Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Kritik an der Psychiatrie

Die Kritik an der Psychiatrie ist zum Teil berechtigt  und zum anderen Teil nicht berechtigt.

Nicht berechtigt ist die Kritik an der Psychiatrie, wenn von Teilen der Antipsychiatrie (-> Wikibeitrag) behauptet wird, dass die Psychiatrie den Menschen mehr schadet als sie ihnen nützt.

Wer könnte berechtigt behaupten, dass es den Menschen mit psychischen Störungen im Mittelalter, oder in der Zeit vor der Aufklärung besser gegangen ist, als es ihnen in der Gegenwart geht?

Wird jemand ernsthaft behaupten, dass es den Menschen besser gegangen ist, als man zwischen moralischer Verirrung und psychischer Krankheit noch nicht unterschieden hat? Oder als man eine Psychose generell durch Exorzismus behandelt hat, oder man die Menschen der Inquisition vorgeführt hat, damit ihnen am Scheiterhaufen „Gerechtigkeit“ und Heil widerfährt.

Kritisch betrachtet wird jede Person eingestehen, dass man seither viel erreicht hat und es den Menschen mit krankheitswertigen psychischen Störungen in der Gegenwart viel besser geht und dass sie gegenwärtig viel besser behandelt werden können, als dies in der Zeit vor der Einführung der „Psychiatrie“ als Disziplin der Heilkunde der Fall war.

Wenn jemand hingegen sagt, dass die Psychiatrie keine exakte Wissenschaft ist bzw. sie eine Wissenschaft ist, die ihre Erkenntnisse auf psychische Erscheinungen gründet und nicht auf körperliche Befunde, dann hat er dabei recht –  dann sollte die Psychiatrie sich diese Kritik gefallen lassen – weil dies zutreffend ist.

Die Psychiatrie kann nämlich ihre Erkenntnisse nur auf der Grundlage von psychischen Erscheinungen, also nur auf der Grundlage von psychischen Phänomenen erfassen. An dieser Tatsache hat sich seit Philippe Pinel (vgl. mit Pinel Zitat 2) und seit Wilhelm Griesinger (vgl. mit Griesinger Zitat) nichts geändert.

Es werden nämlich auch heute noch die psychischen Störungen auf der Grundlage der psychischen Anomalie diagnostiziert (vgl. mit Griesinger Zitat).

Man erkennt die psychischen Störungen durch die psychiatrischen Diagnosen nach wie vor auf der Grundlage der Psychopathologie respektive auf der Grundlage der Phänomenologie und nicht auf der Grundlage der Biologie der psychischen Störungen.

Man diagnostiziert in der Psychiatrie die psychischen Störungen also nach wie vor psychologisch (vgl. mit Griesinger Zitat) bzw. psychopathologisch und nicht biologisch bzw. nicht auf Basis des naturwissenschaftlichen Verständnisses – wie Emil Kraepelin geglaubt hat, dass dies bei gewissen psychischen Krankheiten möglich ist (vgl. mit Kraepelin Zitat 1 und den anderen Kraepelin Zitaten).

In der Psychiatrie der Gegenwart redet man – insbesondere in der Biologischen Psychiatrie – zwar viel von  den biologischen Grundlagen der psychischen Störungen: von Transmittern, von Rezeptoren, von der neuronalen Funktion und generell vom Nervensystem.

Und man versucht in der psychiatrischen Wissenschaft der Gegenwart weiterhin einen Teil der psychischen Störungen durch bildgebende Befunde der Funktionellen Bildgebung etwa auf Basis der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) und durch andere Methoden des Systemischen Neurowissenschaften oder durch Befunde der Genetik objektiv gültig zu bestimmen.

Wenn man die Sache jedoch kritisch betrachtet, dann findet man, dass nach wie vor alle psychischen Störungen auf Basis der psychischen Anomalie, also auf Grundlage der psychischen Phänomene und damit phänomenologisch bzw. psychopathologisch begründet – diagnostisch erfasst werden und nicht auf der Grundlage von körperlichen Befunden bzw. nicht auf der Grundlage von biologischen Befunden.

Oder könnte jemand behaupten, dass  ein psychisches Phänomen oder irgend eine psychische Störung und damit eine psychiatrische Diagnose nicht phenomenologisch, sondern „biologisch“ – also auf der Grundlage von körperlichen Befunden – bzw. auf der Grundlage von körperlichen Fakten festgestellt wird?

Tatsächlich ist dies auch im Zeitalter der Biologischen Psychiatrie und der Systemischen Neurowissenschaften nicht der Fall.

Tatsächlich ist es grundsätzlich nicht möglich eine psychische Störung auf der Grundlage der Körperlichkeit zu bestimmen (Weiteres dazu auf Poster 6: Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy).

Psychisches kann nur psychisch erfasst werden.

Psychisches kann also nur psychologisch (vgl. mit Griesinger Zitat) bzw. nur psychopathologisch erfasst werden.

Man kann Psychisches nicht „physisch“ erkennen und diagnostizieren. Man kann nur manchmal Psychisches durch Körperliches bzw. durch „Physisches“ erklären und dadurch besser verstehen – aber erfassen und diagnostisch bestimmen kann man es dadurch nicht.

Man kann die Psyche nicht durch den Körper bestimmen.

Daher kann man Psychisches nicht objektivieren. Man kann die Psyche und somit die psychischen Phänomene und damit z.B. die psychiatrische Diagnose Schizophrenie, oder die psychiatrische Diagnose ADHS, oder die psychiatrische Diagnose Depression, oder die psychiatrische Diagnose Demenz, oder sonst eine psychiatrische Diagnose nicht durch Befunde der Genetik, oder durch Befunde der Bildgebung, etwa solche der Funktionellen Bildgebung, oder durch sonstige „physische“ Befunde objektiv gültig bestimmen (Weiteres dazu auf Poster 6).

Seit dem Beginn der Psychiatrie hat man zwar nach den körperlichen Ursachen von gewissen psychischen Störungen gesucht – was an sich nahe liegend war – weil man gewisse psychische Störungen nicht auf der Grundlage des normalen Erlebens verstehen konnte, und so gesehen man nach einer Erklärung – nach einer körperlichen oder sonstigen Ursache gesucht hat – eben, weil man den Zusammenhang der psychischen Phänomene bei gewissen psychischen Störungen nicht psychisch bzw. nicht psychologisch verstehen konnte und man den Einfluss von körperlichen Umständen bemerkt hat.

Psychisches und Körperliches sind jedoch von ganz anderer Art (vgl. mit Kant Zitat 4).

Es gibt den großen Unterschied zwischen einem Gegenstand schlechthin und einem Gegenstand in der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7).

Ja, es gibt den großen Unterschied zwischen einem Erkenntnisobjekt das mir nur mental – also nur durch mein Denken bzw. nur durch meinen Verstand und meine Vernunft als Erkenntnisobjekt und nicht als real existentes Erkenntnisobjekt gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7).

Es gibt daher den großen Unterschied zwischen einer psychiatrischen Einheit und einer objektiv bestimmbaren faktischen Einheit, wie sie etwa in der Medizin in vielen Fällen bestimmt werden kann.

Es gibt daher den großen Unterschied zwischen objektiver Evidenz in der Medizin und subjektiver Evidenz in der Psychiatrie.

Tatsächlich kann man Psychisches nicht durch Körperliches bestimmen. Ein psychisches Phänomen erscheint nur auf der Ebene der Vorstellungen – ist uns also nur auf der Ebene des Bewusstseins als abgegrenzte Einheit nämlich als der Begriff der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) der als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint.

Es handelt sich beim Begriff der Idee also um die systematische Einheit der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) und nicht um eine „physische“, faktische Einheit und damit nicht um eine auf der Ebene des Körpers feststellbare biologische Einheit.

Psychisches entsteht zwar auf Basis der körperlichen Funktion, somit auf physischer Grundlage, nämlich als Folge der neuronalen Funktion – wenn man so sagen will: auf einer biologischen Grundlage  – aber als Erkenntnisobjekt kann man ein psychisches Phänomen nicht körperlich bestimmen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Diesen Sachverhalt hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers auf der Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant erkannt (vgl. mit Jaspers Zitat).

Man missversteht eine psychiatrische Idee wenn man denkt, dass man ein psychisches Phänomen physisch bestimmen kann.

In dieser Hinsicht hat sich der Psychiater Emil Kraepelin getäuscht, als er geglaubt hat, dass man gewisse psychische Krankheiten bzw. gewisse psychische Störungen wird alsbald körperlich begründet diagnostisch so erfassen können, weil man bereits damals viele körperlichen Krankheiten in der Medizin objektiv gültig und damit und allgemein gültig erfassen bzw. diagnostisch bestimmen konnte (vgl. mit Krapelin Zitat 1).

Psychisches Erkennen spielt sich auf der Ebene der Vorstellungen – also auf der Ebene der Ideen (vgl. mit Kant Zitat 7) – auf Basis von unterschiedlichen Typen ab.

Diesen Sachverhalt hat Karl Jaspers erkannt und in seinem Buch: „Allgemeine Psychopathologie“ (vgl. mit Jaspers Zitat) beschrieben.

Diese Tatsache sollte man in der Psychiatrie als Praxis der Heilkunde und als empirische Wissenschaft beachten und berücksichtigen.

Wenn die Psychiatrie ihre Erkenntnisbasis missversteht und sie glaubt in absehbarer Zeit einige wesentliche psychische Störungen (z.B. die psychischen Störungen vom Typ der Schizophrenie, die psychischen Störungen vom Typ der Demenz, oder die psychischen Störungen vom Typ eines ADHS usf.) – „physisch“ bestimmen und diagnostizieren zu können – dann hat sich die Psychiatrie tatsächlich getäuscht.

Dann hat die Psychiatrie die psychiatrischen Ideen tatsächlich missverstanden. Dann hat die Psychiatrie der Gegenwart ihre Erkenntnisbasis noch nicht richtig verstanden und noch nicht richtig berücksichtigt.

Dann muss sich die Psychiatrie den Vorwurf gefallen lassen, dass sie noch nicht im Sinne der Aufklärung aufgeklärt ist.

Wenn man in der Psychiatrie der Gegenwart sich umsieht und bei den psychiatrischen Kongressen beobachtet mit welchen Themen die Psychiatrie  – insbesondere mit welchen Themen die psychiatrische Wissenschaft sich beschäftigt – dann könnte man oberflächlich betrachtet tatsächlich glauben, dass es sich hier um eine biologische Disziplin der Heilkunde handelt. Dass es also keinen großen Unterschied mehr zwischen der körperlichen Medizin und der Psychiatrie gibt.

Man könnte dann glauben, dass die Biologische Psychiatrie bald das biologische Fundament für die Psychiatrie als empirische Wissenschaft errichtet haben wird und dann die Psychiatrie – gleichauf mit der Medizin – eine körperlich fundierte Wissenschaft sein wird.

Dann würde also die Psychiatrie eine Disziplin sein, die auf der Grundlage der Kenntnis des Nervensystems die unterschiedlichen psychischen Störungen erkennt.

Diese Sichtweise ist allerdings falsch.

Zu dieser Sichtweise gelangt man nur, wenn man die Sache oberflächlich betrachtet. Wenn man den Sachverhalt gründlich, das heißt kritisch betrachtet, dann findet man, dass sich eigentlich am Grundsätzlichen, nämlich an der psychiatrischen Diagnostik seit Philippe Pinel nichts geändert hat. Es sind zwar in den letzten 50 Jahren therapeutisch wirksame Substanzen – die meisten per Zufall – entdeckt worden – und es haben sich viele Substanzen bei der Behandlung der psychischen Störungen als Psychopharmaka als nützlich bis sehr nützlich erwiesen – und es hat sich die Psychiatrie als Wissenschaft und als praktische Disziplin der Heilkunde auch in sonstiger Hinsicht wesentlich weiter entwickelt.

Im Bereich der Diagnostik hat sich jedoch nichts Grundlegendes geändert. Die psychischen Störungen werden nach wie vor auf der Grundlage der psychischen Anomalie und damit psychopathologisch auf der Grundlage von psychiatrischen Konzepten erkannt.  Am Erkennen der psychischen Störungen hat sich also nichts Grundsätzliches geändert.

Psychische Störungen bzw. psychiatrische Diagnosen werden weiterhin auf der Grundlage von Ideen erkannt und nicht auf der Grundlage von körperlichen Fakten bzw. nicht auf der Grundlage von „physischen“ Befunden (vgl. mit Kant Zitat 7).

Die Psychiatrie als empirische Wissenschaft hat sich auf der Grundlage der geschaffenen psychiatrischen Ideen entwickelt.

Auf der Grundlage dieser Ideen hat man unter anderem die Wirkung von gewissen Substanzen entdeckt, nach dem man das psychiatrische Krankengut systematisch nach verschiedenen Gesichtspunkten klassifiziert hatte. (vgl. mit Jaspers Zitat 11)

Man hat also die Psychopharmaka entdeckt, nach dem man die psychischen Störungen auf der Grundlage der psychiatrischen Klassifikation gemäß den psychiatrischen Ideen systematisch gegliedert hatte.

In weiterer Folge hat man dann zur Erklärung der Wirkung dieser Substanzen und auf der Grundlage von empirischen Beobachtungen diverse biologische Theorien entwickelt.

Man kann also berechtig sagen, dass sich die Psychiatrie und damit auch die Biologische Psychiatrie auf der Grundlage der psychiatrischen Ideen – die bloße Ideen sind – entwickelt hat.

Um es nochmals zu betonen: die psychiatrischen Diagnosen werden nach wie vor auf der Grundlage der psychiatrischen Kategorien phänomenologisch und nicht biologisch festgestellt. Es gibt keine einzige psychische Störung die „biologisch“ bzw. „physisch“ diagnostisch festgestellt wird.

Kritisch betrachtet findet man nämlich, dass dies grundsätzlich nicht möglich ist und daher auch in Zukunft grundsätzlich nicht möglich sein wird, weil ein psychisches Phänomen ein ganz anderes Erkenntnisobjekt ist als ein körperliches Objekt ist. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Aus diesem Grund waren bisher alle Versuche vergeblich die psychischen Störungen zu objektivieren und wird es vorhersehbar auch in Zukunft nicht gelingen ein psychisches Phänomen zu objektivieren.

Dies ist prinzipiell unmöglich, weil ein psychisches Phänomen etwas ganz anderes als ein körperliches Objekt ist, das auf der Grundlage der Körperlichkeit bestimmt werden kann.

Diese Tatsache hat der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers erkannt. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch betrachtet ist eine körperliche Sache ein Gegenstand schlechthin, der in der Regel objektiv gültig bestimmt werden kann. Wohingegen ein Gegenstand in der Idee – in diesem Fall ein psychisches Phänomen – niemals „physisch“ bestimmt werden kann – sondern kann ein solches Erkenntnisobjekt nur auf der Ebene der Ideen durch den Begriff der Idee subjektiv gültig erkannt und subjektiv gültig festgestellt werden (vgl .mit Kant Zitat 7).

Wie man sich überzeugt findet man dies in der Psychiatrie, in der Psychologie und in der Psychotherapie bestätigt. Man kann Psychisches nur auf der Ebene des Bewusstseins – also nur auf der Ebene der Ideen – bzw. nur auf der Ebene der Empfindungen und der Ebene Gefühle und auf der Ebene der Ideen erfassen – und man kann daher solche Erkenntnisobjekte nicht „physisch“ erfassen und sie daher auch nicht „physisch“ bestimmen und nicht objektivieren. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Man missversteht eine psychiatrische Idee bzw. eine psychologische Idee grundsätzlich, wenn man so denken würde, dass man ein solches Erkenntisobjekt „physisch“ erfassen kann.

Insofern die Psychiatrie der Gegenwart ihre Erkenntisbasis missversteht und daraus falsche Ideen und falsche Schlussfolgerungen ableitet – ist also tatsächlich die Kritik an der Psychiatrie der Gegenwart gerechtfertigt – aber erfreulicherweise kann sich dies in Zukunft ändern.

Und wenn sich dies geändert haben wird und in der psychiatrischen Praxis, in der psychiatrischen Lehre und in der psychiatrischen Wissenschaft die Erkenntnisgrundlage der psychischen Störungen beachtet wird und die daraus resultierenden Konsequenzen berücksichtigt werden – dann wird man berechtigt sagen können, dass die Psychiatrie ab dieser Zeit eine im Sinn der Aufklärung aufgeklärte Wissenschaft ist – und ab dieser Zeit wird die berechtigte Kritik verstummen, die die Psychiatrie derzeit noch auf sich zieht.

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(letzte Änderung 23.02.2018, abgelegt unter Psychiatrie, psychiatrische Wissenschaft)

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