Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

komplexe Ursache

Eine komplexe Ursache ist eine Ursache, die durch das Zusammenwirken von mehreren bis vielen Faktoren entsteht und dadurch die Wirkung hervorruft.

Man kann auch sagen:

Eine komplexe Ursache ist eine Ursache, die von mehreren bis vielen Faktoren gebildet wird, die durch ihr Zusammenwirken das Ganze und damit den Effekt hervorrufen.

Es ist eine komplexe Ursache somit eine multifaktorielle Ursache.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet erkennt man, dass eine komplexe Ursache ein regulatives Prinzip ist um einen Sachverhalt zu erklären und zu verstehen. Es ist dies also eine Einheit, die man nur auf der Ebene der Ideen als systematische Einheit der Idee vermittelt durch das Schema der Idee angenähert erkennen und bestimmen kann. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man kann auch sagen: es handelt sich dabei um eine Ursache, die auf der Ebene der Ideen als der Begriff der Idee als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7)

Eine komplexe Ursache ist also die Einheit einer Idee – und zwar die Einheit einer komplexen Idee bzw. die Einheit einer bloßen Idee,  die im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheint (vgl. mit Kant Zitat 8).

Es handelt sich bei dieser Einheit also um den Begriff der Idee, der im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese Person die Merkmale der Idee durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7) (griechisch: phenomenon – das was erscheint, das Erscheinende).

In diesem Sinn sind die Ursachen von vielen Sachverhalten und von vielen Erscheinungen und Systemen komplexe Ursachen. Nur bei ganz einfachen Sachverhalten bzw. bei ganz einfachen Systemen kann man eine einfache Ursache ausfindig machen, die die Wirkung hervorruft. Also nur bei ganz einfachen Sachverhalten bzw. bei ganz einfachen Systemen kann man die Kausalität eindeutig auf eine Ursache im Sinne einer faktischen Ursache also im Sinn einer conditio sine qua non zurückführen.

Genau genommen sind viele Ursachen, die man als „einfache Ursachen“ ansieht komplexe Ursachen. Wenn etwa in der Medizin ein Bakterium einen Infekt hervorruft, dann ist zwar das Bakterium,  etwa das Tuberkelbakterium für das Auftreten der Tuberkulose in gewisser Hinsicht kausal, daneben müssen aber auch noch andere Faktoren vorhanden und wirksam sein, damit es zum Auftreten der Krankheit kommt, weil bekanntlich nicht jeder Kontakt mit einem Tuberkelbakterium schon zur Manifestation einer Tuberkulose führt.

In diesem Sinn ist man praktisch fast überall mit „komplexen Ursachen“ und nicht mit „einfachen Ursachen“ konfrontiert, bei denen das Zusammenwirken von mehreren bis vielen Faktoren letztlich dazu führt, dass die Wirkung eintritt. Man findet also nur bei gewissen Erscheinungen eine Mono-Kausalität. Viel häufiger muss man von einer Poly-Kausalität ausgehen. Man sollte die Sachverhalte und die Systeme also nicht zu einfach und zu reduziert betrachten und interpretieren.

Im Fall der Diagnose „Tuberkulose“ genügt es allerdings wenn man das Tuberkelbakterium als Ursache nachweisen kann, weil es sich dabei um die conditio sine qua non handelt, ohne die es keine Tuberkulose gibt, und man kann daher in diesem Fall berechtigt von der tatsächlichen Ursache sprechen, weil auf der Ebene der Objekte eine Tatsache – etwa das durch die spezielle Färbung dargestellte Bakterium – aufzeigbar ist.

Als ein typisches Beispiel für ein System bei dem mehrere bis viele Faktoren durch ihr Zusammenwirken die Ursache bilden  kann eine Schneelawine genannt werden. Für den Abgang einer Schneelawine müssen in der Regel mehrere bis viele Faktoren zusammenwirken, damit es letztlich zum Abgang der Lawine kommt. Man kann daher berechtigt sagen, dass der Abgang der Lawine die Folge einer „komplexen Ursache“ ist.

Von Bedeutung sind bei diesem Beispiel folgende Faktoren: Die Neigung des Hanges, die Schneeart, die Dicke der Schneeschicht, die Beschaffenheit der Schichten, die Temperatur, der Untergrund und viele andere Faktoren. All diese Faktoren bilden durch ihr Zusammenwirken insgesamt die Voraussetzung, die letztlich den Abgang der Lawine bewirkt, falls ein kritischer Schwellenwert erreicht wird. Es kann also unter Umständen zum spontanen Abgang der Lawine kommen, oder es kann der darauf tretende Schitourengeher der letzte Faktor sein, der die Lawine auslöst, oder es kann ein Windstoß, oder ein weiterer minimaler Temperaturanstieg, oder die veränderte Sonneneinstrahlung das kausale Agens sein, oder es kann sonst ein Faktor sein, der letztlich  als auslösender Faktor dazu führt, dass die kritische Schwelle bzw. der kritische Schwellenwert erreicht wird. All die genannten Faktoren können den letzten Faktor in einem Faktorenbündel bilden, bevor es zum Abgang der Lawine kommt. Man erkennt an diesem Beispiel, dass das Zusammenwirken der einzelnen Faktoren in ihrer jeweiligen momentanen Ausprägung letztlich dazu führen, dass es zum Lawinenabgang kommt bzw. dass es dazu kommt, dass die „komplexe Ursache“ als begrifflich benennbare Einheit die Wirkung hervorruft. Man kann in einem solchen Fall auch von einer dynamischen Ursache sprechen in deren Folge die Wirkung eintritt, weil die Änderung der Faktoren im Laufe der Zeit unter Umständen dazu führt, dass der kritische Schwellenwert erreicht wird.

Ein weiteres Beispiel für eine komplexe Ursache ist die Ursache, die zur fortlaufenden Klimaveränderung führt. Man unterscheidet hier bei der Ursache der Klimaänderung natürliche Faktoren (Änderung der Sonnenstrahlung infolge der sich ändernden Sonnenflecken, Erdbahnelemente, Vulkanismus etc.) von antropogenen Faktoren (= durch Menschen erzeugte Faktoren, etwa die vermehrte Zunahme des CO2 Gehalts in der Luft, der Effekt durch sonstige Treibhausgase etc.) die insgesamt den Klimawandel bewirken. Diese Faktoren haben unter anderem gravierende Auswirkungen auf die Winde (zeitweise ausgeprägte Nord- Südwinde und umgekehrt) mit sich gebracht, die zu ungewöhnlichen jahreszeitlichen Temperaturen und Temperaturschwankungen führen.

Letztlich ist es dabei jedoch nicht möglich zu sagen welcher Faktor für was kausal ist – eben, weil der Effekt durch das Zusammenwirken aller Faktoren entsteht.

Daher die kontroversen Sichtweisen die in den Diskussionen und in der Wissenschaft vertreten werden und mehr auf dem persönlichen Glauben als auf fundierten Wissen im Sinne der Gewissheit beruhen, weil letztlich nicht mit Bestimmtheit gesagt werden kann welcher Faktor für was kausal ist.

Weil bei vielen derart komplexen Sachverhalten die Ursache in diesem Sinne eine komplexe Ursache ist, erkennt man, dass es in einem solchen System in der Regel nicht möglich ist die tatsächliche Ursache allgemein gültig zu bestimmen, sondern man  kann nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. nur auf der Ebene der Ideen subjektiv gültig entscheiden was in welchem Ausmaß kausal ist. Man entscheidet in einem solchen Fall also als erkennendes Subjekt und daher subjektiv gültig durch das Abwägen (Gewichten – Immanuel Kant spricht vom ponderieren) der einzelnen Faktoren auf der Ebene der Ideen/Vorstellungen welcher Faktor einem als der wesentlichste erscheint, weil man nicht auf der Ebene der Objekte allgemein gültig und damit objektiv bestimmen bzw. physisch (etwa physikalisch) messen kann was kausal ist.

Man kann in Bezug auf die Kausalität auch sagen: Es ist weder der Stellenwert  des einzelnen Faktors (quantitativ und/ oder qualitativ) in seiner Wirkung in Bezug auf das Ganze als Einheit bekannt noch kennt man die Relation der einzelnen Faktoren zueinander.

In Bezug auf die Theorie auf die sich die persönliche Sichtweise gründet kann man sagen, dass diese Theorie auf einer bloßen Idee im Sinne von Immanuel Kant beruht, weil man das Zutreffen der Sichtweise nicht physisch beweisen kann. Mit anderen Worten: es gibt für das Zutreffen der Theorie keinen allgemein gültigen Beweis.

Wahrnehmung der Ursache bzw. der Faktoren

Man ist geneigt einen wesentlichen Faktor, wenn man ihn gefunden hat für die alleinige Ursache anzusehen. Dies ergibt sich aus dem menschlichen Denken. Man hat einen Faktor und einen gewissen Zusammenhang von einzelnen Gliedern in einer Kausalitätskette erkannt – und schon ist man geneigt diese Ursache bzw. diesen Faktor als die „Ursache schlechthin“ anzusehen. Da die Realität jedoch komplex ist wird man der Realität damit nicht gerecht wenn man nur diesen einzelnen Faktor als die „Ursache schlechthin“ betrachtet. Man sollte also offen und flexibel bleiben und alle möglichen Ursachen bzw. alle möglichen Faktoren in Erwägung ziehen, die insgesamt durch ihr Zusammenwirken die wirkliche Ursache bilden.

Komplexe Ursachen in der Biologie 

In einem Organismus kann eine Wirkung durch eine „komplexe Ursache“ hervorgerufen werden.

So kann man beispielsweise das Auftreten einer Tumorerkrankung als Folge einer „komplexen Ursache“ verstehen. Durch das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren (relative Schwäche des Immunsystems, relativ starke Produktion von transformierten Zellen in Folge der Einwirkung von karzinogenen Substanzen, und / oder in Folge der kosmischen Strahlung, und/oder in Folge von lokaler radioaktiver Strahlung, weiters durch gewisse genetische Gegebenheiten, oder durch sonstige Faktoren) kann es zur folgenreichen Vermehrung der transformierten Zellen  kommen, die einen bösartigen Primärtumor und in weiterer Folge maligne Metastasen bilden. Das System kippt also in dieser Hinsicht bzw. es wird irgendwann eine kritische Schwelle überschritten, weil die abartigen Zellen nicht ausreichend erfolgreich vom Immunsystem erkannt und eliminiert werden. Auf diese Art und Weise kann das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren die Ursache schlechthin der Tumorerkrankung bewirken, und letztlich zur Tumorerkrankung führen. Andererseits erkennt man dass das Gleichgewicht auch in die andere Richtung wieder entstehen kann, wenn etwa das Immunsystem gestärkt werden kann, oder durch eine Operation die Tumormasse bzw. die Tumorzellen reduziert werden oder durch sonst eine Behandlungsmaßnahme der Organismus in Richtung Heilung unterstützt werden kann.

In gleichartiger Weise kann es im einen Organismus durch das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren zum Auftreten einer entzündlichen Krankheit kommen, etwa zum Auftreten einer Lungentuberkulose, oder zum Auftreten einer Multiplen Sklerose. Bei der Tuberkulose kommt es bekanntlich in einem geschwächten Organismus im Zusammenhang von Mangelernährung und in Folge von sonstigen disponierenden Faktoren letztlich dazu, dass die Tuberkelbazillen sich erfolgreich vermehren und so z.B. zu einer Lungentuberkulose führen. Man kann in der Regel bei einer Person, die an Tuberkulose erkrankt ist häufig eine schlechte Immun-Abwehrlage beobachten und man kann das Entstehen der Lungentuberkulose auch unter diesem Aspekt diskutieren. Selbstverständlich benötigt es immer den Tuberkelbazillus damit es zu einer Tuberkulose kommt. Man erkennt damit aber, dass dieser Faktor die conditio sine qua non ist, dass daneben allerdings auch noch andere Faktoren von Bedeutung sind, damit es letztlich zum Auftreten der „Wirkung“ kommt die man als Tuberkulose bezeichnet. Analoges gilt nach dem heutigen Stand des Wissens abgesehen von der conditio sine qua non auch für die Multiple Sklerose, die Migräne, und viele andere gesundheitliche Störungen, die auftreten, wenn eine, an sich nicht bekannte kritische Schwelle bzw. ein kritischer Schwellenwert überschritten wird. Auf diese Art und Weise kann man auch das Auftreten eines epileptischen Krampfanfalls als Folge des Zusammenwirkens von verschiedenen Faktoren erklären die letztlich zum Auftreten des Anfalls führen.

Komplexe Ursachen in der Psychologie

In der Psychologie kennt Jedermann/Frau aus der eigenen Erfahrung, dass oftmals das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren bewirkt, dass es zu einer Reaktion kommt. Man kann dann also sagen, dass ein Bündel von Faktoren zur Reaktion führt bzw. ein Bündel von Faktoren die Ursache dieser Reaktion bildet. Demgemäß handelt es sich hierbei um eine komplexe Ursache.

Es können z.B. verschiedene Gegebenheiten, die Tagesverfassung, der Sachverhalt an sich, eine aufreizende Bemerkung, das Wetter, der Föhn, die Jahreszeit und viele andere Faktoren dazu beitragen, dass es letztlich zu einer gewissen Reaktion kommt. Man kann also sagen, dass das ganze Bündel an Faktoren letztlich den Ausschlag zur Reaktion infolge zu einer bestimmten Handlung gibt, und dieses Bündel damit die „komplexe Ursache“ bildet. Im Gegensatz zu den vorgenannten Beispielen in der Natur (Lawine), in der Biologie bzw. in der Medizin (Infekt / Tumorerkrankung) erkennt man, dass in diesem Fall vor allem psychologische Faktoren, nämlich psychische Phänomene und sonstige Phänomene zusammenwirken und gemeinsam mit anderen Faktoren wesentlich die „komplexe Ursache“ bilden bzw. diese bewirken.

Komplexe Ursachen in der Psychiatrie

In gleicher Weise wie in der Psychologie findet man in der Psychiatrie das Zusammenwirken von verschiedenen Faktoren, die letztlich die „komplexe Ursache“ bilden, die ihrerseits zum Auftreten einer psychischen Störung führt. Es können dies also verschiedene psychische Faktoren sein, die zum Auftreten einer psychischen Störung etwa vom Typ einer depressiven Störung führen und damit diese psychiatrische Diagnose rechtfertigen. Oder es können dies ein einzelner oder mehrere einzelne biologische Faktoren sein, die wesentlich oder überhaupt herausragend die Ursache bilden, die für das Auftreten einer psychischen Störung verantwortlich sind bzw. verantwortlich ist, etwa der Alkohol bei einem Rausch. Oder der Mangel an Transmittern, oder Störungen an den Rezeptoren usf. All diese einzelnen Faktoren können relevante Faktoren einer komplexen Ursache sein.

Bei vielen psychischen Störungen findet man also ein Bündel von Faktoren, bestehend aus vielen oder zumindest mehreren einzelnen Faktoren, das in seiner Gesamtheit im jeweiligen Fall kausal ist. Oder aus der Sicht der Faktorne kann man sagen, dass jeder einzelne auf seine Art und Weise zur Ursache beiträgt bzw. die Faktoren insgesamt durch ihr Zusammenwirken zum Auftreten der psychischen Störung führen. Dies ist z.B. der Fall wenn es bei einem alten Menschen mit schon geschwächten psychischen und geistigen Funktionen nach einem Unfall im Spital zum Auftreten einer Verwirrtheit kommt. In gleicher Weise kennt man das Auftreten einer Drogen induzierten Psychose. Diese Form einer psychischen Störung kann bei einer Person bei einer bestimmten Dosis auftreten, und bei einer anderen Person, die dieselbe Menge der Droge konsumiert nicht auftreten, oder nicht in dieser Form auftreten, oder eventuell in einer anderen Form auftreten. Man erkennt damit, dass für das Auftreten von psychischen Störungen, etwa beim Auftreten einer psychischen Störung vom Typ einer Schizophrenie verschiedene Faktoren in verschiedener Ausprägung zum Auftreten einer solchen psychischen Störung beitragen können.  Gleichartiges gilt auf für das Auftreten einer psychischen Störung vom Typ einer Demenz, eines OPS, oder von der Art einer Depression, eines ADHS, oder für sonst eine psychische Störung. Letztlich können verschiedene Faktoren zum Auftreten eines gewissen klinischen Erscheinungsbildes führen, ohne dass man schon aus dem klinischen Erscheinungsbild die einzelnen Faktoren erkennen kann, die zu dieser Form einer psychischen Störung geführt haben.

Weil die Sache also komplex ist, wird man daher in der Psychiatrie und auch in der Psychologie in den allermeisten Fällen nicht nur eine einfache Ursache angeben können, sondern ist man in diesen Bereichen praktisch immer mit einem ganzen Bündel von Faktoren konfrontiert, das heißt man ist in der Psychiatrie fast immer mit einer „komplexen Ursache“ konfrontiert.

Im Unterschied zur Medizin, wo man in gewissen Fällen tatsächlich eine einzelne Ursache im Sinn einer conditio sine qua non finden kann, gibt es in der Psychiatrie in der Regel keine fassbare „physische“ Ursache in diesem Sinn, weil die Faktoren in aller Regel nicht auf ein einzelnes körperliches Objekt zurückgeführt werden können. Eine Ausnahme dazu bilden die Intoxikationen und andere psychiatrische Diagnosen aus der 3. Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers.

Schon bei den Diagnosen der 2. Schicht der Schichtenregel von Karl Jaspers – und erst recht bei den Diagnosen der 1. Schicht – kann man jeweils ein ganzes Bündel an Faktoren angeben, die man empirisch als wirksame Faktoren erkannt hat. Genannt seien genetische Faktoren – also gewisse Gene, die man gehäuft bei gewissen psychischen Störungen beobachtet, aber auch sonstige körperliche und andere Faktoren, etwa die Folgen einer Geburtsschädigung, einer frühen Traumatisierung usf. All diese Faktoren können unter Umständen dazu führen, dass das Nervensystem in einer kritische Phase im Sinn einer Dekompensation in eine schwere funktionelle Störung gerät, und etwa eine Psychose auftritt, weil eine kritische Schwelle überschritten worden ist. Man kennt z.B. den Fall wo bei einem Maturant kurz vor dem Abitur also im Zusammenhang einer äußeren Belastung, oder im Zusammenhang von Cannabiskonsum, oder LSD Konsum, oder im Zusammenhang einer sonstigen Belastung erstmals eine schizophrene Psychose auftritt. Wenn dann eine erste psychotische Störung aufgetreten ist, dann kann man sagen, dass in gewisser Hinsicht eine Bahnung bzw. eine Prägung im Sinn einer Konditionierung eingetreten ist, und sich dadurch im Nervensystem wahrscheinlich ein gewisses neuronales Muster etabliert hat, und dann bei neuerlicher Erreichung der kritischen Schwelle dieses wieder in Gang gesetzt wird.

Man erkennt damit, dass das Zusammenwirken von zum Teil inhärenten, und zum Teil von außen hinzukommenden Faktoren, und von sich entwickelnden Faktoren dazu führt, dass die kritische Schwelle erreicht-, oder wieder überschritten wird, und das Nervensystem in seiner geordneten Funktion dekompensiert. Man kann also in diesem Sinn das Auftreten einer Psychose als die Folge von verschiedenen disponierenden Faktoren ansehen, ohne dass man eine einzige herausragende Ursache namhaft machen kann.

In gleicher Weise, wie es zum Auftreten einer Psychose kommen kann, kann es bei gegebener Disposition auch zum Auftreten eines epileptischen Krampfanfalls kommen. Auch bei dieser und anderen gesundheitlichen Störungen bemerkt man, dass ein Bündel von Faktoren letztlich für das Auftreten einer Wirkung kausal ist und dass auch die relative Ausprägung der Faktoren von Bedeutung ist.

In dieser Hinsicht macht man in der psychiatrischen Praxis die Erfahrung, dass eine individuell gut passende Neuroleptika Medikation geeignet ist die kritische Schwelle bezüglich des Auftretens einer psychotischen Störung anzuheben, so wie ein Antiepileptikum geeignet ist die epileptische Krampfschwelle anzuheben.

Man kann also in der Psychiatrie die Neuroleptika in gleicher Weise erfolgreich einsetzen, um dem Wiederauftreten einer akuten Psychose vorzubeugen. Analoges gilt bis zu einem gewissen Grad auch für die Antidepressiva zur Vorbeugung einer weiteren depressiven Störung usf.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich beim Begriff einer „komplexen Ursache“ um eine systematische Einheit, der auf der Ebene der Vorstellungen als Einheit erscheint. Es handelt sich dabei also um den Begriff einer Idee, unter dem man die einzelnen Faktoren auffassen kann (vgl. mit Kant Zitat 7), die insgesamt durch ihr Zusammenwirken das Schema der Idee, bzw. die Einheit bilden, und damit in ihrer Gesamtheit die eigentliche Ursache, also die Ursache schlechthin bilden, die die Wirkung hervorruft.

Es ist also nicht schon der einzelne Faktor die „Ursache schlechthin„, sondern bildet die Gesamtheit der Faktoren in der jeweils vorhandenen Konstellation durch das Zusammenwirken die „komplexe Ursache„, die die Wirkung hervorruft.  (vgl. mit Kant Zitat 7)

Der Begriff der Ursache ist also das Schema dieser Idee, unter dem die einzelnen Faktoren aufgefasst werden (vgl. mit Kant Zitat 7). Oder man kann auch sagen: unter dem Begriff der „komplexen Ursache“ fassen wir die einzelnen Faktoren der Ursache auf, die in ihrer Gesamtheit die Wirkung hervorrufen. (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man erkennt damit, dass es sich bei dieser systematischen Einheit nicht um eine Einheit handelt, die man auf der Ebene der „physischen“ Objekte als Objekt erfassen und objektiv gültig bestimmen kann, sondern handelt es sich dabei vielmehr um eine nur zu „Grunde liegend gedachte Einheit“  (vgl. mit Kant Zitat 7 und Kant Zitat 8), die sich aus dem Zusammenwirken all der einzelnen Faktoren in der momentanen Ausprägung ergibt und die man auf der Grundlage der Erfahrung als relevante Faktoren erkannt hat. Die Kausalität wird also auf der Grundlage der Erfahrung erkannt und kann man nur in gewissen Fällen die Kausalität auf einen einzelnen Faktor den man physisch bestimmen kann zurückführen. In sehr vielen Fällen kann man nur auf der Ebene der Vorstellungen, also auf der Ebene der Ideen verschiedene Faktoren erkennen, die durch ihr Zusammenwirken die „Ursache schlechthin“ – bzw. die Einheit die man als Ursache bezeichnet bewirken.

Es handelt sich dabei – also wie gesagt – lediglich um eine Idee, die in der Form des Schemas der Idee auf der Ebene unseres Denkens als Begriff einer Idee bzw. als systematische Einheit erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7).

Auf der Ebene der „physischen“ Objekte kann man daher keine korrespondierende Einheit im Sinn einer abgegrenzten Einheit finden, die mit der jeweils mental vorgestellten Einheit korreliert.

Man täuscht sich also wenn man in einem solchen Fall, bei dem eine „komplexe Ursache“ das Auftreten einer Erscheinung bewirkt, man glaubt im konkreten Fall eine objektiv feststellbare Ursache finden zu können, die eine solche Erscheinung bewirkt. Man täuscht sich also wenn man glaubt, dass man eine solche Ursache objektiv gültig nachweisen kann.

Tatsächlich ist dies nicht möglich, sondern kann man nur – wie dies Immanuel Kant formuliert hat – „der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachgehen“, man soll dabei „aber die Grenzen“ die uns dabei auferlegt sind „niemals  überfliegen„, weil „außerhalb dieser Grenzen für uns nichts als leerer Raum ist.” (vgl. mit dem Orginal Kant Zitat 10)

Man täuscht sich also wenn man glaubt, dass man eine Einheit, die man in der Form des Begriffs einer systematischen Einheiten erkennt, auf der Ebene der physischen Objekte als objektiv fassbare Einheit bestimmen kann. Wenn man z.B. glaubt die „Ursache schlechthin“ der Einheit „Schizophrenie“, oder die „Ursache schlechthin“ der Einheit „Fibromyalgie“, oder die „Ursache schlechthin“ der Einheit „vegetative Dystonie“, oder die „Ursache schlechthin“ von sonst einer Einheit allgemein gültig bestimmen kann, die nur als Symptomenkomplex erfassbar ist und tatsächlich nur auf der Ebene der Vorstellungen als Einheit im Bewusstsein einer Person erscheint, wenn sie diesen Symptomenkomplex durch den Bezug auf das Schema der Idee auffasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man sollte sich also dessen bewusst sein, dass eine solche Einheit nur auf der Ebene der Vorstellungen bzw. auf der Ebene der Ideen als abgegrenzte Einheit „existiert“  und nicht auf der Ebene der Objekte.

Bei all diesen Einheiten kann man lediglich gewisse Faktoren ausfindig machen, die zu einer gewissen Zeit mehr oder weniger wirksam sind und so zur Gesamtheit der „komplexen Ursache“ beitragen – aber die „komplexe Ursache“ an sich kann man nicht objektiv gültig bestimmen, weil es sich dabei um eine Idee handelt. Daher kann man eine solche Einheit, die eine systematische Einheit ist nicht allgemein gültig bestimmen.

Eine solche Einheit bzw. das Schema einer solchen Idee kann  man nur subjektiv gültig auf der Ebene der Vorstellungen erkennen bzw. subjektiv gültig „bestimmen“. Es kann also nur eine Person auf der Ebene ihrer Ideen im konkreten Fall subjektiv gültig erkennen, und subjektiv gültig entscheiden, was ihrer Vorstellung nach der wesentliche Faktor, oder der momentan vielleicht wesentlichste Faktor ist, bzw. entscheiden welche Faktoren in welchem Umfang zu einer gewissen Zeit wesentlich sind. Allgemein gültig kann man dies nicht bestimmen. Ideen kann man nämlich nur auf der Ebene der Ideen subjektiv gültig „bestimmen“ und prüfen, in dem man die verschiedenen Ideen miteinander vergleicht, und sodann subjektiv gültig entscheidet was zutrifft. Auf der Ebene der physischen Objekte kann man eine solche Idee nicht prüfen. Man kann daher eine solche Idee nicht am Probierstein der Erfahrung prüfen (vgl. mit Kant Zitat 10) – das heißt man kann eine solche Idee nicht objektivieren.

Man erkennt damit, dass man die gesundheitlichen Störungen, die man auf der Grundlage eines Konzepts erkennt, mit dessen Schema – das heißt mit dessen Kategorie – man den Symptomenkomplex erfasst, man keine tatsächliche Ursache bestimmen kann.

Tatsächlich sind daher die entsprechenden Forschungen in Bezug auf die Erforschung der Ursachen von Symptomenkomplexen sowohl in der Psychiatrie, wie auch in der Medizin bisher vergeblich und hat man z.B. für die Einheit: Fibromyalgie, und auch für die Einheit Schizophrenie, ADHS, Demenz, usf. noch keine „Ursache schlechthin“ bestimmen können, sondern kann man bei solchen gesundheitlichen Störungen nur gewisse Faktoren angegeben – die man auf der Grundlage der Erfahrung im konkreten Fall subjektiv gültig erfasst hat, oder im Rahmen von statistischen Studien aus vielen derart subjektiv gültig erfassten Fällen abgeleitet hat. Um ein tatsächlich objektives Wissen, das man „physisch“ beweisen kann handelt es sich dabei jedoch nicht.

Man kann also unter Umständen im Rahmen von statistischen Studien, die jeweils einzelnen Faktoren in gewisser Hinsicht der Anzahl nach zählen, und damit nachweisen, dass sie zum In-Erscheinung-treten der Wirkung beitragen haben, aber die systematische Einheit an sich kann man nicht bestimmen. Bei all diesen Theorien die die Ursachen erklären handelt es sich nämlich um regulative Prinzipien. (vgl. mit Kant Zitat 26)

Es handelt sich also bei solchem Wissen um ein Wissen das aus der Erfahrung abgeleitet worden ist.

Es handelt sich dabei also um abgeleitetes Wissen. Man kann also sagen: es handelt sich erstens um eine Idee, und damit um eine systematisch Einheit, und es handelt sich zweitens in den meisten Fällen um eine bloße Idee, also um eine Idee, die ein Konzept ist, und die daher nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden kann (vgl. mit Kant Zitat 10).

Tatsächlich handelt es sich bei der Kausalität um eine  bloße Idee, wie dies Immanuel Kant aufgezeigt hat. (vgl. mit Kant Zitat 24a)

Daher soll man insbesondere in der Psychiatrie, und in der Psychologie (und Psychotherapie) nicht überrascht sein, dass man die „Ursache schlechthin“ nicht empirisch allgemein gültig bestimmen kann, weil man tatsächlich den Begriff einer bloßen Idee nicht allgemein gültig bestimmen kann. Es handelt sich dabei nämlich nur um einen regulativen Begriff. Der Begriff einer solchen Einheit bezieht sich also nicht auf ein wirklich existentes Objekt, das man auf der Ebene der physischen Objekte erkennen und auf dieser Ebene allgemein gültig bestimmen kann, sondern vielmehr handelt es sich dabei um ein Erkenntnisobjekt, das nur auf der Ebene der Vorstellungen als der Begriff einer Idee erscheint. Man erkennt damit den Unterschied des Begriffs einer systematischen Einheit zum Begriff einer Einheit, die tatsächlich existiert, und die man daher tatsächlich auf der Ebene der physischen Objekte nachweisen und allgemein gültig bestimmen kann (vgl. mit Kant Zitat 7). Mit anderen Worten: man erkennt damit, dass man den Begriff einer systematischen Einheit nicht auf der Ebene der physischen Objekte bestimmen kann, eben weil er nur als das Schema einer Idee ist das im Bewusstsein einer Person erscheint, wenn diese gewisse Erkenntnisobjekte durch den Bezug auf diese Idee auffasst. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man täuscht sich also wenn man glauben würde, dass man den Begriff einer solchen Einheit „physisch“ bestimmen und allgemein gültig beweisen kann. In dieser Hinsicht hat sich Emil Kraepelin getäuscht als er geglaubt hat dass man z.B. die Einheit Dementia praecox alsbald allgemein gülitg wird bestimmen können. (vgl. mit Kraeplin Zitat 1)

Damit ist aufgezeigt warum man in der Psychiatrie auf der Ebene de Objekte keine „physischen“ Merkmale, und damit keine „physischen“ Marker, und damit keine „physischen“ Ursachen finden kann, durch die man eine psychische Störung bzw. eine psychiatrische Diagnose allgemein gültig bestimmen kann.

Und erkennt man damit, dass es auch in Zukunft niemals gelingen wird die Ursache einer psychischen Störung, etwa einer Störung vom Typ einer Schizophrenie „physisch“ zu bestimmen. In dieser Hinsicht gilt was Karl Jaspers gesagt hat: „3. Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fall niemals verwirklichen. Denn die Kenntnis des regelmäßigen Zusammentreffens gleicher Ursachen mit gleichen Erscheinungen, Verlauf, Ausgang und Hirnbefund setzt eine vollendete Kenntnis aller einzelnen Zusammenhänge voraus, eine Kenntnis, die in der unendlichen Zukunft liegt. …. Die Idee der Krankheitseinheit ist keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.” (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

Man kann auch sagen eine psychische Störung wird mit der Hilfe eines Konzepts erkannt, das auf einen psychischen Sachverhalt projiziert wird. Man kann dann durch den Begriff das Konzepts diese gesundheitliche Störung benennen, wenn die einzelnen psychischen Phänomene die Kriterien der Konzepts hinreichend erfüllen. Oder man kann auch sagen: wenn die einzelnen psychopathologischen Phänomene, die insgesamt einen charakteristischen Symptomenkomplex bilden, die Kriterien der zugehörigen psychiatrischen Kategorie hinreichend erfüllen, dann kann man diese psychische Störung so benennen wie dieses Konzept heißt.

Auf diese Art und Weise hat zum Beispiel Eugen Bleuler das Konzept Schizophrenie aus dem Vorläufer-Konzept Dementia praecox entwickelt. (vgl. mit Bleuler Zitat)

Man erkennt damit also den Grund warum man in der Psychiatrie, und auch bei gewissen diagnostischen Einheiten in der Medizin, nämlich bei denjenigen, die ebenfalls auf der Grundlage eines Symptomenkomplexes erkannt werden, man keine „physischen“ Ursachen bestimmen kann, weil diese Einheiten nur systematische Einheiten sind – und nicht Einheiten, die sich auf ein körperliches Objekt zurückführen lassen (vgl. mit Kant Zitat 7).

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Weiteres zum Begriff der komplexen Ursache in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 24.12.2019, abgelegt unter Begriff, Diagnostik, Erkennen, Definition, Kausalität, Philosophie, Ursache)

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