Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

funktionelle Einheit

Eine funktionelle Einheit ist eine Einheit von der man denkt, dass es sie als scharf abgegrenzte Einheit gibt.

Es ist eine funktionelle Einheit also eine mental abgegrenzte Einheit, von der man sich vorstellt, dass sie gewissen Erscheinungen hervorbringt oder als Ursache eine gewisse Wirkung hat.

In diesem Sinn kann eine funktionelle Einheit in der Medizin z. B. eine Einheit sein, die als funktionelle Störung einen gewissen Symptomenkomplex hervorruft (Beispiel: Spannungskopfschmerz).

Oder es kann eine funktionelle Einheit eine Funktionseinheit sein, die eine gewisse Funktion bzw. eine gewisse Funktionalität leistet.  So kann etwa das Hormonsystem eine gewisse Funktion leisten, oder das Immunsystem eine andere. Oder eine Funktionseinheit, etwa eine Gruppe von Muskeln kann in der Anatomie eine gewisse Bewegungsfunktion leisten. Oder in Bezug auf die Durchblutung kann eine gewisse vaskuläre Einheit die Blutversorgung eines bestimmten Gewebebezirks leisten.

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist eine funktionelle Einheit die systematische Einheit der Idee durch die die Merkmale der Idee von der erkennenden Person geistig aufgefasst werden (vgl. mit Kant Zitat 7) um den Sachverhalt unter dem Begriff dieser Idee sich denken bzw. vorstellen zu können.

Falls man diese Einheit nicht physisch überprüfen kann, ist dies die systematische Einheit einer bloßen Idee (vgl. mit Kant Zitat 8). Es ist in diesem Fall die Einheit also die systematische Einheit der bloßen Idee, die als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese die Merkmale der Idee vermittelt durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man kann auch sagen: eine funktionelle Einheit ist eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit, die ein gewisses Geschehen leistet. Man stellt sich also vor, dass es diese nur problematisch zum Grund gelegte Einheit gibt, die dieses Geschehen bewirkt (vgl. mit Kant Zitat 8).

Man denkt als Betrachter also, dass es tatsächlich eine solche zu Grunde liegende scharf abgegrenzte Einheit gibt, die dieses Geschehen bewirkt. So etwa dass das Hormonsystem das als Funktionseinheit die hormonelle Steuerung leistet, oder dass der  Spannungskopfschmerz als Folge der zugrunde liegenden Ursache entsteht, weil man sich die Ursache des Geschehens nicht anders als unter dem Begriff dieser Idee als Einheit / Ursache denken bzw. vorstellen kann (vgl. mit Kant Zitat 8).

So denkt man sich in der Medizin und hier insbesondere in der Physiologie zum Beispiel, dass es eine scharf abgegrenzte Funktionseinheit im Sinne einer Natureinheit gibt, die man als Hormonsystem bezeichnet, das eine gewisse Leistung in Bezug auf die hormonelle Steuerung und Regelung des Stoffwechsels hervorbringt. Oder man stellt sich in der Neurologie vor, dass es ein Vegetatives Nervensystem gibt, das gegenüber dem übrigen Nervensystem (dem willkürlichen Nervensystem) als abgegrenzte Einheit existiert und gewisse Leistungen hervorbringt.

In Tat und Wahrheit gibt es aber auf der Ebene der körperlichen Funktion, z.B. im Fall der neuronalen Funktion des zentralen Nervensystems keine scharf abgegrenzte physische Einheit im Sinne einer abgegrenzten neuronalen Einheit, die mit einer gewissen Funktionseinheit, etwa der des Hörens, des Sehens, der körperlichen Empfindung, der eines Schmerzes, oder in psychisch-geistiger Hinsicht der Einheit des Denkens, des Fühlens, des Gedächtnisses, der Einheit der Kognition usf., oder in sonstiger körperlicher Hinsicht etwa der Einheit der Sensibilität, der Einheit der Motorik, der extrapyramidalen Funktion, der Einheit des Appetits, der Einheit, die man als Durst bzw. Durstzentrum bezeichnet, der sexuellen Empfindung usf., anatomisch / histologisch scharf korrespondiert.

Immer ist eine solche Einheit eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit und daher eine funktionelle Einheit im beschriebenen Sinn, nämlich dass auf der Ebene der Vorstellungen bzw. auf der Ebene der Ideen diese Einheit in der Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint, wenn diese die Merkmale der Idee (vermittelt) durch das Schema der Idee durch die systematische Einheit (der Idee) geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es ist eine funktionelle Einheit also eine hypothetische Einheit und somit eine projektierte Einheit oder man kann auch sagen eine zweckmäßige Einheit im Sinne von Immanuel Kant (vgl. mit Kant Zitat 5), von der man denkt, dass es sie als scharf abgegrenzte Einheit gibt, ohne, dass man auf der körperlichen Ebene etwa auf der Ebene des Organismus oder hier bei Teilsystemen des Nervensystems eine solche scharfe Grenze, etwa in der Form eines scharf abgegrenzten Bezirks mit scharf abgegrenzter neuronaler Aktivität finden kann. Daher kann man z.B. mit der Methode der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) keine anatomisch ausgebildete scharfe Grenze finden, die mit den oben erwähnten Funktionseinheiten, die hier funktionelle Einheiten sind (etwa des Hörens, des Sehens usf.) korrespondieren, sondern kann man mit dieser bildgebenden Methode nur feststellen, dass gewisse Bereiche, etwa in Fall der Funktion des Hörens oder des Sehens besonders aktiv sind bzw. dass beim Fehlen von gewissen Gehirnbereichen die jeweilige Funktion eingeschränkt oder beeinträchtigt ist.

Man erkennt damit, dass eine Funktionseinheit im Sinne einer funktionellen Einheit also eine zweckmäßige Einheit (vgl. mit Kant Zitat 3a) im Sinne von Immanuel Kant ist, weil man durch diesen Begriff sich vorstellen kann, was für einen Nutzen und damit was für einen Zweck diese Einheit hat und was für ein Geschehen sie leistet.

Weitere Erläuterungen zu unterschiedlichen funktionellen Einheiten etwa im Sinne von Funktionseinheiten:

In der Medizin ist eine funktionelle Einheit eine Einheit, die eine gewisse körperliche Funktion  leistet.

Zum Beispiel leistet das Immunsystem als Funktionseinheit bzw. hier erkenntnistheoretisch betrachtet als funktionelle Einheit die Immunabwehr ohne dass man genau sagen könnte, wo etwa histologisch betrachtet diese Einheit genau anfängt, was genau anatomisch / histologisch betrachtet dazu gehört und was nicht dazu gehört (wenngleich man natürlich herausgefunden hat dass gewisse Organe und Organbereiche wesentliche Bestandteile des Immunsystems sind, so z. B. auch der sogenannte Blinddarm (Appendix)).

Oder es leistet das Hormonsystem als funktionelle Einheit bzw. als Funktionseinheit eine gewisse Leistungen im Stoffwechsel, wobei man sich vorstellt, dass dies eine abgegrenzte Einheit ist. Dabei kann man auch hier nicht wirklich genau sagen, wo das Hormonsystem anfängt und wo es aufhört, wenn man etwa an das Gehirn denkt, insofern hier ein Bereich des zentralen Nervensystems oberhalb der Hypophyse, nämlich der Hypothalamus für das Hormonsystem wesentlich ist.

Die Definition der funktionellen Einheit ergibt sich somit aus der Funktion. Es wird die funktionelle Einheit also durch die Funktion definiert bzw. durch die Funktion in Bezug auf die Leistung bzw. das Geschehen bestimmt und nicht durch die Anatomie, wenngleich die Funktion natürlich gewissen Organen bzw. Organbereichen mehr oder weniger scharf abgrenzbar zuordenbar ist.

Dies ist auch auf andere Funktionseinheiten des zentralen Nervensystems zutreffend, insofern hier gewisse funktionelle Einheiten mehr oder weniger scharf abgrenzbar gewissen Gehirnbereichen zuordenbar sind. Gewisse Kerngebiete bilden in Verbindung mit gewissen Bahnen mehr oder weniger scharf abgegrenzte Bereiche die gewisse Funktionen im Sinne von unterschiedlichen Funktionseinheiten leisten.

Oder im Bereich des Kortex bilden die unterschiedlichen Schichten in umschriebenen Bezirken gewisse funktionelle Einheiten. Der Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow spricht davon, dass die Informationen, wie sie über die Sinnesorgane aufgenommen werden durch Analysatoren „zerlegt“ werden. Im Kortex werden die Informationen durch solche Analysatoren also zergliedert  (vgl. mit Pawlow Zitat). Diese Sichtweise ist tatsächlich ein interessantes Konzept durch das man verstehen kann, wie das Kontinuum der Informationen „zergliedert“ bzw. analysiert wird und sich daraus ein gewisser Sinn infolge der erlangten Begriffe ergibt.

Auf diese Art und Weise „zergliedern“ nicht nur die Menschen die einlangenden Informationen mit Hilfe der Sinnesorgane und durch das zentrale Nervensystem, sondern es analysieren auch die Tiere, jeweils gemäß ihrer Art die einlangenden Informationen auf eine spezifische Art und Weise. Auf der einen Seite leistet das Nervensystem in Verbindung mit den  Sinnesorganen eine „Analyse“ und auf der anderen Seite auch eine „Synthese„. Man kann also sagen, dass es neuronale Einheiten gibt, die gewissen funktionellen Einheiten entsprechen, und die als Funktionseinheiten gewisse neuronale Muster hervorbringen. Aber eben auf der Ebene der Bildgebung etwa der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) kann man keine anatomisch scharf abgegrenzten Einheiten finden – was irgendwie einleuchtend ist – wenn man bedenkt, dass die neuronale Funktion eine dynamische Funktion ist – man hier wenn man den Begriff der Einheit verwendet es mit dynamischen Einheiten zu tun hat.

In der Neurologie kennt man z.B. die Funktionseinheit im Sinn der hier vorgestellten funktionellen Einheit des „pyramidal motorischen Systems“, oder die funktionelle Einheit, die als das „extra-pyramidal motorische System“ bezeichnet wird. Oder man kann das „Sensible System“ und hier wiederum die unterschiedlichen Bereiche des Sensiblen Systems, die für die verschiedenen Körperregionen zuständig sind, etwa für die rechte Hand, die linke Hand, den Unterarm rechts usf., oder das System das für das Hören zuständig ist, oder das System, das für das Sehen der rechten oder der linken Gesichtshälfte zuständig ist, beschreiben. All diese Systeme im Nervensystem sind mehr oder weniger scharf abgrenzbar gewissen Gehirnregionen zuordenbar, eine scharfe anatomische Grenze kann man jedoch auf der Ebene des Gehirns nicht finden und daher nicht angeben.

All diese funktionellen Einheiten bzw. Funktionseinheiten sind primär durch die Funktion definiert, und nur sekundär kann man diesen Einheiten bzw. diesen Systemen auch anatomische Bereiche mehr oder weniger genau und damit mehr oder weniger scharf abgegrenzt zuordnen. Im zentralen Nervensystem kann man z.B. nicht genau sagen wo das „extra-pyramidal motorische System“ endet und wo das „pyramidal motorische System“ anfängt sondern man kann nur schwerpunktmäßig Bereiche des zentralen Nervensystems diesen Funktionen zuordnen.

Aus anatomisch oder histologischer Sicht gibt es also Überlappungen in dem Sinne, dass gewisse Bereiche des Gehirns sowohl dem einen System, wie auch dem anderen System zuordenbar sind.

Genauso wenig kann man anatomisch angeben, wo die Gehirnregionen enden, die für das Denken zuständig sind und diejenigen anfangen, die für das Fühlen zuständig sind. Und es gibt auch keine scharfe anatomische Grenze zwischen dem Vegetativen Nervensystem und dem übrigen zentralen Nervensystem.

In der Psychiatrie ist eine funktionelle Einheit eine abgegrenzte Einheit von der man denkt, dass sie für eine gewisse Form einer psychischen Störung zuständig ist. So denkt man sich etwa, dass es eine zu Grunde liegende Einheit im Sinne einer Natureinheit gibt, die einen depressiven Symptomenkomplex hervorruft. In diesem Sinn kann man sagen, dass eine Depression eine Funktionseinheit bzw. eine hier vorgestellte funktionelle Einheit ist. Analog kann man auch sagen, dass die diagnostische Einheit Schizophrenie eine funktionelle Einheit ist, insofern sich ein Psychiater vorstellt, dass es eine abgegrenzte Natureinheit im Sinne einer Krankheitseinheit gibt, die den typischen psychischen Symptomenkomplex hervorruft, den man als Schizophrenie bezeichnet. In der Psychiatrie können auf diese Art und Weise diverse psychische Störungen als Folge von zu Grunde liegenden, abgegrenzten funktionellen Einheiten bzw. Funktionsstörungen verstanden werden, so etwa auch ein ADHS, insofern man sich vorstellt bzw. denkt, dass diese Funktionsstörung sich wieder zurückbilden kann und in vielen Fällen auch sich wirklich zurückbildet und in die normale Funktion übergeht, was bei verschiedenen psychischen Störungen der Fall ist bei anderen aber – wie sich aus dem klinischen Verlauf zeigt – dies nicht zutreffend ist und ein Residualzustand zurückbleibt.

Es kann also in gewissen Fällen eine Rückbildung des klinischen Erscheinungsbildes der Psychose beobachtet werden, in anderen Fällen ist dies nicht oder nur teilweise zu beobachten.

In diesem Sinn sind also viele psychiatrische Diagnosen funktionelle Diagnosenweil sie biologisch betrachtet eine biologische Funktionsstörung im Moment und psychopathologisch betrachtet eine psychische Funktionsstörung zur selben Zeit erfassen.

Erkenntnistheoretisch betrachtet bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich bei einer funktionellen Einheit um eine Einheit die durch den Begriff der Idee erfasst wird. Es ist dies also eine systematische Einheit, die im Bewusstsein der erkennenden Person als der Begriff der Idee erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). Man kann auch sagen: es handelt sich hierbei um ein regulatives Prinzip durch das man den Sachverhalt auffassen, verstehen und erklären kann.

Wenn man alle Funktionseinheiten betrachtet, die es gibt. Also auch die Funktionseinheiten in der Technik, etwa die in einem Heizungssystem, oder in einem Kühlsystem, oder in einen Stromgenerator, oder eine elektronische Einheit eines elektronischen Systems (etwa ein Element auf einer Platine, oder eine Platine in einer Anlage), dann findet man, dass man eine solche Einheit unter Umständen physisch scharf abgegrenzt ist und von dieser eine gewisse Funktion geleistet wird, oder man findet auch hier Einheiten, die nicht scharf physisch abgrenzbar sind, weil die physischen Teile mit anderen Teilen in Verbindung stehen, wie dies etwa auf einer Platine in einer elektronischen Anlage der Fall ist.

Es gibt also bei einem solchen Systemen unter Umständen eine Parallelität zwischen „Physis“ und „Funktion“. Gemäß der Faktenlage kann man bei einem solchen System bei einer lokalisierten Störung einen solchen Systemteils dieses Teil zur Gänze ersetzen und damit die Funktion wieder herstellen. Oder man wechselt die ganze Platine die eventuell auch noch andere Funktionen leistet um etwa eine gewisse Teilfunktion jedenfalls zu sanieren.

Andererseits findet man in anderen komplexen Systemen Sachverhalte, wo man eine funktionelle Einheit nicht in diesem Sinn „physisch“ genau beschreiben, abgrenzen und bestimmen kann.

Etwa in der Biologie, in der Medizin im menschlichen Organismus, in der funktionellen Bildgebung bei einer bildgebenden Einheit des zentralen Nervensystems und auch sonst in Bezug auf die neuronale Funktion findet man funktionelle Einheiten, die man nicht im vorgenannten Sinn „physisch“ anatomisch genau begrenzen und genau beschreiben kann. Bei diesen Einheiten ist es zwar so, dass auch eine solche Einheit unter dem Begriff einer Einheit erfasst wird. Bei näherer Untersuchung findet man jedoch, dass es sich bei einer solchen Einheit um eine systematische Einheit handelt.

Eine solche Einheit „existiert“ also lediglich auf der Ebene der Vorstellungen bzw. in Bezug auf die Funktion als abgegrenzte Einheit, auf der Ebene der „physischen“ Objekte kann man jedoch keine genau mit dieser mental definierten Einheit korrespondierende Einheit in „physisch“ anatomischer Hinsicht finden und bestimmen, wie dies oben stehend bereits an verschiedenen Beispielen erläutert worden ist. Es handelt sich also bei einer solchen funktionellen Einheit um eine Einheit, die auf der Ebene des Denkens und Auffassens als Begriff als abgegrenzte Einheit „existiert“. Mit anderen Worten: man kann unter Umständen eine solche Einheit verschieden definieren, weil man auf der Ebene der „physischen“ Objekte nichts findet, was die Grenze einer solchen Einheit erkennen lässt. Man merkt lediglich wenn gewisse Gehirnbereiche fehlen, weil diese etwa durch einen krankhaften Prozess, oder durch einen Unfall zerstört worden sind, dass die zuvor geleistete Funktion nun nicht mehr geleistet wird, oder nur noch in eingeschränktem bzw. in beschränktem Umfang gleistet wird. Oder es fällt vielleicht die Funktion vorerst gänzlich aus, wie dies etwa nach einem größeren Gehirninfarkt primär der Fall ist und dass dann erst nach einer gewissen Zeit die Funktion, wenn auch in eingeschränkter Form, wieder zu nehmend eintritt bzw. sich manifestiert.

Bei einer solchen funktionellen Einheit handelt es sich also wie gesagt primär um eine ideologisch definierte Einheit, also um eine Einheit, die auf der Ebene der Ideen als abgegrenzte Einheit „existiert“ – und man kann demgemäß eine solche Einheit mehr oder weniger verschieden definieren. Es gibt also auch in Bezug auf die Funktion keine scharfe Grenze.

(Anmerkung: mit einem solchen Phänomen ist man auch in der psychiatrischen Diagnostik befasst wo bekanntlich die psychischen Phänomene und damit die psychischen Symptomenkomplexe deswegen durch verschiedene psychiatrische Klassifikationen – infolge der unterschiedlichen diagnostischen Gesichtspunkte unterschiedlich erfasst werden können und diese daher nebeneinander entstanden sind und nebeneinander existieren, so etwa die DSM Klassifikation neben der psychiatrischen ICD Klassifikation.)

Zergliederung einer funktionellen Einheit unter verschiedenen Gesichtspunkten

Man kann funktionelle Einheiten unter verschiedenen Gesichtspunkten zergliedern.

Man kann z.B. die funktionelle Einheit, die das Sprechen leistet ist in die motorische Sprechfunktion zergliedern und in die Sprachverständnisfunktion, ohne dass man jedoch genau sagen kann wo der eine Bereich anfängt und der andere aufhört.

Man bemerkt damit, dass man insbesondere in der Neurologie ständig über solche Begriffe bzw. über solche Funktionseinheiten, die systematische Einheiten sind, die neurologischen Funktionen bzw. Inhalte fachlich sprachlich kommuniziert und man auf der Grundlage von solchen Begriffen, etwa einen neurologischen Befund beschreibt, wie er sich etwa nachfolgend an einen Hirninfarkt entwickelt hat und wie sich dieser im Lauf der Rehabilitation bzw. der Abheilung wieder mehr oder weniger zurückgebildet bzw. verändert hat.

Aus erkenntnistheoretischer Sicht betrachtet handelt es sich also auch in der Neurologie, so wie auch in der Psychiatrie um funktionelle Einheiten.

Und man kann eine solche Einheit nur „denken“ wenn man der Einheit einen Begriff bzw. einen „Gegenstand“ auf der Ebene der Vorstellungen zuordnet (vgl. mit Kant Zitat 8). Es handelt sich dabei also um projektierte Einheiten bzw. um problematisch zum Grund gelegte Einheiten. (vgl. mit Kant Zitat 8). Und es sind in der Regel solche Einheiten zweckmäßige Einheiten – also nützliche Einheiten, die aus der Erfahrung heraus entstanden definiert worden sind.

In vielen Bereichen arbeiten und kommunizieren wir Informationen durch derartige abstrakte Begriffe, die sich auf funktionelle Einheiten beziehen, die systematische Einheiten im Sinne von Immanuel Kant sind. Diese Einheiten sind also nicht durch eine materielle Grenze definiert, sondern durch eine Grenze, die nur auf der Ebene der Vorstellungen als Grenze erscheint, weil der Begriff als Einheit gedacht wird. Daher kann man auf der Ebene der „physischen“ Objekte keine scharfe Grenze angeben und auch keine scharfe Grenze finden. Eine solche Einheit ist jenseits der „physis„, also „meta-physisch“ entstanden und definiert. Das heißt eine solche Einheit ist auf der Ebene der Ideen definiert und nicht auf der Ebene der „physischen“ Objekte – wenn gleich weitgehend physische Bereiche diesen funktionellen Einheiten in vielen Fällen zugeordnet werden können. Man kann aber niemals allein aus der „physis“ erkennen, was die Funktion einer solchen Einheit bei einem biologischen System  ist. Man kann etwa nicht – wenn man nicht die klinische Erfahrung hätte – sagen was ein gewisser Gehirnbereich leistet und  bewirkt. Nur umgekehrt aus der Erfahrung bzw. aus den Erfahrungen, die gewisse Defekte bewirkt haben, kann man „denkend“ rückwirkend schließen welche Funktion ein gewisser Bereich ausgeübt hat bzw. grundsätzlich etwa bei einer anderen Person ausüben kann. Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet handelt es sich also bei solchen Begriffen um regulative Begriffe.

Ärzte und insbesondere Wissenschaftler in der Gegenwart möchten den Begriff „Metaphysik“ aus ihrem Vokabular verbannen, weil ihm etwas unwissenschaftliches anhaftet oder angedichtet wird. Tatsächlich gründet sich jedoch die gesamte moderne Wissenschaft in der Medizin und insbesondere die psychiatrische Wissenschaft und hier wiederum insbesondere die Biologische Psychiatrie und die Systemischen Neurowissenschaften auf eine Unmenge von Theorien und Modelle, die sämtliche nur  „meta-physisch“ fundiert und nicht „physisch“ fundiert sind. Die Tatsache, dass die Wissenschaft sich nicht eingesteht, dass sie mit Ideen operiert, die nicht „physisch“  sondern „meta-physisch“ fundiert sind kann also nicht bewirken, dass man ohne Metaphysik in der medizinischen Wissenschaft und in der psychiatrischen Wissenschaft auskommt.

Das heißt man kann die „Metaphysik“ – auch wenn man es gerne wollte nicht überall durch die „Physik“ ersetzen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Ebene der Ideen überall durch die Ebene der Objekte ersetzen kann. Die ständig scheiternden Versuche gewisse Dinge zu objektivieren zeugen davon, dass die Wissenschaft hier Unmögliches versucht.

Mit anderen Worten: die Wissenschaft der Gegenwart bemüht sich in verschiedenen Bereichen vergeblich empirisch physisch fundiert objektives Wissen zu erlangen, wo wegen der andersartigen Erkenntnisbasis niemals objektives Wissen erlangt werden kann. Es helfen hier also weder Metaanalysen noch Revisionen der psychiatrischen Klassifikationen weiter um diese diagnostischen Probleme der Psychiatrie zu lösen. (vgl. mit Kant Zitat 22)

Wenn man versucht Erkenntnisse zu objektivieren, die grundsätzlich nicht objektivierbar sind dann führt dies zu keinem fruchtbaren Ergebnis. Wenn man so denkt, dann täuscht man sich (vgl. mit Kant Zitat 10), dann hat man die Grundlagen der Erkenntnis noch nicht richtig verstanden und und als Folge davon wird die Erkenntnisbasis nicht berücksichtigt. Eine solche Person, insbesondere ein solcher in der Forschung tätiger Wissenschafter muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er noch nicht im Sinne der Aufklärung aufgeklärt ist.

Im Ergebnis führt die Grundlage der Erkenntnis in vielen Bereichen dazu, dass man in diesen Bereichen kein exaktes Wissen erlangen kann, sondern nur beschränktes Wissen bzw. nur angenähertes Wissen – wie dies Karl Jaspers in Bezug auf das Erkennen der psychischen Erscheinungen beschrieben hat. (vgl. mit Jaspers Zitat). Es handelt sich dabei also um ein Wissen, wie es sich aus Ideen ergibt, die aus der Erfahrung abgeleitet worden sind, die jedoch nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Immauel Kant hat aufgezeigt, dass es sich bei  Erkenntnissen, die auf der Grundlage von Ideen erlangt werden immer um beschränktes Wissen handelt (vgl. mit Kant Zitat 3a) – soweit diese nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden können. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Schon John Locke und David Hume haben erkannt, dass ein Teil unserer empirischen Erkenntnisse nicht überprüfbar ist – und es spricht daher David Hume von „komplexen Ideen“ (complex ideas) (vgl. mit David Hume Zitat) und John Locke von empirischen Erkenntnissen, die aus den „internen Operationen des Geistes“ (internal operations of our mind) hervorgehen. (vgl. mit John Locke Zitat).

Immer wenn man mit Begriffen arbeitet, die aus der Erfahrung abgeleitet worden sind und die man nicht auf der Grundlage eines Objekts überprüfen kann, sollte  man daher beachten, dass es sich dabei um abgeleitetes Wissen handelt und nicht um Wissen das direkt „physisch“ fundiert und „physisch“ überprüfbar und „physisch“ beweisbar ist. Manchmal kann man allerdings solches Wissen durch physische Befunde erklären, aber die Funktionalität kann man allein auf der Grundlage der Kenntnis des „physischen“ Befundes nicht beweisen. Man kann nämlich allein aus der Kenntnis eines solchen physischen Befundes noch nicht wissen wie es um die Funktion steht (siehe dazu die unten nachfolgenden Diskussionen zu den einzelnen Bereichen),

Das heißt das Wissen um diese Dinge ist aus der Erfahrung abgeleitet worden und es handelt sich dabei nicht um faktisches Wissen das im „Hier und Jetzt“ „physisch“ objektiv gültig überprüft und bewiesen werden kann. Es ist solches Wissen durchaus in einer gewissen Hinsicht fundiert – aber es ist nicht absolut gewiss. Daher kann man im Zweifelsfall solche Dinge  nicht im „Hier und Jetzt“ allgemein gültig überprüfen und allgemein gültig beweisen. Das heißt man kann im „Hier und Jetzt“ keine Objekte demonstrieren und auf der Grundlage dieser Objekte beweisen, dass etwas genau „so“ oder „so“ ist. Es handelt sich dabei also um relatives Wissen das in Bezug auf gewisse Ideen erlangt worden ist. Tatsächlich kann man in der Medizin und vor allem in der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) und in vielen anderen Bereichen nur derart relativ gültiges Wissen erlangen, das von abgeleiteten Ideen stammt.

Diese Beschränkung im Wissen sollte man in der Praxis, in der Lehre und auch in der Wissenschaft berücksichtigtigen um der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber die Grenzen zu überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als leerer Raum ist.“ (vgl. mit Kant Zitat 2)

Wenn diese Beschränkung im Wissen nicht beachtet wird dann wird man durch einen glänzenden aber trüglichen Schein, Überredung und eingebildetes Wissen, hiermit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten hervorbringen.“ (vgl. mit Kant Zitat 3)

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Nachfolgend werden funktionelle Einheiten – in Relation zu morphologischen Einheiten bzw. physischen Einheiten diskutiert:

Neurologische funktionelle Einheit –  morphologische Einheit bzw. morphologische Befund:

Wenn man einen morphologischen Befund in der Bildgebung (CCT-Bild) nach einem Insult findet, dann kann man allein aus diesem Bild, bzw. aus diesem Befund ohne die Kenntnis der Klinik nicht wissen in welchem Umfang es zu einem Ausfall der Funktion gekommen ist. (Weiteres dazu in diesem Beitrag)

Befund in der funktionellen Bildgebung – psychische Funktion

Wenn man im Rahmen der Funktionellen Bildgebung das Abbild der neuronalen Funktion durch die Messung der Aktivität der Nervenzellen in verschiedenen Gehirnbereichen darstellt, dann kann man allein auf der Grundlage eines solchen Bildes bzw. auf der Grundlage eines solchen Befundes nicht wissen um was für ein psychisches Phänomen es sich handelt. Man kann also allein aus einem solchen Bild nicht erkennen, was die Person subjektiv erlebt, ob die Person etwas im Rahmen der Normalpsychologie erlebt, also ein normales psychisches Phänomen, oder ob das psychische Phänomen bereits als pathologisch zu bewerten ist. Überhaupt kann man, die in der funktionellen Bildgebung beschriebenen funktionellen Einheiten nicht näher definieren und allgemein gültig bestimmen. Man kann höchstens sagen, dass dieser oder jener Bereich des Gehirns als Folge der Messungen, wie sie durch die funktionelle Bildgebung durchgeführt worden sind, in diesem oder in jenem Ausmaß aktiv war. Wie es jedoch um die Relation zwischen dem psychischen Phänomen und dem neuronalen Substrat steht, das kann man aus dem „physischen“ Befund nicht erkennen. Man mag also den „physischen“ Befund exakt „physisch“ gemessen haben – aber mit welchem psychischen Phänomen dieser „physische“ Befund bei diesem speziellen Individuum korreliert, das kann man auf der Grundlage dieses gemessenen Befundes nicht wissen. Weil „bildlich“ gesprochen zwischen dem psychischen Phänomen auf der einen Seite und dem „physischen“ Befund auf der anderen Seite –  wie er durch das Abbild der neuronalen Funktion repräsentiert wird – der individuelle mentale Prozess des Individuums „gelegen“ ist – es liegt dazwischen also das, was John Locke als die „internen Operationen unseres Geistes“ bezeichnet (vgl. mit John Locke Zitat).

Nachdem man also weder die „software“ des Individuums, und auch nicht die „hard-ware“ des Individuums kennt – man also den exakten Aufbau des Nervensystems nicht kennt – und das Zusammenwirken der einzelnen Abschnitte nicht wirklich kennt – kann man über diese Relation eigentlich nichts verbindliches sagen. Vor allem kann man die „Psyche“ dadurch nicht „physisch“ „messen“ und objektiv gültig bestimmen. Sondern kann man höchstens manch einen psychischen Befund – den man phänomenologisch bereits festgestellt hat, dadurch erklären. (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Es gilt also was bereits Karl Jaspers gesagt hat:

“3. Die Idee der Krankheitseinheit läßt sich in irgendeinem einzelnen Fallniemals verwirklichen. Denn die Kenntnis des regelmäßigen Zusammentreffens gleicher Ursachen mit gleichen Erscheinungen, Verlauf, Ausgang und Hirnbefund setzt eine vollendete Kenntnis aller einzelnen Zusammenhänge voraus, eine Kenntnis, die in der unendlichen Zukunft liegt. Die Idee der Krankheitseinheit ist in Wahrheit eine Idee im Kantischen Sinne: der Begriff einer Aufgabe, deren Ziel zu erreichen unmöglich ist, da das Ziel in der Unendlichkeit liegt; die uns aber trotzdem die fruchtbare Forschungsrichtungweist und die ein wahrer Orientierungspunkt für empirische Einzelforschung bedeutet. Wir sollen unter allen Gesichtspunkten das Gesamtbild der psychischen Krankheiten erforschen und möglichst nach allen Seiten Zusammenhänge suchen. Dabei finden wir einerseits einzelne Zusammenhänge und andererseits gewisse, immer vorläufige Typen von Krankheitsbildern, die nicht scharf abgrenzbar, aber doch viel “natürlicher” sind als alle früheren einseitigen und konstruktiven Einteilungen. Die Idee der Krankheitseinheit ist keine erreichbare Aufgabe, aber der fruchtbarste Orientierungspunkt.” (vgl. mit Jaspers Zitat 6)

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(letzte Änderung 21.10.2019, abgelegt unter: Begriff, abgeleiteter Begriff, biologischer Begriff, medizinischer Begriff, neurologischer Begriff, psychiatrischer Begriff, regulativer Begriff, Diagnostik, Einheit, funktionelle Störung, Funktionsstörung, Konzept, Medizin, Nervensystem, Philosophie, Psyche, Psychiatrie, Wissenschaft)

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