Dr.med. Othmar Mäser, Psychiater Psychotherapie

Jaspers Zitat 11 : Vorwort zur 1. Auflage der „Allgemeinen Psychopathologie“ – psychopathologisch denken lernen

Vorwort zur ersten Auflage

Dieses Buch will einen Überblick über das Gesamtgebiet der allgemeinen Psychopathologie, über die Tatsachen und Gesichtspunkte dieser Wissenschaft, geben; und es will dem Interessierten weiterhin einen Zugang zur Literatur eröffnen.

Statt dogmatisch behauptete Resultate darzustellen, möchte es vorwiegend in die Probleme, Fragestellungen, Methoden einführen; statt ein System auf Grund einer Theorie möchte es eine Ordnung auf Grund methodologischer Besinnung bringen.

In der Psychopathologie gibt es eine Reihe von Betrachtungsweisen, eine Reihe von Wegen nebeneinander, die in sich berechtigt sind, sich ergänzen, aber sich gegenseitig nicht stören. Auf Sonderung dieser Wege, auf reinliche Scheidung, ebenso wie auf die Darstellung der Vielseitigkeit unserer Wissenschaft waren meine Bemühungen gerichtet.

Es wurde der Versuch gemacht, allen empirisch fundierten Richtungen, allen psychopathologischen Interessensgebieten ihren Platz anzuweisen, um dem Leser – soweit irgend möglich – einen wirklichen Überblick über die gesamte Psychopathologie, nicht über eine bloß persönliche Meinung, eine Schul- oder Modeströmung zu verschaffen.

In vielen Teilen waren einfach registrierende Aufzählungen bisher konstatierter, noch zusammenhangloser Tatsachen und einzelner bisher nur tastender Versuche nicht zu umgehen. Es ist jedoch gefährlich, in der Psychopathologie einfach nur den Stoff zu lernen: man muß nicht Psychopathologie, sondern psychopathologisch beobachten, psychopathologisch fragen, psychopathologisch analysieren, psychopathologisch denken lernen. Ich möchte dem Studierenden helfen, sich ein geordnetes Wissen anzueignen, das bei neu beobachteten Phänomenen den Anknüpfungspunkt bietet, und das ihm ermöglicht, neu zu erwerbendes Wissen an seinen gehörigen „Ort“ zu stellen.

Heidelberg, April 1913                                       Karl Jaspers.“

aus:

Karl Jaspers: „Allgemeine Psychopathologie“, 9. unveränderte Auflage, Springer-Verlag Berlin-Heidelberg-New York 1973, Seite III, ISBN 3-540-03340-8, ISBN 0-387-03340-8

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Anmerkung zum Zitat: In der Psychiatrie ist es – wie Karl Jaspers schreibt – gefährlich wenn man glaubt, dass man den Stoff lernen kann.

Es ist also nicht möglich einfach ein System anzuwenden, wie es im AMDP-System (= System zur vermeintlich standardisierten Erfassung und Dokumentation eines psychopathologischen Befundes) definiert worden ist. Durch die Anwendung eines solchen Systems kann man eine psychische Störung nicht angemessen erkennen und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmen.*

Man täuscht sich in der Psychiatrie (und in der Psychologie), wenn glaubt psychische Phänomene, so wie körperliche Fakten bzw. wie faktische Befunde erfassen zu können um auf diesem Weg die normale Funktion der Psyche oder die krankheitswertige Störung der Psyche bzw. die psychische Störung und damit die psychiatrische Diagnose verlässlich, also reliabel (verlässlich) und valide (= gültig) zu bestimmen – so wie dies in der Medizin bei vielen medizinischen Diagnosen möglich ist.

In einem Teilbereich der Medizin kann man tatsächlich verlässlich, weil objektiv gültig die medizinischen Diagnosen bestimmen. In der Psychiatrie ist dies grundsätzlich nicht möglich, man muss hier auf Grundlage der klinischen Erscheinungen bzw. auf Grundlage der klinischen Erscheinungsbilder (der psychischen Störungen) – oder man kann auch sagen: auf Grundlage der psychopathologischen Phänomene – unter Berücksichtigung der Gesichtspunkte psychopathologisch Denken lernen – Jaspers treffend schreibt um den Sachverhalt angemessen zu erkennen.

Man täuscht sich, wenn man glaubt, dass die psychiatrische Wissenschaft eine Wissenschaft wie die medizinische Wissenschaft ist, die in vielen Fällen die gesundheitlichen Störungen (Krankheiten) des Körpers allgemein gültig bestimmen kann.

Wegen der ganz anderen Basis des psychiatrischen Wissens im Vergleich zum objektiv bestimmbaren Wissen in der Medizin ist dies grundsätzlich nicht möglich.

Besonders deutlich wird der große Unterschied im Wissen, falls es sich um einen diagnostischen Grenzfall handelt.

In der Psychiatrie kann man eine psychische Störung nur auf der Grundlage einer Idee durch das Schema der Idee in Bezug auf den definierten Typus (vgl. mit Jaspers Zitat) und daher nur subjektiv gültig erkennen und in der psychiatrischen Diagnostik bestimmen, wohingegen in der medizinischen Diagnostik eine objektiv bestimmbare körperliche Krankheit (und auch eine objektiv bestimmbare gesundheitliche Störung des Körpers) infolge der Zugehörigkeit zu einer Gattung objektiv gültig und daher allgemein gültig bestimmt werden kann.

Es handelt sich beim psychopathologischen Denken und damit beim psychiatrischen Denken um ein psychopathologisch begründetes Denken. Es ist dies also ein ganz anderes Denken als in dem Teilbereich der Medizin, in dem man die Erkenntnisse auf Grundlage von objektiven Befunden durch faktische Einheiten erkennt und in der medizinischen Diagnostik bestimmt. In der Psychiatrie können die normalen und die abnormen psychischen Phänomene nur durch die systematische Einheit der Idee bzw. nur durch den Begriff der Idee (vgl. mit Kant Zitat 7) von der Fachperson erkannt werden.

Im Beitrag Grenzfall wird dies am Beispiel des Falls des Anders Behring Breivik aufgezeigt und diskutiert und man erkennt hier den großen Unterschied zwischen einer nur subjektiv gültig bestimmbaren psychiatrischen Diagnose im Vergleich zu einer objektiv bestimmbaren medizinischen Diagnose und es wird damit deutlich welche Konsequenzen zum Beispiel für die Forensische Psychiatrie sich aus diesem Sachverhalt ergeben, wie dies aus der Erkenntnisbasis resultiert.

Weiteres* zur Thematik auf Grundlage der Philosophie von Immanuel Kant in meinem Buch:

Diagnostik, Klassifikation und Systematik in Psychiatrie und Medizin

erschienen im April 2019 im Verlag tredition

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(letzte Änderung 10.10.2020, abgelegt unter: Diagnostik, medical diagnostics / psychiatric diagnostics, Psychiatrie, Psychopathologie, Zitate)

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