Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Wahrnehmungsurteil

Ein Wahrnehmungsurteil im Sinne von Immanuel Kant ist ein empirisches Urteil das sich auf die subjektive Wahrnehmung der Person und damit auf die persönliche, subjektive Erfahrung gründet und daher eine subjektive Wertung beinhaltet (vgl. mit Kant Zitat 6).

Eine solche Wertung kommt zustande, weil das Urteil nicht durch ein demonstierbares Objekt bzw. nicht durch Fakten bestimmt ist, sondern durch die persönliche Sichtweise* und somit durch die persönliche Analyse und Synthese und deswegen durch ein synthetisches Urteil der erkennenden Person bestimmt oder mitbestimmt ist.

Ein Wahrnehmungsurteil beruht also auf subjektiver Evidenz und nicht auf objektiver Evidenz.

Ein Urteil das sich auf eine (persönliche) Sichtweise und damit auf die persönliche Analyse und Synthese gründet, ist vorerst immer nur subjektiv gültig, weil dieses im erkennenden Subjekt als Folge der individuellen Sinneswahrnehmung und der individuellen mentalen Prozesse entsteht (vgl. mit Kant Zitat 7).

Als Ergebnis dieses mentalen Prozesses erlangt die Person durch ihre Analyse und Synthese also eine Idee bzw. gelangt sie damit zum Begriff der Idee der als systematische Einheit (der Idee) in ihrem Bewusstsein erscheint (vgl. mit Kant Zitat 7). Zu diesem Begriff gelangt die erkennende Person in dem sie Merkmale der Idee (vermittelt) durch das Schema der Idee geistig auffasst (vgl. mit Kant Zitat 7). Das Wahrnehmungsurteil wird somit durch ein Erkenntnisobjekt erlangt, das der erkennenden Person nur als Gegenstand in der Idee gegeben ist (vgl. mit Kant Zitat 7).

* Anmerkung: Ein Wahrnehmungsurteil kann sich auch auf eine Empfindung/den persönlichen Geschmack/ das was einem gefällt oder nicht gefällt etc. beziehen.

Falls das Wahrnehmungsurteil sich auf das Denken und damit die Kognition eines intellektuell zu kommunizierenden Inhalt bezieht spricht Karl Jaspers in der Psychiatrie (Psychologie) von der denkenden Anschauung unter Führung von Ideen (vgl. mit Jaspers Zitat) – womit deutlich wird dass je nach Situation und Sachverhalt das Erkennen der Person unterschiedlich ausfallen kann.

Wahrnehmungsurteile in verschiedenen Bereichen des Wissens

Über Wahrnehmungsurteile in der Heilkunde:

In der Medizin werden gewisse Erkenntnisse durch ein Erfahrungsurteil, andere hingegen durch ein Wahrnehmungsurteil erlangt. Zum Beispiel wird ein Symptom oder ein nicht objektivierbares Phänomen (etwa ein Schwächezustand, Appetitlosigkeit, eine Befindlichkeitsstörung, ein Schmerz usf.) durch ein Wahrnehmungsurteil erkannt.

In der Psychiatrie (Psychologie und Psychotherapie) kann praktisch sämtliches Wissen nur durch Wahrnehmungsurteile erlangt werden, weil sich dieses auf psychische Phänomene gründet, die in der Form der Begriffe der Ideen im Bewusstsein der erkennenden Person erscheinen. So kann z.B. das psychopathologische Phänomen: Antriebsstörung, oder das psychopathologische Phänomen der formalen Denkstörung oder das der inhaltlichen Denkstörung und überhaupt ein Wahn bzw. eine Paranoia nur durch ein Wahrnehmungsurteil erkannt werden.

Man erkennt damit, dass jede psychische Störung durch den typischen psychischen Symptomenkomplex in der psychiatrischen Diagnostik vom Psychiater erfasst wird. Dies gilt etwa für eine Depression, eine Schizophrenie, eine Demenz etc.

All die normalen und krankheitswertigen Auffälligkeiten der Psycheund damit auch diejenigen die den Schweregrad einer Psychose erlangt haben – werden in der Psychiatrie durch den psychischen Symptomemkomplex infolge der denkenden Anschauung (Karl Jaspers) durch ein Wahrnehmungsurteil durch die befasste Fachperson erkannt.

Bei der Erstattung eines Gutachtens ist es daher grundsätzlich von Relevanz, ob sich die gutachterliche Feststellung auf ein Erfahrungsurteil oder auf ein Wahrnehmungsurteil gründet.

Die meisten Gutachten gründen sich letztlich auf Wahrnehmungsurteile, weil die gutachterliche Einschätzung, also die gutachterliche Beurteilung und Bewertung, letztlich subjektive Elemente enthält. Wäre dem nicht so, so würden alle Sachverständigen zum selben Ergebnis gelangen, was bekanntlich in der Praxis nicht der Fall ist. Man erkennt damit, dass selbst etwa ein technisches Gutachten, das von objektiven Befunden seinen Ausgang nimmt, letztlich in vielen Fällen subjektive Elemente bzw. subjektive Entscheidungsfaktoren beinhaltet, die für das urteilende Subjekt von Relevanz sind.

Weiteres über Wahrnehmungsurteile in der Rechtsprechung:

In der Rechtsprechung sind die meisten Sachverhalte vom befassten Richter durch ein Wahrnehmungsurteilen zu entscheiden.

Es muss hier der Richter den Sachverhalt also durch das Ponderieren der Ideen – im Sinne von Immanuel Kant – also durch das Gewichten und Vergleichen der Ideen entscheiden. Die Entscheidung des Richters wird hier also in vielen Fällen von seiner persönlichen Sichtweise abhängen. Man kann auch sagen: der Richter ist hier gefordert durch vernünftige Überlegung und geistige Prüfung den Sachverhalt abzuklären um letztendlich unter Anwendung der Gesetze die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Es soll hier also die Vernunft zum Tragen kommen damit das bestmögliche Urteil gefällt wird.

Dieser Sachverhalt sollte insbesondere beachtet werden, wenn es sich um einen Grenzfall handelt.

Über Wahrnehmungsurteile in der Psychologie und im Alltag:

Im Alltag beruhen die meisten Entscheidungen von uns auf Wahrnehmungsurteilen.  Demgemäß sagt man im Volksmund etwa zurecht dass man „über die Sache nochmals schlafen soll“ bevor man sich entscheidet. Im aufgeregten Zustand wird die Person nämlich die Sache nicht ausgewogen beurteilen und hilft hier eben der Schlaf, weil die Sache in der Regel am nächsten Morgen nicht mehr so aufgeregt/emotional gesehen wird.

Hinter dem Spruch: „der Menschen Engel ist die Zeit“ steckt in gleicher Weise eine ähnliche Lebensweisheit, weil im Laufe der Zeit die Dinge sich entwickeln und klären (wie aufgewirbelter Schlamm im Wasser absinkt – und es dadurch zur Klärung kommt). Mit anderen Worten im Laufe der Zeit wird der Sachverhalt realistischer (geistig) gesehen und beurteilt.

Demgemäß kennt man aus der Psychologie, Psychotherapie – natürlich auch aus der Psychiatrie die Situationen wo nach Abklingen der Emotion von der betroffenen Person die Situation anders gesehen und beurteilt wird (Man kennt hier den Begriff der Distanzierung – die eben im Laufe der Zeit eintritt).

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Wie man sich überzeugt werden in diesem Sinne in vielen Bereichen des Wissens Wahrnehmungsurteile von den erkennenden Personen gebildet und daraus die weiteren Schlussfolgerungen abgeleitet.

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Weiteres über Wahrnehmungsurteile insbesondere in der Diagnostik, vor allem in der Psychiatrie und Forensischen Psychiatrie und deren Bedeutung für die Rechtsprechung in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 22.08.2019, abgelegt unter Definition, Erkennen, Erkenntnis, Evidenz, Philosophie, Urteil)

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