Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

wahrscheinliche Diagnose

Die wahrscheinliche Diagnose ist die am ehesten zutreffende Diagnose. In der Medizin kommt es häufig vor, dass man nicht mit Sicherheit sagen kann welche Diagnose zutreffend ist. Daher spricht man von der wahrscheinlichen Diagnose bzw. von der wahrscheinlichsten Diagnose, im Vergleich zu anderen, weniger wahrscheinlichen Diagnosen, die man als Differenzialdiagnosen bezeichnet.

Beim medizinischen Diagnostizieren ist es so, dass man zuerst vielfach zu einer Verdachtsdiagnose gelangt, die vorerst die wahrscheinlichste Diagnose ist. Wenn sich im Weiteren herausstellt, dass diese Diagnose die tatsächich zutreffende Diagnose ist, und diese Diagnose durch den Nachweis von objektiven Befunden allgemein gültig bestimmt werden kann, dann hat man die absolut zutreffende Diagnose gefunden. Dies ist zum Beispiel bei den körperlichen Diagnosen: Herzinfarkt, Lungenentzündung, Leucämie, Knochenbruch, und vielen anderen medizinischen Diagnosen der Fall. 

Wenn eine medizinische Diagnose jedoch nur auf der Grundlage von Symptomen und auf der Grundlage von nicht objektivierbaren Phänomenen festgestellt wird, dann kann man im Zweifelsfall nicht allgemein gültig entscheiden welche Diagnose bzw. welche Differenzialdiagnose zutreffend ist. In einem solchen Fall kann man nicht allgemein gültig entscheiden welche diagnostische Einheit die zutreffende Einheit ist, weil in einem solchen Fall nur auf der Ebene der Vorstellungen, also nur auf der Ebene der Ideen entscheiden kann welche Diagnose die wahrscheinliche Diagnose ist. In einem solchen Fall kann man nicht auf der Ebene der körperlichen Fakten objektiv gültig entscheiden welche diagnostische Einheit zutreffend ist.

Das heißt, in einem solchen Fall wird durch die Anwendung von verschiedenen Ideen, sprich durch die Anwendung von verschiedenen Konzepten entschieden, welches Konzept das zutreffendste ist. Dies ist z.B. bei den Diagnosen: Fibromyalgie, vegetative Dystonie, Somatoforme Schmerzstörung, bei der Diagnose Migräne, bei einem untypischen Kopfschmerz und bei vielen anderen funktionellen Diagnosen bzw. bei den syndromalen Diagnosen in der Medizin der Fall.

In der Psychiatrie kann man im Zweifelsfall ebenfalls nicht objektiv gültig entscheiden, welcher psychiatrischen Diagnose man eine psychische Störung zuordnen soll. Dies ist insbesondere dann der Fall wenn das klinische Erscheinungsbild untypisch ist.

Immer wenn man nur auf der Ebene der Vorstellungen (Ideen) entscheiden kann, ob eine Symptomenkomplex zutreffend ist, kann man nicht allgemein gültig entschieden welche Diagnose zutreffend ist.

Bei allen nicht-objektivierbaren Diagnosen handelt es sich um systematische Einheiten, die nur auf der Ebene der Ideen (Vorstellungen) erfasst werden können (vgl. mit Kant Zitat 7). Alle diese Diagnosen werden auf der Grundlage eines nicht objektivierbaren Symptomenkomplexes festgestellt.

Bei all diesen funktionellen Diagnosen kann man, je nach dem klinischen Erscheinungsbild eine mehr oder weniger wahrscheinliche Diagnose angeben. Die diagnostische Erkenntnis ist einem solchen Fall eine relative Erkenntnis. Man vergleicht auf der Ebene der Ideen in welchem Ausmaß die erlangte Idee mit dem Ideal übereinstimmt, mit dem sie verglichen wird. In diesem Sinn kann man dann eine relativ wahrscheinliche Diagnose gegenüber einer relativ weniger wahrscheinlichen Diagnose angeben.

In der Neurologie kann man oftmals nur eine wahrscheinliche Diagnose angeben. Es ist in der Neurologie also oftmals nicht möglich allgemein gültig zu entscheiden welche Diagnose zutreffend ist. Man gelangt auf der Grundlage eines momentan feststellbaren Symptomenkomplexes zu einer gewissen Verdachtsdiagnose und eventuell zu weiteren Differenzialdiagnosen. Trotz des Vorliegens von körperlichen bzw. physischen Befunden ist man jedoch viefach nicht in der Lage zu entscheiden welche Ursache die neurologische Störung verursacht hat. Man kann in einem solchen Fall also nur eine vorläufig wahrscheinliche Verdachtsdiagnose im Vergleich zu anderen weniger wahrscheinlichen Dífferenzialdiagnosen angeben.

Beim Auftreten eines neurologischen Symptomenkomplexes kann man alos oftmals am Anfang trotz der Erhebung von Zusatzbefunden nicht klar erkennen und allgemein gültig bestimmen, was die Ursache der neurologischen Störung ist. Erst im weiteren Verlauf stellt sich dann in vielen Fällen heraus welche Ursache die wahrscheinliche Ursache ist – und kann man damit in diesem Stadium angeben welche Diagnose die wahrscheinliche Diagnose ist, und welche Differenzialdiagnose die unwahrscheinlichere ist. Der Verlauf spielt also bei neurologischen Störungen oftmals eine entscheidende Rolle in der Diagnostik. Dies ist für die Neurochirurgie von großer Bedeutung. Man kann bei neurologischen Störungen oftmals am Anfang keine klare Indikation für eine neurochirurgische Intervention angeben, und sollte man in einem solchen Fall auch keine Indikation aussprechen. Man sollte also tunlichst vermeiden sich vorschnell zu entscheiden, außer es besteht „Gefahr im Verzug“ bzw. es besteht eine vitale Bedrohung und damit eine „vitale Indikation„. In vielen Fällen ist es in der Neurologie bzw. in der Neurochirurgie empfehlenswert den weiteren Verlauf abzuwarten, um damit weitere Befunde zu erlangen. Aus diesen Befunden bzw. aus der weiteren Entwicklung des klinischen Erscheinungsbildes kann man dann oftmals erkennen was die wahrscheinliche Ursache ist, bzw. was die unwahrscheinliche Ursache ist. Damit kann eine eventuell angenommene Indikation überprüft werden, ohne, dass die Person ein unnötiges Risiko eingeht und können weitreichende nachteilige Konsequenzen damit in vielen Fällen vermieden werden.

Man kann also z.B. bei der Frage, ob ein sichtbares Meningeom die Ursache eines Kopfschmerzes ist, oder bei der Frage, ob ein Aneurysma die Kopfschmerzen verursacht, oder, ob sonst eine intrakranielle Auffälligkeit einen Kopfschmerz verursacht, etwa ein Hypophysenadenom oder ein Zyste, oder ob ein sogenannter Normaldruckhydrozephlus besteht, oder ein Hydrozephlus e vacuo besteht weitere Schlussfolgerungen aus dem Verlauf ableiten. In der Regel hat man dazu genügend Zeit, und gibt es keine Dringlichkeit vorschnell invasiv zu handeln. Tatsächlich kann man nämlich aus einem objektiven Befund, wie er etwa im Rahmen der Bildgebung mittels CCT (Computertomographie) oder MRT (Magnetresonanztomographie) erhoben werden kann, nicht erkennen, ob eine Auffälligkeit die Ursache des klinischen Symptomenkomplexes ist. Eine solche Auffälligkeit kann die Ursache sein, es muß aber nicht die Ursache sein. Daher sollte man nach Möglichkeit den weiteren Verlauf nützen, um sich weitere Klarheit zu verschaffen. In vielen Fällen kann damit eine sehr konsequenzenreiche neurochirurgische Intervention vermieden werden.

Was zuvor am Beispiel der Neurologie bzw. Neurochirurgie dargestellt worden ist gilt grundsätzlich auch für alle andere nicht objektivierbaren Diagnosen. Dies gilt für die anderen nicht-objektivierbaren Diagnosen in der Medizin in den verschiedenen Disziplinen (Innere Medizin, Rheumatologie, Orthopädie, Urologie, Gynäkologie, Dermatologie, usf.) also sowohl für die nicht-objektivierbaren Diagnosen in der Schulmedizin.

Dies gilt auch für alle nicht-objektivierbaren Diagnosen in der Alternativmedizin (Homöopathie, Osteopathie, Akkupunktur, Neuraltherapie, sowie für sonstige diverse Naturheilverfahren, Körpertherapieverfahren, Entspannungsverfahren usf.) bei denen man die Diagnose auf der Grundlage eines Symptomenkomplexes festgestellt hat, in dem man den Sachverhalt durch die Anwendung einer gewissen Theorie aufgefasst hat.

Bei all diesen diagnostischen Einheiten in den verschiedenen medizinischen Gebieten und Disziplinen werden Befunde erhoben, die Anlaß zu den jeweiligen Diagnosen geben, wenn die entsprechenden Ideen angewandt werden. Keine diese Diagnosen kann jedoch allgemein gültig bestimmt werden, sondern können diese nur subjektiv gültig bestimmt werden. In all diesen Bereichen kann man nur eine wahrscheinliche Diagnose angeben. Eine Objektivierung einer solchen Diagnose im „hier und jetzt“ ist nicht möglich. (vgl. mit Kant Zitat 7)

 

(Beitrag in Arbeit, letztes update 14.11.2011)

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