Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Kraepelin Zitat 8 : psychische Erscheinungsformen – Physiologie der Seele

“ …  Ja, wir könnten das eindringenste Verständnis für alle in der Hirnrinde sich abspielenden körperlichen Vorgänge besitzen, ohne an sich auch nur einen Augenblick zu der Vermuthung gezwungen zu werden, dass wir in jenem Gewebe den Träger des Seelenlebens vor uns haben.  Aus diesen Erwägungen ergibt sich die Nothwendigkeit, ausser den körperlichen Zuständen der Hirnrinde auch die psychischen Erscheinungsformen jener letzteren gesondert zu erforschen.

Wir erhalten auf diese Weise zwei Reihen innig mit einander verbundener, aber ihrem Wesen nach unvergleichbare Thatsachen, das körperliche und das psychische Geschehen. Aus den gesetzmäßigen Beziehungen beider zu einander geht das klinische Krankheitsbild hervor. Wir müssen es daher als unsere Aufgabe betrachten, auch jene Gesetze kennen zu lernen, welchen den Ablauf der psychischen Vorgänge beherrschen, namentlich aber auf das sorgfältigste den Abhängigkeitsverhältnissen nachzugehen, die zwischen körperlichen und seelischen Zuständen bestehen. Glücklicher Weise hat sich aus dem Schoosse der Physiologie heraus, namentlich in den letzten Jahrzehnten, auch die Psychologie zu einer Erfahrungswissenschaft entwickelt, die auf dem Wege der Naturforschung ihren Gegenstand erfolgreich zu bearbeiten begonnen hat. Es ist, wie schon die bisherige Arbeit gezeigt hat, nicht unmöglich, mit Hülfe jener jungen Wissenschaft zu einer Physiologie der Seele zu gelangen, die auch der Psychiatrie eine brauchbare Grundlage zu liefern vermag. Sie wird uns einerseits dazu dienen können, verwickelte Erscheinungen in ihre einfacheren Bestandtheile zu zerlegen. Wir werden aus der Zergliederung des gesunden Seelenlebens die Anhaltspunkte für die Beurtheilung und Erklärung krankhafter Störungen gewinnen, und wir werden auch  in der Lage sein, in geeigneten Fällen das Hülfsmittel des psychologischen Versuches unmittelbar zur genaueren Erforschung von Krankheitszuständen heranzuziehen.

Andererseits aber dürfen wir von der wissenschaftlichen Psychologie werthvolle Ergänzungen unserer Vorstellungen über die Entstehung des Irreseins erwarten.“

aus:

Emil Kraepelin, Psychiatrie, Ein Lehrbuch für Studierende und Aerzte, Sechste Auflage (1899), I. Band. Allgemeine Psychiatrie, Mit einer Einführung von Paul Hoff, Seite 6 – 7,  Nachdruck, Arts & Boeve Verlang, Niederlande, ISBN 90 75341 16 4

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Anmerkung zum Zitat:

Aus dem Zitat ist ersichtlich, dass Emil Kraepelin den Unterschied zwischen den Erkenntnisobjekten zwar bemerkt hat, sich des großen Unterschieds jedoch nicht bewusst war (vgl. mit Kant Zitat 7). Emil Kraepelin hat offenbar nicht realisiert, dass psychische Erscheinungen bzw. psychische Phänomene nur auf der Grundlage von Ideen erkannt werden können, und nicht, so wie körperliche Dinge bzw. wie physiologische Dinge auf der Grundlage von körperlichen Fakten. Mit anderen Worten Emil Kraepelin hat offenbar den großen Unterschied zwischen den Begriffen der Ideen die nicht auf ein Objekt/Faktum zurückgeführt werden können und den Begriffen durch die körperliche Objekte erfasst werden in seinen Überlegungen nicht berücksichtigt (vgl. mit Kant Zitat 7).

Mit anderen Worten: er hat den großen Unterschied zwischen einer faktischen Einheit und einer systematischen Einheit nicht realisiert.*

Dies hat ihn offenbar dazu veranlasst, davon auszugehen, dass es gesetzmäßige Beziehungen zwischen den psychischen Erscheinungsformen und den körperlichen Vorgängen gibt, die man auf den Grundlagen des naturwissenschaftlichen Verständnisses (vgl. mit Kraepelin Zitat 2) wissenschaftlich erforschen und allgemein gültig, das heißt objektiv gültig erkennen und objektiv gültig bestimmen kann. Gerade das ist aber wegen des großen Unterschieds zwischen den Erkenntnisobjekten nicht möglich.

Im Gegensatz zu Emil Kraepelin hat Karl Jaspers den großen Unterschied zwischen den Erkenntnisobjekten richtig erkannt, und er hat auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant aufgezeigt, dass die Erkenntnisse in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) nur auf Grundlage von Ideen unter Führung von Ideen durch das Schema der Idee angenähert erkannt werden können. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Emil Kraepelin hat sich also getäuscht, als er geglaubt hat, dass man eine Physiologie der Seele finden wird und man die Psyche in einfachere Bestandtheile zerlegen kann und aus dieser Zergliederung  Schlussfolgerungen für die krankhaften Störungen gewinnen kann. Gerade eine solche Zergliederung der Psyche in „einfachere“ Bestandteile, wie bei den Objekten bzw. wie in Physiologie ist in der Psychologie und auch in der Psychopathologie grundsätzlich nicht möglich, weil hier eine diagnostische Einheit nur durch eine systematische Einheit (vgl. mit Kant Zitat 7) erkannt werden kann.

Man kann auch sagen: weil eine psychiatrische Idee so wie eine psychologische Idee (vgl. mit Kant Zitat 4) eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant ist, kann man eine solche Idee nicht physisch bzw. nicht biologisch begründet bestimmen. Und es hat sich daher die Biologische Psychiatrie seit langem vergeblich bemüht gewisse psychische Störungen und damit gewisse psychiatrische Diagnosen, etwa eine psychische Störung vom Typ einer Schizophrenie oder ADHS biologisch begründet zu bestimmen.

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Weiteres* zum Unterschied der Erkenntnisobjekte und deren Auswirkungen auf das Wissen in der Heilkunde in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

 

(letzte Änderung 09.12.2019, abgelegt unter: Diagnostik, Gesundheit, Gutachten, Krankheit / gesundheitliche Störung,  Medizin, Nervensystem, Physiologie, Psyche, psychische Störung, Psychopathologie, Wissenschaft, Zitate, Forensische Psychiatrie)

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