Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

bloße Idee

Eine bloße Idee im Sinne von Immanuel Kant ist eine Idee, die nicht auf der „Ebene der Objekte“ überprüft werden kann.

Dabei wird die bloße Idee durch eine nur problematisch zum Grund gelegte Einheit (vgl. mit Kant Zitat 8) erkannt, die in der Form des Begriffs der Idee als systematische Einheit im Bewusstsein der erkennenden Person erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7).

Eine bloße Idee ist –  wenn es eine auf der Grundlage der Erfahrung gewonnene Idee ist – empirisches Wissen und damit eine empirische Erkenntnis,  die man nicht am Probierstein der Erfahrung – also nicht physisch / physikalisch / physiologisch / bildgebend / chemisch / biochemisch usf. – prüfen kann (vgl. mit Kant Zitat 10), weil es eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee ist.

Eine solche Idee hat sich zwar unter Umständen in der Praxis hinreichend bewährt (vgl. mit Kant Zitat 10), sie kann jedoch nicht am Probierstein der Erfahrung geprüft werden (vgl. mit Kant Zitat 10). Das bedeutet, diese aus der Erfahrung abgeleitete Idee kann nicht auf der Grundlage von real existenten Objekten überprüft werden. Eine solche Idee kann man nicht „physisch“ objektiv gültig bestimmen. Man kann also eine solche Idee nicht objektivieren, sondern man kann die Ideen nur auf der Ebene der Ideen durch den Vergleich von Ideen subjektiv gültig erkennen und subjektiv gültig überprüfen bzw. man kann nur subjektiv gültig entscheiden, ob die Idee und damit die Erkenntnis zutreffend ist. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Daher nennt Immenaul Kant eine solche Idee treffend eine „bloße Idee„.

Zum Beispiel ist eine psychologische Idee eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 4) oder es ist eine psychiatrische Idee eine bloße Idee. Oder es ist die Idee der Kausalität eine bloße Idee. (vgl. mit Kant Zitat 24a)

Eine solche Idee bezieht sich auf ein Erkenntnisobjekt das uns nur als Gegenstand in der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) und nicht als Gegenstand schlechthin zur Erkenntnis gegeben ist. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Eine solche Idee hat keinen direkten Bezug zu einem real existenten Objekt (vgl. mit Kant Zitat 7 und mit Kant Zitat 9). Das heißt man kann eine solche Idee nicht auf der Grundlage von physischen Objekten überprüfen. Mit anderen Worten: man kann eine solche Idee nicht objektivieren.

Weil eine psychologische Idee eine bloße Idee ist, ist auch eine psychiatrische Idee eine bloße Idee und zwar eine Idee, die sich auf psychische und psychopathologische Phänomene gründet.

Der Begriff einer bloßen Idee ist eine systematische Einheit im Sinne von Immanuel Kant. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Eine solche Einheit soll man nicht als etwas wirklich Existierendes ansehen, sondern nur als etwas, das man problematisch zum Grunde gelegt hat. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Es handelt sich dabei also um die Einheit einer Idee, die auf der Grundlage des Erfahrung – oder man kann auch sagen: die auf der Grundlage der individuellen Sinneswahrnehmung und auf Basis des individuellen menschlichen Denkens und Auffassens im Bewusstsein der Person entstanden ist – die man aber nicht als etwas wirklich Existierendes im Sinne einer faktischen Einheit ansehen soll – sondern, die man nur problematisch zum Grunde gelegt hat. (vgl. mit Kant Zitat 8)

Eine solche Idee erscheint in der Form des Begriffs  der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person. Eine solche Idee erscheint also als mentales Erkenntnisobjekt, als Gegenstand in der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Der Begriff einer solchen Idee ist ein regulativer Begriff im Sinne von Immanuel Kant. (vgl. mit Kant Zitat 4)

Karl Jaspers hat erkannt, dass es sich bei den Ideen in der Psychiatrie um Ideen im Sinne von Immanuel Kant handelt, wenn gleich Karl Jaspers den Begriff bloße Idee nicht verwendet. (vgl. mit Jaspers Zitat)

Die Begriffe der bloßen Ideen sind uns nur als mentale Erkenntnisobjekte gegeben. Solche Ideen bzw. solche Begriffe entstehen zwar auf der Grundlage der Erfahrung – also empirisch – in unserem Bewusstsein (vgl. mit Kant Zitat 10), sie haben aber keinen direkten Bezug zu einem physischen Objekt. (vgl. mit Kant Zitat 7)

Eine bloße Idee hat daher kein „physisch“ bestimmbares körperliches „Korrelat„.

Eine psychologische Idee ist zum Beispiel eine bloße Idee (vgl. mit Kant Zitat 4). Eine solche Idee entsteht empirisch auf der Grundlage unserer Erfahrung, und es erscheint der Begriff dieser Idee in unserem Bewusstsein als Folge der neuronalen Aktivität im Gehirn, wie sie in Folge der individuellen Sinneswahrnehmungen und der individuellen mentalen Prozesse, also in Folge der individuellen Denkvorgänge im zentralen Nervensystem der erkennenden Person entsteht. Man kann jedoch keine allgemein gültig bestimmte und damit keine allgemein gültig feststellbare Relation zwischen einem solchen Erkenntnisobjekt und dem neuronalen Substrat im Sinne der neuronalen Funktion finden und bestimmen. (Weiteres dazu auf Poster 6, Diagnosis in Psychiatry – the Role of Biological Markers – an investigation in the light of Immanuel Kant`s philosophy)

Man kann auch sagen, dass eine solche Idee bzw. der Begriff einer solchen Idee zwar auf der Grundlage unserer Erfahrung – also empirisch – entsteht, wir können jedoch die Relation des psychischen Phänomens zur Körperlichkeit, also die Relation der Psyche zum Körper nicht „physisch“ und damit nicht allgemein gültig – also nicht (körperlich) bestimmen. (vgl mit Kant Zitat 7)

Dies ist aus einem prinzipiellen Grund unmöglich.

Ein psychisches Phänomen ist nämlich etwas grundsätzlich anderes als ein körperliches Objekt bzw. als ein physisches Objekt (vgl mit Kant Zitat 7) oder sonst ein demonstrierbares Objekt.

Ein psychisches Phänomen erscheint in der Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person – es ist dies – philosophisch gesprochen eine systematische Einheit die vermittelt durch das Schema der Idee entsteht – wohingegen der Begriff eines physischen Objekts der Begriff eines real existenten Objekts ist (vgl mit Kant Zitat 7) und das Zutreffen dieses Begriffs daher allgemein gültig nachgewiesen werden kann, was im vorgehenden Fall des psychischen Phänomens nicht möglich ist und dieses daher nur subjektiv gültig erkannt werden kann.

Im einen Fall bezieht sich die Vorstellung also auf ein real existentes bzw. ein real demonstrierbares Erkenntnisobjekt und im anderen Fall auf ein Erkenntnisobjekt, das der Person nur als mentales Erkenntnisobjekt zur Erkenntnis, eben nur vermittelt durch das Schema der Idee, gegeben ist. Oder man kann auch sagen: dass dieses Erkenntnisobjekt uns nur als systematische Einheit gegeben ist.

Es handelt sich also bei einer bloßen Idee um eine Vorstellung die im Bewusstsein einer Person, als Folge ihrer individuellen sinnlichen Wahrnehmung, oder als Folg ihrer individuellen Assoziationen entsteht – man kann auch sagen – die in Folge ihrer individuellen Denkvorgänge in der Form des Begriffs der Idee im Bewusstsein erscheint. Für eine solche Einheit bzw. eine solche Idee gibt es keinen „Probierstein der Erfahrung“ im Hier und Jetzt. Eine solche Idee bzw. der Begriff einer solchen Idee kann daher nicht empirisch „physisch“ geprüft und daher auch nicht „physisch“ überprüft werden (vgl. mit Kant Zitat 10). Daher ist die Bezeichnung „bloße Idee“ für eine solche Idee von Immanuel Kant sehr treffend.

Ein Teil der bloßen Ideen sind transzendentale Ideen.

Beispiele für bloße Ideen sind: Glück, Friede, Freude, Charakter, Intelligenz, depressiv, Antriebsstörung, Depression, Schizophrenie, Psychose, Neurose, Demenz, Persönlichkeitstörung, ADHS …. usf.

Nachfolgend einige weitere bloße Ideen exemplarisch aufgelistet:

Persönlichkeit

Intelligenz

Charakter

Wesen (Wesensart)

Temperament

Typ (typus)

Zufriedenheit

Traurigkeit

Depression (als: Konzept, Auffassungsschema, Einheit)

depressiv (als: Begriff, Merkmal, Symptom bzw. Phänomen)

Antriebsstörung (als: Begriff, Merkmal, Phänomen)

Kognition

Emotion

Müdigkeit (als: Begriff, Merkmal, Phänomen, Symptom)

Schizophrenie (als: psychiatrisches Konzept)

Denkstörung (als: Begriff bzw. als psychisches Phänomen)

formale Denkstörung (als: Begriff, Merkmal, psychisches Phänomen)

inhaltliche Denkstörung (als: Begriff, Merkmal, psychisches Phänomen)

Reaktion

Ausdauer

Frustration (als: Begriff, Merkmal, psychisches Phänomen)

Verliebtheit

Freiheit

Verantwortung

Wille

freier Wille

Sein

Existenz

Realität

Kausalität

Glück

Himmel (als theologische Idee)

Fegefeuer (als theologische Idee)

Seele (als theologische Idee)

Seele / Psyche (also psychologische Idee)

Psychose (als Oberbegriff einer schweren psychischen Störung)

Disposition (als philosophischer Begriff, oder als forensischer Begriff in der forensischen Psychiatrie)

Neurose (als psychologische Idee zum Beispiel im Sinne von Sigmund Freud, oder im Sinne von Alfred Adler oder sonst in einem Sinn)

Übertragung (als psychologische Idee im Sinne der Psychotherapie)

Komplex (als psychologische Idee im psychotherapeutischen Sinne)

Verdrängung (im psychologischen Sinn)

vernünftige Überlegung

Konstitution

konstitutionell (als Idee im Sinn von anlagebedingt, physiologisch gemeint oder psychologisch gemeint)

genetisch bedingt

erlebnisbedingt (im psychologischen Sinn)

anlagebedingt (im psychologischen Sinn oder im physiologischen Sinn)

biologisch bedingt

kausal (im Sinn der Ursache die eine weitere Sache bzw. eine Wirkung bedingt)

usf.

Bloße Ideen in der Medizin

In der Medizin beruht das Konzept Spannungskopfschmerz, oder das Konzept Migräne auf einer bloße Idee. Diese Konzepte sind empirisch entstanden und sie erweisen sich als sehr nützlich und praktisch. Man kann in der medizinischen Praxis jedoch nicht physisch überprüfen ob eine gesundheitliche Störung vom Typ einer Migräne oder ob ein Spannungskopfschmerz vorliegend ist – dies bedeutet man kann eine solche medizinische Diagnose nicht objektivieren. Man kann nur auf der Ebene der Ideen, also nur auf der Ebene der Vorstellungen subjektiv gültig durch Überlegung prüfen und entscheiden welche der Diagnosen besser zutreffend ist.

Desgleichen sind in der Medizin die Ideen bzw. die Konzepte: Fibromyalgie, Fatigue Syndrom, Vegetative Dystonie oder die Einheit vegetatives Nervensystem und andere begrifflich definierte Einheiten die Einheiten von bloßen Ideen im Sinne von Immanuel Kant bzw. sind diese Begriffe regulative Begriffe.

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Eigenheiten von bloßen Ideen

Eine bloße Idee kann nicht physisch bestimmt werden.

Weitere Eigenheiten von bloßen Ideen

Eine bloße Idee ist eine projektierte Einheit. (vgl. mit Kant Zitat 5 und Kant Zitat 8)

Eine bloße Idee ist philosophisch betrachtet eine transzendentale Idee. (vgl. mit Kant Zitat 8a)

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Eine bloße Idee muß, da sie nicht physisch bestimmt werden kann grundsätzlich auf mentaler Ebene definiert werden, wenn sie sich auf eine Einheit, die hier eine systematische Einheit ist, bezieht.

Eine bloße Idee muß daher, wenn sie explizit definiert wird dogmatisch (gr. dogmaMeinung, Lehrmeinung) definiert werden. (vgl. mit Kant Zitat 10)

Man findet, dass manch eine bloße Idee in diesem Sinn explizit auf mentaler Ebene definiert worden ist. Für viele bloße Ideen trifft dies jedoch nicht zu und sind sie nicht explizit, sondern nur implizit definiert. Zum Beispiel verstehen wir das was unter dem Begriff ängstlich, oder gefährlich gemeint ist auf der Grundlage unseres Sprachverständnisses, ohne dass diese Begriffe explizit definiert sind.

Das Verständnis für die Bedeutung von vielen derartigen Ideen haben wir durch den alltäglichen Sprachgebrauch erworben.

Diese Ideen definieren sich gegenseitig durch die Art und Weise wie die Begriffe sprachlich gebraucht werden.

Ein Teil dieser Begriffe ist ausdrücklich dialektisch definiert, das heißt solche Begriffe definieren sich gegenseitig auf der Ebene der Vorstellungen.

In diesem Sinne benützen wir ständig Begriffe wie: trauig, fröhlich, glücklich, unglücklich, groß, klein, Persönlichkeit, Individualität, Charakter, Kunst, Praxis usf. ohne, dass wir hiefür eine genaue, eindeutige Definition der Begriffe haben oder kennen.

Aus dem Zusammenhang, in dem wir einen solchen Begriff verwenden ergibt sich die Bedeutung des Begriffs bzw. haben wir im Laufe unseres Lebens die Bedeutungen bzw. den Sinn der Begriffe durch den täglichen Sprachgebrauch kennen und verwenden gelernt. Dem jeweiligen Gesprächspartner ist in der Regel die Begriffsdefinition ebenfalls auf diese Art und Weise (implizit) bekannt, und kann man daher Ideen auf diese Art und Weise intellektuell kommunizieren.

Beim wissenschaftlichen Gebrauch solcher Ideen bzw. der Begriffe dieser Ideen ist jedoch ein weitgehend einheitliches Begriffsverständnis erwünscht bzw. erfordert und man hat daher versucht solche Begriffsinhalte in Bereichen der Wissenschaft zu definieren.

Daher wurden z.B. in der psychiatrischen Wissenschaft in der Psychiatrischen ICD-10 Klassifikation und in der DSM Klassifikation die psychiatrischen Kategorien definiert um damit die psychiatrischen Diagnosen der unterschiedlichen psychischen Störungen zu bestimmen, damit unter den jeweiligen Begriffen (möglichst) gleiche psychische Störungen (gleiche psychische Krankheitszustände) erfasst werden. In diesem Zusammenhang ist in der Psychiatrie der Begriff der Operationalisierung geprägt worden.

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(letzte Änderung 19.02.2020, abgelegt unter: Begriff, Definition, Idee, Medizinische Diagnostik, philosophische Begriffe, Philosophie)

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