Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Vegetatives Nervensystem (autonomes Nervensystem)

Das vegetative Nervensystem ist der Teil des Nervensystems der die  Funktion der Organe und Organsysteme im Organismus steuert und regelt.

Dabei wird das vegetative Nervensystem auch als autonomes Nervensystem bezeichnet, weil die neuronale Aktivität dieses Bereichs des Nervensystems weitgehend unabhängig vom Willen der Person entsteht – und daher autonom funktioniert.

Man kann auch sagen: das vegetative Nervensystem leistet die vegetative Funktion.

Es ist das vegetative Nervensystem also die Funktionseinheit von der man als Arzt/Biologe/Neurowissenschaftler sich vorstellt, dass es sie als scharf abgegrenzte Einheit gibt, die als biologische Natureinheit die neuronale Funktion leistet, die die einzelnen Organe und Organsysteme autonom steuert und regelt, so etwa die Sekretion der Drüsen des Magen-Darmtraktes steuert und regelt, oder die Aktivität der Tränendrüsen, die Durchblutung der Körperbereiche, die Atmung, die Peristaltik des Darmes usf.

Man kann auch sagen: weil in Bezug auf die Steuerung dieser Organe der Wille und damit die diesbezügliche neuronale Funktion nur wenig oder gar nichts bewirkt, wurde diese Funktionseinheit des Nervensystems als autonomes Nervensystem bezeichnet.

Weil man aus klinischer Erfahrung weiß, dass bezüglich diesen Funktionen die psychische Spannung im Sinn der nervlichen Anstrengung/Bemühung wenig bis gar nichts, oder jedenfalls nichts zum Vorteil bewirkt, kann man sagen, dass das vegetative Nervensystem die Funktion der inneren Organe weitgehend unabhängig vom Willen steuert und regelt.

Es ist das vegetative Nervensystem also die Natureinheit, von der man als Arzt oder als Wissenschaftler sich vorstellt, dass es diese abgegrenzte Einheit im Nervensystem tatsächlich gibt.

Somit ist das vegetative Nervensystem die Funktionseinheit, die weitgehend auf unwillkürliche Art und Weise die inneren Organe und Organsysteme und sonstige Körperfunktionen steuert und regelt.

Man kann auch sagen: das vegetative Nervensystem ist der Teilbereich des Nervensystems der die vegetative Funktion leistet.

Deswegen stellt man sich in der Physiologie/Neurophysiologie/Pathophysiologie und somit  in der Medizin mit den einzelnen Fachbereichen vor, dass es eine solche abgegrenzte Natureinheit im Sinn des vegetativen Nervensystems gibt, das diese unterschiedlichen vegetativen Funktionen leistet.

Somit kann man sagen: das vegetative Nervensystem ist ein weitgehend autonom tätiger Funktionsbereich des Nervensystems und es wird daher das vegetative Nervensystem als autonomes Nervensystem (engl. autonomic nervous system, ANS) bezeichnet, weil die vegetativen Funktionen weitgehend unabhängig vom Willen – also weitgehend autonom – funktionieren.

Da das vegetative Nervensystem vor allem die Inneren Organe, also die „Eingeweide“ nervös versorgt, wird es zum Teil auch als viszerales Nervensystem (VNS) (lat. viscus Eingeweide) bezeichnet.

Aus der Sicht der Anatomie betrachtet ist das vegetative Nervensystem vom übrigen Nervensystem nicht scharf abgrenzbar. Es handelt sich hier in der Physiologie bzw. in der Neurophysiologie (und in der Anatomie) nämlich um eine Funktionseinheit und nicht um eine anatomisch/physisch scharf abgegrenzte Einheit. Allerdings kann man anatomisch betrachtet sagen, dass ein großer Teil der Nervenzellen dieser Funktionseinheit in der basalen Region des Gehirns, im Hirnstamm und im Rückenmark gelegen sind, wenn gleich auch der Kortex wesentlich zur Funktion des vegetativen Nervensystems beiträgt. Untergeordnete periphere Anteile des vegetativen Nervensystems sind in verschiedenen peripheren also dezentralen Nervenknoten (Ganglien) des Körpers gelegen.

Aus der Sicht der Physiologie betrachtet regelt das vegetative Nervensystem die einzelnen vegetativen Funktionen.  Das vegetative Nervensystem regelt im Verbund mit Impulsen aus anderen Bereichen des Gehirns zum Beispiel den Aktivierungszustand des gesamten Nervensystems. Es wird dadurch also den Zustand der Wachheit und damit den Grad der Bewusstheit und schließlich das Bewusstsein der Person dadurch weitgehend bestimmt. Andererseits wird durch das vegetative Nervensystem in Verbund mit der Wirkung anderer Teile des zentralen Nervensystems das Müdigkeitsgefühl, der Drang zum Schlafen und schließlich das Eintreten des  Schlafs geregelt.

Weiters das Hungergefühl, der Appetit, das Durstgefühl, das Verlangen etwas essen oder trinken zu wollen, das Hitze- und Kälteempfinden, der Harndrang, die Darmaktivität (Peristaltik), die Herzaktivität (Pulsfrequenz/Herzrhythmus), den Blutdruck, die Atemfrequenz und Tiefe der Atmung, sonstige Aktivitäten der Organe. Auch das sexuelle Empfinden bzw. die sexuellen Triebe, all dies was mehr oder weniger bewusst und weniger bewusst erlebt, gespürt und empfunden wird und auch das was unwillkürlich und unbewusst abläuft, etwa die Tonisierung der Blutgefäße im Rahmen der Blutdruckregelung und vieles andere mehr wird vom vegetativen Nervensystem im Verbund mit anderen Organen und Organbereichen geleistet. Dabei wird das vegetative Nervensystem in seiner Funktion immer auch von anderen Bereichen des Nervensystems beeinflusst.

Neurophysiologisch betrachtet spielen sich den vegetativen Funktionen  wie bereits erwähnt vorwiegend in den basalen Hirnregionen, im Mittelhirn, im Hirnstammbereich und teils im Rückenmark ab, und es finden sich auch noch dezentrale Schaltstellen in diversen Nervenzellknotenpunkten in der Peripherie somit im peripheren Nervensystem. Dabei wird die neuronale Aktivitäten in der Form von neuronalen Mustern in den zentralen Zentren ständig auch von den höheren Gehirnzentren beeinflusst. Es hat also auch der Informationsfluss, wie er über die Sinnesorgane (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn bzw. den Berührungssinn) ins zentrale Nervensystem hereinkommt ständig einen modifizierenden Einfluss auf die vegetativen Funktionen. Man erkennt damit, dass eigentlich eine anatomische Lokalisierung bzw. eine anatomische Abgrenzung des vegetativen Nervensystems gegenüber dem sonstigen Nervensystem genau genommen nicht möglich ist, sondern besagt die Lokalisation auf die vorgenannten Regionen lediglich, dass sich dort vor allem die sogenannten vegetativen „Zentren“ befinden. Genau genommen umfasst das vegetative Nervensystem jedoch ständig das gesamte Nervensystem und es sind in den sogenannten „Zentren“ nur die zentrale Schaltstellen für die spezifischen vegetativen Funktionen gelegen.

Psychologisch betrachtet erzeugt bzw. regelt und beeinflusst das vegetative Nervensystem das Fühlen und damit die Gefühle, also wesentlich die Befindlichkeit, die Stimmung, die körperliche Empfindung usf.

Erkenntnistheoretisch betrachtet bzw. philosophisch betrachtet ist das vegetative Nervensystem die Vorstellung (Idee), dass es eine solche abgrenzte Einheit gibt, die gegenüber dem sonstigen zentralen Nervensystem sich unterscheiden lässt. Es handelt sich dabei also um eine Idee, die auf der Grundlage der Erfahrung entstanden ist (vgl. mit Kant Zitat 7), und zwar in dem Sinn, dass man unter dieser Idee bzw. unter dem Begriff  der Idee „vegetatives Nervensystem“ eine abgegrenzte und definierte Einheit versteht, die all die zuvor genannten Leistungen und Funktionen vollbringt. Es handelt sich damit also bei dieser Idee um eine Vorstellung, unter der all dasjenige aufgefasst wird, was sich auf die vorgenannten vegetativen Funktionen – die mehr oder weniger autonom ablaufen – bezieht, die jedoch ständig auch durch das bewusste und unbewusste Erleben mit-beeinflusst wird. Da diese Funktionseinheit sich also nicht auf einen scharf abgrenzten körperlichen Bereich bezieht, sie anatomisch also nicht mit einem tatsächlich abgrenzbaren Bezirk korreliert – sondern höchstens schwerpunktmäßig einem solchen zugeordnet werden kann – und daher auch nicht anatomisch als morphologische Einheit abgrenzbar ist (vgl. mit Kant Zitat 7) – ist diese Einheit eine zweckmäßige Einheit im Sinne von Immanuel Kant, die durch die systematische Einheit der Idee bzw. durch den Begriff der Idee erfasst wird. Und eben, weil man die physische Ausdehnung dieser Einheit nicht aufzeigen und beweisen kann – ist diese Idee eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant. Man kann daher auch sagen, dass das medizinische Konzept vegetatives Nervensystem ein regulatives Prinzip ist durch das man all die genannten Funktionen verstehen und rational begründet erklären kann.

Mit anderen Worten: man kann diese Einheit nicht physisch-anatomisch bestimmen, sondern man kann sie nur jenseits der „physis“ also nur meta-physisch denken und als begriffliche Einheit – somit als mentale Einheit- definieren. Daher findet man im Rahmen einer anatomischen oder physiologischen, oder sonstigen physischen Untersuchung nirgendwo eine „Grenze“ aus der man erkennen könnte, dass hier das vegetative Nervensystem im Sinn einer abgegrenzten Natureinheit anfängt und der sonstige Teil des Nervensystems aufhört. Nicht nur die Einheit „vegetatives Nervensystem“, sondern auch sonstige Funktionseinheiten/funktionelle Einheiten des Nervensystems, wie z.B. das extrapyramidal-motorische System, oder das sensible System und auch alle anderen Funktionssystem des Nervensystems sind solche zweckmäßige Einheiten, die in der Physiologie durch  systematische Einheiten erkannt werden, die lediglich auf der Ebene der Vorstellungen als jeweils abgegrenzte Einheiten – nämlich als Begriffe  „existieren“. Auf der Ebene der physischen Objekte, das heißt auf der histologischen Ebene, oder auf der anatomischen Ebene, oder auf der Ebene der physiologischen Funktion oder auf der Ebene der funktionellen Bildgebung, oder sonst auf einer physisch beschreibbaren oder physisch abbildbaren Ebene gibt es keine scharf abgegrenzte Einheit, die genau mit dieser ideologischen Einheit korreliert. Das heißt die Einheit mit ihren definierten Grenzen „existiert“ nur auf der Ebene der Vorstellungen als abgegrenzte Einheit und man findet auf der Ebene der physischen Objekte kein Pendant das genau einer solchen mentalen, definierten Einheit entspricht. Mit anderen Worten: man findet auf der Ebene der physischen Objekte keine Grenzen, die genau den mental definierten Grenzen entsprechen. Dies kommt daher weil ein mentales Erkenntisobjekt, wie z.B. die  Einheit vegetatives Nervensystem die systematische Einheit der Idee ist (vgl. mit Kant Zitat 7). Eine Idee ist jedoch an sich nicht bestimmbar (vgl. mit Kant Zitat 7). Philosophisch betrachtet ist eine Idee etwas ganz anderes als ein real existentes Objekt und kann daher nicht „physisch“ bestimmt werden – eben, weil es einen großen Unterschied zwischen den Erkenntisobjekten gibt (vgl. mit Kant Zitat 7). Oder man kann auch sagen: diese mental definierten Einheiten entstehen als Folge des menschlichen Denkens, als Folge der menschlichen Auffassung infolge der abgeleiteten Ideen, die man auf der Grundlage der klinischen Erfahrung und der Naturbeobachtung gemacht und infolge durch vernünftige Überlegung gebildet hat.

Um es also nochmals zu sagen: das vegetative Nervensystem ist der Teil des Nervensystems der die vorgenannten vegetativen Funktionen leistet, und es handelt sich daher bei dieser Einheit, die durch die Idee „vegetatives Nervensystem“ repräsentiert wird um eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 8) im Sinne von Immanuel Kant. Man kann daher diese Idee physisch nicht bestimmen man kann sie nur durch ein Konzept begreifen. Trotzdem ist diese Einheit eine sehr nützliche Einheit bzw. ist diese Idee eine sehr nützliche Idee, weil man unter dieser Idee bzw. unter dem Begriff dieser Idee die Vielfalt der Erscheinungen beschreiben, auffassen und systematisch studieren kann. All dies wäre nicht möglich wenn man diese Einheit nicht beschrieben und den Begriff nicht definiert hätte. Bei einer solchen Einheit die einen Zweck erfüllt (vgl. mit Kant Zitat 2a) handelt es sich also um eine Einheit mit deren Hilfe man der Natur nach allen möglichen Prinzipien der Einheit bis in ihr Innerstes nachgehen kann (vgl. mit Kant Zitat 2a) um Vielfalt der Erscheinungen systematisch – somit also auf einem System basierend – geistig zu erfassen und in weiterer Folge systematisch in der Wissenschaft zu studieren.

Man kann mit der Hilfe dieser Einheit all die vegetativen Funktionen studieren. All dies wäre nicht möglich wenn man dieses geistig definierte Gebilde nicht vom übrigen Nervensystem mental „abtrennen“ würde und man sich die Sache nicht dialektisch gegliedert in die Einheiten „Nervensystem“ – versus – „autonomes Nervensystem“ bzw. „vegetatives Nervensystem“ vorstellen würde. Man denkt sich also das übrige Nervensystem als den Teil des „Nervensystems“ der nicht autonom funktioniert und das „vegetative Nervensystem“ als den Teil des Nervensystems der weitgehend autonom funktioniert und der nur da und dort mehr oder weniger stark vom anderen Teil des „Nervensystems“ beeinflusst wird.

Man kann daher auch sagen: dass durch den Begriff des vegetativen Nervensystems die jeweiligen Symptomenkomplexe soweit sie sich auf die autonomen Funktionen beziehen systematisch verstanden, aufgefasst und erklärt werden können. In diesem Sinn ist der Begriff des vegetativen Nervensystems in der Medizin und auch in der Psychiatrie in vielerlei Hinsicht nützlich und wertvoll.

Weil es sich bei der Einheit „vegetatives Nervensystem“ um eine systematische Einheit handelt, ist der Begriff dieser Einheit ein regulativer Begriff. Tatsächlich „regelt“ nämlich dieser Begriff Inhalte gegenüber anderen Begriffsinhalten, insbesondere gegenüber anderen Begriffen, die sich auf das Nervensystem beziehen. Mit der Hilfe dieses Begriffs kann man nämlich die verschiedensten Dinge, die sich auf die vegetativen Funktionen und auch auf sonstigen Funktionen des Organismus beziehen (etwa auf das Immunsystem oder auf die des Hormonellen Systems) sinnvoll bedenken und auch sinnvoll sprachlich kommunizieren, wie dies im konkreten Fall in der Medizin in den einzelnen Fachdisziplinen und auch in der Psychiatrie von großer Bedeutung ist.

Man erkennt damit, dass die Abgrenzung des vegetativen Nervensystems vom übrigen Nervensystem sinnvoll ist und einen Nutzen mit sich bringt und es handelt sich daher dabei um eine zweckmäßige Einheit insofern man unterschiedlichen Phänomene, etwa wie sie bei diversen Funktionsstörungen der einzelnen Organe und Organsysteme im Sinn einer vegetative Dystonie bzw. im Sinn einer vegetativen Störung, etwa bei einer Migräne, vorkommen. Oder wie sie auch bei funktionellen Störungen (Fibromyalgie, Fatigue Syndrom usf.) oder bei einem medikamentös bedingten Parkinsonsyndrom und auch bei sonstigen gesundheitlichen Störungen in der Medizin und in der Psychosomatik vorkommen.

Auch bei diversen psychischen Störungen kennt man die vegetativen Symptome und vegetativen Phänomene (etwa bei einer Depression, oder bei einer sonstigen Störung die das Gemüt bzw. den Affekt betrifft und sich in der Form einer affektiven Störung manifestiert.

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(Letzte Änderung 07.12.2020, abgelegt unter: Definition, Medizin, Nervensystem, Vegetatives Nervensystem, Neurologie, Physiologie, Psychiatrie, Psychologie, Psychosomatik, Wissenschaft)

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