Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wahrscheinlichkeit – Einleitung

Die Wahrscheinlichkeit macht eine Aussage über ein (zukünftiges) Geschehen.

Man kann auch sagen: die Wahrscheinlichkeit macht eine Aussage darüber, wie wahrscheinlich infolge einer Ursache eine bestimmte Wirkung / ein Effekt / ein Ereignis / ein Geschehen in Zukunft eintreten wird, oder in der Vergangenheit eingetreten ist.

Dabei handelt es sich in vielen Fällen bei der Ursache um eine komplexe Ursache.

Und es ist das persönliche Urteil das zur Erkenntnis der Wahrscheinlichkeit geführt hat in vielen Fällen ein Wahrnehmungsurteil und kein Erfahrungsurteil im Sinne von Immanuel Kant.

Die Wahrscheinlichkeit macht grundsätzlich eine Aussage über den Zusammenhang der Ursache mit ihrer Wirkung im Sinne der Kausalität, also in dem Sinn, dass dadurch angegeben wird, wie wahrscheinlich eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft bzw. hervorgerufen hat.

Es kann etwas mehr oder weniger wahrscheinlich sein.

Man kann etwas relativ sicher wissen, dann ist der Grad der Wahrscheinlichkeit hoch, dass es so kommen wird, oder es kann etwas nur wenig wahrscheinlich sein, dass es so kommen wird, dann ist der Grad der Wahrscheinlichkeit gering. Die Wahrscheinlichkeit ist also eine Vorhersage über das was geschehen wird.

Dabei kann sich diese Vorhersage auf ein Erkenntnisobjekt beziehen das man tatsächlich auf der Ebene der Objekte, somit auf der Ebene der Fakten bestimmen kann, oder es bezieht sich die Erkenntnis der Wahrscheinlichkeit auf ein Erkenntnisobjekt das man nur auf der Ebene der Vorstellungen, somit nur auf der Ebene der Ideen durch eine systematische Einheit bzw. nur durch den Begriff der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) erfassen kann.

Die Aussage über die Wahrscheinlichkeit wird in vielen Fällen vom Ergebnis von wissenschaftlichen Studien ausgehen, in denen man Fakten gezählt hat.

Oder es wird die Aussage der Wahrscheinlichkeit von Erfahrungen ausgehen bei denen man „Dinge“ erkannt hat, die man nicht faktisch bestimmen und die man daher nicht als Fakten zählen kann.

Im zuerst genannten Fall wird bei der Wahrscheinlichkeit mathematische Wahrscheinlichkeit erlangt; im zweit genannten Fall philosophische Wahrscheinlichkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b). Somit handelt es sich in diesem Fall um eine Erkenntnis vom Grad einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b), wohingegen im zuerst genannten Fall die mathematische Wahrscheinlichkeit eine Annäherung zur Gewissheit darstellt (vgl. mit Kant Zitat 9b).

Bei der Wahrscheinlichkeit muss man also unterscheiden, ob sie sich auf real existente Dinge bezieht, oder auf die „Dinge“, die  nur gedacht bzw. die nur vorgestellt werden; und die im einzelnen Fall als der Begriff der Idee im Bewusstsein der erkennenden Person als systematische Einheit erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Man muss also unterscheiden, ob sich etwas auf einen allgemein gültig überprüfbaren Sachverhalt bezieht; und in diesem Fall eine Sache (Erkenntnis) sich auf eine (physisch) überprüfbare Idee bezieht, oder die erlangte Idee bzw. das Zutreffen dieser Idee nicht auf der Ebene der Objekte bzw. nicht auf der Ebene der Fakten überprüft werden kann, weil es sich um eine aus der Erfahrung abgeleitete Idee und somit um eine bloße Idee handelt.

Demgemäß unterscheidet Immanuel Kant zwischen der (mathematischenWahrscheinlichkeit, die eine Annäherung zur Gewissheit darstellt und die auf der Grundlage von objektiven Daten gewonnen wird, von der Scheinbarkeit, die von subjektivem Wissen also von Vorstellungen bzw. von (nicht physisch überprüfbaren) Ideen ihren Ausgang nimmt. Immanuel Kant unterscheidet demgemäß die mathematische Wahrscheinlichkeit von der philosophischen Wahrscheinlichkeit (vgl. mit Kant Zitat 9b).

Die philosophische Wahrscheinlichkeit nimmt ihren Ausgang von Wissen, das nicht objektiv gewiss ist – sondern subjektiv gewiss bzw. von subjektivem Wissen – und es kann daher aus solchem Wissen in der Wissenschaft nur ein Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit erlangt werden (vgl. mit Kant Zitat 9b) (Weiteres dazu auf Poster 3: PROBABILITY IN MEDICINE AND IN PSYCHIATRY – IN THE LIGHT OF IMMANUEL KANT`S PHILOSOPHY)

In der Medizin kann man zum Teil Wissen auf der Grundlage von objektiven Befunden, im Sinn der mathematischen Wahrscheinlichkeit erlangen und andererseits in anderen Bereichen nur Wissen, das auf der Grundlage von Symptomen und nicht-objektivierbaren Phänomenen erlangt wird. Solches Wissen kann bekanntlich nicht unmittelbar überprüft werden und es stellt daher solches Wissen ein Wissen im Sinn einer Scheinbarkeit im Vergleich zu einer anderen Scheinbarkeit dar. (Ob z.B. der Patient einen Spannungskopfschmerz oder eine atypische Migräne hat)

In der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) kann man grundsätzlich nur Wissen im Sinn der philosophischen Wahrscheinlichkeit erlangen, weil solches Wissen sich auf psychische Symptome und auf psychische Phänomene respektive auf psychopathologische Phänomene und damit auf Ideen gründen, die im Bewusstsein der erkennenden Person in der Form der Begriffe der Ideen erscheinen (vgl. mit Kant Zitat 7).

Daher hat das Wissen das die psychiatrische Wissenschaft hervorbringt einen geringeren Erkenntniswert, als das Wissen das die medizinische Wissenschaft in dem Bereich hervorbringt, wo sich das Wissen auf objektive Befunde gründet.

Analoges wie für die Psychiatrie, gilt auch für die Wissenschaft in der Psychologie und Psychotherapie.

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(letzte Änderung 11.06.2017, abgelegt unter philosophische Begriffe, Philosophie, Wahrscheinlichkeit, Wissenschaft)

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