensweise durch rationale Argumente zu rechtfertigen.

Mit dem psychischen Phänomen der Verdränung ist das Phänomen des Widerstands verwandt.

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(letzte Änderung 26.06.2020, abgelegt unter: Definition, Psyche, Psychiatrie, Psychologie, psychologischer Begriff, Psychotherapie)

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