Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Faktor

Ein Faktor ist ein Teil einer Ursache.

Man kann auch sagen:

Ein Faktor ist ein Teil der Ursache, der mit anderen Faktoren das Ganze der Ursache bildet.

Dabei kann dies eine faktische Einheit oder eine systematische Einheit sein.

In vielen Fällen ist der Faktor Teil einer komplexen Ursache.

Wenn man diesen Faktor gesetzmäßig – also als conditio sine qua non – bei gleichartigen Sachverhalten findet, dann ist dieser Faktor die tatsächliche Ursache  – und spricht man dann eigentlich nicht mehr von einem Faktor, sondern von der Ursache im Sinn einer „Ursache schlechthin„.

Wenn man auf der Grundlage der Erfahrung jedoch findet, dass der Faktor nur gemäß einer Regel nachweisbar ist bzw. er nur gemäß einer Regel auf der Ebene des Bewusstseins und damit auf der „Ebene der Ideen“ von Relevanz erscheint, dann bezeichnet man diese „mögliche Ursache“ als Faktor, weil man neben dieser „möglichen Ursache“ auch andere „mögliche Ursachen“ findet, die als Kausalität von Relevanz erscheinen.

Je nach dem unter welchen Aspekt/Gesichtspunkt/Perspektive bzw. unter welcher Theorie man einen Sachverhalt betrachtet kann man nämlich unterschiedliche Faktoren als relevante Faktoren erkennen, die insgesamt ein ganzes Bündel von Faktoren bilden, das wiederum die komplexe Ursache bildet. So erkennt man, dass ein einzelner Faktor ein Teil einer „komplexen Ursache“ ist.

Einen einzelnen Faktor hat man auf der Grundlage der Erfahrung als kausal relevanten Teil der Ursache erkennen bzw. bildet dieser einen Teil der möglichen Kausalität.

Betrachtung zu den unterschiedlichen Faktoren

Ein Faktor kann eine „physische“ Sache sein, oder ein Faktor kann ein Teil einer Ursache sein die nicht-physischer Natur ist.

Zum Beispiel ist die Temperatur ein Faktor der physisch messbar und objektiv gültig bestimmbar ist, oder ein chemischer Faktor, oder sonst ein Faktor, der auf der Ebene der „physischen“ Objekte bestimmt werden.

Andere Faktoren sind nicht physisch bestimmbar, sondern es kann ein solcher Faktor nur mental und daher nur auf der „Ebene der Ideen“ und daher nur durch das Denken als Vorstellung bzw. als der Begriff der Idee und daher nur als die systematische Einheit der Idee erfasst werden.

In der Medizin und in der Psychiatrie kann ein nicht-physischer Faktor z.B. eine psychische Belastung, ein Stressfaktor, oder sonst eine Gegebenheit sein, die nicht auf auf der Ebene der Objekte beschrieben und identifiziert werden kann. Es kann also z.B. auch ein beruflicher Faktor sein, oder eine private Gegebenheit, ein Umstand wie er sich aus der Wohnsituation ergibt, oder es kann eine persönliche Gegebenheit sein. Solche Faktoren können zum Auftreten einer gesundheitlichen Störung bzw. zu einer Krankheit beitragen und diese in ihrer Gesamtheit als Ursache bewirken.

Man erkennt damit dass man eine solche Ursache nicht auf der Ebene der Objekte bestimmen kann, da es sich um eine „komplexe Ursache“ handelt , die als systematische Einheit, auf der Ebene der Ideen erscheint.

Berühmt geworden ist die Framinghamstudie die nach dem 2. Weltkrieg in der kleinen Stadt Framingham in Massachusetts USA durchgeführt worden ist, durch die man erkannt hat, dass die Risikofaktoren: Cholesterin, Blutdruck, körperliche Aktivität bzw. Inaktivität, Rauchen und Übergewicht wesentliche Faktoren für das Risiko der Entwicklung eines „Herzinfarktes“ sind.

Daneben gibt es natürlich auch noch andere Faktoren, die in gleicher Weise ebenfalls zum Risiko des Auftretens eines „Herzinfarktes“ beitragen können, etwa Stress in beruflicher oder privater Hinsicht oder sonst ein ein Faktor, der vielleicht in Folge einer speziellen Situation einer Person gegeben ist, wie das Exponiertsein gegenüber gewissen schädlichen Substanzen. Dabei kann es auf die Konzentration dieser Substanz ankommen.  Wenn eine Substanz in einer hohen Konzentration vorkommt – etwa am Arbeitsplatz, dann kann dies ein relevanter Faktor für das Auftreten einer gesundheitlichen Störung sein. Es können unter Umständen also z.B. für das Auftreten z.B. eines „Herzinfarktes“ die verschiedensten Faktoren von Bedeutung sein, und soll man daher immer den individuellen Sachverhalt berücksichtigen.

Man erkennt damit, dass man letztlich bei der Bestimmung der relevanten Faktoren zu keinem Ende kommt, und man daher nicht sagen kann, dass man letztlich alle Faktoren in einem konkreten Fall erfasst hat, die als mögliche Teilursache zu einer Ursache beitragen können. Allerdings genügt es wenn man im konkreten Fall die wesentlichen Faktoren erfasst hat, also die Faktoren die von Relevanz sind. Genau genommen kann man aber nicht wissen, ob man letztlich aller relevanten Faktoren erfasst hat.

Dies gilt letztlich für alle gesundheitlichen Störungen, und letztlich auch sonst für alle Sachverhalte, wie sie im Leben vorkommen. Man stellt fest, dass letztlich „alles auf alles“ wirkt, und man im konkreten Fall nicht genau sagen kann was in welchem Umfang sich in gewisser Hinsicht auswirkt. Mit anderen Worten man kann letztlich nicht genau angeben was in welchem Umfang kausal ist.

Vielmehr kann man in dieser Hinsicht nur angenähertes Wissen erlangen, wie dieses durch die Auflistung der einzelnen Faktoren erkannt werden kann, die man als „wesentliche Faktoren“ eines konkreten Sachverhalts erkannt hat.

Man erkennt damit, dass die Ursache an sich eine Idee im Sinn von Immanuel Kant ist, die man letztlich nicht bestimmen kann. Man kann sich aber der Erkenntnis der Ursache durch das Schema der Idee nähern. Die „Ursache an sich“ bzw. die „Ursache schlechthin“ kann man aber nicht bestimmen, wie dies Karl Jaspers in Bezug auf eine psychische Störung aufgezeigt hat.

Daher hat Karl Jaspers treffend geschrieben: „….die Kenntnis des regelmäßigen Zusammentreffens gleicher Ursachen mit gleichen Erscheinungen, Verlauf, Ausgang und Hirnbefund setzt eine vollendete Kenntnis aller einzelnen Zusammenhänge voraus, eine Kenntnis, die in der unendlichen Zukunft liegt. Die Idee der Krankheitseinheit ist in Wahrheit eine Idee im Kantischen Sinne: der Begriff einer Aufgabe, deren Ziel zu erreichen unmöglich ist, da das Ziel in der Unendlichkeit liegt; die uns aber trotzdem die fruchtbare Forschungsrichtung weist und die ein wahrer Orientierungspunkt für empirische Einzelforschung bedeutet.“ (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Dies hat Karl Jaspers im Hinblick auf die diagnostische Bestimmung einer psychischen Störung geschrieben – und gilt dies gilt aber auch in Bezug auf eine sonstige Ursache, sofern sie nicht einfacher Natur ist und daher eine komplexe Ursache ist.

In diesem Sinn gibt es in der Medizin und in der Psychiatrie viele komplexe Ursachen, die jeweils aus einem individuellen Faktorenbündel bestehen.

Man erkennt damit auch dass die Wissenschaft nur in beschränktem Umfang die relevanten Faktoren erfassen kann – und dass der vor Ort tätige Arzt neben den in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen und erforschten Ursachen und Faktoren auch die individuellen Faktoren bzw. die individuelle Situation seines Patienten berücksichtigen soll – wie sich diese eben in Folge seiner individuellen Situation, Geschichte, Herkunft usw. ergibt.

Es genügt also nicht allein die bekannten Risikofaktoren zu evaluieren und festzustellen, ob sich diese im Normbereich bewegen oder nicht. Diese Information ist wichtig und wesentlich – das Ganze der Idee  kann man dadurch jedoch nicht geradezu erkennen (vgl. mit Jaspers Zitat), sonden kann man sich dem Ganzen der Idee nur nähern.

Man kann also in Bezug auf die Ursache bzw. in Bezug auf die Faktoren in der Medizin, in der Psychiatrie und in vielen anderen Bereichen in der Regel nur angenähertes Wissen erlangen. (vgl. mit Kant Zitat 2)

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(letzte Änderung 20.08.2020, abgelegt unter: Philosophie, Ursache)

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